"Wir leben in einer Zeit der Gegenaufklärung"

Illusion des Informiertseins

Telepolis: In Ihrem gerade erschienenen Buch "Warum schweigen die Lämmer?" geht es insbesondere um Täuschung und Illusionen, was den Begriff der Demokratie und den Zustand der Gesellschaft angeht. Sie sprechen wörtlich von einer "Illusion des Informiertseins", für die "besonders die sogenannten gebildeten Schichten anfällig" seien. Gemeinhin würde man ja meinen, dass Gebildete für Täuschungen weniger anfällig sind. Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung?
Rainer Mausfeld: Viele Täuschungen und Illusionen, die sich auch für Zwecke der politischen Indoktrination nutzen lassen, beruhen auf Eigenschaften und Designprinzipien unseres Geistes. Die ihnen zugrunde liegenden internen Mechanismen sind weitgehend gegen introspektive Einblicke abgeschottet, so dass derartige Täuschungen auch dann noch funktionieren, wenn man uns darüber aufgeklärt hat, dass es Täuschungen sind.
Beispielsweise steigt in vielen Kontexten tendenziell der gefühlte Wahrheitsgehalt einer tatsächlich falschen Aussage, je häufiger sie dargeboten wird, ein Effekt der massiv erhöht wird, wenn die Aussage aus vermeintlich unabhängigen Quellen wiederholt wird. Beispielsweise, wenn wir zur Ukraine oder zu Syrien morgens den Deutschlandfunk hören, dann die Süddeutsche lesen und uns abends noch die Tagesschau ansehen. Selbst dann, wenn wir uns dieses Effektes bewusst, sind wir ihm immer wieder erlegen, unabhängig davon, ob wir Experten oder Laien sind. Auch die Illusion des Informiertseins gehört hierzu. Wir alle sind gleichermaßen anfällig für sie.
Es gibt jedoch noch einen anderen Aspekt, der über diese Art von Täuschungen hinausgeht und sich auf die Wirkungen von ideologischen Indoktrinationssystemen bezieht. Diese bilden ein vielschichtiges hochkomplexes Gewebe, durch das Machtbeziehungen gesellschaftlich reguliert werden. Neben der Ideologie der westlichen Wertegemeinschaft gehört bei uns die Ideologie dazu, dass es Indoktrinationssysteme natürlich nur in Staaten gebe, in denen wir einen Systemwechsel anstreben, und wir selbst weitgehend davon frei seien. Da unsere Gesellschaftsordnung auf Rationalität und westlichen Werten gegründet ist, können Ideologien in ihr natürlich keinen Platz haben. Die neoliberale Indoktrination erklärt sich ja selbst als Ende jeder Ideologie und als reines Wirken der Naturgesetzlichkeiten freier Märkte. Auf diese Art der Indoktrination bezieht sich meine Bemerkung, dass die sogenannten gebildeten Schichten besonders für die Illusion des Informiertseins anfällig sind.
Mit anderen Worten: Die Gebildeten erliegen oft der Illusion, selbst von Ideologien frei zu sein. Wie kommt es Ihrer Ansicht nach dazu?
Rainer Mausfeld: Der Grund ist recht banal: Zu diesen Schichten gehören diejenigen, die am längsten die Ausbildungsinstitutionen einer Gesellschaft durchlaufen haben und entsprechende Karrierefilter, sei es im Journalismus oder im akademischen Bereich, passiert haben. Ausbildungsinstitutionen einer Gesellschaft verkörpern jedoch ebenso wie die Karrierefilter in ideologierelevanten Berufen gerade die Kernideologien einer Gesellschaft - das ist eine soziologische Binsenwahrheit.
Folglich weisen zu allen Zeiten tendenziell gerade die sogenannten gebildeten Schichten einen besonders hohen Grad ideologischer Indoktrination auf; zugleich haben sie diese Indoktrination so tief internalisiert, dass sie sie gar nicht mehr als Indoktrination bemerken und, wie die Bewohner der Höhle in Platons Höhlengleichnis, ausgesprochen aggressiv reagieren, wenn sie darauf hingewiesen werden. Da sie sich kontinuierlich untereinander in ihren ideologischen Perspektiven bestärken, erhöht sich nach dem genannten Effekt der subjektive Wahrheitswert ihrer Meinungen und Haltungen, so dass es für sie oftmals im Wortsinne gar nicht mehr denkbar ist, dass es sich bei ihren Meinungen und Haltungen um ideologische Stabilisierungen von Machtverhältnissen handelt.
