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"Wir hoffen, dass ein wissenschaftliches Denken über Utopie möglich wird"

Ein Gespräch über postkapitalistische Alternativen mit den Keimformbloggern und Buchautoren Simon Sutterlütti und Stefan Meretz

Simon Sutterlütti ist Soziologe, aktiv im Commons-Institut und bei der Gruppe 180grad; Stefan Meretz ist Ingenieur, Informatiker, Mitbegründer des Commons-Instituts und Kolumnist im Wiener Magazin "Streifzüge". Beide bloggen auf keimform.de [1], einem Blog, der sich v.a. der Überwindung der warenförmigen Gesellschaft und der Suche nach Ansätzen jenseits von Markt und Staat widmet. Das Buch "Kapitalismus aufheben" [2] gibt es online unter commonism.us oder als Druckwerk im Handel (VSA-Verlag).

In ihrem jüngst publizierten Buch "Kapitalismus aufheben" laden Sie den Leser ausdrücklich ein, über Utopien, über die Transformation des bestehenden Systems nachzudenken. Ist dies nicht illusionär angesichts der gegenwärtigen Realität, die vom Aufstieg der neuen rechten und rechtspopulistischer Borderliner wie Trump, Erdogan, Seehofer oder Söder geprägt ist?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Die Rechten steigen unter anderem darum auf, weil sie einen Fahrplan bieten: Klare Ziele und klare Wege, "Wir" vor den Anderen. Emanzipatorische Bewegungen haben dem kaum etwas entgegenzusetzen. Sie fordern diffus Solidarität, aber ob und wie eine Gesellschaft funktionieren kann, die allgemeine Solidarität produziert und auf ihr aufbaut, ist unklar. Genauso verbleibt der Weg dorthin als eine Leerstelle.
Unser Buch versucht gerade in diesem Bereich fundierte Ideen zu entwickeln und Diskussionen anzustoßen. Ohne begründete Hoffnung, die sowohl für uns selbst, als auch für andere eine greifbare Möglichkeit ist, haben Menschen gute Gründe, sich kopfschüttelnd von "idealistischen Spinnereien" abzuwenden. Übrig bleibt der Fokus auf das Private, um die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Natürlich brauchen wir auch heute Widerstand, Solidarität und politisches Wirken, aber damit unsere Kämpfe erfolgreich sind und nicht ewig den Symptomen hinterher rennen, müssen sie auf eine Gesellschaft zielen, in der wir nicht mehr kämpfen müssen. Die Fragen nach dieser Gesellschaft und wie wir sie erreichen können, stellen wir in unserem Buch vor.
Utopie ist ja immer der idealisierte Nichtort, den zu erreichen kaum möglich ist. Sie schreiben von einer "kategorialen Utopietheorie". Können Sie das etwas ausführen?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Heute dominieren zwei Ansätze das utopische Feld. Der eine Ansatz des "Bilder-Malens" versucht, die Utopie möglichst genau zu beschreiben, um sie zu plausibilisieren und überzeugend zu machen. Er illustriert, wie wir in einer freien Gesellschaft alltäglich arbeiten, Kinder aufziehen, wohnen, uns fortbewegen usw. Der andere Ansatz des "Bilderverbots" kritisiert demgegenüber ganz zu recht, dass wir das nicht wissen können und diese Bilder oft nur ein Abguss oder eine Verlängerung der heutigen Gesellschaft darstellen. Und somit Herrschaft häufig genug fortschreiben.
Unser Ansatz der kategorialen Utopietheorie nimmt diese Kritik ernst und pinselt eine Utopie nicht nach Belieben aus, sondern erforscht auf einer grundsätzlichen Ebene ihre prinzipiell möglichen Dynamiken. Wir schreiben also keine Wunschphantasie nach Lust und Laune, sondern auf Basis unserer Theorien zu Mensch und Gesellschaft bestimmen wir den Möglichkeitsraum der Entwicklung einer freien Gesellschaft.
