Wir waren paralysiert von der Kalifornischen Ideologie

Bruce Sterling, Halbgott des Cyberpunks und Erforscher der toten Medien, rechnet mit den Mythen der Informationsmedien ab

Der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling liest die Zeichen der Zeit gern gegen den Strich: Als die ganze Cybergemeinde Mitte der Neunziger Wired liebte (und er dafür schrieb) sowie an die neue Medienwelt zu glauben begann, machte sich der Texaner zusammen mit einem weiteren Cyberpunk auf die Suche nach den toten Medien. Als sie genug gefunden und den Medienbegriff entzaubert hatten, nahm sich Sterling als Nächstes die vor allen von Kalifornien ausgehende Community-Idee vor, demnach das Netz die Welt demokratisiert. Mit seiner Viridian-Mailingliste glaubt er nun den Beweis erbracht zu haben, dass die Menschen auch im Netz nur allzu willfährig einem Diktator huldigen.

Bruce Sterlin mit Tilman Baumgärtel, Foto: Uwe Kamitz

Die Schlangen vor Berlins hippem WMF-Club in Mitte waren am Mittwochabend länger als an manchem Wochenende, wenn die Star-DJs Ravern und Freunden der elektronischen Musik einheizen: Der Vernetzungsverein mikro hatte mit Bruce Sterling im Rahmen der transmediale einen der Gottväter des Cyberpunks eingeladen - und die Berliner Science-Fiction-Fans wollten ihn alle einmal live erleben.

"Sollen wir noch Leute reinlassen?", fragten sich die Veranstalter daher bereits vor dem Beginn der eigentlichen Session. Denn die wenigen Ledersessel waren längst belegt und die Stehplätze wurden eng. Doch wenig später löste sich die Platzfrage rasch wieder: Nachdem die Organisatoren das Showprogramm - den seine DJ-I-Robot-Plattenteller beaufsichtigenden Chris Csikszentmihalyi aus den USA - vorgezogen hatten, war vom eigentlichen Star des Abends nämlich noch immer keine Spur zu sehen. Man munkelte, dass Sterling schlicht den falschen Tag erwischt habe, heute für morgen halte, die Berliner Luft nicht ertragen hätte... Tilman Baumgärtel von mikro sah sich anderthalb Stunden nach dem geplanten Programmstart schließlich mit der "unangenehmen Aufgabe" konfrontiert, dem in Buh-Rufe ausbrechenden Publikum mitteilen zu müssen, dass der gefragte Autor wohl nicht mehr kommen werde.

Nun bildeten sich neue Schlangen, diesmal am Ausgang, wo den enttäuschten Abgängern ihr Eintrittsgeld zurückgezahlt wurde. Doch als die Organisatoren des Abends die Hoffnung endgültig aufgegeben und in den umliegenden Kneipen bereits Wechselgeld eingelöst hatten, fuhr plötzlich ein Taxi vor und spuckte niemand anders aus als den Vermissten. Er habe noch eine Kleinigkeit gegessen, sich tatsächlich zunächst im Tag geirrt, stöhnte er, bevor es dann vor einem deutlich ausgedünnten und bereits kaum noch aufnahmebereiten Publikum halt doch noch los ging.

Der Netzaktivist verriet den Versammelten zunächst, wie man im Internet Projekte vorantreibt: "Überlasst Anderen die Arbeit und bezahlt sie nicht", hat Sterling als Prinzip der Webwelt ausgemacht. Zumindest funktionierte es beim Dead Media Project (DEAD MEDIA PROJECT), das der fleißige Romanautor - nach 13 veröffentlichten Zukunftsvisionen betrachtet der Enddreißiger sich selbst scherzhaft als "Bertelsmann-Angestellten" - Mitte der Neunziger zusammen mit Richard Kaudrey, einem befreundeten Cyberpunk aus San Francisco, ins Leben rief. "Wir arbeiteten damals für Wired", erinnert sich Sterling an die Zeit zurück, als sich alle Netzbürger und Geschäftemacher fragten, ob die Neuen Medien die Welt revolutionieren würden.

