Wir sind Cyborgs

Über die Geburt der Maschinenmenschheit

Die Cyborgs oder Mensch-Maschinen sind im Entstehen. Die Menschheit hat den Punkt erreicht, an dem sie beginnt, sich umzubauen. Freyermuth gibt Einblick in die Geschichte, den Stand der Dinge und die Zukunft der Verwandlung der Menschen, die Techniker und Visionäre betreiben.

Dieser Essay von Gundolf Freyermuth basiert auf seinem neuem Buch Cyberland, das vor kurzen im Rowohlt Verlag erschienen ist und aus dem es Auszüge auch online zu lesen gibt.

Als Zarathustra in die nächste Stadt kam, sprach er zum Volke auf dem Marktplatz:

"Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?"

Viel, lautet die heute einzig mögliche Antwort auf Friedrich Nietzsches über hundert Jahre alte Frage. Der Cyborg, der unter dem Beifall der Computerfans langsam auf die Bühne des großen Versammlungssaals im Bostoner Plaza Hotel rollt, beweist es - und führt zugleich vor Augen, wie rudimentär das Erreichte erst ist.

Die Menschmaschine besteht aus einer Art elektrischem High-Tech-Rollstuhl inklusive einem Lautsprecherpaar, einem Satz Batterien in hölzernen Boxen, einem Monitor sowie einem in sich verdrehten, gnomenhaften biologischen Körper männlichen Geschlechts. Von dessen Extremitäten ist nur ein Finger der linken Hand voll funktionstüchtig. Die verkrampfte Rechte kann mit Hilfe eines Joysticks gerade mal den Weg der maschinengestützten Intelligenz über das Podium anvisieren.

Die Steuerung selbst übernehmen Siliconprozessoren. Denn die mentalen Fähigkeiten eines normalen Homo sapiens verteilt dieser Cyborg, wie einst manche Dinosaurier, auf zwei Gehirne. Ihr Verhältnis entspricht dem von Herr und Knecht. Das dominierende biologische Zentralgehirn, untergebracht in dem überdimensionierten Schädel, der auf dem winzigen Menschenkörper ruht, ist von extremer Leistungsfähigkeit. Nach einhelliger Meinung der Fachleute prozessiert es Gedanken, die noch kein Mensch zuvor gedacht hat.

"Mein Ziel ist einfach", hat das Cyborg-Genie einmal dem Magazin "Science" mitgeteilt: "Es besteht darin, das komplette Universum zu verstehen, warum es so ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert."

Doch das Meisterhirn, das diese grandiosen Gedanken denkt, verfügt von sich aus nicht über die Fähigkeit, sie mitzuteilen oder ihnen gar Taten folgen zu lassen. Für alle schriftliche und mündliche Kommunikation sowie für Fortbewegung ist das digitale Diensthirn zuständig.

Es hat den Cyborg nun sicher zu der ihm zugedachten Position bugsiert. Dort, auf der großen leeren Bühne, erscheint das zweirädrige Gebilde aus Metall, rotem Leder, Zellgewebe und Silicon kleiner und hilfloser, als es ist. Der dürre humane Anteil im ausgebeulten braunen Tweedanzug atmet flach durch einen Tubus, der aus der geöffneten Luftröhre ragt. Flüssigkeit, die sich in seiner Kehle sammelt, wird durch ein Loch im Nacken abgesaugt. Arme und Beine bilden unnatürliche Winkel. Der Kopf hingegen, der schief an dem Körper hängt, wirkt zu groß. Dicke Gläser verbergen die Augen, der buschige Haarschopf gleicht einem zerwühlten Mop.

Um die Mundwinkel huscht jetzt ein amüsiertes, fast teuflisches Grinsen. Der letzte bewegliche Finger der linken Hand berührt den Monitor. Der wiederum reagiert auf diesen Druck und übermittelt dem digitalen Denkzentrum den Befehl, die vorbereitete Rede aufzurufen. Der Cyborg ist soweit. Das Licht im Saal wird allmählich abgedunkelt. Unter den Computerfans herrscht gespanntes Schweigen.

"Wir treten in ein neues Zeitalter ein", hebt eine langsame, mechanisch klingende Synthetik-Stimme an: "das Zeitalter der selbstgesteuerten Evolution."

Der Schein seines Monitors fällt auf das Gesicht des Cyborgs, doch die Lippen bewegen sich nicht. Was klingt wie eine intellektuelle Version von Arnold Schwarzeneggers Terminator, scheppert aus einem Lautsprecher an seiner Rückseite. Mit der außerweltlichen Tonlosigkeit elektronischer Stimmen erinnert der stumme Sprecher seine Zuhörer daran, daß in nur ein paar Jahren das Projekt Human Genome beendet und damit das gesamte menschliche Erbgut katalogisiert sein wird.