Wir erwarten, dass unsere Theorien und unsere Utopie viele nicht überzeugen, doch durch unsere Explikation können wir dann genau darüber diskutieren, die Ansätze weiterentwickeln oder verwerfen. Somit hoffen wir, dass ein begründetes, gar wissenschaftliches Denken und Sprechen über Utopie möglich wird. Utopien sind dann nicht mehr Wunschphantasien, die wir halt gut oder schlecht finden, sondern Utopien werden so zum Gegenstand von Kritik, Auseinandersetzung und Weiterentwicklung. Es wird Zeit, fundiert über Utopien zu reden. Wir werden mit Sicherheit weiter "fragend voranschreiten", aber vielleicht etwas weniger umherirren.
Eine unser Grundüberlegungen ist: Wir brauchen die Bestimmung eines Ziels, um den Kapitalismus überwinden zu können. Eine freie Gesellschaft kann nur aus unseren Praktiken, unseren Kämpfen, unserem Begehren und Streben in Richtung eines solchen Ziels entstehen. Mehr noch: Unsere Praktiken müssen die Dynamiken einer freien Gesellschaft bereits in ihrer Keimform enthalten und mit ihrer Ausdehnung entfalten und entwickeln. Die Ansätze des Neuen wohnen bereits im Alten - wo sollen sie sonst herkommen?
Der Begriff des Commonismus nimmt in Ihrem Werk breiten Raum ein, können Sie diesen erläutern. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft ihn ihren postkapitalistischen Entwürfen? Wir kennen ja die liberale Kritik an den sozialistischen "Ameisenstaaten"…
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Der Commonismus ist unsere Utopie einer freien Gesellschaft. Ein anderes Wort wäre Inklusionsgesellschaft. In einer Exklusionsgesellschaft wie dem Kapitalismus ist es für mich strukturell nahegelegt und wird damit subjektiv funktional, meine Bedürfnisse auf Kosten der Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen. Ich kaufe die billigeren Lebensmittel und unterstütze damit indirekt miese Arbeitsbedingungen und Ökodesaster, kann mir aber dafür den nächsten Urlaub leisten.
In einer Inklusionsgesellschaft ist es umgekehrt. Hier ist es für mich naheliegend, meine Bedürfnisse auf eine Art und Weise zu befriedigen, die auch die Befriedigungsmöglichkeiten anderer Menschen einbezieht. Der Commonismus ist eine Gesellschaft, in der "die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller" ist - wie Marx und Engels die Logik wechselseitiger Inklusion fassten.
Wichtig ist dabei, das Ganze als Strukturzusammenhang zu begreifen. Andere Menschen und ihre Bedürfnisse sind strukturell nicht mehr meine Konkurrent*innen und Feind*innen, sondern strukturell positiv - oder wie wir sagen: inklusionslogisch - mit mir verbunden. Früher haben wir das auch "strukturelle Gemeinschaftlichkeit" genannt. Die Freiheit der Anderen ist nicht mehr die Grenze meiner Freiheit, sondern die Freiheit anderer befördert und stützt die meinige. Das Einbeziehen der Bedürfnisse anderer ist dann auch kein Akt von Altruismus, sondern Egoismus und Altruismus sind aufgehoben: Ich kann meine Bedürfnisse am besten befriedigen, wenn ich die Bedürfnisse anderer einbeziehe.
Nun stellt sich die zentrale Frage: Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen ist Inklusion nahegelegt? Wie wird "strukturelle Gemeinschaftlichkeit" erzeugt? Aus der Commonsforschung und kritisch-psychologischen Reflexionen haben sich für uns im Moment zwei wichtige Bedingungen herauskristallisiert: Freiwilligkeit und kollektive Verfügung.
