"Willy Brandt wurde Opfer einer Treibjagd"

Albrecht Müller über den damaligen und den aktuellen Medienrummel um den Ex-Bundeskanzler

Heute wäre Willy Brandt 100 Jahre alt geworden. Während die Medien an einer negativen Brandt-Legende basteln, nach der seinerzeit der Hoffnungsträger der SPD zu labil für das große Amt gewesen wäre, zeichnet Albrecht Müller in seinem unlängst publizierten Buch Brandt aktuell ein anderes Bild: Nicht Brandt selber, sondern innerparteiliche Intrigen und eine von den Wirtschaftsverbänden lancierte Hetzkampagne hätten ihn politisch erledigt und persönlich zermürbt. Ein Gespräch mit den Autor und Betreiber der Nachdenkseiten, der 1972 Brandts Wahlkampf führte.

Herr Müller, was sind die Brandt-Klischées, die am wenigsten der Realität entsprechen und was ist die wichtigste Errungenschaft seiner Ära, die heutzutage am meisten unter den Tisch gekehrt werden?
Albrecht Müller: Besonders daneben ist das Klischée, Willy Brandt sei ein "Teilkanzler" gewesen, er habe sich nur für die Außenpolitik interessiert. Wie man so etwas behaupten kann, angesichts der Tatsache, dass Willy Brandt beispielsweise eigentlich der Erfinder des Umweltschutzes in Deutschland war, ist mir rätselhaft. Er hat 1961 nicht nur die Parole ausgegeben, der Himmel über der Ruhr müsse wieder blau werden - der war damals abgas- und industriestaubbedingt sehr grau -, die Partei, deren Vorsitzender er war, hat 1971 beschlossen, eine Steuer auf umweltfeindliche Produkte, also eine Öko-Steuer, einzuführen.
Er hat sich um die soziale Frage und um Ökonomie gekümmert. Bundeskanzler Brandt war nach der Ölpreiskrise vom Oktober 1973 die treibende Kraft zur Auflage eines Energiesparprogramms. Der Begriff "Teilkanzler" ist das Letzte, was mir zu Brandt einfällt.
Eine menschlich bösartige Unterstellung ist, dass Willy Brandt depressiv gewesen sei. Das ist besonders infam, weil man sich gegen diese Behauptung so schlecht wehren kann.

"Er hat gern ein Glas Rotwein getrunken"

Sie schreiben, dass Darstellungen Brandts als Trinker, Schwermütiger und Frauenheld "bösartige Gerüchte" seien. Aber haben nicht viele hochrangige politische Funktionsträger eventuell Probleme mit ihrer Leber und Libido?
Albrecht Müller: Brandt habe ich nicht beschwipst erlebt, andere Zeitgenossen schon. Er hat wie andere auch im Politstress der Bonner Republik gern ein Glas Rotwein getrunken; daraus haben manche Medien - und vor allem die CDU/CSU-Hintermänner in Anzeigen - einen Alkoholiker gemacht. Dabei gab es zu jener Zeit nicht wenige Journalistenkollegen, die ihre Whiskey-Flasche im Schreibtischregal stehen hatten.
Was die Weibergeschichten betrifft, so hat Peter Brandt dies in seinem Buch ausreichend und feinfühlig behandelt. Brandt hat Frauen gemocht und gerne geflirtet - was ist daran schlimm? Daraus Filmszenen zu schneidern - wie im Film "Schatten der Macht", wo Blondinen über Gleise zum Sonderzug des Kanzlers staksend gezeigt werden - finde ich widerlich und rede deshalb darüber nicht.
Ich meine nur, dass Politiker, zumindest was ihr eigenes Wohlergehen angeht, generell ein recht lebenslustiges Völkchen zu sein scheinen, bei Willy Brandt wird aber mit dem Zeigefinger drauf gezeigt ...
Albrecht Müller: Eben. Das macht man bei Leuten, die zu jener Zeit hohe Ämter in der CSU innehatten, auch nicht.
Macht der unterstellte Selbstzweifel Willy Brandt im Vergleich zu Helmut Kohl und Gerhard Schröder nicht eher sympathisch?
Albrecht Müller: Das ist zweifellos richtig, ich kann nur nicht bestätigen, dass er welche hatte. Als ich beispielsweise zu ihm zur Besprechung des "Drehbuchs" für den Wahlkampf am 8. Juli 1972 eingeladen war, haben wir uns gut zwei Stunden intensiv unterhalten und danach war alles entschieden. So agiert kein Mensch, den Selbstzweifel plagen.
In unserem Gespräch fragte ich ihn auch, ob er von seinen Stellvertretern Helmut Schmidt und Herbert Wehner etwas über das Drehbuch gehört habe. Seine Antwort: Nein, aber darauf müsse ich auch nicht warten, denn "die wollen gar nicht gewinnen". Ein Selbstzweifler hätte in einer solchen Situation doch alles hingeschmissen, Brandt hat aber gekämpft und das beste Wahlergebnis für die SPD herausgeholt.
Ich habe Brandt bis 1974, als er politisch erledigt war, nie so erlebt, ganz im Gegenteil. 1969 wollten Wehner und Schmidt die Große Koalition mit Kiesinger von der CDU weiter führen, aber Brandt hat durch subtiles Taktieren die sozial-liberale Koalition erreicht. Kein Selbstzweifler schafft das.
Gleichwohl haben ihn ab 1972 die Intrigen von Wehner und Schmidt nicht kalt gelassen. Als Brandt Schmidt 1972 den Posten des Wirtschafts- und Finanzministers anbot, hat Helmut Schmidt die Berufung nur unter der Bedingung akzeptiert, dass der Chef des Bundeskanzleramts Horst Ehmke und der Pressesprecher Conrad Ahlers abgelöst würden. Und nach der Wahl haben Wehner und Schmidt in Abwesenheit des kranken Brandt die Koalitionsverhandlungen mit der FDP geführt und sozialdemokratisches Terrain preisgegeben.
Ab diesem Zeitpunkt war Willy Brandt politisch erledigt. Ihm ist durch seine Stellvertreter Wehner und Schmidt der Erfolg als Bundeskanzler wesentlich erschwert worden.