Doch das war nicht die Frage, die den beiden Freaks vor Augen schwebte. "Uns interessierte vielmehr die Suche nach den Dingen, die nicht mehr funktionieren, nach den ausgelöschten, den verrotteten, den verfaulenden Medien", verdeutlicht Sterling den ungewöhnlichen Ansatzpunkt. Acht derartige Kommunikationsdinosaurier fanden Sterling und Kaudrey gleich bei ihrem Lunch. Doch sie dachten sich, dass es viel, viel mehr davon geben müsste. Also starteten sie ihren "Heiligen Kreuzzug" mit Hilfe der Internetgemeinde, die sie - natürlich mit einem ordentlichen Manifest - zur Ausgrabung der toten Medien in allen Erdteilen aufriefen.

Das Ergebnis war schlicht "schockierend", wie Sterling heute sagt. Zwar habe noch niemand das Buch geschrieben, das eigentlich aus dem Projekt entstehen sollte. Doch die inzwischen von Tom Jennings betriebene Website ist ausgedruckt "über 12 Seiten lang" und voll von verwesenden oder bereits vollständig vergessenen Medien. "Da sind fantastische Sachen darunter, wie das Diarama aus Europa, aber auch babylonische tote Medien", freut sich der Texaner. Selbst die chinesische Mauer sei auf der Liste gelandet, auch wenn heute keiner mehr wisse, dass es sich dabei einst um ein Mittel zur Kommunikation gehandelt habe.

Aber auch von den digitalen Medien seien bereits eine stattliche Anzahl in dem virtuellen Museum der gestorbenen Verständigungsmittel zu bewundern. "Wir befinden uns gerade erst im Goldenen Zeitalter der toten Medien", prophezeit Sterling. "Wir töten sie schneller als je zuvor, unsere Gesellschaft ist ein richtiges Medien-Schlachthaus".

Vor allem rechnet der Zukunftsforscher damit, dass die ganzen Gadgets vom Handy bis zum PDA, die der moderne Medienmensch mit sich herumträgt, schon bald sterben werden. "Sie werden in unserer Kleidung verschwinden", sagt Sterling, demzufolge Mobilfunkanrufe bald "direkt durch unseren Körper geleitet werden". Die Informationsmedien, die dann keiner mehr Medien nennen werde, wären dann genauso selbstverständlich wie die Elektrizität.

Die Schlussfolgerung des nekrophilen Sammlers: "Wir haben der Idee einer medialen Welt und der Informationsrevolution insgesamt viel zu viel Beachtung geschenkt." Mit den Medien sei es so wie mit der Milch: Gerade Kinder könnten ohne das Nahrungsmittel an sich nicht überleben. Doch Milch sei nicht einfach Milch. Heute gebe es im Unterschied zu früher beispielswei se fettlose Milch, genetisch veränderte Milch, BSE-Milch, etc. Ähnlich seien auch die Medien Technologien ihrer Zeit, die eben sterben, wenn sich ihr Umfeld verändert.

Mit dem Dead Media Project will Sterling übrigens keineswegs eine Konservierung oder ein Revival der toten Technologien fördern. Den Bemühungen von Surfern, Ghost-Sites oder Archive für nicht mehr gebräuchliche Spiele und sonstige Abandonware anzulegen, steht er zwar belustigt, aber doch eher kritisch gegenüber. "Natürlich will ich unser Erbe bewahren - aber für wie lange?" Dringend nötiger als die Mumifizierung der gesamten digitalen Informationswelt erachtet Sterling daher die Aufstellung einer funktionierenden Mülltonne fürs Netz. Die Berliner Bios-Cyberaktivisten (http://www.de-bios.org/) hatten sich daran zwar im Frühjahr versucht, doch längst ist es wieder ruhig geworden um das Projekt.

Nachdem das Interesse des Cyberpunks an den toten Medien abgekühlt ist, beschäftigt er sich nach Einberufung der Mailingliste Viridian seit über zwei Jahren mit einem anderen Mythos der vernetzten Medienwelt. Vordergründig ist das Thema der Liste zwar die vom Menschen vorangetriebene Klimaveränderung (Ein Netz für eine globale Umweltbewegung), da die größte Sorge des unter den Hitzewellen seiner Heimat leidenden Texaners momentan der Treibhauseffekt ist. Doch auf der soziologischen Ebene läuft unter den Viridianern ein ganz anderes Experiment ab. "Ich möchte wissen, wie weit man das Denken der Leute nur durch Worte, nur durch das Versenden von Emails beeinflussen kann", steckt Sterling seinen neuen "Forschungshorizont" ab. Er fahre mit der Liste also einen typischen "psychologischen Kriegsführungsansatz".

