"Wir brauchen Mut, um die Gesellschaft gemeinsam neu zu erfinden"

Andrew Boyd. Bild: Tatiana Abarzúa

Andrew Boyd über "Beautiful Trouble" und Commons als "Schwerpunktthema, Strategie und Sehnsucht" - Teil 1

Der Humorist Andrew Boyd und der Kommunikationsstratege Dave Oswald Mitchell sind die Herausgeber des Buches "Beautiful Trouble. Toolbox for Revolution", das 2012 in den USA erschienen ist. Beide sind gute Netzwerker und engagieren sich stark für einen gesellschaftlichen Wandel. Boyd initiierte die Satire-Kampagne "Billionaires for Bush", die angeblich den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush unterstützen wollten. Die Gruppe erreichte viel mediale Aufmerksamkeit zwischen 2000 und 2004.

Im Buch "Beautiful Trouble" stellen verschiedene Aktivisten ihre Kampagnen und Aktionsformate vor. Zugleich sind einzelne Kapitel des Buches auf der Website verfügbar, neue Kapitel werden online ergänzt. Ende 2014 hat der Verlag orange-press die deutsche Ausgabe auf dem Markt gebracht. Der Titel lautet "Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution". Beide Bücher sind klar in verschiedene Themenbereiche untergliedert: Taktiken, Prinzipien, Theorien, Fallbeispiele. Der deutschen Übersetzung wurden Texte und Verweise aus dem deutschsprachigen Kontext beigefügt, beispielsweise zu Campact und zum Zentrum für politische Schönheit. Im April war Mitherausgeber Andrew Boyd in Deutschland. Die Autorin Tatiana Abarzúa unterhielt sich mit ihm über Themen, die im Buch "Beautiful Trouble" angesprochen werden.

