Windmühlenkampf gegen den bösen König Alkohol

Konferenz des "Alkohol-Forums" in Brüssel

Am Mittwoch, dem 16. April wird in Brüssel die EU-Kommissarin für Gesundheit Androulla Vassiliou eine offene Konferenz des "Alkohol-Forums" aufsuchen. Dieses ist seit seiner Gründung im letzten Jahr damit beschäftigt, "EU-Strategien zur Senkung der alkoholbedingten Gesundheitsschäden" zu entwickeln und umzusetzen.

Da in dieser Plattform der Kampf gegen den Alkoholismus nicht von der EU-Kommission direkt und per Gesetz betrieben wird, sondern sich deren Mitglieder lediglich freiwillig selbst verpflichtet haben, Aktionen zur Einschränkung der Folgen von Alkoholismus festzulegen und über deren Realisation zu berichten konzentriert man sich auf z. B. Suchtprävention bei Jugendlichen durch Aufklärungskampagnen und Einschränkung von Werbemöglichkeiten. Doch selbst bei diesen Nebenschauplätzen steigt die um ihr Ansehen besorgte Alkohol-Lobby wegen der “Kriminalisierung“ ihrer Erzeugnisse auf die Barrikaden.

Dabei ist die Wirksamkeit von Kampagnen gegen den Alkoholismus bei Jugendlichen umstritten. Wie britische Wissenschaftler herausgefunden haben, werden PR-Aktionen gegen Alkoholexzesse von englischen Jugendlichen völlig anders interpretiert, weil bei dieser Personengruppe gerade Vollräusche die kulturelle Währung sind, mit der soziales Ansehen gehandelt wird.

Weiter ist zweifelhaft, ob mit einer Anti-Alkohol-Strategie nicht eher die Auswirkungen als die Gründe verhängnisvoller Politik bekämpft werden. Schließlich ist die Bemerkung des Geschäftsführers einer bayerischen Brauerei, Josef Westermeier nicht unbegründet: „Es ist vor allem ein sozial- und gesellschaftspolitisches Problem, dass Kinder und Jugendliche zu Alkohol oder zu Drogen greifen. Und jetzt wollen die Politiker uns den Schwarzen Peter zuschieben.“

Auch hat in den letzten Jahren im Laufe der Etablierung von Abhängigkeitsökonomien keine Bedeutungsverschiebung aber eine Rezeptionsverlagerung des Suchtphänomens stattgefunden. Zwar wird der Süchtige, sofern er gegen den moralischen und disziplinarischen Kanon der bürgerlichen Arbeitswelt verstößt, nach wie vor geächtet - aber in der Sphäre des Konsums ist er als verbrauchswütiger Endabnehmer erwünscht und wird als Objekt der Werbung dementsprechend gedrillt. Heutzutage hat mit der Sucht auch der Konsum von Alkohol etwas hippes, modernes und lifestylekonformes.

Je gleichgültiger, unerbittlicher, prosaischer und fordernder die Gesellschaft, desto größer die Unfähigkeit des Einzelnen mit diesen Zwängen umzugehen und drängender die Sehnsucht nach zeitweiligen Kompensationsmomenten, nach Selbstentgrenzung und Rausch, der dementsprechend aktuell ein historisch einmaliges Angebot an Konsummöglichkeiten gegenübersteht, die kommerziell befriedigt werden können. Gleichzeitig erfüllt der Alkoholkonsum noch eine andere ökonomische wie auch kulturelle Funktion, insofern sich damit die Menschen von den Zwängen des Alltags- und Arbeitslebens regenerieren sollen können, um anschließend unternehmerisch wieder voll anwendbar zu sein.

Dies wiederum ist doppelt widersprüchlich, weil der Alkoholismus potentiell die Arbeitsfähigkeit untergräbt und im euphorischen Rauschzustand die repressiven Seiten der Arbeit nicht nur verdrängt, sondern ihre Abwesenheit positiv gefühlt werden können. Gleichwohl sind die diversen Alkoholika eher mit der Fähigkeit ausgestattet, den Wunsch nach Enthemmung zu befriedigen, als einen dauerhaften Zustand des Glücks zu etablieren, weswegen mit der Gewöhnung immer mehr konsumiert werden muss, um eine wirkungsvolle Surrogatwirkung zu erzielen. Ein Effekt, der dazu führte, dass allein in Deutschland im Jahr 2004 40.000 Menschen in Folge von Alkoholkonsum umkamen. (Reinhard Jellen)