In einer Inklusionsgesellschaft kann niemand zur Arbeit gezwungen werden. Dies verlangt ganz neue Formen der Tätigkeitsorganisation: Wie können wir Tätigkeiten so gestalten, dass Menschen sie gerne machen? Wie inkludieren wir die Bedürfnisse der Beitragenden? Welche Tätigkeiten müssen wir vielleicht automatisieren, weil niemand sie machen will? Freiwilligkeit ist mit Spaß verbunden, aber wir werden auch Dinge tun, die uns nicht unmittelbar Spaß machen, sondern die uns wichtig oder die notwendig sind. Klar ist: Wir werden nur Dinge tun, zu denen wir motiviert sind.
Das zweite Prinzip ist kollektive Verfügung. In einer Inklusionsgesellschaft kann es kein Eigentum, keine institutionell gesicherte getrennte Verfügung über Ressourcen und Produktionsmittel geben. Die kollektive Verfügung ist gestaltbar und offen. Deshalb müssen wir gemeinsam überlegen, wie wir Ressourcen und Mittel nutzen wollen. Das wird mit Sicherheit zu Konflikten führen, und das ist gut so. Konflikte müssen ausgetragen werden. Der Commonismus ist keine Gesellschaft der oberflächlichen Harmonie, sondern die Gesellschaft, in der wir endlich unsere Konflikte - jenseits von Herrschaftsabkürzungen - so austragen können, dass niemand mehr unter die Räder kommt.
Vielleicht können Sie hier mit ein paar Sätzen etwas konkreter werden. Wie soll - in groben Zügen - die gesellschaftliche Reproduktion, die Produktion, die Distribution von Gebrauchsgütern im Postkapitalismus organisiert werden? Was ist das Grundprinzip jenseits von Kapitalverwertung und Markt, das Egoismus zu einem "schlechten Geschäft" machen würde, um mal Brecht zu zitieren - und welche Rolle spielen dabei die Errungenschaften der IT-Industrie?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Vielleicht beginnen wir mit der Koordination: Gesellschaften vermitteln sich stets über Signale, was auch Stigmergie genannt wird. Im Kapitalismus geht es um die Verwertung von Kapital, und hierzu ist das entscheidende Signal der Preis. Eine Myriade von Informationen werden reduziert auf eine Angabe: Rechnet sich das Produkt, die Innovation, die Unternehmung oder nicht.
Im Commonismus wird es ebenfalls Signale geben, doch vereinfachen diese keine Verwertungsentscheidungen, sondern sie koordinieren die Bedürfnisbefriedigung. Damit werden diese Signale komplexer werden. Auf vielerlei Art können Menschen ihre Bedürfnisse als Signale in die gesellschaftliche Koordination einbringen: Ich wünsche mir Erdbeeren, wir brauchen noch Unterstützer*innen bei unserem Müllnutzungs-Projekt, wir suchen Ingenieur*innen, die den Schwefelabbau automatisieren, da niemand diese gesundheitsschädliche Aufgabe manuell übernehmen will etc. Diese Bedürfnissignale schaffen eine Welt aus Hinweisen, in der herstellende Kollektive, die Commons, Re/Produktionsentscheidungen treffen und Menschen tätig werden können: Die Kita braucht noch Leute? Da kann ich gerne die nächsten paar Monate mithelfen. Menschen wollen im nächsten Jahr mehr Schulen bauen? Dann versuchen wir als Stahl-Commons die Stahlproduktion zu erhöhen.
Diese globale Welt der Bedürfniskommunikation wird auf vielerlei Form auf neue IT-Möglichkeiten zurückgreifen, um komplexe Informationen mittels Videos, Augmented Reality etc. global und damit überall dezentral zur Verfügung stellen. Es ist klar, dass Geheimhaltung hier keinen Platz mehr hat. Was einmal an einem Ort erfunden wurde, kann von der gesamten Menschheit genutzt werden.