Sie sagen: "Wir schwimmen in der herrschenden Ideologie wie Fische im Wasser und bemerken sie daher gar nicht mehr." Es gebe "unsichtbare Ideologien". Um das einmal konkret zu machen: Welche solcher Denkmuster meinen Sie?
Rainer Mausfeld: Dazu gehören alle ideologischen Rahmenerzählungen und Interpretations- und Wertigkeitsschemata, die von der weit überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung geteilt werden und daher nicht mehr als Ideologie erkennbar sind. Das war im 19. Jahrhundert etwa der Rassismus, der als etwas nahezu Selbstverständliches von fast allen geteilt wurde, insbesondere in den sogenannten gebildeten Schichten. In westlichen kapitalistischen Demokratien ist es die meritokratische Ideologie, also die Ideologie einer Leistungsgesellschaft, der zufolge soziale Orte in einer gesellschaftlichen Ordnung nach individuell erbrachter Leistung zugewiesen werden, Gehalt und sozialer Status also durch die individuelle Leistung bestimmt würden.
Dieser Ideologie zufolge, sind diejenigen, die in unserer Gesellschaft oben sind, zu Recht oben, und diejenigen, die unten sind, zu Recht unten, weil sie eben in ihren individuellen Leistungen defizitär sind. Die meritokratische Ideologie ist gerade in der Macht- und Gesellschaftsordnung kapitalistischer Elitedemokratien die Lieblingsideologie derjenigen, die oben sind und die sich darüber hinaus noch das Gefühl geben wollen, dass sie zu Recht oben sind, indem sie den Verlierern dieser Machtordnung die Schuld für ihre Situation selbst zuschreiben.
Welche versteckten Denkmuster sehen Sie noch?
Rainer Mausfeld: Zu den fast unsichtbaren Ideologien gehören auch die Ideologie der westlichen Wertegemeinschaft und allgemeiner der Exzeptionalismus, mit dem sich einzelne Nationen eine Sonderstellung unter den Nationen zuschreiben und darauf bestehen, dass ihre Verbrechen, seien es schwerste Kriegsverbrechen, Folter oder schwerste Verletzungen des Völkerrechts, nach anderen Kriterien zu bewerten seien, als die Verbrechen anderer Staaten.
Auch die Ideologie, dass die repräsentative Demokratie die beste oder zumindest einzig realisierbare Verkörperung der demokratischen Leitidee sei oder, genauer, dass sie überhaupt demokratische Intentionen verkörpere, gehört zu den nahezu unsichtbaren Kernideologien unserer kapitalistischen Elitedemokratien.
Die hier beschriebene Beeinflussung der Bevölkerung bezeichnen Sie als "Tiefenindoktrination", mit der "ganze Denkräume und Denkmöglichkeiten" unsichtbar gemacht würden. Sie sprechen dabei von einer "kollektiven Hypnose" und sagen: "Die Machtunterworfenen sollen nicht einmal wissen, dass es - hinter der an der medial vermittelten politischen Oberfläche scheinbar demokratisch kontrollierter Macht - überhaupt Zentren der Macht gibt." Tatsächlich wird in den Leitmedien vehement bestritten, dass es eine zielgerichtete Machtstruktur im Hintergrund der Regierungen und Parlamente gäbe. Eine solche Annahme gilt sozusagen als "die" Verschwörungstheorie schlechthin. In früheren Zeiten war solches Wissen noch Allgemeingut. Die SPD schrieb in ihrem Grundsatzprogramm von 1925, dass "übermächtige Beherrscher der Wirtschaft die Gesellschaft in ihre ökonomische Abhängigkeit bringen" und "das ganze ökonomische und politische Getriebe im Staate der Botmäßigkeit einiger weniger Finanzmagnaten unterworfen" sei. Diese Sätze waren über 30 Jahre offizielles Parteiprogramm der SPD. War die Bevölkerung in den 1920er Jahren schon mal aufgeklärter als heute?
Rainer Mausfeld: Der Ausdruck "kollektive Hypnose" stammt sinngemäß von dem englischen Dramatiker Harold Pinter, der in seiner Nobelpreisrede eine schonungslose Abrechnung mit der Ideologie und Realität der westlichen Wertegemeinschaft gibt.
Was das Verständnis von Machtbeziehungen angeht, so gehört es zu den Eigenschaften unseres Geistes, dass wir Machtverhältnisse in personellen Kategorien denken und folglich große Schwierigkeiten haben, Formen der Macht, die in abstrakter, struktureller Weise organisiert sind, überhaupt zu erkennen und zu verstehen. Strukturelle Macht ist aus Gründen der Funktionsweise unseres Geistes praktisch unsichtbar.
