"Wir haben uns einfach genommen, was wir wollten"

Ein ehemaliger Kindersoldat aus Liberia, der jetzt nach Europa will, berichtet von seinem Leben

Jedes Jahr reisen Tausende von Migranten aus Schwarzafrika an die Nordspitze des Kontinents. Ziel sind die Städte Ceuta oder Melilla , zwei spanische Exklaven auf marokkanischem Territorium. Eric Christian Carr, ehemaliger Kindersoldat aus Liberia, ist einer der Migranten, der es nach Ceuta geschafft hat. Seit zwei Jahren sitzt der 19-Jährige im Auffanglager der Stadt an der Meerenge von Gibraltar und hofft, dass seine Lebensodyssee in Europa ein gutes Ende nimmt.

Bilder: Thomas Ziegner
Wie bist Du von Marokko über die Grenze nach Ceuta gekommen? Über den Zaun gestiegen oder im Auto versteckt?
Eric Christian Carr: Weder noch, ich bin geschwommen.
Ganz alleine?
Eric Christian Carr: Nein, das war von der Mafia organisiert. In Castillejo bekam ich eine Schwimmweste, um den Bauch eine Leine und wurde so von einem Jungen Durchs Wasser gezogen.
Wie lange hat das gedauert? Von der marokkanischen Kleinstadt Castillejo bis nach Ceuta sind es ja ein, zwei Kilometer.
Eric Christian Carr: Ich weiß es nicht mehr genau. Ich war so aufgeregt, dass ja alles klappt. Das Wasser war so kalt und ich kann ja auch nicht gut schwimmen. Aber es müssen zwei Stunden gewesen sein.
Wie viel hast Du dafür bezahlt?
Eric Christian Carr: 300 Euro.
Das ist relativ billig, andere verlangen dafür 500 oder sogar 1000 Euro. Woher hattest Du das Geld?
Eric Christian Carr: In Algerien habe ich andere Leute, die nach Europa wollten, gekidnappt. Um wieder frei zu kommen, mussten sie Lösegeld bezahlen.
Du meinst erpresst?
Eric Christian Carr: Bei einigen musste man nachhelfen.
Was heißt nachhelfen?
Eric Christian Carr: Man hat sie gefoltert oder die Familien zuhause angerufen, dass sie bezahlen müssen, damit nichts weiter passiert.
Woher hattest Du eigentlich den Kontakt, um nach Ceuta zu schwimmen?
Eric Christian Carr: Da hatte ich Glück. Ich kannte den Patron ganz gut.
Patron?
Eric Christian Carr: Das ist der Führer einer Gruppe. Er hat die Kontakte zur Mafia, also zu den marokkanischen Schleusern. Man gibt ihm das Geld, und er bezahlt sie dann. Ich kannte ihn aus den Wäldern von Oujda und habe ihn dann eben zufällig in Castillejo wieder getroffen. Er ist aus dem Senegal und kannte meine Situation. Deshalb hat er mir geholfen.
Was hast Du in Oujda gemacht? Hat dich die marokkanische Polizei dorthin gebracht, um dich anschließend über die algerische Grenze zu deportieren, wie sie es mit vielen Immigranten macht?
Eric Christian Carr: Nein, nein. Ich bin dort im Juni 2007 angekommen. Von Liberia nach Guinea Coankry , dann Durch Mali und Algerien bis nach Marokko. Oujda ist die erste Stadt nach der algerischen Grenze.
Wie lange warst Du unterwegs?
Eric Christian Carr: Fast zwei Jahre. Ich gehörte zu einer Gruppe anderer Liberianer, die Geschäfte machten, um die Reise zu finanzieren. In Mali blieben wir deshalb fast ein Jahr.
Welche Geschäfte?
Eric Christian Carr: Das waren Geldwechsler, Devisenhändler.
Warum bist Du eigentlich von zuhause weg?
Eric Christian Carr: Ich habe kein Zuhause. Meine Mutter und mein Vater sind tot, ich habe keine Familie. Mein Stamm, zudem ich gehöre, ist in Liberia nicht gerne gesehen. Außerdem war ich Kindersoldat und habe im Bürgerkrieg gekämpft. Da bleibt einem nichts anders übrig, als wegzugehen.
Was heißt Kindersoldat?
