"Wir glauben, dass selbst ein kleiner Angriff in einem nichtislamischen Land besser ist als ein großer Angriff in Syrien"

Rachid Kassim: "Viele von uns sind eifersüchtig auf die Brüder, die in nichtislamischen Ländern angreifen."

Ein amerikanischer Soziologe hat ein Gespräch mit Rachid Kassim geführt, der sich in Syrien befindet und bei einigen Anschlägen in Frankreich der Drahtzieher gewesen sein soll

Rachid Kassim ist ein 29-jähriger Franzose aus Roanne, einst ein Rapper, geboren in Frankreich, aufgewachsen bis zum Alter von 9 Jahren in Algerien. Er nennt sich nun das Lichtschwert und war 2015 mit seiner Frau und seinem Kind nach Syrien ausgewandert, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen, nachdem er von der französischen Polizei intensiv beobachtet wurde. Von dort aus soll er mehrere Anschläge in Frankreich über einen verschlüsselten Telegram-Account gesteuert haben, so beispielsweise Larossi Abballa, der einen Polizisten und seine Frau bei Paris erstochen hat, oder die beiden 19-Jährigen, die in der Normandie einen 85-jährigen Priester töteten.

Im September soll er vier junge Frauen dazu gebracht haben, einen Anschlag mit einer Autobombe auf Notre Dame zu begehen. Das wird als ungewöhnlich angesehen. Ob es sich bei ihm um einen Führer beim IS handelt, ist unbekannt, in den IS-Medien wurde er bislang nicht erwähnt, Liberation bezeichnet ihn als den "nebulösen Kassin". Von ihm gibt es allerdings ein Video, auf dem er den Hals eines Opfers durchschneidet, vielleicht als eine Art Aufnahme- oder Bewährungsritual. Er soll über Telegram schon länger junge Menschen dazu aufgefordert haben in Frankreich Anschläge zu begehen. Seit Oktober ist der Account vom Netz verschwunden, es scheint unklar zu sein, ob er ihn selbst geschlossen hat oder ob er geschlossen wurde.

Jetzt gibt es ein Interview mit ihm, das der Soziologe Amarnath Amarasingam von der George Washington University, der sich mit Extremismus, Dchihadismus und ausländischen Kämpfern beschäftigt. Was Kassim sagt, sollte er es sein, ist auch deswegen interessant, weil nun die Offensive gegen Mosul läuft und die verbliebenen IS-Kämpfer immer weiter zurückdrängt, während die Kurden in Syrien eine zweite Offensive gegen Raqqa gestartet haben. Aus Raqqa hört man kaum etwas, in Mosul nimmt die Spannung zu und wächst offensichtlich die Angst vor Verrätern und Abtrünnigen, aber auch vor Revolten gegen die IS-Führung.

Man ist beschäftigt mit Überwachung der Zivilisten in Mosul, die als Geisel benutzt werden, aber auch mit der der eigenen Leute, was den Widerstand schwächen könnte. Viele IS-Kämpfer wurden bereits getötet, die anderen wissen oder dürften ahnen, dass die große Zeit des Islamischen Staats in weiten Gebieten Syriens und des Iraks dem Ende zugeht, wenn die Großstädte Raqqa und Mosul fallen. Allerdings handelt es sich bei vielen der IS-Kämpfer, zumal wenn sie aus dem Ausland kommen, um zumeist junge Männer, die zum Sterben bereit sind, also womöglich bis zum Letzen kämpfen oder sich als Selbstmordattentäter opfern, wohl wissend, dass ihre zahllosen Vorgänger zumindest in Syrien oder im Irak nichts Wesentliches bewirkt haben.

Kassim erklärte in seinem angeblich ersten Interview, dass er vor einem Jahr nach Syrien gegangen war, aber nun "traurig" sei. Man sieht offenbar Syrien und Irak nicht mehr als das Gebiet, wo sich Entscheidendes machen lässt, weil man auf dem Rückzug ist und auch medial mit Aktionen kaum mehr Öffentlichkeit erzielt: "Viele von uns sind eifersüchtig auf die Brüder, die in dar ul-kuft angreifen", womit er nichtislamische Länder meint: "Wir glauben, dass selbst ein kleiner Angriff in einem nichtislamischen Land besser ist als ein großer Angriff in Syrien."