Selbst wenn man einmal kontrafaktisch annimmt, dass es im Hintergrund von Regierungen und Parlamenten keine konkreten Personen gibt, die über mehr Einflussmacht verfügen als der Rest der Bevölkerung, würde daraus keineswegs folgen, dass es keine strukturell organisierten Formen von Macht gäbe, die systematisch und zielgerichtet Einfluss ausüben. Auch diese Dinge sind natürlich in den Forschungsbereichen, die sich mit Macht und ihrer Organisation beschäftigen, seit vielen Jahrzehnten wohlbekannt. Je mehr man also über die Medien den Fokus der Bevölkerung auf personelle Aspekte der Macht lenkt, desto wirksamer blockiert man ihr Verständnis realer struktureller Organisationsformen der Macht.
Man denkt an die mediale Manie, mit der auf Trump oder Putin geschaut wird.
Rainer Mausfeld: So lassen sich mit geringem Aufwand die tatsächlichen Zentren politischer und ökonomischer Macht für die Bevölkerung praktisch unsichtbar machen. Die Frage nach den tatsächlichen Zentren ökonomischer und politischer Macht kann natürlich nur durch geeignete empirische Studien beantwortet werden. Hierzu gibt es mittlerweile eine Fülle sorgfältiger empirischer Analysen, auf die ich auch im Buch eingehe. Auch darüber, wie und in welcher Weise die Medien in diese Machtstrukturen eingebettet sind, gibt es seit den Pionierarbeiten von Herman und Chomsky eine Fülle empirischer Studien.
Beispielsweise kontrollieren wenige Großkonzerne, wie Comcast, Walt Disney Company, 21st Century Fox oder Time Warner, praktisch 90 % aller US-Nachrichtenmedien, wobei auch diese Großkonzerne wiederum in komplexer Weise über Kapitalgesellschaften verbunden sind. Selbstverständlich hat dies keine Auswirkungen auf die Arbeit der in diesen Medien arbeitenden Journalisten, denn diese sind nur ihrem beruflichen Ethos verpflichtet und wissen die Kapitalinteressen ihrer Besitzer klar von ihren journalistischen Verpflichtungen zu trennen.
Sie haben Humor.
Rainer Mausfeld: Leider sind ja heute die Möglichkeiten einer Offenlegung von Machtverhältnissen durch die Mittel einer satirischen Zuspitzung weitgehend außer Kraft gesetzt; vor allem die Realität der Medien hat sich den Möglichkeiten satirischer Übertreibungen entzogen.
Zu den tatsächlichen Zentren der Macht: Die vorliegenden umfangreichen empirischen Macht-Struktur-Analysen zeigen, dass sich seit den 1970er Jahren, also mit dem Beginn der neoliberalen "Revolution von oben", die Organisationsformen von ökonomischer und politischer Macht grundlegend geändert haben. Nun wurde politische und ökonomische Macht in zunehmend abstrakterer Weise organisiert. So löste sich auch jede gesellschaftliche Verantwortlichkeit in den Geflechten abstrakter Netzwerke auf. Politische Veränderungsbedürfnisse der Machtunterworfenen konnten nun keine konkreten, also politisch wirksamen Ziele mehr finden.
Anders gesagt: Viele Menschen wissen nicht mehr, gegen wen sie eigentlich demonstrieren sollen.
Rainer Mausfeld: Der Veränderungswille der Bevölkerung hat keine Adressaten mehr unter den tatsächlichen Entscheidungsträgern. Mit der sogenannten Globalisierung wurden zudem gezielt Mechanismen geschaffen, durch die sich ökonomische Macht in politische Macht transformieren lässt.
Übrigens gehört auch der Begriff der Globalisierung, der von vielen geradezu mystifiziert wird, zum Falschwörterbuch des Neoliberalismus, denn die neoliberale Globalisierung ist letztlich nichts anderes als eine ganz neuartige Form eines Nationalismus wirtschaftlich starker Länder. Jedenfalls wurde durch die radikale Neuorganisation von Macht das neoliberale Umverteilungsprojekt wirksam gegen demokratische Eingriffe abgedichtet.
Solange wir diese neuen Formen der Organisation von Macht nicht verstehen, müssen alle emanzipatorischen Bemühungen und Versuche ihrer zivilisatorischen Einhegung letztlich scheitern, also das, worum es gerade in der Aufklärung ging.
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