Eric Christian Carr: Na ja, ich habe als Kind gekämpft. Mit zehn Jahren.
Wie bist Du das geworden?
Eric Christian Carr: Als der zweite Bürgerkrieg in Liberia ausbrach, wollte mein Vater mit mir nach Guinea flüchten, wo wir schon während des ersten Konflikts gewesen waren. Ich bin dort zur Schule gegangen. Im Norden Liberias, nicht weit von der Grenze nach Guinea gerieten wir in einen Checkpoint der ULIMO-Rebellen.
Du meinst die „Vereinigte Befreiungsbewegung von Liberia für Demokratie“, die sich wenig später in LURD („Vereinigte Liberianer für Aussöhnung und Demokratie“) umbenannte. Sie kämpften gegen den damaligen Präsidenten Charles Taylor, der heute selbst in Sierra Leone vor einem UN-Gericht wegen Kriegsverbrechen steht.
Eric Christian Carr: Ja, genau. Die Rebellen haben uns kontrolliert und dabei nach Stammeszugehörigkeit aussortiert. In unserer Gruppe waren sechs Krahn-Mitglieder, darunter auch mein Vater. Vor meinen Augen wurden alle erschossen. Ich und einige andere Kinder kamen auf einen Lastwagen und wurden in ein Lager im Busch gebracht. Zuerst bekam jeder ein Messer geschenkt. Später hatte jeder eine AK-47, besser bekannt unter Kalaschnikow. Eine beliebte Waffe, weil sie von jedem, auch von Kindern, leicht zu bedienen ist. Sie hat so gut wie nie Ladehemmung, man kann sich darauf verlassen.
Wart Ihr irgendwo stationiert? Gehörtest Du zu einer Einheit?
Eric Christian Carr: Mit normalem Militär hatte das wenig zu tun. Wir waren eine Gruppe von etwa 30 Leuten, die im Busch lebten und umherzogen. Meist von Beutezug zu Beutezug. Wir hatten einfach alles. Geld, Alkohol, Drogen und gut zu essen. Wir haben uns einfach genommen, was wir wollten. Es wurde viel gefeiert. Es war nie langweilig. Wer dabei war, dem gefiel das.
Gab es viele Kinder in Deinem Alter in der Gruppe?
Eric Christian Carr: Die Hälfte der Truppe waren Kinder im gleichen Alter, der Rest zwischen 15 und maximal 25. Darunter auch mein bester Freund. Ibrahim hieß er und war mit seinen 22 oder 23 Jahren schon ein sehr tapferer Kerl. Keine Kugel konnte ihn treffen, er war unverwundbar, wir alle waren unverwundbar. Wenn wir einen Feind töteten, hatten wir das Recht einen Teil von ihm zu essen. Das machte uns unverwundbar. Wir hatten magische Kräfte.
Und die Drogen halfen auch nach, sich unverwundbar zu fühlen?
Eric Christian Carr: Ja, wie nahmen dieses Melty. Das waren Tabletten, die man im Wasser auflöste. Die machten glücklich und gaben Inspirationen. Damit hatte man keinerlei Angst, auch vor jemand, den man fürchtete. Sehr gut, aber gleichzeitig sehr gefährlich, weil sie dich verrückt machten. Hielt so drei, vier oder fünf Stunden an.
Habt Ihr das vor einem Einsatz genommen?
Eric Christian Carr: Meistens, wenn wir zum Plündern los sind oder Frauen gefangen haben.
Was habt ihr mit den Frauen gemacht?
Eric Christian Carr: Vergewaltigt.
Mit 10 oder 11 Jahren?
Eric Christian Carr: Wir Kleinen hatten auch unsere Frauen, obwohl wir nicht das machen konnten, was die Großen taten. Wir haben sie gefingert oder einfach so mit ihren Körpern gespielt. Sie mussten einfach tun, was wir sagten.
Wenn Ihr mit ihnen fertig wart, habt ihr sie dann erschossen und irgendwo liegen lassen?
Eric Christian Carr: Wenn sie nicht kooperieren wollten, wenn sie nicht das taten, was man von ihnen verlangte, dann konnte es passieren, dass sie erschossen wurden. Oder, dass man ihnen die Brüste abschnitt.
Und die anderen, die „kooperierten“?