Doch die Bedürfnis-Stigmergie schafft nur eine Signallandschaft, in der sich Menschen frei Aufgaben zuordnen können. Wir nehmen an, dass diese freiwillige Zuordnung schon einen hohen Übereinstimmungsgrad von gebrauchten Tätigkeiten und Wünschen zur Teilhabe ergibt. Doch erstens geht das nicht komplett auf und zweitens wird es Konflikte geben, die eine bewusste Vermittlung benötigen. Manche Konflikte können wir relativ einfach lösen: Wenn ein Mars-Projekt um Ressourcen anfragt und gleichzeitig Menschen Nahrungsmittel brauchen, werden die meisten Commons wohl das Nahrungs-Bedürfnis als wichtiger einstufen. Andere Konflikte sind komplizierter. Verwenden wir den Stahl, um eine Schule oder eine Schuhfabrik zu bauen? Unsere Erdbeer-Commons haben zu wenig Beitragende, aber viele Menschen wünschen sich mehr Erdbeeren.
Unsere zentrale Erkenntnis ist hier: Konflikte können nicht durch Dritte über die Köpfe der Menschen hinweg gelöst werden. Das bedeutet, dass es keine Institution gibt, die für andere entscheidet. Solche Fremdentscheidungen könnte man nur treffen, wenn man sie auch durchsetzen kann, was wiederum Möglichkeiten verlangt, sie gegen Widerstand durchzuziehen, und dafür braucht man Herrschaftsmöglichkeiten, Waffen, Strafmöglichkeiten etc. Egal, ob Leute in dieser Herrschaftsinstitution durch demokratische Wahlen, Rätestrukturen oder Einparteienherrschaft bestimmt sind, aus ihr folgt, dass es für Konfliktparteien weniger nahe liegt, die Bedürfnisse des Gegenübers zu verstehen und in die eigene Lösung einzubeziehen, als in und mittels einer solchen Institution Macht zu erlangen, um eigene oder nach eigenem Gutdünken für "richtig" gehaltene Bedürfnisse gegen andere durchzusetzen.
Das zeigt die historische Erfahrung aus realsozialistischer Zentralplanung: Herrschaftliche Planung für andere erzeugt Exklusion. Gibt es nun aber gar nicht die Möglichkeit, eigene Bedürfnisse mittels Herrschaft durchzusetzen, ist es umgekehrt subjektiv funktional, eine gemeinsame Lösung zu finden, da diese mehr Menschen einschließt, überzeugt und zum Mitmachen ermutigt, was dann auch meiner Bedürfnisbefriedigung dient. Diese inkludierende Konfliktlösung kennen wir heute nur rudimentär, denn heute wird schlicht durch Herrschaft und den Einsatz von Geld entschieden. In einer freien Gesellschaft werden wir mit Sicherheit eine sehr große Anzahl sozialer Mittel der Abstimmung, des Selbstverstehens, der Empathie, der Mediation erfinden und anwenden, die uns die gewünschte Konfliktlösung ermöglicht und erleichtert.
Wie soll der Weg in den Postkapitalismus beschritten werden? Revolution, Reformen oder Transformation? Sie scheinen eine "Aufhebungstheorie" entwickelt zu haben, wie es in Ihrem Buch heißt.
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Wir können den Kapitalismus nicht einfach abschaffen oder überwinden, sondern müssen ihn aufheben. Aufhebung hat drei Elemente: Bewahrung, Bruch und Weiterentwicklung. Einige seiner Elemente wie z.B. die globale Vernetzung werden wir bewahren können, andere wie erzwungene Tätigkeiten für einen fremden Zweck, Arbeit genannt, werden wir beenden müssen, und bestimmte Produktionsmittel werden wir um- und weiterentwickeln.
Die Aufhebungstheorie setzt sich v.a. kritisch mit den politisch-staatlichen Überwindungstheorien von Reform und Revolution auseinander. Grundlage ist hierbei die Überlegung, dass eine herrschaftliche Struktur - wie der Staat als Gesetzes- und Exekutionsinstitution - keine freie gesellschaftliche Organisation verwirklichen kann. Die freie Gesellschaft lässt sich nicht durchsetzen, sondern muss erlernt, entwickelt, aufgebaut werden.
