Wir lieben die Lüge und die Verführung mehr als die Wahrheit

Bild: MaxPixel/CC0

Eine Analyse über die Verbreitung von Informationen auf Twitter macht deutlich, dass Falschinformationen schneller und weiter verbreitet werden, weil sie vermutlich neuartiger und überraschender sind

Angeblich wollen alle die Wahrheit hören und werfen den anderen Lug und Trug vor. Tatsächlich ist aber die Lüge, also die List, dem anderen eine Falle zu bauen und ihn etwas glauben zu lassen, was nicht der Fall ist, eine wichtige Kulturleistung, die auch die Erfindung von Techniken der Täuschung zur Folge hat und vielleicht auch der Möglichkeit zugrundeliegt, technisch die Welt zu verändern. Menschen haben dieses Spiel perfektioniert, weil sie sich wie im Spiegelbild als anderen sehen und damit sich selbst aus den Augen eines anderen betrachten können. Das erleichtert das Schauspielen enorm, die Faszination daran treibt uns in die Kunst, in den Schein, die Fiktion, die Simulation. Das, was ist, erscheint uns oft zu banal und zu langweilig, wir leben im Möglichen. Schließlich ist selbst die Suche nach Wahrheit immer verbunden mit einem Trick, angeblich hinter die Bühne zu schauen, als ob dort nicht auch nur ein anderes Schauspiel geboten wird.

Kürzlich hatten Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Science eine Studie veröffentlicht, die herausfand, dass sich unwahre Behauptungen und auch "Verschwörungstheorien" nicht nur schneller verbreiten als wahre Geschichten, sondern auch von deutlich mehr Menschen rezipiert und weitergegeben werden. Die Wissenschaftler haben zwischen 2006 und 2017 die Verbreitung von durch faktenüberprüfende Organisationen (snopes.com, politifact.com, factcheck.org, truthorfiction.com, hoax-slayer.com, urbanlegends.about.com) nachgewiesen wahren und falschen Nachrichten auf Twitter analysiert. Ob diese "Organisationen" richtig vorgegangen waren, wurde nicht überprüft, ebenso spielte keine Rolle, ob mutmaßlich falsche Informationen bewusst zur Irreführung oder aus anderen Gründen weitergegeben wurden.

Dabei haben sie auf den Begriff der Fake News verzichtet, der zu einem Kampfbegriff geworden sei, um unerwünschte Nachrichten zu diskreditieren, allerdings verwenden sie nicht nur die Kennzeichnung von wahr und falsch, sondern sprechen eben auch von Verschwörungstheorien, die ebenso wie Fake News zu einem Kampfbegriff geworden sind. Nicht zuletzt sollten mit der negativen Belegung des Begriffs durch die CIA auch gezielt unerwünschte Gedanken über Zustandekommen von Ereignissen, in dem Fall die Hintergründe des Attentats auf John F. Kennedy, bekämpft werden. Verschwörung ist denn auch im amerikanischen Recht ein Straftatbestand, wenn zwei oder mehr Personen verabreden, eine Straftat zu begehen. Abgesehen davon sind politische Verschwörungen oder geheime Absprachen gang und gebe und keineswegs ein Phänomen der Neuzeit.

Unter den 126.000 Stories, die von 3 Millionen Menschen 4,5 Millionen mal getwittert wurden, mögen daher auch falsch-positive oder falsch-negative dabei gewesen sein. Aber der Trend dürfte schon stimmen, dass mutmaßlich falsche Informationen sich schneller und weiter verbreiter als mutmaßlich wahre. Die Wissenschaftler stellten fest, dass falsche Informationen mit einer 70 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit in einer Retweet-Kaskade weiterverbreitet werden als wahre. Die "besten" Falschinformationen erreichten zwischen 1000 und 100,000 Menschen, die wahren kaum mal tausend. Weitgehend bestätigt wurden die Ergebnisse der durch die sechs faktenprüfenden Organisationen durch eine Untersuchung von weiteren Gerüchtekaskaden durch drei unabhängig bewertende Studenten. Ende 2013, 2015 und 2016, also bei der Präsidentschaftswahl wurden am meisten Falschinformationen verbreitet. 2014 gab es einen Höhepunkt von Gerüchten mit teils wahren und teils falschen Informationen über die "Annexion" der Krim.

Ein wenig schmunzeln muss man schon, wenn die Wissenschaftler schreiben, dass die Definition von wahr und falsch "zu einer normalen politischen Strategie" geworden sei, die "Diskussionen über gegenseitig akzeptierte Fakten ersetzen". Es wird also so getan, als seien Versuche, wahr von falsch zu unterscheiden, irgendwie neueren Datums, um dann verwundert mit Verweis auf die Börsen festzustellen: "Unsere Ökonomien sind ebenfalls nicht gegenüber der Verbreitung von falschen Informationen immun."

Die Unterscheidung ist selbstverständlich uralt und liegt natürlich nicht nur der Wissenschaft zugrunde, sondern auch jeder Religion, aus deren Kritik die Philosophie vor mehr als 2000 Jahren entstanden ist. In Gesellschaften und Gruppen, die täuschen können, findet fortwährend ein Betrugs- und Aufklärungsspiel statt, auch Spielen beinhaltet stets eine Überschreitung des Realen in ein Als-Ob, was dann wiederum wie bei Computerspielen die Frage nach sich ziehen kann, ob die Spieler eventuell nicht mehr zwischen Realität und Simulation unterscheiden können. Das Heraustreten aus der scheinbaren Faktizität oder Realität ist letztlich auch die Möglichkeit von Wissenschaft.

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