Andrew Boyd. Bild: Tatiana Abarzúa
Sie und der Autor Dave Oswald Mitchell sind die Herausgeber des Buches "Beautiful Trouble", das jetzt auf Deutsch erhältlich ist. In diesem Buch wird das Aktionsformat "PARK(ing) day" als ein Zurückfordern der "Commons", der Allmende, bezeichnet. Was ist damit gemeint?
Andrew Boyd: Commons ist ein übergeordnetes Schwerpunktthema, und eine starke Strategie und Sehnsucht. Es ist ein Ziel für viele Bewegungen. "Reclaim the Streets" ist das Protest-Format, das dieses Thema aufgegriffen hat. Das waren Straßenfeste und große Tanzpartys, in öffentlichen Räumen oder auf umkämpften öffentlichen Plätzen. Bei den Protesten ging es ursprünglich um die Blockade von unnötigen Straßen in England. Die Bewegung weitere sich auf viele weitere politische Anliegen aus. Ein Grundthema war eine Art Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Früher gab es mehr öffentlichen Raum. Dieser wurde durch Autos, geschlossene Wohnanlagen [engl.: gated communities], privatisierte und mit Kameras überwachten Räumen beschränkt.
Sowohl das politische Thema, das vorangetrieben wurde, als auch die Art des Protestes waren eine Rückforderung der Commons. An dieser Art Gemeingüter zurück zu erobern beteiligten sich sehr viele Menschen und nutzten kunstvolle, kreative Ansätze von direkter Aktion [selbstorganisierte Protestformen wie Boykott, Demonstrationen, Baumbesetzungen oder Sitzblockaden, Anm. d. A.]. London, New York und der ganzen Welt.
Auf der programmatischen Seite ist eine ganze Bewegung entstanden, die diverse Akteure Commons nennen. "The Commons" soll erneut ein Begriff in englischen Lexika werden. Diese Bewegung ist sehr vielfältig. Die gemeinsame Vorstellung ist, dass es eine Einzäunung von Gemeingütern gab. Beginnend in der industriellen Revolution. Der öffentliche Raum wurde eingegrenzt, privatisiert, und in eine Handelsware verwandelt. Gekauft und verkauft. Er galt ursprünglich als ein gemeinsam benutztes, gemeinschaftliches Gut. Eine generelle Ansicht ist, dass der Kapitalismus den öffentlichen Raum schon immer privatisiert und uns das ärmer gemacht hat. Eine Verarmung sowohl in Bezug auf unsere Lebensqualität, als auch bezogen auf die Art und Weise, wie wir Macht ausüben. Gewissermaßen untergraben sie die Solidarität unter den Menschen.
Gibt es kreative Kampagnen von Aktivisten, die sich auf das Zurückfordern anderer Gemeingüter als den öffentlichen Raum beziehen?
Andrew Boyd: Wie fordern wir Gemeingüter zurück? Es gibt zahlreiche Bemühungen. Unternehmen aus den Bereichen Versorgung und Transportinfrastruktur wurden während der Durchsetzung des Neoliberalismus privatisiert. Ein aktueller Ansatz ist diese Einrichtungen zu rekommunalisieren. In den Vereinigten Staaten passiert das ein Stück weit. Ein bekanntes Beispiel gibt es definitiv in Boulder, Colorado. Da wird ein großer Kampf mit dem Energieunternehmen Xcel Energy geführt. Die Gemeinschaft ringt darum, die Kontrolle über das Stromsystem zurück zu erhalten. Und es war ein Erfolg.
Es ist ein gutes Modell dafür, dass eine Rekommunalisierung nicht nur eine kluge Art und Weise ist, Dienstleistungen anzubieten. Sie ist auch demokratischer und wirtschaftlich vorteilhaft für "Durchschnittsbürger". Mir gefällt die Vorstellung, dass die Rückgewinnung der Gemeingüter auf diesen vielen verschiedenen Wegen erfolgt. Eine andere Methode sind die verschiedenen Möglichkeiten, wie US-Bürger auf globaler, nationaler und bundesstaatlicher Ebene versuchen, die Gemeingüter zurück zu fordern.
Alaska ist das bekannteste Beispiel in den USA. Dort gibt es eine Menge an Öl. Anstatt alles zu privatisieren, wurde beschlossen, dass alle Einwohner Alaskas davon profitieren sollten. Das Projekt heißt Alaska Permanent Fund. Den Bürgern wird eine bestimmte Menge an Geld aus diesen Öleinnahmen bezahlt. Rund 300 Dollar pro Jahr. Diese Art permanenter Fonds gibt es auch an vielen anderen Orten. Vor kurzem erhielt ich eine E-Mail von einem Kollegen aus Goa, Indien. Dort haben sie Einsenerzressourcen und kämpfen in ähnlicher Weise für einen dauerhaften Fonds mit dem Ziel, dass allen Bewohnern ein wirtschaftlicher Nutzen aus dieser Rohstoffgewinnung zufließt.
Der Inhalt auf der Website beautifultrouble.org wurde unter einer Creative Commons (CC) Lizenz veröffentlicht. Gemäß dieser Sharealike-Lizenz kann der Inhalt auch kommerziell genutzt und neu zusammengestellt werden, sofern der Nutzer Referenzen zum Original und vorgenommene Änderungen angibt. Sind solche CC-Lizenzen eine Art gegenseitige Absprache innerhalb von Netzwerken von kreativen Aktivisten?"
Andrew Boyd: Creative-Commons-Lizenzen sind ein Zurückfordern der Commons. Es begann mit Lawrence Lessig. Er ist Anwalt und Aktivist und gründete die Creative-Commons-Initiative. Die CC-Lizenzen gibt es in verschiedenen Abstufungen. Wenn man das Werk für kommerzielle Zwecke verwenden möchte oder anderen die kommerzielle Nutzung erlauben möchte, kann das so gekennzeichnet werden. Wenn Sie nicht möchten, dass Änderungen erlaubt sind, können Sie die Lizenz entsprechend auswählen.
CC ermöglicht es, geistiges Eigentum in der Art und Weise zu teilen, wie man es möchte. Und man braucht dazu keinen Anwalt. Die Handhabung ist sehr einfach. Direkt auf der Website kann man die Lizenz auswählen. Diese wird dann für einen selbst generiert. Creative Commons ist für Kreativschaffende aller Art, einschließlich Aktivisten und Kunstschaffende. Aufruf zu einer Debatte über Lösungsansätze und Lebensentwürfe
