Wir gegen sie!

Skulptur "Confrontation" (1974) des israelischen Bildhauers Zvi Aldouby. Bild: Talmoryair, Israeli copyright statute § 23

Eine zentrale Überzeugung durchzieht das Denken der westlichen Geistesgeschichte: die duale Aufteilung der Welt in die eigene Gruppe und die Gruppe der Anderen, der Fremden

"Es ist nicht gut, dass der Mensch ohne Feind sei," meinte Carl Schmitt zu wissen. Rudyard Kipling dichtete: "All good people agree / And all good people say / All nice people, like Us, are We /And every one else is They." Eine afrikanische Redensart fasste die dortige Weisheit pragmatisch zusammen: "Sie sind unsere Feinde. Wir heiraten sie."

Tatsächlich finden sich erste Spuren von der dualen Aufteilung der Welt in die eigene Gruppe und die Gruppe der Anderen im Alten und Neuen Testament oder auch bei Cicero. Heute erklärt Francis Fukyama: "Identität erwächst vor allem aus einer Unterscheidung zwischen dem wahren inneren Selbst und einer Außenwelt mit gesellschaftlichen Regeln und Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennt."

Niklas Luhmann spricht von westlich-kulturellen Unterscheidungen, bei denen die Höherbewertung der einen Seite mit dem Ausschluss der anderen Seite einhergeht, und Norbert Elias arbeitet heraus, wie stark das Selbstbild einer jeweiligen Gruppe durch die negative Charakterisierung der Gruppe bestimmt ist, von der sie sich absetzen möchte. Konrad Lorenz ist sogar überzeugt, dass es keine zwischenmenschlichen Bindungen geben könne, wo es keine gegen Dritte gerichtete Aggression gebe.

Krieg der Kulturen

Im von Samuel Huntington 1996 ausgerufenen "Krieg der Kulturen" spielt das Prinzip der eigenen Gruppe und der Abgrenzung von der anderen Gruppe eine zentrale Rolle, gleichsam als Weiterentwicklung von Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie ("Er ist eben der andere, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, dass er in einem besonders intensiven Sinne existenziell etwas anderes und Fremdes ist, so dass im extremen Fall Konflikte mit ihm möglich sind.")

In seiner Einleitung zitiert Huntington zustimmend den Schriftsteller Michael Dibdin: "Ohne wahren Feinde keine wahren Freunde! Wenn wir nicht hassen, was wir nicht sind, können wir nicht lieben, was wir sind" und kommentiert anschließend: "An dieser betrüblichen Wahrheit dieser alten Wahrheiten können Staatsmänner und Wissenschaftler nicht vorbeigehen. Für Menschen, die ihre Identität suchen und ihre Ethnizität neu erfinden, sind Feinde unabdingbar, und die potentiell gefährlichsten Feindschaften begegnen uns an den Bruchlinien zwischen den großen Kulturen der Welt."

Huntingtons Schlussfolgerung ist die Aufteilung der Welt in "der Westen und der Rest". Die aktuellere Version im "Krieg gegen den Terror" dürfte dann sicherlich die Mahnung des Ex-Präsidenten George Bush jr. in seiner Rede an die Nation 2002 sein: "Either you are with us or you are with the terrorists."

Polarisierung

Heute wird dieses Gruppendenken zunehmend zu einer ernsthaften Gefahr. Die Gegenwart ist spürbar vom Zerbrechen supranationaler Konstrukte wie der EU ebenso bestimmt, wie vom vielerorts aufbrandenden Nationalismus und Populismus, der in bisher kaum gekannter Intensität zu einer Polarisierung der Gesellschaft führt, die keine Einheit mehr bildet und in Gruppen zerfällt.

Die Kämpfe sind vielfältig. Das "Wir gegen sie" ist wahlweise "Wir gegen die Flüchtlinge", "Wir gegen die Covidioten", "Wir gegen die Gesundheitsdikatur", "Wir gegen die EU", "Wir gegen die Neoliberalen", "Wir gegen die Impfgegner", "Wir gegen Impfdiktatur", "Wir gegen die Sozialschmarotzer" oder "Wir gegen die Bonzen". (Wobei das "Wir" fast immer für sich reklamiert, "das Volk zu sein").

Selbstredend geht die Aufwertung der eigenen Gruppe (die wahre Stimme des Volkes) dabei stets mit einer Abwertung der Anderen zusammen. Ebenso gemein ist allen diesen Kämpfen die explizite Ablehnung einer globalen Idee der Menschheit. Dies ist auch die Grundlage des Populismus, der auf der Spaltung der Gesellschaft basiert.

Die feste Überzeugung, eine auf Solidarität angewiesene Menschheit, eine Weltgemeinschaft zu sein, die nicht in Partikularinteressen zerfällt, kann es in dieser Sicht nicht geben, da ja der Mensch von Natur aus in Gruppengegensätzen denkt. Doch ist diese Einstellung gerade angesichts einer Reihe extrem dringlicher globaler Herausforderungen hochbedenklich – sei es die aktuelle Corona-Krise, die drohende Klimakatastrophe, der Artenschwund, um nur einige fundamentale Probleme zu nennen – die unbestreitbar nur gemeinsam gelöst werden können. Gerade daher erscheint es geboten, der Frage auf den Grund zu gehen, ob es sich das Gruppendenken tatsächlich Teil der menschlichen Natur ist, ihr damit entspricht oder ob es sich um eine Fehlvorstellung, um eine Ideologie handelt.

Gruppeneinteilung

Gruppenbildung und Gruppenbewusstsein sind wohl einmalig für die Spezies des Homo Sapiens. Bereits Säuglinge können im Alter von nur fünf Monaten zwischen Menschen aus der eigenen Gruppe und Fremden unterscheiden, und sie bevorzugen Menschen, die sich in ihrer eigenen Muttersprache ausdrücken. Mit drei oder vier Jahren ordnen Kinder Menschen dann bereits nach Ethnie und Geschlecht ein. Dabei haben sie mehr negative Ansichten über Fremde und empfinden andersethnische Gesichter zorniger als eigenethnische.

Wer als der eigenen Gruppe zugehörig angesehen wird, ist dabei keineswegs auf Hautfarbe, Sprache und Kulturkreis beschränkt. Wie der Psychologe Henri Tajfel nachweisen konnte, gibt es ein grundsätzliches Verhalten und Denken in Gruppenkategorien, wobei diese durchaus willkürlich sein können. So zeigten Experimente, dass Kinder problemlos schnell eine Gruppenidentität entwickeln, auch wenn die Gruppen per Los eingeteilt wurden oder auf sehr beliebigen Kategorien basierten.