Eric Christian Carr: Die zogen mit uns rum, kochten für uns und blieben. Einige wurden sogar Mitglieder der Truppe, bekamen Waffen, machten Schießübungen und kämpften mit uns.
Wie viele Frauen hast Du erschossen?
Eric Christian Carr: Ich habe keine einzige erschossen.
Und andere Männer im Kampf, bei Plünderungen?
Eric Christian Carr: Ich habe nur zur Selbstverteidigung geschossen - und das immer aus Entfernung, nie Mann gegen Mann. Wenn uns die ATU zum Beispiel angriff.
Du meinst die Anti-Terroreinheit , die auf Seiten der Regierung von Präsident Charles Taylor kämpfte.
Eric Christian Carr: Ja, mit denen gab es immer wieder Gefechte. Bei einem Angriff auf unser Lager haben sie viele von uns erschossen. Alles ging drunter und drüber. Eine gute Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. Man konnte sonst nicht einfach davonlaufen. Das war schwierig und lebensgefährlich. Hätten sei einen dabei erwischt, wäre man sofort erschossen worden.
Hast Du heute keine Gewissensbisse darüber, was Du damals als Kind alles gemacht hast?
Eric Christian Carr: Ich will mal so sagen: Es gab keine Alternative. Jeder hätte das Gleiche wie ich gemacht, da bin ich mir sicher. Mit einer Pistole am Kopf bleibt einem nichts anderes übrig. Da gibt es keine Diskussionen.
Warum bist Du eigentlich geflohen?
Eric Christian Carr: Man konnte ja nicht immer so weiter machen. Da gab es ja keine Perspektive. Irgendwann wird man erschossen oder landet im Gefängnis. Außerdem war man ja nur da, weil man musste.
Wie ging es dann nach der Flucht weiter?
Eric Christian Carr: Ich war mit Ibrahim zusammen weggelaufen und wir konnten uns nach Yekepa, einer Grenzstadt zu Guinea Durchschlagen. Dort ordneten wir uns in die Warteschlangen der Flüchtlinge ein, erhielten Essen und Kleidung von UN-Hilfsorganisationen. Wir hatten Glück, niemand hielt uns für Soldaten. Später bin ich auf eine christliche Flüchtlingsschule in der Stadt Siguiri am Niger Fluss gegangen. 2005 ging es Richtung Europa los.
Nun bist Du seit zwei Jahren im Auffanglager in Ceuta, dem CETI (Zentrum für temporären Aufenthalt von Immigranten). Hast Du politisches Asyl in Spanien beantragt?
Eric Christian Carr: Ja, einmal wurde der Antrag schon abgelehnt. Aber mein Anwalt sagte, ich sollte Widerspruch einlegen und es noch einmal probieren. Jetzt warte ich auf den Entscheid.
Was machst Du, wenn der erneut abgelehnt wird?
Eric Christian Carr: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ohne Eltern, ohne Familie, zudem ist mein Stamm nicht erwünscht, da kann mich niemand nach Liberia zurückschicken. Ich glaube ganz fest an eine positive Zukunft, denn sonst würde ich doch verrückt werden. Immer nur warten, warten, man darf ja nichts tun, nicht arbeiten.
Arbeitest Du nicht als Parkwächter im Stadtzentrum?
Eric Christian Carr: Das ist doch keine richtige Arbeit, Autos beim Parken einzuweisen und darauf für ein, zwei Stunden aufzupassen und dafür Trinkgeld zu bekommen. Ich mach das manchmal, um ein bisschen Taschengeld zu verdienen.
Vorausgesetzt, sie lassen dich tatsächlich nach Spanien, was willst Du auf der iberischen Halbinsel tun?
Eric Christian Carr: Da gibt es drei Möglichkeiten. Ich bin ein ausgezeichneter Fußballspieler, der in der 2. Liga anfangen und danach in die Primera Division wechseln könnte. Ich bin ein Fan von Manchester United und Christiano Ronaldo. Zweitens kann ich sehr gut rappen und mit Hip Hop verdient man doch auch nicht schlecht. Ich bin schon im lokalen Fernsehen von Ceuta aufgetreten, aber bisher hat sich daraus noch nichts ergeben. Wenn beides nicht klappen sollte, kann man immer noch jede erdenkliche Arbeit annehmen. Ich weiß, wie man Geld macht. (Alfred Hackensberger)
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