Deshalb auch unsere Kritik an bestimmten revolutionären Vorstellungen, die die politische Macht erringen wollen, um den Staat zu zerstören. Doch was geschieht am Tag danach? Woher kommt die freie Gesellschaft? Sie fällt nicht vom Himmel, sondern entsteht aus Prozessen innerhalb der vorhergehenden Gesellschaft. Diesen Prozess rückt die Aufhebungstheorie in den Mittelpunkt. Sie fragt weniger danach "Wie können wir die Macht erringen, um alles zu verändern?", sondern eher "Wie kann eine freie Gesellschaft entstehen, und welche Prozesse und Strukturen müssen wir hierfür entwickeln und aufbauen?"
Dabei nimmt die Aufhebungstheorie wichtige Momente von Reform und Revolution auf. Die Reform betont den Prozess und die Kontinuität, die Revolution den Bruch und das Neue. Die Aufhebungstheorie versucht einen Prozess zu denken, der zu einem qualitativen Bruch führt. Denn nur ein Prozess, der eine andere gesellschaftliche Logik - für uns Inklusion, Freiwilligkeit und kollektive Verfügung - enthält, entwickelt und entfaltet, und im Übergang mit der alten Logik bricht, kann eine freie Gesellschaft erreichen. Die freie Gesellschaft wird nicht verordnet, sondern geschaffen, nicht geplant, sondern erlernt - in einem Prozess der menschlichen Selbstentfaltung, ein Prozess, in dem wir gesellschaftliche Bedingungen nach unseren Bedürfnissen gestalten.
Von orthodox-linker Seite könnte Ihnen nun vorgeworfen werden, dass Sie die bestehenden Machtstrukturen und die Klassenverhältnisse im Kapitalismus ignorierten, indem Sie eine Schönwettertheorie entwickelten. Wie beurteilen sie den Widerstand, der solcher graduellen, auf Lernprozessen basierenden Aufhebungsprozess seitens des vermittelten - und gerade deswegen nahezu lückenlosen - Systems kapitalistischer Herrschaft entgegengebracht wird? Oder ist das etwas, was im Verlauf des Krisenprozesses auch in den Zentren erodieren wird?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Für manche mag das Ganze nach Schönwettertheorie klingen. Aber wir nehmen nur die zentrale Frage der Emanzipation ernst: Aus welchen sozialen Prozessen kann eine freie Gesellschaft hervorgehen? Und hierfür ist nun mal ein befreiender Aufbauprozess notwendig. Revolution oder Reform mag manchen einfacher erscheinen, aber diese Wege werden uns nirgendwo anders hinbringen als in abgewandelte Formen von Kapitalismus oder Realsozialismus.
Klarerweise muss die nächste Frage sein: Wie ist der Aufhebungsweg unter den derzeitigen Zuständen möglich? Wo liegen hier Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Widerstände? Ist solch ein Aufhebungsprozess im Kapitalismus unmöglich, und brauchen wir doch eine Übergangsgesellschaft? Hier sind wir beide uns nicht einig. Während Simon eher auf die subjektive Seite der Aufhebung setzt und betont, dass Menschen andere Lösungen heute suchen und entwickeln können, um aus der umfassenden Herrschaft der Exklusionslogik auszusteigen, hebt Stefan die Bedeutung von System-Krisen hervor: Erst wenn der Kapitalismus erfahrbar nicht mehr die Existenz der Menschen sichert, suchen sie nach anderen Lösungen.
