Winterchaos in Spanien verschärft auch die Corona-Krise

Ayuso mit ihrem PR-Foto beim Zivilschutz. Bild: @IdiazAyuso

Verantwortliche blieben trotz deutlicher Wettervorhersagen untätig. Temperatursturz wird die Impfkampagne verzögern

Spanien kennt nur noch ein Thema: Schnee und Eis, die große Teile des Landes lahmgelegt haben. Während sich das Sturmtief Filomena nun von der Hochebene im Zentrum des Landes in Richtung Aragon und Katalonien im Nordosten bewegt hat, ist die Lage im ganzen Land weiter chaotisch. Noch immer stecken zahllose Menschen fest, die auf dem Weg ins Wochenende "überrascht" wurden und auf den Straßen steckengeblieben sind. Allein in der Region Kastilien und Leon geht man davon aus, dass noch mehr als 2.000 Lastwagen festsitzen.

Überraschend ist eigentlich aber nur, dass die Behörden trotz klarer Wettervorhersagen weitgehend untätig geblieben waren. Die Menschen wurden erst dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben, als der Temperatursturz schon da war und zahllose Menschen auf Straßen, Flughäfen und in Bahnhöfen festsaßen. Dabei war alles absehbar: Schon am Donnerstag wurde im Dorf Vega de Liordes (Kastilien und Leon) mit minus 35,8 Grad Celsius die tiefste Temperatur gemessen, die jemals in Spanien registriert worden ist. Dazu warnten die Meteorologen vor großen Schneemengen, die Filomena mit sich bringen würde.

Die Verantwortlichen, allen voran die Stadt- und Regionalregierung von Madrid, fielen vor allem durch Abwesenheit auf. Erst nachdem das Schlimmste in Madrid vorbei zu sein scheint - wobei der Verkehr und die Verbindungen ins Land weiterhin gekappt sind - will Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida die Hauptstadt nun zum Katastrophengebiet erklären lassen.

Worüber kaum gesprochen wird, ist aber die Tatsache, dass sich die Corona-Maßnahmen dadurch vor allem in der Hauptstadtregion verzögern werden, die ohnehin schwer von der Pandemie getroffen ist und die bei der Impfkampagne im Vergleich zu anderen Regionen Spaniens hinterherhinkt (Das Madrider Wunder, das es nicht gibt). Bisher hat die rechtsgerichtete Regionalregierung zwar stets betont, von der sozialdemokratischen Staatsführung nicht genug Impfstoffe erhalten zu haben, zugleich hat sie aber nur gut 14 Prozent der zur Verfügung stehenden Vakzine verimpft. Auf so eine geringe Rate kommt keine andere Region im Land.

Dass Menschen Tag und Nacht gemeinsam in Bussen oder in Notunterkünften wie Sporthallen verbringen mussten, wird sich vermutlich in steigenden Ansteckungszahlen niederschlagen. Tests zur Ermittlung Infizierter können derzeit in weiten Teilen des Landes nicht mehr durchgeführt werden. Dramatisch ist, dass schwer erkrankte Menschen nun oft nicht einmal in Krankenhäuser eingeliefert werden können.

Anwohner müssen selbst helfen

Angesichts des Chaos, das in Regionalregierungen wie in Madrid herrscht, müssen die Anwohner selbst dafür sorgen, dass Zugang zu Krankenhäusern geschaffen wird und Krankenwagen wieder ausfahren können. Nach entsprechenden Aufrufen haben sie sich mit Schaufeln, Pfannen, Besen und anderen Utensilien auf die Straßen begeben, um Zugänge zu Krankenhäusern und Gesundheitsstationen zu freizumachen.

Dazu rufen nun verspätet auch der ultra-neoliberale Bürgermeister Almeida und die Regionalregierungschefin Isabel Díaz Ayuso auf. Zuvor hatten Politiker der rechten Volkspartei (Partido Popular, PP) wie Ayuso und Almeida, die gerade sogar die Impfkampagne privatisieren, ihre Verantwortung an die Bürger abgegeben.

Ayuso schaffte es auch am Sonntag nicht, an einem Treffen des Zivilschutzes teilzunehmen. Dabei will sie es nach eigenen Angaben sogar geleitet haben. Tatsächlich aber kam die Politikerin erst an, als die Sitzung schon beendet war, wie Medien aufgedeckt haben. Ein später verbreitetes Foto habe sie erst nach dem Ende der Sitzung geschossen. Diverse Medien sprechen deshalb von einer "Marketingmaßnahme" Ayusos; Teilnehmer der Sitzung widersprachen zudem Darstellungen der Politikerin, nach der sie per Videokonferenz zugeschaltet gewesen sei. (Ralf Streck)