Wir sind Gefangene

Zum 85. Jahrestag der Ermordung Kurt Eisners

Heute vor 85 Jahren wurde der erste Ministerpräsident des "Freistaat Bayerns", der Sozialist, Schriftsteller und Politiker Kurt Eisner ermordet.

Eisner war ursprünglich Mitglied der SPD, entschied sich aber aufgrund der bellizistischen Position der Sozialdemokraten im ersten Weltkrieg für den Eintritt in die linke Splitterpartei, die USPD. 1918 organisierte er einen Munitionsstreit und kam dafür hinter Gitter. Kurz nachdem er aus der Haft entlassen wurde, wurde er am 7. November 1918 nach einer Kundgebung auf der Theresienwiese zum Initiator und Lenker der ersten Etappe der Revolution in München.

Nach einem Marsch auf die Münchner Kasernen, bei dem sich die Soldaten den Demonstranten anschlossen und einer anschließenden improvisierten Einsetzung der Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen Unabhängige- und Mehrheitssozialdemokraten die Macht in München und wählten Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten der soeben ausgerufenen Republik. Ziel der neuen Regierung war nicht die einseitige Etablierung einer Räterepublik, sondern die Herstellung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Rätemacht und Parlament.

Nach Eisners Plan sollten die Räte mit dem Parlament regieren, bis die revolutionären Ereignisse abebbten. Dann sollte eine Nationalversammlung über die endgültige Form der Republik entscheiden. Doch es kam anders: In den Parlamentswahlen wurde die "Bayerische Volkspartei" zur stärksten Fraktion gewählt, gefolgt von den Sozialdemokraten, während die USPD nur drei Sitze errang. Eisner erwog daraufhin den Rücktritt und wollte das parlamentarische Feld seinem Innenminister, dem Sozialdemokraten Auer (der sich bislang als interner Rivale Eisners hervorgetan hatte) überlassen, sich auf den Aufbau der Räte konzentrieren und falls erforderlich eine zweite Revolution initiieren.

Die Rücktritterklärung in der Aktentasche

Doch auf dem Weg zur Eröffnungssitzung, seine Rücktritterklärung in der Aktentasche wurde er von dem "halbjüdischen Nazi" (Sebastian Haffner) Graf von Arco auf Valley am 21. Februar erschossen. (Daraufhin schoss übrigens ein junger Metzgergeselle, der wie selbstverständlich annahm, dass der Mord von den Sozialdemokraten lanciert wurde, Eisners Gegenspieler Auer an). Graf von Arco auf Valley war ehemaliges Mitglied der faschistischen "Thule-Gesellschaft", der aufgrund seiner jüdischen Abstammung ausgeschlossen worden war und mit seiner Tat beweisen wollte, dass auch ein Halbjude zu einer germanischen Großtat fähig sei. Der Tod Eisners provozierte einen weiteren revolutionären Umschwung und radikalisierte die Bewegung in einer zweiten revolutionären Etappe in Richtung der Räte.

Zwar bestätigte der zuvor gewählte Landtag im März seine sozialdemokratische Regierung unter der Ägide Johannes Hoffmanns, doch diese stand auf schwachen Füßen und wich schließlich nach Bamberg aus. Die Räte bildeten daraufhin die einzige, noch halbwegs intakte Macht in München. Am 7. April 1919 rief der Schriftsteller und Intellektuelle Ernst Toller die Münchner Räterepublik aus. Als die Truppen der geflohenen Landtags-Regierung am 13. April versuchten, diese mittels eines Putsches zu beseitigen, kam es zu einem "Staatsstreich im Staatsstreich" (Haffner), aus dem die Kommunisten im letzten Abschnitt der Revolution als Sieger hervorgingen. Doch auch sie konnten sich unter der Führung von Eugen Leviné nicht lange halten. Denn bereits Anfang Mai wurde die Münchner Revolution durch die weißen Truppen der bayerischen Landtagsregierung und der preußischen Regierung brutal niedergeschlagen.

Aus den Militärkorps, die sich bei der Niedermetzelung von Arbeitern besonders hervorgetan hatten, sollte sich später die aktive Gefolgschaft Adolf Hitlers rekrutieren. Die Benennung einer Strasse nach Eisner rief 1969 den Protest der CSU hervor, da die Witwe von Arco auf Valley noch lebte und eine nach dem Opfer ihres Mannes benannte Straße vielleicht ihr Feingefühl verletzen könnte. Inzwischen existiert eine Gedenktafel am Montgelas-Palais in München, wo zudem in den Gehweg eingelassen die Umrisse des ermordeten Eisner zu sehen sind.

Eine gelungene Darstellung der revolutionären Ereignisse in München findet sich in dem berühmten autobiographischen Roman von Oskar Maria Graf Wir sind Gefangene , dessen künstlerische Meisterschaft darin besteht, dass sich Graf nicht darauf beschränkt, seine subjektiv erlebte Zerrissenheit in dieser Zeit zu zeigen oder die Wirklichkeit so wiederzugeben, wie sie ihm damals unmittelbar erschien, sondern auch den Versuch unternahm, die eigenen Unzulänglichkeiten als Teil eines im Ganzen gescheiterten revolutionären Unternehmens einzuweben, so dass sich die objektive Schwäche der Münchner Revolution im subjektiven Unvermögen des Protagonisten wiederholt.

Eisners theoretisches Werk

Hier findet sich auch eine anschauliche Beschreibung der Person Eisners, dem es als Berliner, Juden und Literaten im tiefkatholischen Bayern gelang, sich bei der großen Mehrheit der Bevölkerung Sympathie zu verschaffen und ein hohes Ansehen zu erringen. Das theoretische Werk Eisners ist jedoch weitgehend unbekannt geblieben. Dies jedoch ohne Grund: Das Eisnersche Oeuvre verkörpert durch den Konnex einer an Marx geschulten Gesellschaftsanalyse mit einer an Kant orientierten, auf das Individuum abzielenden ethischen Zielbestimmung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie einen eigenständigen Beitrag. Wegen seiner Bezugnahme auf Themen wie die militärische Ausrichtung deutscher Außenpolitik, Bildung für Eliten und Verknöcherung der parlamentarischen Demokratie nimmt es sich wie ein Kompendium zeitgenössischer Probleme aus.

Sowohl dem theoretischen Werk Eisners als auch seinem praktischen Wirken widmet sich der Kongress "Kurt Eisner. Lebendige Demokratie und revolutionäre Reformpolitik. Zum 85. Jahrestag der Ermordung.", der heute ab 18 Uhr im DGB-Haus in der Schwanthalerstraße 64 in München stattfindet. (Reinhard Jellen)