Diese Erfahrung und entsprechende Bewertung ist allerdings ebenso eine subjektive Sache, denn wie lange werden Menschen am Altbekannten festhalten? Das ist unklar, aber unsere Ansicht kommt hier der Verfügbarkeit alternativer Gesellschaftskonzepte, der Utopie, wie wir sie als Inklusionsgesellschaft skizziert haben, eine zentrale Rolle zu. Ohne eine begründete Utopie einer anderen gesellschaftlichen Organisation jenseits der Verwertungs- und Exklusionslogik, geht es in der Krise eher in Richtung Regression und Schließung.
Auch wenn Ihre Frage etwas breiter gestellt ist: Die Frage nach dem Widerstand von wie auch immer definierten Herrschenden kommt häufig. Sie unterstellt, dass der Kapitalismus ein System personaler Herrschaft wäre. Begreift man den Kapitalismus aber als versachlichte Herrschaft, dann gibt es nicht "die" Herrschenden, sondern Menschen, die an unterschiedlichen Stellen in unterschiedlichem Ausmaß strukturell privilegiert sind. Dann aber gehören wir auch dazu, dann gibt es keine klar geschiedenen Seiten der Herrschenden und Beherrschten, dann geht Herrschaft durch uns hindurch.
Das sehen wir deutlich, wenn wir uns neben dem Klassismus, der Privilegierung/Exklusion aufgrund der sozialökonomischen Position, anderen Formen der Privilegierung/Exklusion zuwenden: Sexismus, Rassismus, Ageismus, Abelismus etc. Es gibt also auch nicht die "Einen", die an der Aufrechterhaltung der Verhältnisse interessiert sind, während die "Anderen" sie überwinden wollen, sondern wir alle sind zunächst an der Aufrechterhaltung interessiert, weil wir so immerhin noch unsere Existenz sichern können, und zwar in Mitteleuropa noch weit besser als woanders.
Die Frage ist also, wie wir einen parallelen Entlern- und Neulernprozess organisieren können, in dem wir uns neue Bedingungen schaffen, in denen wir für unsere Bedürfnisbefriedigung keine Privilegien und Ausschlüsse mehr brauchen. Demgegenüber schätzen wir die Beständig- und damit Widerständigkeit der geronnenen Institutionen der versachlichten Herrschaft als wesentlich gravierender ein: Markt, Staat, Recht, Parteien, Erziehung, Grenzen, Militär etc. Vielleicht zielte Ihre Frage hierauf ab. Die Antwort darauf kann im Moment von unserer Seite leider nur unbefriedigend sein, da wir die Form des Aufhebungsprozesses noch nicht ausreichend bestimmt haben. Erst dann können wir die Aufhebung dieser Institutionen konkreter entwickeln, was beendet werden kann, was weitergeführt werden will und was in neuer Qualität zu schaffen ist.
Von der neoliberalen Seite oder der Neuen Rechten (groß sind die Unterscheide da ja nicht) würde an Sie wiederum der Vorwurf gerichtet, die Idee einer postkapitalistischen Gesellschaft sei gefährlich, da sie der raubtierhaften menschlichen Natur zuwiderlaufe, deren Ausdruck der Kapitalismus sein solle. Wie gehen Sie mit solchen Projektionsleistungen um?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Die neuen Rechten denken den Neoliberalismus nur konsequent weiter. Sie sind radikalisierte Ziehkinder des Neoliberalismus, wie er in unterschiedlichem Ausmaß von allen Parteien vertreten wird. Eine dieser Konsequenzen ist die naturalisierende Behauptung, der Mensch sei eben ein Raubtier. Wahr daran ist, dass Menschen diese "Leistungen" vollbringen können. Sie sind offensichtlich dazu in der Lage, sich auf Kosten anderer durchzusetzen, und der Kapitalismus ist die perfekte Struktur, in der das zur Geltung kommt.
Genauso offensichtlich gibt es aber andere Verhaltens- und Beziehungsweisen, die auf Inklusion zielen. Die Frage ist also, welche gesellschaftlichen Bedingungen sie brauchen, damit eben diese Seite zur Geltung kommt. Mit unserem Buch schlagen wir vor, auf beide Aspekte gleichzeitig zu gucken, auf die subjektiven Möglichkeiten und die objektiven Bedingungen.
