Wir schlafen zu wenig

Von der chronisch übermüdeten Gesellschaft und der biologischen Uhr

Der flexible, dynamische, aktive und kreative Menschen, der stets bereit und immerzu erreichbar ist, scheint das Vorbild der globalen Gesellschaft zu sein, in der es möglichst nicht mehr Nacht werden und alles 24 Stunden täglich in Betrieb sein soll. Also muß auch nachts und in wechselnden Schichten gearbeitet werden, was bei den Betroffenen allerdings häufig zu Schwierigkeiten führt, deren biologische Uhr, gekoppelt an das Sonnenlicht, dabei durcheinander gerät.

Am Center for Biological Timing in Virginia hat man vor kurzem die Nervenzellen aus dem Hypothalamus, die für die biologische Uhr verantwortlich sein sollen, aus den Gehirnen von Mäusen entfernt, sie noch lebend in eine Nährlösung gegeben und mit Elektroden verbunden. Die Zellen gaben weiterhin die regelmäßigen elektrischen Impulse ab, mit denen die biologische Uhr den Tagesrhythmus bestimmt, der dann noch mit der Lichteinstrahlung abgeglichen wird.

Man hofft, wie Gene Block, der Leiter des Forschungsprojekts sagt, damit den Mechanismus der biologischen Uhr besser zu verstehen, so daß es möglich wird, sie mit Medikamenten zu beeinflussen: "Daher können wir die Hoffnung hegen, die Phase eines Nachtarbeiters so zu verändern, daß er während seiner ganzen Schicht aufmerksam sein kann." Auch Schlafstörungen oder der Jetlag könnten besser behandelt werden. Wie so oft also, sollen durch neue wissenschaftliche oder technische Entwicklungen auch Symptome sekundär beseitigt werden, die durch unsere Lebensweise oder durch ökonomische Zwänge entstehen. Man paßt den Menschen an die Verhältnisse an.

Allerdings haben eben Wissenschaftler aus Lübeck nachweisen können, wie sie in der Zeitschrift Nature berichten, daß die biologische Uhr nicht ganz automatisch läuft, sondern vom Bewußtsein der Menschen beeinflußt werden kann. Wer regelmäßig zu einer bestimmten Zeit aufsteht oder weiß, daß er etwa früher als sonst aufstehen muß, wacht oft auch eben zu dieser Zeit auf, weil sich die biologische Uhr daran anpaßt oder vielmehr zwei Hormone abgegeben werden, die das Gehirn aufwecken. Auch Jan Born von Lübeck ist der Meinung, daß die Erkenntnisse über die Aufweckhormone für Nachtarbeiter und für diejenigen, die Schwierigkeiten haben, am Morgen aus dem Bett zu kommen, oder die tagsüber hin und wieder eindösen, hilfreich sein könnten. Also wieder Hormone anstatt einer Veränderung der Arbeitszeit oder der Schlafgewohnheiten?

Während in den USA in den siebziger Jahren die meisten Menschen ungefähr 41 Wochenstunden gearbeitet und 26 Stunden wöchentlich mit Freizeitaktivitäten zugebracht hätten, betrage in den 90er Jahren die durchschnittliche Wochenarbeitszeit fast 48 Stunden und seien die Freizeitaktivitäten auf 16 Stunden um mehr als ein Drittel geschrumpft. Immer mehr Menschen, die nicht in den alten geregelten Arbeitsverhältnissen stehen, arbeiten länger als acht Stunden und wollen ja schließlich auch noch etwas anderes machen, sich beispielsweise fit halten, um gesünder und länger zu leben, oder einfach ihren Absprüchen an Freizeitbeschäftigung nachgehen. Und dann kommen noch die Medien hinzu, die ihren Anteil an der Aufmerksamkeit und damit am Wachzustand einfordern. Um Zeit zu gewinnen, wird die Schlafzeit einfach verkürzt, die unnütze Phase, die uns von unserer Biologie ebenso aufgezwungen wird wie der Tod.

Andererseits scheint Schlaflosigkeit in den modernen Gesellschaften zu einem immer größeren Problem heranzureifen. So leiden zwei von drei Briten und sogar drei Viertel aller Schweden nach einer neueren Untersuchung an Schlafstörungen. Am schlimmsten betroffen scheint die Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren zu sein, also just da, wo die "Karriere" beginnt und der Stress am höchsten ist. Bei den Deutschen, die in den fünf untersuchten Ländern am besten abschnitten, leiden nur 45 Prozent an Schlafschwierigkeiten. Daran findet natürlich die Pharmaindustrie Gefallen, die einen besseren Umsatz mit Schlafmitteln macht, und Alkoholkonsum ist teilweise wahrscheinlich auch eine Reaktion auf Schlafstörungen. Um die Ermüdung abzubauen, gibt es neben Tee, Kaffee, Schokolade, Kakao oder Nikotin auch eine Vielzahl von Aufputschmitteln. Colagetränke fügen dem Bild der sich aufputschenden und dann unter Schlafstörungen leidenden Bevölkerung noch einen Aspekt hinzu, denn Coca-Cola wurde zunächst als Aufputschmittel von seinem Erfinder entwickelt und setzte sich erst später als "Erfrischungsgetränk" durch, das zum Leben gehört.

