Willst Du mit mir wählen gehn?

Schluss mit der Qual der Wahl

Endlich ist er online, der Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl 2005. Das Online-Tool soll Erstwählern die Qual der Wahl erleichtern, doch nicht nur Jungwähler haben ihren Spaß mit dem Thesenparcours, den man per Mausklick durchläuft. Schließlich erfährt man am Ende, welche Partei am besten zu den eigenen Ansichten passt, und das hat auch für erprobte Wähler seine Reize.

Besonders die so genannten Wechselwähler dürften vom Wahl-O-Mat profitieren. Dabei soll der Wahl-O-Mat keine Wahlhilfe sein, sondern eher eine Anregung, sich mit Kernproblemen der Politik einerseits und den Inhalten der Parteiprogramme andererseits auseinanderzusetzen. Natürlich kann man den Wahl-O-Mat auch so lange konsultieren, bis das Ergebnis zur eigenen Erwartung passt. Wer also meint, im Grunde seines Herzens ein Anhänger der Partei x zu sein, braucht nicht in Panik zu geraten, wenn nach dem ersten Wahl-O-Mat-Gang die Partei y als Empfehlung rauskommt. Anders ausgedrückt: wie bei jedem anderen Computerspiel auch macht Übung den Meister.

[wahlomat_tshirt_message_close_kl; BU: Der Wahl-O-Mat will Lust aufs Wählen machen]

Vorgestellt wurde die aktuelle Version des Wahl-O-Mats gestern im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der Vertreter der aussichtsreichsten Parteien vor laufenden Kameras demonstrierten, dass Wählen erstens kinderleicht und zweitens eine Frage der Überzeugung ist. Jedenfalls kam am Ende jeweils die richtige Partei raus. Interessanter war deshalb, was jeweils an zweiter Position lag: zur SPD passt nach Klaus-Uwe Benneters Auswahl am besten DieLinke.PDS, zur CDU/CSU nach Günther Krings am ehesten die FDP, zu DieLinke.PDS passt nach Bodo Ramelow am besten Bündnis90/Die Grünen, auch für Steffi Lemke von Bündnis90/Die Grünen wäre DieLinke.PDS der beste Koalitionspartner und zur FDP passt den Ergebnissen von Hans-Jürgen Beerfeltz eigentlich alles.

[wahlomat_beerfeltz_fdp_screenshot_leinwand_kl; BU: Zur FDP passt fast alles.]

Erstmals angeboten wurde der Wahl-O-Mat in Deutschland zur Bundestagswahl 2002. Seither darf er bei keiner größeren Wahl fehlen, zuletzt bereitete der Wahl-O-Mat jung und alt auf die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen vor. Das Vorbild lieferte der niederländische Stemwijzer.

Auf die Unterschiede kommt es an

Kein anderes Web-Angebot der Bundeszentrale für Politische Bildung ist so beliebt wie der Wahl-O-Mat, und wenn es um die Wahl geht, gab es in Deutschland zumindest bislang kein Wahl-Tool, das häufiger genutzt wurde. Inzwischen jedoch gibt es Konkurrenz. Die Surfpoeten bieten eine "Wahlomat Alternative", die sich dadurch auszeichnet, dass vor allem die Programme der so genannten "kleinen Parteien" aufgearbeitet wurden. Der Wahl-O-Mat berücksichtigt nämlich nur jene Parteien, die eine realistische Chance haben, mindestens drei Prozent der Stimmen zu erhalten. Und das sind in dieser Wahlperiode: Bündnis 90/Die Grünen, CDU/CSU, Die Linke.PDS, FDP und SPD.

[wahlomat_mannschaft_teenies02_kl; BU: Zahlreiche Jung- und Erstwähler haben am Wahl-O-Mat mitgearbeitet.]

Basierend auf dem jeweiligen Parteiprogramm haben die Macher des Wahl-O-Maten den aussichtsreichen Parteien eine Liste mit 71 Thesen zugeschickt. Diese Thesen sollten entsprechend der Parteihaltung mit "stimme zu", "stimme nicht zu" oder "neutral" beantwortet werden. Am Ende wurden all jene Punkte entfernt, die keine ausreichende Unterscheidung der Parteien möglich machten – schließlich soll der User eine eindeutige Wahlempfehlung erhalten. Übrig geblieben sind 30 Thesen, durch die sich der geneigte User durchzuklicken hat.