Wir zeigen, dass wir uns nicht irre machen lassen brauchen, nur weil manche das, was wir haben, die Exklusionslogik, in den Menschen als Natureigenschaft hineinverlagern und damit verewigen. Wir zeigen aber auch, dass es nicht ausreicht, sich nur individuell anders zu verhalten, ethisch zu konsumieren usw. Eine individualisierte Inklusion, so gut sie gemeint ist, greift zu kurz. Sondern wir brauchen Strukturen, in denen ein inkludierendes Verhalten subjektiv funktional ist, in dem sie auf qualitativ schöne Weise die eigene Existenz sichert. Und das müssen am Ende gesellschaftliche Strukturen sein, wie wir versuchen, sie als Commonismus zu entwickeln.
Mit unserem Buch haben wir nach unserem Eindruck gerade erst einen groben Rahmen abgesteckt. Wir laden alle ein, die Lust haben, eine begründete Utopie und Transformation zu entwickeln, sich zu beteiligen - theoretisch wie praktisch.
Sie bloggen ja auch auf dem Blog keimform.de. Können Sie uns erläutern, was Keimformen sind? Geht es hier um das Aufspüren von Ansätzen einer anderen Gesellschaft - mitten im Spätkapitalismus?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Es mag verschiedene Aufhebungstheorien geben, die Keimformtheorie ist unsere eigene. Keimformen sind soziale Räume im Kapitalismus, in welchen die Logik der Inklusion schon bestimmend ist. Da diese sozialen Räume innerhalb eines "feindlichen" Umfeldes existieren, sind sie immer begrenzt. Die Inklusionslogik kommt in ihnen noch nicht voll zur Geltung, die Dynamiken einer Inklusionsgesellschaft sind in ihnen nur rudimentär, unentfaltet, reduziert vorhanden. Und doch können diese Keimformen - bei einer passenden gesellschaftlichen Entwicklung - die Grundlage einer neuen Gesellschaft werden.
Nun ist die zentrale Frage, was die Keimformen ausmacht, aus denen eine Inklusionsgesellschaft entstehen könnte. Es geht also tatsächlich um das Aufspüren von Ansätzen einer anderen Gesellschaft. Leider sind wir uns hierbei unschlüssiger als noch vor einem Jahr. Freiwilligkeit und kollektive Verfügung und die dadurch nahegelegte Inklusion lassen sich in vielen Räumen und Projekten finden, welche häufig als Commons bezeichnet werden: Wikipedia, solidarische Landwirtschaft, autonome Zentren, kollektive Wohngemeinschaften, feministische Schutzräume, Klimacamps etc.
Doch Inklusion ist hier nicht nur beschränkt, sondern die Projekte sind zusätzlich begrenzt: Sie sind häufig auf das zwischenmenschliche Nahumfeld ausgerichtet. Beispielsweise können diese Projekte kaum gegenständliche Mittel - bspw. Nahrung oder Kleidung - für Nicht-Projektmitglieder zur Verfügung stellen. Damit die Projekte gut funktionieren, kann die kollektive Verfügung nur in kleinem Rahmen hergestellt werden. Doch wie soll daraus eine gesellschaftliche Vernetzung und Vermittlung entstehen?
Wir sind uns hier unsicher und kritisch gegenüber Vorstellungen, dass sich die Projekte einfach irgendwie vernetzen und dadurch ein "commonistischer Raum" entsteht, der irgendwann den Kapitalismus ablöst. In unserem Buch versuchen wir einige Szenarien zu besprechen. Hier freuen wir uns auf Mitdenker*innen, da dies eine schwierige Frage ist, die wir nur gemeinsam beantworten können.