Ich möchte mehr über "Beautiful Solutions" erfahren. Ich habe gesehen, dass das Projekt mit Naomi Kleins neuem Buch "Capitalism vs. The Climate" verknüpft ist. Was soll mit "Beautiful Solutions" erreicht werden?
Andrew Boyd: "Beautiful Solutions" ist eine Art komplementäres Vorhaben zu "Beautiful Trouble". Das letztgenannte bezeichnen wir als einen Werkzeugkasten für kreativen Widerstand. Es handelt von Protest als Kunst und Disziplin, wie man gegen Macht kämpft. "Beautiful Solutions" kann als das natürliche Gegenstück betrachtet werden, als das fehlende Puzzleteil.
Es geht nicht nur darum, wie wir die schlechten Dinge beenden und wie wir uns Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung widersetzen können, sondern auch darum, wie wir eine Welt bauen können, die gerecht, demokratisch und ökologisch nachhaltig ist? Welche alternativen Institutionen sind möglich? Welche Prinzipien gibt es? Welche Werte? Wie würde diese Welt aussehen? Und wie können wir sie ins Leben rufen?
Wir können nicht einfach die Regierung stürzen und dann plötzlich eine neue Welt bauen. So funktioniert das nicht. Ihr müsst jetzt bauen. Und ihr müsst experimentieren, Lebensentwürfe aufstellen, alternative Einrichtungen entwickeln, bessere Wege finden, Dinge zu tun, den Übergang von Klimakrise zu Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit.
Das kann ein lebendiger Beweis sein, kann Menschen überzeugen: "Hey, es gibt einen anderen Weg Dinge zu tun. Dieser sieht gut aus, fühlt sich gut an. Menschen gehen besser miteinander um, sie sind gleichberechtigt. Es funktioniert tatsächlich." So wird es ein überzeugendes Argument. Wie Food-Coops [Einkaufsgemeinschaften für regionale Lebensmittel, Anm. d. A.] oder eine Rekommunalisierung der Energieversorgung. Nach dem Motto: "Schau! Es ist nicht besser, zu privatisieren. Es ist wirklich besser, wenn wir die Einrichtung in Gemeineigentum halten."
Sozusagen als ein Beispiel für Best Practice - die bestmögliche bereits erprobte Methode?
Andrew Boyd: Best Practices. Doch wir setzen diese tatsächlich um. Eine Food-Coop kann skalierbar sein und zu einer echten alternativen sozialen Institution werden. So etwas stellt "Beautiful Solutions" dar. Es beinhaltet Geschichten von Menschen, die bereits jetzt so handeln. Und warum diese Herangehensweisen erfolgreich sind, oder warum sie keinen Erfolg haben. Es ist also sehr ähnlich wie bei "Beautiful Trouble". Bestmögliche Methoden, Lösungsansätze, Theorien. Die Commons sind eine Theorie, Rekommunalisierung ist eine Lösung.
In ihren Vorträgen erwähnt Naomi Klein "Beautiful Solutions". Sie macht keine große Ankündigung daraus, doch sie erwähnt es. Und fast immer ist es das Thema, auf das die Menschen am meisten neugierig sind. Menschen hungern nach so etwas. Sie sagen: "Yeah. Was für Lösungen gibt es? Ich möchte die Lösung in meiner Stadt, in meiner Gemeinde umsetzen."
Zum Beispiel ein Grundeinkommen?
Andrew Boyd: Genau! Das steht dort, das stimmt. Menschen hungern danach. Diese Website ist nicht einfach eine Übersicht von Lösungen und Geschichten und Best Practices. Es ist auch eine Art Labor. Damit ist gemeint, dass Leser ihre eigenen Ideen einbringen oder die bereits vorgestellten kommentieren können. Die beiden Aspekte gehören zusammen. Bei "Beautiful Trouble" geht es um kreativen Widerstand. "Beautiful Solution" ist: Was möchten wir bauen?
Am schönsten ist es, wenn Kampagnen und Aktionen beides ansprechen. Wenn ein Akt des Widerstands auch eine Lösung ist. Oder eine Lösung auch ein Akt des Widerstands. Ein Beispiel über das ich gerne rede, ist die Keystone XL Ölleitung.
Das Projekt bei dem Rohöl aus Kanada zu Erdölraffinerien in den USA transportiert wird?
Andrew Boyd: Da geht es um die Koch-Brüder und kanadische Teersande, alles. Es gibt viele Wege, um sich gegen den Bau dieser Ölleitung zu wehren. Es gab Druck auf das Außenministerium und auf Obama. Menschen, die zivilen Ungehorsam leisteten, wurden festgenommen. Es gab auch Widerstand entlang der Strecke der Ölleitung. Menschen haben Camps errichtet. Es gab Massenverhaftungen, als die Polizei versuchte, die Menschen aus dem Weg zu räumen. Die Flächen wurden überwacht, und so weiter.
Doch da gab es diese wunderbare Sache bei der "Beautiful Solutions" und "Beautiful Trouble" zusammentreffen. Auf einem Stück Land in Nebraska, direkt auf dem Pfad der Pipeline. Dort bauen Menschen eine Scheune, die mit Strom aus Solar- und Windenergieanlagen versorgt wird. Sie produziert nicht viel Strom, doch es ist eine Lösung die sozusagen Widerstand leistet. Nach dem Motto: "Wir bauen ein Beispiel der Welt in der wir leben möchten." Eine Zukunft nach dem Ende des Kohlezeitalters, die funktionieren kann. Und wir bauen sie als einen Akt des Widerstandes gegen das weltweit schlimmste Projekt mit fossilen Brennstoffen. Wir versuchen die Ölleitung zu stoppen und zeigen auch die Lösung auf. Wenn das beides zeitgleich passiert, ist das sehr kraftvoll. Es kann mobilisierend und motivierend wirken. Wir sagen nein und ja gleichzeitig.
Gibt es in den USA jetzt mehr öffentliches Interesse für dieses Thema?
Andrew Boyd: Wegen dieser speziellen Sache? Es ist ein Projekt. Doch es ist ein Beispiel für etwas, das wir in allen unseren Bewegungen tun könnten. Das Ja und das Nein zusammenbringen. Das Ja als Nein nutzen.

Teil 2 demnächst: "Werkzeugkasten für eine Revolution"

(Tatiana Abarzúa)