Windräder: Todesfallen für zahlreiche Flugtiere

Rotmilan auf Beutesuche. Foto: Christian Knoch / CC BY-SA 2.0 de

Mit dem Ausbau von Windkraftanlagen scheinen sich die Fronten zwischen Windkraft-Befürwortern und Naturschützern zu verhärten.

In den Rotoren von Windkraftanlagen (WKA) kommen offenbar tausende Vögel und Fledermäuse zu Tode, wie etliche Studien belegen. Bereits 2004 hat der NABU dazu eine Forschungsarbeit, basierend auf 127 Einzelstudien aus zehn Ländern, veröffentlicht. Die Auswirkungen auf rastende Vögel seien deutlich gravierender als auf Brutvögel, heißt es darin. Je nach Lebensraum und Umgebung variierte die Anzahl der Opfer stark. Besonders auf Gänse, Pfeifenten, Goldregenpfeifer und Kiebitze hätten sich die WKA signifikant negativ ausgewirkt.

Zwei Jahre später wurden in einer weiteren Studie 45 Untersuchungen ausgewertet mit dem Ziel, die Effekte von größeren WKA auf Flugtiere zu beurteilen. Vor allem die Wahl des Standortes entscheide darüber, ob die Vögel mit der Anlage kollidieren, erklärt der Autor Hermann Hötker vom Michael-Otto-Institut im holsteinischen Bergenhusen. Insbesondere für rastende Vögel nehme das Kollisionsrisiko mit wachsender Anlagengröße zu. Die meisten Kollisionen passierten an Gewässern und in Wäldern, weshalb Windkraftanlagen an solchen Standorten eher nicht gebaut werden sollten.

2007 veröffentlichte die Länderarbeitsgemeinschaft der Staatlichen Vogelschutzwarten das so genannte Helgoländer Papier, welches die Abstände für WKA zu bedeutenden Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten regeln sollte. Seitdem kamen mehr als 25.000 Anlagen hinzu, weshalb das Papier ergänzt und aktualisiert werden musste. Die meisten Bundesländer haben inzwischen jeweils eigene Richtlinien und Abstandsempfehlungen bezüglich Windkraftanlagen.

Glaubt man einem aktuellen Papier der Vogelschutzwarte in Brandenburg, sind neben Adler, Bussard und Rotmilan mehr als 20 weitere Vogelarten in unterschiedlicher Weise durch WKA bedroht.

So kommen in Brandenburg jedes Jahr schätzungsweise mehr als 300 Rotmilane zu Tode (bundesweit sterben geschätzte 1.500 Tiere). Bei einem weiteren Ausbau der Windkraftanlagen würde ihr Bestand weiter schrumpfen, fürchten Naturschützer. Beim Seeadler ist die Mortalität in den dicht besiedelten Kerngebieten ähnlich hoch. Ernst ist auch die Situation für den Schreiadler, vor allem für brütende Vögel, weshalb Naturschutzexperten einen Mindestabstand zwischen WKA und Brutplätzen von sechs Kilometern fordern.

Nicht zu unterschätzen ist die Gefahr für die Mäusebussarde. Für sie sind die Rotoren potenziell bestandsgefährdend. Bei rund 26.000 bestehenden Windrädern, ausgehend von einem Bestand von etwa 100.000 Brutpaaren, würden rund 12.000 Mäusebussarde im Jahr getötet. Diese Bilanz zieht der Tier-Verhaltensforscher Oliver Krüger von der Universität Bielefeld, der an der bisher weltweit größten Studie zu Kollisionsrisiken von Vögeln mit Windrädern mitwirkte. Er und sein Team untersuchten innerhalb von dreieinhalb Jahren 55 Windparks in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg regelmäßig auf Totfunde.

Erwähnenswert ist eine - wenn auch umstrittene - Studie des Schweizer Ingenieurbüros KohleNusbaumer ("Windenergie und Rotmilan: Ein Scheinproblem") welche die Beobachtungen und Messmethoden aller bisherigen Studien anzweifelt. Die Autoren berufen sich u. a. auf die Beobachtung einer Windkraftanlage im Rheintal, der die Vögel in aller Regel ausgewichen waren, noch bevor sie den Rotor erreichten.

Der NABU bezeichnet sie als "interessengeleitetes Lobby-Papier". Ein Teil der Branche erhoffe sich, die Windenergie ausbauen zu können, ohne Rücksicht auf den Artenschutz nehmen zu müssen. Zwar nehme der Bestand des Rotmilans in der Schweiz zu, allerdings sei das Land auch weitgehend frei von Windrädern. In Deutschland hingegen wächst sein Bestand nur im Südwesten, weil hier die wenigsten Windräder stünden, so NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann. Im windkraftreichen Norden und Osten hingegen ginge er zurück.

Auch Fledermäuse stehen durch Windkraftanlagen zunehmend unter Druck. Eine aktuelle Pilotstudie des Bundesamtes für Naturschutz untersuchte Zugrouten und Rastgebiete von wandernden Fledermäusen wie dem Kleinen und Großen Abendsegler, der Rauhautfledermaus sowie der Zweifarbfledermaus.

Untersucht wurde unter anderem, ob die Fledermausarten auf breiter Front über Mitteleuropa fliegen, ob die Tiere kleinräumige Geländestrukturen wie Talhänge bevorzugen. Im Ergebnis beobachteten die Forscher ziehende Fledermäuse auf der gesamten Landesfläche. In der Ebene waren alle Fledermäuse - vermutlich wegen der Nähe zum Flussufer - aktiver als auf den Gebieten auf dem Kamm.

Außerdem fanden Forscher ihre Vermutung bestätigt, dass WKA eine anziehende Wirkung auf Fledermäuse haben. Weil bereits wegen des entstehenden Unterdrucks die feinen Blutgefäße reißen können, steigt die Gefahr, getötet zu werden, sobald sie nur in die Nähe der drehenden Rotoren kommen.

Um die Nachtjäger nachhaltig vor der Kollision mit Windkraftanlagen zu schützen, entwickelten Wissenschaftler der Uni Hannover im Rahmen einer mehrjährigen Forschungsarbeit so genannte fledermausfreundliche Betriebsalgorithmen, mit deren Hilfe sich diejenigen Zeiträume berechnen lassen, die für Abschaltung in Frage kommen - zum Beispiel nachts oder andere Zeiten mit bestimmten Windverhältnissen und Luftfeuchtigkeitswerten, an denen die Fledermäuse aktiv sind.

Glaubt man den Empfehlungen von UNEP/EUROBATS, könnte darüber hinaus eine Veränderung des Anstellwinkels der Rotorblätter bzw. die Erhöhung der Anlaufgeschwindigkeit von Turbinen sinnvoll sein. Abschaltzeiten von Windrädern - wie an lauen Sommerabenden bei "Fledermauswetter" - fordert auch Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Besonders sensible Gebiete, in denen die Tiere während der Fortpflanzungszeit ihre Nahrung suchen, sollten von Windkraftnutzung gänzlich frei bleiben.

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