[wahlomat_ramelow_dielinkepds_interview02; BU: Bodo Ramelow, Wahlkampfleiter Die Linkspartei.PDS erklärt der Presse, warum er wählt, was er wählt.]

Die Bedrohung durch mehr Arbeitsplätze

Bei den Surfpoeten umfasst der Fragenkatalog 28 Punkte. Die erste These, die bei den Surfpoeten zur Disposition steht, lautet: "Es müssen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden." Mögliche Antworten: "stimme zu", "neutral", "stimme nicht zu". Ergänzend dazu gibt es die Option "Unsicher?“. Klickt man darauf, bekommt man in drastischen Farben ausgemalt, was passiert, wenn tatsächlich mehr Arbeitsplätze geschaffen würden: noch mehr unerwünschte Anrufe von Call Centern, noch mehr unnütze Produkte. Das Fazit der Surfpoeten: "Das Versprechen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, ist im Grunde eine Drohung - die Drohung mit einer riesigen Flut von sinnlosen Produkten." Allerdings fällt die Zusatzberatung bei den Folgepunkten meist weitaus spärlicher aus, und zu den Themen Ehescheidung, bemannte Raketen Made in Germany und Gesamtschule gibt es gar keine Anmerkungen.

Wenn man bei den Surfpoeten jeder der 28 Fragen zustimmt, landet man bei der Wahlempfehlung 50plus – bekommt aber nirgends erläutert, wofür die Partei steht. Wenn man keiner der Thesen zustimmt, lautet die Empfehlung: REP. Zur weiteren Information gibt es lediglich einen Link auf die Website der Republikaner. Bleibt man immer neutral, empfehlen die Surfpoeten: "Du solltest nicht wählen gehen. Deine Antworten lassen vermuten, dass du dich noch nicht mit den Fragen auseinandergesetzt und keine eigene Meinung gebildet hast."

Wer immer "Ja" sagt, landet bei DieLinke.PDS

Beim Original Wahl-O-Mat wird es Tricksern nicht ganz so leicht gemacht: klickt man immerzu "stimme zu", bekommt man spätestens ab Frage 11 von 30 folgende Botschaft eingeblendet: "Bitte beantworten Sie die Fragen genau und sorgfältig." Trotzdem gibt es am Ende ein Ergebnis: DieLinke.PDS. Weil das allein noch nicht viel aussagt, kann man seine eigene Position, in diesem Fall die ultimative Ja-Sager-Position, mit den Positionen aller zur Wahl stehenden Parteien vergleichen. Dass die Hintergrundinformationen hier weitaus fundierter ausfallen als bei den Surfpoeten, ist Programm. Schließlich sind die Inhalte von den Parteien selbst autorisiert. Die Surfpoeten haben zwar auch mit den jeweiligen Parteien Kontakt aufgenommen, im Zweifelsfall jedoch haben sie sich für ihre eigene Interpretation oder gleich fürs Spaßprinzip entschieden. Und anders als beim Wahl-O-Mat, wo am Ende die Partei eingeblendet wird, die am besten zum eigenen Antwortprofil passt, empfiehlt die "Wahlomat Alternative" immer die Partei, mit der man am wenigsten Berührungspunkte hat, denn: "Bei der Bundestagswahl hast du nur die Möglichkeit, das geringste Übel für dich zu wählen, also die Partei, die dich am wenigsten nicht vertritt."

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung ist die "Wahlomat Alternative" durchaus bekannt. Für seriös hält man sie nicht. Das – so eine Mitarbeiterin der Pressestelle – erkenne man schon daran, dass da Fragen wie "Die Mauer soll wieder aufgebaut werden" auftauchen. Das sei ja wohl ein Witz. Dabei ist diese Frage durchaus kein Witz, sondern die zentrale Forderung der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung & basisdemokratische Initiative, kurz: Die Partei. Da Umfragen zufolge 24 Prozent der Westdeutschen und 12 Prozent der Ostdeutschen die Mauer wiederhaben wollen, wäre es vielleicht doch nicht so verkehrt, wenn der Wahl-O-Mat sein Spektrum in Zukunft ein klein wenig erweitern würde. (Katja Schmidt)

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