Tatsächlich haben Forschungen ergeben, daß die Menschen in der westlichen Welt in aller Regel ein bis zwei Stunden weniger als noch vor hundert Jahren schlafen. Durchschnittlich kommen wir auf etwa siebeneinhalb Stunden. Und acht Stunden, so hören wir, müssen einfach reichen. Wer länger schläft, nähert sich schon dem Faulpelz. Und auch die Kinder und Jugendlichen schlafen immer kürzer, denn sie gehen immer später ins Bett. Mangelnde Leistungsfähigkeit in der Schule, Konzentrationsschwächen oder Hyperaktivität können die Folge sein.

Wenn man Menschen jedoch ihren Schlafrhythmus selbst finden läßt, so stellt sich meist eine tägliche Schlafdauer von etwa 10 Stunden und manchmal sogar noch mehr ein. In einem Versuch wurde einmal nachgestellt, wie die Menschen wohl früher ohne die Anforderungen und Verführungen moderner Gesellschaften und ihrer Stimuluskulisse geschlafen haben könnten, denn schließlich hat die städtische Kultur erst vor etwa 10000 Jahren begonnen und lebt erst in diesem Jahrhundert die Mehrzahl aller Menschen auf der Erde in Städten, in denen es mit der künstlichen Helligkeit nicht mehr nacht wird. Die Versuchspersonen des Experiments jedenfalls gingen während des Tages ihrer gewohnten Arbeit nach, legten sich aber bei Sonnenuntergang ins Bett und standen bei Sonnenaufgang wieder auf. Angeblich sollen sie berichtet haben, daß sie nach 16 Stunden Schlaf und Dösen zum ersten Mal verstanden hätten, was "ausgeruht sein" wirklich bedeute.

Auf den Breitengraden, wo die ersten Menschen vermutlich und für lange Zeit vor den großen Wanderungen gelebt, also sich auch angepaßt haben, ist es durchschnittlich etwa 12-14 Stunden dunkel. Da war, abgesehen von Festen oder anderen seltenen Gelegenheiten, wahrscheinlich meist Schlafen angesagt. Kann unser Körper mithin sich so schnell adaptieren, daß er in wenigen Jahrtausenden oder gar in einem Jahrhundert auf ein paar Stunden Schlaf täglich ohne Folgen verzichten kann?

Nein, sagt der Psychologe und Schlafforscher Stanley Coren: Wir sind ständig übermüdet und leben als Mitglieder einer "unausgeschlafenen Gesellschaft", in der seltsamerweise das Wach- und Aktivsein alles ist, in der überdies der Kampf um die energieverzehrende und knappe Aufmerksamkeit der chronisch Müden immer heftiger geführt wird.

Untersuchungen bei Menschenaffen, unseren nächsten Verwandten, haben ergeben, daß Schimpansen ebenfalls etwa 10 Stunden schlafen, Gorillas sogar 12 Stunden, also den halben Tag. Genausoviel aber bräuchten wir eigentlich auch, sagt Coren, um wirklich leistungsfähig, aufmerksam und in gesundem körperlichem Befinden durchs Leben zu gehen. Optimal wären jedenfalls neun bis zehn Stunden. Schließlich wird auch das Immunsystem im Schlaf stärker aktiviert. Unausgeschlafen in die Arbeit zu kommen oder Fahrzeuge zu lenken, müßte für Coren ebenso verpönt sein, wie wenn man betrunken erscheint oder am Steuer sitzt. Alle Säugetiere zumindest kennen nicht nur den Tiefschlaf, sondern auch den REM-Schlaf, also Traumphasen. Man weiß zwar noch immer nicht genau, welchen biologischen Zweck das Träumen hat, aber es ist unbedingt nötig, um psychisch und physisch gesund zu bleiben und hat wohl auch etwas mit größeren Gehirnen zu tun, die dadurch ohne äußere Reize neu gebootet werden und eine Zeitlang gewissermaßen leer laufen, also keine äußeren Daten verarbeiten. Selbst Delphine, die immer nur ein paar Sekunden einnicken, zeigen solche REM-Phasen.

Läßt sich aber feststellen, welche Folgen zu wenig Schlaf für eine Gesellschaft haben kann? Coren hat sich zu diesem Zweck die kanadischen Statistiken über Verkehrsunfälle beim Übergang von der Winterzeit zur Sommerzeit im Frühjahr und beim Übergang von der Sommerzeit zur Winterzeit im Herbst angeschaut. Während wir an dem einen Tag meist eine Stunde kürzer schlafen, so gewinnen wir mit dem Beginn der Winterzeit eine Stunde - und das ist so für eine ganze Gesellschaft. einmal eine Stunde weniger zu schlafen, scheint bedeutungslos zu sein, aber die Ergebnisse Corens zeigen doch ein anderes Bild. Der Verlust von einer einzigen Stunde Schlaf erhöht das Risiko eines Verkehrsunfalls um sieben Prozent und das eines tödlichen Unfalls um sechs Prozent. Nach vier Tagen ist diese Steigerung wieder verschwunden. Mit einer zusätzlichen Stunde Schlaf zu Beginn der Winterzeit gehen hingegen Verkehrsunfälle um 7 Prozent zurück.

