Wir gegen sie!

Evolutionäre Gründe der Gruppenbildung

Die besondere Bedeutung der Gruppe für den Menschen hat leicht nachvollziehbar evolutionäre Gründe. Über Jahrtausende hineg war die Gruppe für das Überleben des einzelnen Menschen von existentieller Bedeutung und ein Ausschluss, eine Verbannung, gleichbedeutend mit einem Todesurteil angesichts der feindlichen Natur. Noch heute zeugt hiervon, dass Ausgrenzung nachweislich als körperlicher Schmerz empfunden wird und zu einem wichtigen Auslöser für Aggression zählt.

Das Gefühl, zu einer gemeinsamen Gruppe zu gehören, bildet die für die menschliche Entwicklungsgeschichte so zentrale Eigenschaft der Kooperation und des Vertrauens heraus. Diese Gruppenpsychologie erlaubt sogar, dass vollkommen fremde Menschen als Mitglieder der eigenen Gruppe angesehen und ihnen entsprechendes Vertrauen entgegengebracht wird. Darin liegt eine weitere Eigenschaft, die einzig die Spezies des Homo Sapiens charakterisiert, die aber entscheidend für die Entwicklung der Menschheit sein dürfte, da sie Kooperation auch unter Fremden ermöglicht.

Gruppenbewusstsein im Gehirn verankert

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass das menschliche Gehirn auf ein Gruppenbewusstsein hin angelegt ist. So wird beispielsweise die Amygdala, die für die emotionale Bewertung von Situationen zuständig ist, aktiviert, wenn Menschen ängstliche Gesichter sehen, aber nur, wenn es sich um Menschen der eigenen Gruppen handelt. Sind es hingegen Menschen einer fremden Gruppe, kann die Tatsache, dass "sie" Furcht zeigen, sogar als gute Nachricht empfunden werden.

Das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin macht den Menschen prosozialer gegenüber Seinesgleichen. Im Hinblick auf Menschen, die aber als Fremde eingestuft werden, kann Oxytocin das prosoziale Verhalten verringern. Probanden zeigen sich zudem nach Verabreichung von Oxytocin ihrer eigenen Gruppe gegenüber kooperativer, gegenüber Angehörigen der Fremdgruppe jedoch weniger kooperativ. Nicht zuletzt kann auch die Fähigkeit des Menschen, sich in die Gedankenwelt eines Mitmenschen hineinzuversetzen, die Wissenschaftler als "Theory of Mind" bezeichnen, bei einer Begegnung mit einem Fremden abgeschaltet sein.

Die Freude der Einen ist das Leid der Anderen

Eine Reihe von Belegen in der Wissenschaft deutet also darauf hin, dass die positiven Eigenschaften, die sich innerhalb der eigenen Gruppe offenbaren, mit negativen Eigenschaften gegenüber den Menschen einhergehen, die als fremd eingestuft werden. Das eine vom anderen nicht zu trennen ist. Darin sehen nicht wenige einen wasserdichten Beweis, dass die dauerhafte Überwindung von Gruppengegensätzen nicht möglich und der Aufbau einer multi-kulturellen Gesellschaft ebenso wie einer solidarisch handelnden Weltgemeinschaft eine Illusion ist.

Ein Experiment mit Fußballfans belegt diese Meinung scheinbar eindrücklich: Wenn der Fan eines Fußballclubs erlebt, wie ein Fan seines Vereins einen Stromschlag erhält, verspürt der Proband Empathie. Beobachtet er hingegen den Schmerz eines Fans eines verfeindeten Clubs, verspürt er Schadenfreude. Auch das Ausmaß der Hilfsbereitschaft ist davon abhängig, ob der zu helfenden Person zur eigenen Gruppe gezählt wird oder nicht. Und nicht zuletzt neigen Menschen dazu, Unfairness, die von Menschen der eigenen Gruppen begangen wurden, nicht so deutlich zu verurteilen wie das ungerechte Verhalten Fremder. Entsprechend sind Probanden auch weniger an Gerechtigkeit interessiert, wenn das Opfer nicht der eigenen Gruppe angehört.

Richard David Precht resümiert nüchtern: "Die Ablehnung anderer Gruppen ist der evolutionäre Kampfpreis, um dessentwillen sich unsere Kooperationsfähigkeit entwickelt hat."