Konkret hat sich Sterling deswegen schlicht zum Diktator, Papst und Alleinherrscher der Liste ernannt. Mit Mailinglisten-typischen Flamewars ist unter den Viridianern beispielsweise nicht zu rechnen. Beim ersten aufkommenden Widerspruch, berichtet der virtuelle Autokrat, werde der Übeltäter sofort "ausgemerzt", also von der Liste verstoßen. Die Reaktion der Teilnehmer auf das ungewöhnliche Experiment ist bisher zu Sterlings voller "Genugtuung" verlaufen. "Die Leute beichten mir alle möglichen Geschichten, sie bitten mich um Hilfe bei Selbstwertproblemen, sie fragen mich bei jeder Kleinigkeit um Rat."

Für Sterling ist mit diesem Verlauf der "Beweis" erbracht, dass es nicht weit her ist mit der von Kalifornien um die Welt gegangenen Idee, derzufolge virtuelle Gemeinschaften die Menschen demokratischer machen und ihnen zu mehr Macht verhelfen. Derartigen Gedanken, die sich nicht nur in Howard Rheingolds Büchern über Communities im Netz finden, sondern die Sterling auch als Teil der Kalifornischen Ideologie (Link auf Barbrook-Artikel) mit ihrer Vermischung aus Freiheitsidealen und Technogläubigkeit insgesamt sieht, hat der Cyberpunk trotz seiner langjährigen Mitgliedschaft bei der Mutter aller virtueller Gemeinschaften, The Well, nie viel abgewinnen können. "Also dachte ich mir, es mal auf die entgegengesetzte Tour zu versuchen, mit Theokratie, Bestechung - mit Gemeinschaftsgedanken, wie wir sie eher mit dem europäischen Mittelalter verbinden." Niemand habe das bisher im Internet versucht, obwohl es naheliegend sei. Denn "wir sind alle paralysiert gewesen von der Kalifornischen Ideologie".

Da Sterling selbst nicht gerade der Hitler-Stalin-Typ ist, scheint ihm mit dem Experiment allerdings inzwischen nicht mehr ganz wohl zu sein. "Es gibt natürlich moralische Linien, die ich nicht übertrete", verkündet der Autor. So bekomme er nach der Veröffentlichung seines legendären Buchs The Hacker Crackdown: Law And Disorder On The Electronic Frontier im Netz sowohl über die Viridan-Liste wie auch ganz persönlich immer wieder Anfragen von Surfern, die "von mir wissen wollen, wie man Passwörter stiehlt und Server knackt". Doch von der Kriminalistenausbildung lässt Sterling trotz eines verlockenden Geschäftsmodells - "50 Prozent der Einnahmen bei Cyberdiebstählen" - lieber die Finger.

Lag es nun an den Diktatorspielen, an der texanischen Fröhlichkeit Sterlings oder seinem Zuspätkommen - richtig anfreunden konnte sich die Berliner Netz-Intelligentsia nicht mit ihrem "Idol" aus den Vereinigten Staaten. Dabei gab der Aktivist zu, in seinem Denken viel stärker von europäischen Netzwerkern wie Geert Lovink als von Wired und der kalifornischen Cyberbewegung beeinflusst zu sein. Nicht umsonst war Sterling der erste Abonnent der Mailingliste nettime, die sich dem kollaborativen Filtern des Netzhypes verschrieben hat(te). "Dort fand ich sehr viel Material für meine Romane", sagte der Europafan. "Es fehlte nur noch ein Schuss Dramatisierung." Noch ein entzauberter Mythos - damit konnte in einer Zeit der verfallenden Internet-Ideologien im WMF wohl niemand so richtig etwas anfangen.

The computer revolution is running out of steam An interview with Bruce Sterling.

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