Coren folgert, daß unser Schlafdefizit angesichts dieser Zahlen ziemlich hoch sein muß. Erfaßt aber wurden nur die Verkehrsunfälle: "Wie viele schlechte Entscheidungen wurden an diesem Tage von benebelten Gehirnen gefällt? Wie viele nicht ganz so schwere Unfälle ereigneten sich bei der Arbeit und zu Hause wegen eines Mikroschlafs oder einer momentanen Unaufmerksamkeit? Wie viele fehlerhafte Teile rollten auf dem Fließband an der Qualitätskontrolle vorbei, weil jemand einfach nicht mehr aufpassen konnte? Wie viele Planungsfehler wurden übersehen? Wie viele Computer falsch programmiert?" Alljährlich entstünde allein in den USA nach einer Studie für das Jahr 1988 durch auf Schlafmangel zurückzuführende Fehlentscheidungen und Unfälle ein direkter Schaden von über 56 Milliarden Dollar, eine Zahl, die Coren für fiel zu niedrig einschätzt. 25000 Todesopfer und 2,5 Millionen Schwerverletzte seien jedes Jahr das Ergebnis der unausgeschlafenen Gesellschaft. Aber natürlich sind die "gesellschaftlichen Kosten" noch höher: Durch Übermüdung verursachte Verletzungen am Arbeitsplatz sollen 1988 zu einem Ausfall von fast 30 Millionen Arbeitstagen, außerhalb der Arbeit entstandene Verletzungen zu einem zusätzlichen Verlust von 23 Millionen Arbeitstagen geführt haben, wobei die Langzeitfolgen in diese Berechnungen nicht einbezogen wurden.

Angeblich seien Müdigkeitserscheinungen für 40 Prozent aller Verkehrsunfälle verantwortlich. Coren verweist darauf, daß auch die spektakulären Unfälle der letzten Zeit meist auf Müdigkeit zurückzuführen sind, die einen wesentlichen Anteil am "subjektiven Faktor" innehat. "Was haben das Atomunglück von Tschernobyl, die Beinahe-Kernschmelze von Three Mile Island, die vom öltanker Exxon Valdez verursachte Umweltkatastrophe und der Verlust der Weltraumfähre Challener gemeinsam? Alle diese Unglücksfälle wurden von Menschen ausgelöst, die Fehler gemacht haben, weil ihnen der Schlaf fehlte."

Und Coren nennt auch einen der Hauptverantwortlichen für die unausgeschlafene Gesellschaft: Thomas Alva Edison, der neben dem Plattenspieler und der elektrischen Schreibmaschine, Filmkameras und Mikrofonen auch die elektrische Glühbirne erfand - und es damit ermöglichte, den Nacht zum Tag zu machen, also arbeiten oder seinen Vergnügungen nachgehen zu können. Tatsächlich war wahrscheinlich die Glühbirne wesentlich dafür verantwortlich, daß wir heute weniger als vor ihrer Erfindung schlafen. Edison war der Meinung, daß der Schlaf nur eine Zeitverschwendung sei und daß Menschen, die acht oder zehn Stunden lang schlafen, einhundert Prozent mehr als nötig schlafen, wodurch sie dumm und faul werden. Die weitestgehende Abschaffung des Schlafs würde zu einer Verlängerung des Arbeitstages führen, wodurch die Produktivität und damit der Wohlstand gesteigert und der Fortschritt beschleunigt würde.

Schlafen sei nur eine schlechte Angewohnheit, und er behauptete einer von jenen Menschen wie da Vinci, Napoleon, Tesla, Churchill oder John. f. Kennedy zu sein, die nur mit wenig Schlaf auskommen. Tatsächlich scheint er nachts nicht lange geschlafen zu haben - dafür aber hat er sich während des Tages gelegentlich ein Nickerchen gegönnt und kam so möglicherweise auch auf sein Schlafpensum. Henry Ford, der das Fließband in seiner Autofabrik einführte und von der Glühbirne profitierte, soll einmal unerwartet zu Edisons Labor gekommen sein, um den rastlosen Erfinder zu besuchen. Einer der Technik hielt ihn davon ab, sein Büro zu vertreten, weil er gerade sein Nickerchen mache. Ford fand das amüsant: "Ich dachte immer, Mr. Edison würde nicht viel schlafen."

Stanley Corens Buch ist übrigens keine trockene Abhandlung, sondern mit viel Witz geschrieben: mit den vielen überraschenden Geschichten über die mit dem Schlafen zusammenhängenden Folgen und Phänomenen ist es eine leichte, aber interessante und natürlich für mehr Schlaf engagierte Lektüre, die sich auch im Bett lesen läßt, wenn man das Schlafen mit dem künstlichen Licht noch ein wenig hinausschieben will.

Stanley Coren: Die unausgeschlafene Gesellschaft. 448 Seiten. Rowohlt Verlag. 42 Mark. (Florian Rötzer)

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