In-group vs. out-group

Der Soziologe William Graham Sumner, Erfinder der für die Analyse des Phänomens des Gruppenbewusstseins so zentraler Begriffe wie "in-group" und "out-group", schrieb: "Loyalität gegenüber der in-group, Opfer für die Gruppe, Hass und Verachtung für Außenstehende, Brüderlichkeit im Innern, Kriegsähnlichkeit außen."

Sumner positionierte sich damit in einer Linie der Denker, die beim Gruppendenken sich ganz bewusst von der fremden Gruppe, der out-group abgrenzen und damit potentielle Konflikte billigend in Kauf nehmen, anstatt sich darüber Gedanken zu machen, wie der Graben zwischen der in- und out-group überwunden werden könnte. Die positiven und identitätsstiftenden Vorteile für die eigene, die in-group, scheinen offenbar den Konflikt wert zu sein.

Die Gruppe ist ein Konstrukt

So instinktiv das Gruppenbewusstsein - wie gezeigt - beispielsweise bei Kleinkindern ist, so bewusst wird das Gruppendenken gefordert, für das unter anderem Sumners plädiert. Dieser Drang, die Menschen in Gruppen zu unterteilen und in-group und out-group zu definieren, zeigt sich in der Geschichte so stark, dass es Beispiele gibt, in denen Gruppen gezwungen wurden, sich äußerlich deutlich zu kennzeichnen, da es ansonsten keine offensichtlichen Unterschiede zwischen den Gruppen mehr gab. So forderte im Jahr 1215 das Konzil verpflichtende Kennzeichen für Juden und Muslime, damit die Menschen in Europa erkennen konnten, wer zu welcher Gruppe gehörte.

Die Einteilung und Bestimmung der Gruppenzugehörigkeit wird meistens als so selbstverständlich angesehen, dass sie oft gar nicht mehr näher problematisiert wird. Dabei ist die Einteilung in unterschiedliche Gruppen alles andere als natürlich anzusehen. Dies beginnt bei der Aufteilung in Gruppen: "Wenn Sie eine Kategorie verwenden, behandeln Sie verschiedene Personen so, als ob sie alle gleich wären - austauschbare Instanzen von mindestens einer Eigenschaft, die sie alle gemeinsam haben. Das ist eine große Fähigkeit, und wahrscheinlich ist das der Grund, warum Gehirne in der Evolution so erfolgreich waren," warnt der Sachbuchautor David Berreby.

Dieser Denkansatz setzt sich bei der Beschreibung der Gruppen fort. Der Psychologe Jeff Sherman erklärt, wie anfällig der Mensch hierbei für Stereotype ist: "Wenn Menschen von einer neuen Gruppe erfahren, wird die Aufmerksamkeit auf diejenigen Merkmale der Gruppe gelenkt, die sie am deutlichsten von bereits bekannten Gruppen unterscheiden.

Andere Informationen über die neue Gruppe (einschließlich Informationen über Merkmale, die für die Gruppe sehr beschreibend sein können) werden nicht beachtet. Das, was Menschen tatsächlich über eine Gruppe erfahren, sind also nicht unbedingt die Merkmale, die die Gruppe am besten beschreiben; vielmehr sind das, was gelernt wird, die Merkmale, die die Gruppe am besten von anderen Gruppen unterscheiden."

In der Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele, die belegen, dass Gruppeneinteilung alles andere als von Natur aus gegeben ist. Die Gruppe der Cagots beispielsweise wurde in Frankreich vom 11. bis ins 19. Jahrhundert verfolgt. Diese Minderheit musste außerhalb der Ortschaften leben, eine besondere Kleidung tragen, durfte die Kirche nur durch einen separaten Eingang betreten und nur niedrige Tätigkeiten ausführen. Sie unterschieden sich jedoch weder in ihrem äußeren noch in Religion, Dialekt oder Namen von anderen Einwohnern des Ortes.

Ein Beispiel für eine willkürliche Gruppenzuschreibung stellt tragischerweise auch in Ruanda die Trennung in Hutu und Tutsi dar. Diese scheinbar uralte Gruppenzugehörigkeit ist in Wirklichkeit erst einhundert Jahre alt und geht auf Entscheidungen der Kolonialherren zurück.