"Wir wollen den Libanon nicht kollabieren sehen"

Vor zwei Jahren vergab die libanesische Staatsführung eine Konzession für Block 9. Graue Strichlinie: Seegrenze aus der Sicht des Libanons. Rote Strichlinie: Seegrenze aus der Sicht Israels. Karte: Total

Beirut und Jerusalem haben unter amerikanischer Vermittlung Gespräche über ihre Mittelmeeransprüche begonnen, damit der französische Total-Konzern neue Fördergebiete erschließen kann

Israel und der Libanon befinden sich seit dem Mai 1948 offiziell im Kriegszustand. Trotzdem verhandeln die beiden Länder seit heute früh auf dem UNIFIL-Stützpunkt Nakura über ihre Gebietsansprüche im Mittelmeer. Was den Libanon, dessen damaliger Ministerpräsident Fuad Siniora 2006 angekündigt hatte, er werde "das letzte arabische Land sein, das mit Israel Frieden schließt", zu diesen Verhandlungen bewegte, wird bereits in der Zusammenstellung der Delegationen sichtbar.

860 Quadratkilometer

Unter den sechs Vertretern Jerusalem findet sich außer dem außenpolitischen Berater Benjamin Netanjahus und Armeeangehörigen auch das Energieministerium - und unter den vier Vertretern Beiruts neben drei Militärs die Öl- und Gasbehörde. Sie will erreichen, dass der französische Total-Konzern einen Sicherheitsabstand zu der Linie aufgibt, mit der die libanesische Staatsführung 2012 ihre Ansprüche markierte. Das könnte er, wenn zwei Risiken wegfallen würden: das Risiko einer militärischen Auseinandersetzung und das Risiko israelischer Ansprüche.

Dass es vor der Levanteküste ein etwa 860 Quadratkilometer großes Meeresgebiet gibt, von dem unklar ist, ob es unter israelische oder unter libanesische Hoheit fällt, liegt unter anderem daran, dass auch die Landgrenze zwischen den beiden Staaten nicht unumstritten ist: An 13 Stellen gibt es unterschiedliche Meinungen, was zu wem gehört. Hinzu kommen ebenfalls unterschiedliche Meinungen dazu, in welchem Winkel die Seegrenze von der Landgrenze aus verlaufen soll.

Kein Abu Dhabi

Der israelische Energieminister Yuval Steinitz ist seinen eigenen Angaben nach auch deshalb zu Zugeständnissen bereit, weil er "nicht will, dass der Libanon zusammenbricht", sondern hofft, dass das Nachbarland einmal "ein globales Erdgaszentrum sein und alle seine natürlichen Ressourcen entwickeln wird".

"Dass der Libanon deshalb zu Abu Dhabi werden wird" glaubt Steinitz aber nicht. Damit spielt er nicht nur auf den immensen Reichtum der Golfstaaten an, sondern auch darauf, dass die Vereinigten Arabischen Emirate unlängst ihre Beziehungen zu Israel normalisierten (vgl. "Vorbote einer neuen Friedensdämmerung").

So eine Normalisierung schwebt der libanesischen Staatsführung ihren eigenen Angaben nach nicht vor, auch wenn sie sich volkswirtschaftlich gesehen wahrscheinlich lohnen würde. Immerhin leidet der Libanon außer unter einer achtzigprozentigen Inflation auch unter einer Staatsverschuldung in Höhe von 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Stattdessen betonte man in Beirut vor Beginn der Verhandlungen den rein "technischen" Charakter der ersten Gespräche seit über 30 Jahren, bei denen es um etwas anderes als militärische Arrangements geht.

Gewinner und Verlierer

Trotzdem sind sie insofern ein Durchbruch, als mit ihnen indirekt auch die Hisbollah ein Zugeständnis gemacht haben muss, die in der libanesischen Staatsführung eine gewichtige Rolle spielt. Sie steht der iranischen Staatsführung nahe und griff in der Vergangenheit häufig zu terroristischen Methoden, denen ihre Führung nie abschwor. Gibt es in Beirut keine "Expertenkabinette" mehr, könnte sie über Staatsposten, die sie beansprucht, massiv von Gas- und Öleinnahmen profitieren.

Das ist ein Risiko, das nicht nur Israel sondern auch den USA bewusst sein dürfte. Ohne sie wären dem israelischen Außenminister Gabriel Aschkenasi nach die Verhandlungen mit dem Libanon "nicht möglich gewesen". Deshalb soll John Desrocher, der US-Botschafter in Algier, auf dem UNIFIL-Stützpunkt weiter zwischen den beiden Seiten vermitteln. Sein Chef Mike Pompeo erhofft sich von einer Einigung zwischen Israel und dem Libanon "mehr Sicherheit und Wohlstand für die Bürger beider Seiten".

Weniger zufrieden mit einer weiteren Einigung über Seegrenzen im Mittelmeer könnte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sein. Israel (über dessen Hauptstadt Jerusalem er unlängst zu türkischen Abgeordneten meinte, sie sei "unsere Stadt") hätte sich nämlich dann mit einem weiteren Land über Ansprüche im Mittelmeer geeinigt - nach Ägypten (mit dem die Türkei in Libyen einen Stellvertreterkrieg führt), Griechenland (vgl. Gasstreit: Griechenland und Zypern verbünden sich mit Israel) und Zypern, dessen erdgashaltiges Umland der AKP-Politiker für das nur von Ankara diplomatisch anerkannte türkische Nordzypern beansprucht (vgl. Türkisches Sondierungsschiff mit Piratennamen erneut auf Erdgassuche). (Peter Mühlbauer)