"Die Fähigkeit, uns selbst umzubauen, wird uns unwiderstehlich locken. Wenn wir erst einmal das Buch des Lebens gelesen haben werden, werden wir auch anfangen, Korrekturen einzutragen."

Widerstand dagegen sei zwecklos. Staatliche Verbote, mit denen zu rechnen ist, sind noch stets unterlaufen worden. Einzelne werden eher früher als später Wege finden, sich selbst mit Hilfe von Computer- und Gentechnik zu alterslosen Supermenschen umzuformen. Der Cyborg prophezeit, daß diese höheren Wesen - Cyborgs wie er, bloß besser ausgestattet - die Erde übernehmen und die Besiedlung des Weltalls beginnen werden. Die Sorte Mensch, der wir angehören, der Homo sapiens vulgaris, wird bedeutungslos werden und aussterben.

Die Vision des Cyborgs, so radikal sie klingt, ist keineswegs einzigartig. Schon in Samuel Butlers Roman Erewohn, Or Over The Range (1872) wird die Herrschaft der Maschinen über die Menschen beschworen - als logische Folge der Evolution. Das wiederum erscheint dem Biologen Richard Dawkins heute weniger wie eine poetische Lizenz und mehr als konsequentes Fortdenken der Darwinschen Theorie: "Menschen werden in den Hintergrund zurücktreten als Verwalter oder Sklaven."

Mehr als purer Maschinenwahn steckt also hinter den elegant-provokativen Sätzen des Cyborgs. Wer ihm lauscht, gewinnt dennoch den Eindruck - wie Kenneth Turan schrieb, nachdem er einen Dokumentarfilm über das Cyborg-Genie und sein Werk gesehen hatte -, "als ob Robby der Robot sich Einsteins Gehirn unter den Nagel gerissen hätte."

Das allerdings hat der Cyborg, er heißt Stephen Hawking, nach eigenem Bekunden nicht. In einer legendären Folge von "Star Trek: The Next Generation" spielte er lediglich einmal mit Einstein und Sir Isaac Newton sowie dem Androiden Data eine Partie Poker. Wer gewonnen hat, blieb offen, aber die Hauptattraktion der Szene im Holodeck war zweifelsfrei Hawking selbst.

Seine Bewunderer nennen ihn den "brillantesten theoretischen Physiker seit Albert Einstein", "eine Ikone des späten zwanzigsten Jahrhunderts". In Cambridge hat er den Lehrstuhl für Mathematik inne, auf dem vor 300 Jahren sein fiktiver Pokerpartner Newton saß, und die Bücher, die Hawking mit Hilfe des speziell für ihn hergestellten, durch Klicken kontrollierten Schreibprogramms verfaßt, sind allesamt weltweite Bestseller; allein das erfolgreichste "Eine kurze Geschichte der Zeit" wurde in 37 Sprachen übersetzt und über sechs Millionen mal verkauft.

Seit dem 21. Lebensjahr leidet der Wissenschaftler an amyotropher Lateralsklerose, einer schleichenden Zerstörung der Nervenzellen im Rückenmark, die von Muskelschwund begleitet wird und in aller Regel binnen zwei und fünf Jahren den Körper ersticken läßt. Die Medizingeschichte kennt keinen Patienten, der die Krankheit solange wie der Mittfünfziger überlebte. Doch Stephen Hawking führt nicht die Existenz eines Kranken. Vielmehr scheint er geistig wie körperlich vitaler als die meisten seiner gesunden Kollegen. Seine Arbeits- und Reiselust ist grenzenlos, und 1994 heiratete er in zweiter Ehe - die Ex-Frau des Mannes übrigens, der einst den Sprach-Synthesizer programmierte, welcher nun Stephen Hawkings getipptes Ja-Wort aussprach.

Wie noch stets so zog er auch an jenem Abend in Boston die Zuhörer in seinen Bann. Als die Computerstimme verstummte und das Licht anging, schien das einschlägig vorgebildete Publikum, Besucher einer High-Tech-Messe, wie in Trance. Hawking, aus dessen Halstubus ein dünner Faden Spucke tropfte, hatte in seiner Vision technische Trends und älteste Menschheitsträume zu einer Zukunft verschmolzen, die die meisten Techies eher verlockend als furchterregend finden.

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