"Wir kommen auch an Faxe heran"

Die neuen investigativen Aufklärer: Firmen wie World Compliance bieten Informationen über Personen und Firmen an

"Wir kommen auch an Faxe heran, an Verträge und andere Originaldokumente", bekannte Dirk Mohrmann, CEO der Firma World Compliance bei seinem öffentlichen Vortrag auf dem 11. Internationalen Polizeikongress in Berlin. Wie er an Faxe von Firmen herankommt, erläuterte der Repräsentant der Firma mit Sitz in Miami allerdings nicht.

Er sprach auf dem Podium zum Thema "European counterterrorism"-Strategien. Da die Firma weltweit tätig ist, besteht die Möglichkeit, dass deren Mitarbeiter davon profitieren, dass in anderen Ländern die Weitergabe von staatsanwaltlichen Ermittlungsakten gesetzlich erlaubt ist. "In Kolumbien gehen wir einmal in der Woche zum Gericht und holen uns die Akten ab", wird ein Vertreter des Unternehmens in Pressepublikationen zitiert. Die Daten, die "World Compliance" global einsammelt, werden ausgewertet und Kunden als Abonnement zur Verfügung gestellt.

Mitarbeiter in vier Kontinenten werten mehr als 20.000 Zeitschriften, Bücher und Gerichtsurteile in rund 20 Sprachen aus. Tauchen darin Anschuldigungen gegen Deutsche auf, kann eine Firma wie „World Compliance“ leicht in eine juristische Grauzone geraten. Denn zumindest in Deutschland gilt noch immer die Unschuldsvermutung. Und so mancher Weißer-Kragen-Kriminelle entgeht schließlich so einer Verurteilung. Wo aber zulässige Verdachtsberichterstattung endet und potentielle Geschäfts- und Rufschädigung beginnt, ist eine Gradwanderung.

Immerhin ergab ein Präzedenzurteil des Hamburger Landgerichts, dass selbst ein Bericht wie der des früheren Bundesrichters Schäfer im Auftrag des Deutschen Bundestags über die Kooperation von Journalisten mit dem Bundesnachrichtendienst BND keine sogenannten privilegierte Quelle ist. Für Journalisten bedeutet dies, keine Aussage aus dem Bericht darf verwendet werden, ohne vorher den Betroffenen um eine Stellungnahme zu bitten. Und Privatagent Werner Mauss erstritt gegen den Buchautor Wolfram Baentsch ein vergleichbares Präzedenzurteil. Der hatte Aussagen in Ermittlungsakten der Lübecker Staatsanwaltschaft über Werner Mauss zitiert. Das reicht jedoch nicht aus, befand das Frankfurter Landgericht. Der Journalist hätte entweder Mauss um Stellungnahme bitten müssen oder sämtliche Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nachrecherchieren und unabhängig selbst belegen müssen. In Zeiten karger Buchhonorare kaum noch zu leisten.

Da aber nach deutscher Gesetzgebung vor dem Recht noch immer alle gleich sind, muss das, was für Mauss gilt, auch für diejenigen Gültigkeit haben, die als potentielle Delinquenten in der Datenbank von "World Compliance" gebrandmarkt werden. Eine Frage für die Rechtsabteilung. Zumal die Kunden mit der Bewertung der Rechercheergebnisse noch weitgehend allein gelassen werden. Welcher Abonnent kennt sich schon mit den unterschiedlichen Rechtssystemen und der Aussagekraft von Dokumenten aus?

Vor allem aber bietet „World Compliance“ Banken und Versicherungen den Abgleich ihrer Kunden mit sogenannten Sanktionslisten. Wer auch immer weltweit im Beeich Terrorismus, Geldwäsche oder Korruption straffällig geworden ist, wird in einer Datenbank erfasst. "World Compliance" soll aber nicht nur Länderanalysen, Personenprofile und Risikobewertungen erstellen, sondern auch Themenrecherchen. Wer steckt tatsächlich hinter dem Waffen- und Diamantenschmuggel? Das sind Fragen, mit denen sich Rechercheure von „World Compliance“ beschäftigen sollen.

Journalisten, Doktoranden und ehemalige Mitarbeiter von Behörden untersuchen für die Firma mit Sitz in Miami, wer weltweit gegen Anstand und Gesetze verstößt. Das, was in den 70er Jahren einmal investigative Reporter von Magazinen wie Stern und Spiegel waren, wären demnach heute ausgerechnet die Mitarbeiter solcher Compliance-Firmen. Während Verlagshäuser die Dokumentationsabteilungen entlassen, somit die Fehlerquote erhöhen und kaum noch Geld ausgeben, um Themen wie Nuklearschmuggel, organisierte Kriminalität oder Fälle von Korruption selbst aufzudecken, bauen Unternehmen wie „World Compliance“ genau darauf. Immerhin können oder wollen immer mehr Banken und Firmen unsaubere Praktiken nicht länger dulden oder damit in Verbindung gebracht werden.

Ursprünglich entstand diese Art von Tiefenrecherche einmal aus Angst vor den Medien. Man wollte potentielle Skandale lieber selbst und schneller entdecken, bevor Magazine berichteten. Inzwischen brauchen sie diese Befürchtung kaum noch zu haben. Die 4. Gewalt ist inzwischen pleite. Hingegen „World Compliance“ und der Mitbewerber „World Check“ mit Sitz in Großbritannien machen weiter.

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