"Wir schreiben, was ist"

Auf einer neuen Webseite wehren sich Journalisten gegen Angriffe und pauschale Vorwürfe

Auf der Internetseite Lügenpresse.de melden sich Journalisten in kurzen Videostatements zu Wort, um sich gegen Angriffe zu wehren, denen Vertreter von Medien seit geraumer Zeit ausgesetzt sind ("Medienkritik" mit Pfefferspray).

Lügenpresse? Den Vorwurf lassen wir nicht gelten, lautet der Tenor aus den über 20 Videos, die derzeit auf der Webseite zu finden sind. Zu den Journalisten, die die Pauschalverurteilungen nicht hinnehmen wollen, gehören unter anderem die Chefredakteure der Leipziger Volkszeitung und der Sächsischen Zeit, aber auch freie Journalisten und Radioreporter. Das Portal hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Stimmen, die den eigenen Berufsstand und die Berichterstattung kritisch hinterfragen, reihen sich an Aussagen, die die Vorwürfe an die Medien viel zu einfach beiseite wischen.

Über Monate haben wir Journalisten geschwiegen. Wir ließen uns beschimpfen und wehrten uns kaum. Wir ertrugen den Un-Sinn aller Montagsredner und waren fortan die "Lügenpresse". Überall! Im Fußball-Stadion, im Stadtgespräch, sogar im Familienkreis. Und viele dachten, das geht von allein wieder weg. Tut es aber nicht! Deshalb wird es Zeit, dass die "Lügenpresse" das Wort ergreift und wir unsere Version erzählen. Hier spricht also die "Lügenpresse"!

Lügenpresse

Mit diesen Worten treten über 20 Journalisten auf der Internetseite Lügenpresse.de pauschalen Vorwürfen entgegen, wonach Medien generell Lügen verbreiten und nicht korrekt berichten. Die Vorschaubilder der Videos sind in schwarz-weiß, berührt man sie mit dem Mauszeiger, werden sie farbig. Der Grundgedanke hinter dieser Webseitengestaltung ist: Die Sichtweise der "Lügenpresse-Schreier" ist auch schwarz-weiß, aber die Videos in Farbe sollen vermitteln, dass das Leben in Wirklichkeit "bunt" ist, heißt es auf dem Portal.

Screenshot von Lügenpresse.de

Mit diesen Aussagen sind die Positionen klar abgesteckt. Auf der einen Seite stehen Vertreter derjenigen, die Lügenpresse rufen und die Wirklichkeit oft nur in einer den realen Verhältnissen nicht gerecht werdenden Eindimensionalität wahrnehmen, und auf der anderen Seite erfahrene Journalisten, wie etwa die Chefredakteure von der Leipziger Zeitung oder der Sächsischen Zeitung, die die Welt auf eine komplexere und vielschichtigere Weise erkennen wollen.

Die Videos, die Titel tragen wie "Lügenpresse ist eine ganz große Verschwörungstheorie", "Mir sagt niemand, was ich zu berichten habe", "Wir schreiben, was ist" oder "Wer nicht unsere Meinung schreibt, der lügt" lassen den Eindruck entstehen, dass die Webseite gerade eben jene unterkomplexe Wirklichkeitsvorstellungen transportiert, der sich die Macher selbst entgegenstellen wollen.

Die Aussagen in den Videos sind dann aber zumindest teilweise doch differenzierter, als es die Webseite auf den ersten Blick vermuten lässt. So erkennt etwa Anne Fischer vom Online-Magazin Sputnika, dass "im Journalismus nicht alles ok" ist, und bemerkt, dass es eine "breite Masse" an Menschen gibt, die sich von den Medien nicht mehr repräsentiert fühlen.

Die freie Journalistin Doreen Reinhard führt außerdem aus, dass man durchaus auch mit den Kritikern auf der Straße reden könne, wenn das Geschrei von der Lügenpresse abgeebbt sei.

Peter Stawowy, der ehemalige Chefredakteur der Jugendzeitschrift Spiesser, weiß davon zu berichten, dass er im Zusammenhang mit dem "Projekt Spiesser" einmal beobachten konnte, wie viele Medien einem Bericht des Leitmediums Spiegel einfach gefolgt sind, ohne diesen eigenständig zu hinterfragen. Außerdem regt er an, dass seine Zunft den Vorwurf von der Lügenpresse auch aufnehmen könne, um die eigene Arbeit einer selbstkritischeren Betrachtung zu unterziehen.

Trotz dieser teilweisen kritischen Selbstbetrachtung finden sich aber immer wieder auch Aussagen in den Videos, die selbst soweit Komplexität reduzieren, dass eine berechtigte Medienkritik auf der Strecke bleibt.

Wenn etwa ein Journalist der Sächsischen Zeitung sagt, dass "wir schreiben, was ist", wird mit einer sloganartigen Formulierung der hochkomplexe und zugleich mit vielen Problemen beladene Prozess der journalistischen Realitätsabbildung und Realitätsschaffung außer Acht gelassen. So wenig wie ein Bild wirklich die Realität unverzerrt abbilden kann (z.B. bestimmt alleine bereits der Ausschnitt, was zu sehen, was nicht zu sehen ist), so wenig kann ein Journalismus maßstabsgetreu zeigen, "was ist".