Weiter verbreitet der IS Propagandabilder über das angeblich ruhige Leben in seinem Territorium, hier angeblich bei Raqqa.

Man denkt aufmerksamkeitsökonomisch, wie das Terroristen machen, die keine Staatsgründer und -verwalten sind, wie das der Islamische Staat gleichwohl angestrebt hat, indem er Terror nach außen und gegenüber "Ungläubigen" praktiziert, aber auch zeigen wollte, dass er einen von ihm kontrollierten "Gottesstaat" als Kalifat ordentlich verwalten kann, um den wahrhaft Gläubigen ein gutes Leben zu garantieren. Aber die Menschen, die der IS vom Ausland, vor allem von Europa, angelockt hat, sind nicht gekommen, um ein gutes Leben zu führen, sie sind dem langweiligen Leben ohne große Aussichten entflohen, um waffenstarrend Abenteuer zu erleben, und wahrscheinlich auch, um im ausgerufenen postheroischen Zeitalter mit dem Einsatz ihres Lebens die blutige, irreversible Realität zu erfahren und die Muster umzusetzen, die ihnen in den Medien, im Kino und in Computerspielen geboten werden.

Aber Kassim verbreitet wohl eher offizielle IS-Propaganda, wenn er sagt: "Wenn sich die Tür der Einwanderung (hidschra) schließt, öffnet sich die Tür des Dschihad. Wenn ich in dar ul-kuft geblieben wäre, würde ich hier einen Angriff ausführen." Die Erklärung ist, dass die Anhänger aufgerufen werden, in ihren Ländern Anschläge auszuüben, weil der hidschra, also die zunächst vom IS propagierte Einwanderung in das "Kalifat", "sehr schwierig" geworden ist.

Für ihn sind die beiden jungen Männer, die den alten Priester umgebracht haben, "Helden", er sei sehr stolz auf sie. Er gebe weiter Ratschläge, wie Sympathisanten Anschläge ausführen können. Was er genau macht, wollte er wenig verwunderlich nicht näher erläutern. In der bekannten Argumentation will er die Anschläge in Frankreich rechtfertigen, weil es sich angeblich um Rache handele: "Frankreich zielt auf Krankenhäuser und Zivilisten. Sie leiden täglich unter den Bombardierungen Frankreichs und Europas. Die Gewalt ging nicht von uns aus. Frankreich und die USA haben mit dem Töten begonnen. Wenn sie aufhören, werden wir aufhören."

Nach seinen Angaben ist er über Sizilien nach Griechenland und dort in die Türkei gereist. In Gaziantep hätten sie in einem Gästehaus zusammen mit 50 anderen gewartet, abgeholt zu werden. Die türkische Polizei habe das Haus umstellt. Kassim garniert seine Geschichte mit bedeutsamen Träumen und immer wieder der Hilfe Allahs. So sei die Polizei zur Tür gekommen, die Frauen hätten gesagt Allahu akbar, die Kinder hätten alle zur richtigen Zeit geschlafen: "Das waren Wunder von Allah und ich war Zeuge." Ob er wirklich daran glaubt oder er nur eine wundersame Story erzählt, ist nicht klar. Sie seien dann in der Nacht an die Grenze gegangen und offenbar ohne Probleme nach Syrien gekommen: "Wir ließen alles hinter uns. Besonders meine Katze. Ich hatte eine wundervoll eKatze, die ich in Gaziantep zurückließ. Das war eine der traurigsten Dinge meiner hidschra." Das seine Tochter im IS-Staat aufwächst, sei einer der größten Geschenke Allahs und ein Privileg. Sie werde ihm sicherlich dafür später dankbar sein.

Man richtet sich ideologisch jedenfalls auf eine Niederlage ein, auch Kassim versucht sich in Heroismus und unbedingter Entschlossenheit, wie man sie von allen Gruppen und Truppen kennt, die mit einer schwindenden Moral konfrontiert sind: "Es ist ganz einfach. Wenn sie Mosul und Raqqa einnehmen, werden wir einen Weg finden, aber wir werden niemals aufhören zu kämpfen. Selbst wenn wir in Höhlen in den Bergen leben, wird der Kampf weitergehen. Den Dschihad gab es vor dem Islamischen Staat und während seiner Zeit, es wird ihn auch nach ihm geben. Wir werden nicht verlieren inshallah. Wenn wir eine Hand verlieren, werden wir mit der anderen weiterkämpfen."

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