Dies scheint tatsächlich ein zentraler Widerspruch einer "Aufhebungspraxis" zu sein. Kann es tatsächlich ein richtiges Leben im falschen Ganzen geben? Kritiker könnten nun einwenden, dass die Keimform-Ansätze den notwendigen, kategorialen Bruch mit den herrschenden, in Chaos übergehenden Verhältnissen die Spitze nehmen, indem sie de facto den Rückzug von Aktivisten in gesellschaftliche Nischen beförderten.
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Es geht nicht um ein richtiges Leben im Falschen, sondern um das Praktizieren und Ausdehnen von neuen Beziehungsweisen (Bini Adamczak), welche in ihrer Verallgemeinerung eine freie Gesellschaft schaffen können. Diese Beziehungsweisen können im Falschen nicht richtig sein, aber bergen doch in sich die Potenz einer freien gesellschaftlichen Organisation. Damit nehmen diese Keimformen dem gesellschaftlichen Bruch nicht die Spitze, sondern entwickeln sich in Richtung auf den Bruch zu.
Dies ist das Element, das nicht-nischenhaften Bewegungen teilweise fehlt: Sie versuchen Allgemeinheit zu erringen, aber da sie keine neuen Formen der Vergesellschaftung und damit der Herstellung von Allgemeinheit aufbauen, bewegen sie sich in der alten Form, und dies ist in der Regel die politisch-staatliche Veränderung. Gerade diese Form aber nimmt dem emanzipatorischen Streben seine Spitze und lässt sie nur noch als 6-Stunden-Tag, Homoehe, Abschiebungskritik, Umverteilung etc. wirksam werden. Der kategoriale Bruch steht nicht am Ende einer politischen Bewegung, er fällt nicht nach der Revolution vom Himmel, sondern er kann sich nur in unseren Beziehungen, unseren sozialen Zusammenhängen entwickeln. Schlussendlich unbeschränkt entfalten kann er sich aber erst nach dem gesellschaftlichen Bruch, wenn die Keimformen und ihre Inklusionslogik dominant werden und die Gesellschaft bestimmen.
Keimformen schaffen Räume anderer Selbstverständlichkeiten, und so sehr auch linke Blasen oder emanzipatorisch-orientierte Milieus als Fluch und Beschränkung erlebt werden, so sehr werden uns ihre Vorteile schmerzlich bewusst, wenn wir Alltags-Sexismus und -Rassismus, Individualisierung und Vereinzelung in ungefilterter Bandbreite erfahren.
Diese Keimformen lassen sich aber nicht nur in kleinen süßen Projekten erleben, sondern auch auf Großdemonstrationen und mitten in sozialen Kämpfen. Auch hier versuchen wir unsere Bedürfnisse gegenseitig einzubeziehen und aufeinander aufzupassen, dies basiert häufig auf Freiwilligkeit und kollektiver Verfügung über Organisationsformen, Gruppenprozesse, Sprache etc. Doch oft werden die tatsächlich neuen sozialen Prozesse nur instrumentell als Mittel zum eigentlich wichtigeren anderen Zweck des politischen Ziels gesehen.
Wir schlagen vor, dass wir diese Praktiken als Keimformen ernst nehmen und sie als Beziehungsweisen bewusst entwickeln. Denn häufig schleicht sich eine Verwechslung ein, simpel gesprochen: Wir sind nett zueinander, um den politischen Output zu erhöhen, wir sollten aber politischen Output nutzen, damit wir zueinander nett sein können. Keimformen bedürfen politischer Kämpfe und werden durch sie erleichtert, aber die Reihung muss klar bleiben: Nicht die politische Macht wird uns Freiheit bringen, sondern neue Formen der Vermittlung und der Organisation. Die freie Gesellschaft wird nicht durch eine politisch-staatliche Veränderung erreicht, sondern durch eine Revolution unserer Beziehungen - interpersonal im Nahraum wie transpersonal gesellschaftlich.

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