Das, was an den Leser, den Zuschauer, den Hörer herangetragen wird, also das, "was (angeblich) ist", ist sehr stark vom Blick, der darauf veranschlagt wird, geprägt. Filter, die sich alleine schon durch die verschiedenen Formen der Sozialisation entwickelt haben, lenken oft genug den Blick der Akteure, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Diese Einflüsse machen sich schließlich, auf die eine oder andere Weise, auch in dem bemerkbar, was auf journalistische Weise "gezeigt wird". Wer sagt, dass Journalisten zeigen können "was ist", überschätzt nicht nur weit die Möglichkeiten, die Medien haben, er ignoriert auch eine Kritik, die hinterfragt, wie objektiv Journalismus überhaupt sein kann.

Nicht minder problematisch ist auch die Aussage eines Reporters vom Deutschlandradio, der auf die Vorwürfe eingeht, wonach unter anderem die Öffentlich-Rechtlichen in "irgendeiner Form gesteuert" seien. "Absurd" seien diese Vorwürfe "wenn man die Abläufe in den Redaktionen" kenne.

Der Vorwurf einer "gesteuerten Presse" wird als unhaltbar abgetan, weil sich die persönliche Erfahrung, die besagt, dass "niemand steuert", man weitestgehend freie Hand bei der Berichterstattung hat, dem Vorwurf entgegenhalten lässt. Ausgeblendet wird so allerdings, dass die Vorstellungen von so manchem Medienkritiker, die Presse müsse von einer Art unsichtbaren Hand geführt werden, nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Wer sagt, dass "die Medien" nicht gesteuert werden, blendet aus, dass auch "freie Medien" einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt sind, die direkte und indirekte Auswirkungen auf Programme, auf den Journalismus, auf Berichterstattung haben.

Die Homogenität und die Verzerrungen in der Berichterstattung, entstehen nicht durch "einen Zufall". Sie sind das Produkt, wenn man so will, komplexer "Steuerungsprozesse", die nicht so einfach freizulegen sind. Eine Reduktion von Komplexität findet zwar in den Aussagen derjenigen statt, die meinen, dass eine komplette Medienlandschaft (oder zumindest Teile von ihr) von irgendeiner konkret benennbaren "Macht" bzw. einer oder mehreren Interessengruppen "gesteuert" werden, aber zugleich erkennen sie sehr wohl, dass mit der Berichterstattung etwas "nicht stimmt", dass auf irgendeine Weise "Eingriffe" erfolgen müssen, da die Einseitigkeit in der Berichterstattung doch auffallend ist.

Doch diese "Eingriffe", die hier vermutet werden, gehen nicht auf eine verschworene Gruppe zurück, die hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hält. Die Homogenität, die Einseitigkeit, die Voreingenommenheit in der Berichterstattung hat vielmehr mit einem journalistischen Feld zu tun, dessen Zusammensetzung selbst alles andere als ein Musterbeispiel für soziale Vielfalt ist. Immer wieder haben Studien aufgezeigt, dass das journalistische Feld seine Mitglieder vor allem aus den gehobenen Schichten der Gesellschaft rekrutiert. Anders gesagt: Insbesondere auf den oberen Rängen in den Medien finden sich viele Akteure, die mit einem sehr ähnlichen Blick auf die Welt und die Gesellschaft schauen.

Hinzu kommt: Auch "krumme Gewächse" von außerhalb der höheren Schichten, die Einlass in das journalistische Feld erhalten und eine eigene bzw. andere Sicht auf "die Dinge" mit in den Journalismus tragen, werden oft bei der journalistischen Sozialisation so zurecht gestutzt bzw. "bearbeitet", dass sich ihr Blick mit dem des journalistischen Feldes deckt.

Um es abzukürzen: Wer behauptet, Journalisten könnten "sagen, was ist" oder wer sagt, dass er als Journalist bei einem großen Medium völlig freie Hand hat und die Vorwürfe und die Kritik an der Berichterstattung deshalb als "Unsinn" abtut, übersieht, dass hinter den Anschuldigungen, die oft selbst zu einseitig, verzerrend und undifferenziert sind, ein ganzer Unterbau an Problemen steht, die das journalistische Feld und die Medien betreffen.

Die Webseite Lügenpresse.de ist daher vor allem deshalb interessant, weil sich auch in den veröffentlichten Videostatements das abbildet, was die gesamte "Diskussion um die Medien" beherrscht: Berechtigte Kritik paart sich mit Verzerrungen, Schieflagen in Meinungen und Bewertungen entstehen. Missverständnisse, ein aneinander Vorbeireden und ein Nichtverstehen auf beiden Seiten, führen dazu, dass die Gräben zwischen Kritikern und Kritisierten nicht überwunden werden.

Auszug aus einem Interview des Kölner Stadt-Anzeiger mit Katrin Bauerfeind und Serdar Somuncu:

Somuncu: Das Thema wird sehr ungern in Deutschland besprochen, aber es ist Realität, es gibt Zensur. Und das spielt leider sogar denen in die Karten, die "Lügenpresse" schreien. Es wird viel selektiert, es wird gestrichen und zensiert. Redakteure bestimmen über den Geschmack der Leute. Und wenn es eine Instanz gibt, die bestimmt, was gesendet wird, dann ist das kein internes Verfahren zur Qualitätssicherung, sondern Manipulation von Bildern und Aussagen. Ich habe das an vorderster Front erfahren. Weil ich die mir zugedachte Rolle des Pöbel-Türken irgendwann nicht mehr spielen wollte.

Wo haben Sie das erlebt?

Somuncu: Am schlimmsten ist es bei den Öffentlich-Rechtlichen, wo auch noch ein institutioneller Druck existiert. Beim WDR etwa wird wie im Politbüro zensiert. Da werden eigene Befindlichkeiten zum Maßstab dessen gemacht, was später zu sehen ist. Das ist ein Unding.

(Marcus Klöckner)

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