Wir haben den Heizungsregler gefunden

Kommt das Jahrhundert der Jahrhundertkatastrophen? – Teil II

Das Verrückte ist, daß wir eigentlich etwas erreicht haben, wovon die Generationen vor uns nur träumen konnten: Das Klima dauerhaft zu beeinflussen und an unsere Bedürfnisse anzupassen.

Wie man in der folgenden Abbildung erkennt, war das Klima der letzten tausend Jahre relativ stabil. Die Temperaturen der Nordhemisphäre sind bis auf wenige Einbrüche langsam und kontinuierlich um etwa 0,02° C pro Jahrhundert gesunken. Erst im letzten Jahrhundert steigt die Jahres-Mitteltemperatur plötzlich um etwa 1° C nach oben.

Durchschnittliche Temperatur der letzten 1000 Jahre (Mitteltemperatur Nordhemisphäre)

Der Mensch greift schon seit über 100 Jahren in das Klima ein

Wie man an der Grafik deutlich erkennen kann, sind die Jahresmitteltemperaturen in Mitteleuropa in den letzten 900 Jahren langsam aber kontinuierlich gesunken. Das liegt vor allem an den langfristigen Schwankungen der Erdumlaufbahn um die Sonne. Hätten unsere Urgroßväter Mitte des vorletzten Jahrhunderts nicht die Kohle im großen Stil abgebaut und verfeuert, wäre es sehr wahrscheinlich langsam, aber relativ kontinuierlich mit den globalen Temperaturen im Verlauf der kommenden Jahrtausende weiter nach unten gegangen. Und Kaltzeiten sind meist auch sehr unfruchtbare Zeiten, wie die Menschen im ausgehenden Mittelalter mehrfach schmerzlich erfahren mussten.

Die erste so genannte "kleine Eiszeit" stoppte um 1350 eine bis dahin blühende Entwicklung in Nordeuropa. Die Bevölkerung Deutschlands beispielsweise wuchs in der Warmzeit zwischen 1000 und 1350 um etwa das Vierfache. In der Zeit zwischen 1350 und 1450 nahm sie dagegen um ca. 25% ab. Missernten, Hungersnöte, Pest und Cholera, Judenpogrome und Bauernaufstände kennzeichnen diese Periode eines plötzlichen Kälteeinbruchs. Auch danach wurden die Menschen in Nordeuropa immer wieder von Kälteperioden heimgesucht - was dann beispielsweise zu den bekannten großen Auswanderungswellen nach Amerika geführt hat.

Insofern haben unsere Urgroßeltern unwissentlich dazu beigetragen, dass wir in den nächsten 60.000 Jahren nicht eine dramatische Verschlechterung unserer Lebensverhältnisse in Nordeuropa erfahren müssen. Warmzeiten sind immer ausgesprochene Wachstumsphasen. Hinzu kommt die CO2-Düngung. Die Natur brauchte dringend neuen Kohlenstoff. 280 ppm war eine der niedrigsten CO2-Konzentrationen, die in einer vergleichbaren Klimaphase jemals auf der Erde nachgewiesen werden konnte und Kohlenstoff ist häufig einer der Engpassfaktoren für Vegetation. Insofern hatte die bisherige Steigerung des CO2-Gehalts der Atmosphäre auch durchaus erheblich positive Effekte.

Wir müssen lernen, wie man den Klimaregler optimal nutzt

Das Problem ist nur - um im Bild mit dem Heizungsregler zu bleiben -, dass wir den Regler nun immer weiter aufdrehen. Nachdem wir aber unwissentlich dazu beigetragen haben, dass es nicht zu kalt wird, sollten wir dringend darauf achten, dass es nun nicht zu heiß wird. Die derzeitigen Prognosen lassen jedoch nichts Gutes erwarten. Vielmehr scheint es, als wären wir kurz davor, dass der Heizkörper-Thermostat sich zunehmend selbsttätig immer weiter öffnet. Ob wir dann noch in der Lage sind, den Heizungsregler wieder herunter zu drehen, ist fraglich. Zeichnet man einmal die voraussichtlichen Temperatursteigerungen in die bereits vorgestellte Klimagraphik der letzten 1000 Jahre, so wird deutlich, mit welch enormen Temperaturveränderungen in den nächsten 100 Jahren zu rechnen ist.

Selbst bei drastischer Reduktion der Treibhausgase gehen die meisten Prognosen von einer mittleren Temperaturerhöhung bis zum Jahr 2100 von etwa 2,5° C aus. Reduzieren wir nur halbherzig, werden es vermutlich etwa 4,5° C oder mehr. Und sollten wir unsere Emissionen und damit unseren Lebensstil wirklich nicht in den Griff bekommen, werden China, Indien und die USA weiter munter emittieren, kann durchaus von einer Temperaturerhöhung um bis zu 8° C in diesem Jahrhundert ausgegangen werden - so wie britische Forscher, die auch mögliche positive Rückkoppelungen einkalkuliert haben (wie im ersten Kapitel beschrieben). Allerdings nur unter der Maßgabe, dass es Ende des Jahrhunderts nicht plötzlich zu einem Zusammenbruch des Nordatlantikstroms kommt. Dann würde es plötzlich wieder extrem kalt, wahrscheinlich bis zu minus 6° Celsius in Mitteleuropa. Die Eiszeit ließe grüßen.

Gerade das ist aber sehr wahrscheinlich, wenn wir CO2 weiter ungebremst in die Luft blasen. Je höher die Temperatur steigt, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Nordatlantikstrom zusammenbricht. Ist diese Wahrscheinlichkeit derzeit eher noch gering, so steigt sie bei zunehmenden Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts dramatisch an. Vor allem, wenn wir auch die weiteren möglichen Rückkoppelungen mit einbeziehen, wie das Abschmelzen des Nordpols und das Aufweichen der Tundra.

Was man bei all diesen Angaben der Klimaforscher jedoch nicht vergessen sollte: Es sind alles nur Prognosen. Kein Mensch kann mit Sicherheit sagen, dass es so oder so kommen wird. Vor allem nicht beim Klima. Denn das Klimasystem der Erde ist ausgesprochen kompliziert, mit zahlreichen positiven und negativen Rückkoppelungen. Es ist ein wunderbares Beispiel für ein so genanntes Chaotisches System. Niemand kann vorhersagen, wie es sich in Zukunft verhält. (Hans Boës)