Wird Schulbildung Privatsache?

Mittlerweile besuchen in Deutschland über 800.000 Kinder und Jugendliche allgemeinbildende oder berufliche Privatschulen

Die politischen Handlungsträger haben in den letzten Jahren wenig dazu beigetragen, das Vertrauen der Bürger in das deutsche Bildungssystem und seine Institutionen zu stärken oder zurückzugewinnen. Nach den ernüchternden Befunden von PISA & Co., einer bizarren Diskussion über Spitzenuniversitäten und Exzellenzcluster und dem endlosen Gerangel um die Zuständigkeiten und Kompetenzen von Bund und Ländern, glauben die meisten Beobachter weder an den großen Wurf noch an eine Politik der kleinen Schritte. Die Vorstellung, dass der Staat noch in der Lage ist, seine hoheitlichen Aufgaben vollständig zu erfüllen, neue Visionen zu entwerfen und ambitionierte Zielvorgaben zu erreichen, hegen allenfalls unbeirrbare Daueroptimisten, und also fühlen sich immer mehr Menschen animiert oder gezwungen, nicht nur ihre persönlichen Lebensbereiche mitzugestalten.

An den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, die sich in öffentlicher Trägerschaft befinden, konzentriert sich das Misstrauen in die Leistungsfähigkeit von Kommunen, Ländern und staatlicher Verantwortung insgesamt. Das schlechte Abschneiden bei internationalen Leistungsvergleichen hat erhebliche Zweifel an der fachlichen Qualifikation des Lehrpersonals geschürt und eine Vielzahl inhaltlicher, methodischer und didaktischer Defizite enthüllt. Anhaltende finanzielle Engpässe und komplexe soziale Probleme erschweren die Situation zusätzlich – insofern konnten die Zahlen, die das Statistische Bundesamt kurz vor dem Jahreswechsel veröffentlichte – niemanden ernsthaft überraschen.

1.405 mehr Privatschulen als 1992

Demnach gibt es in Deutschland mittlerweile 4.637 private allgemeinbildende und berufliche Schulen. Das sind zwar nur 33 mehr als im Schuljahr 2004/05, doch wer die Entwicklung langfristiger betrachtet, erkennt ihre bemerkenswerte Dynamik. Seit 1992/93 hat sich die Anzahl der Privatschulen um 1.405 und damit um 43,5 Prozent erhöht. Parallel dazu stieg auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler. 1992 wurde nur jede(r) 20. in einer Privatschule unterrichtet, mittlerweile lernt jede (r) 14. außerhalb öffentlicher Einrichtungen. 2005/06 besuchten von den insgesamt 12,3 Millionen Schülerinnen und Schülern 873.000 private Schulen – das sind 52 Prozent mehr als 1992.

Die Untersuchung des Statischen Bundesamtes erbrachte darüber hinaus einige aufschlussreiche Teilergebnisse. Die 639.000 Privatschüler an allgemeinbildenden Schulen besuchen zumeist ein Gymnasium (40,4 Prozent), es folgen Realschulen (17,3 Prozent), Freie Waldorfschulen (12,0 Prozent) und Förderschulen (10,4 Prozent), während die 233.000 Schüler der beruflichen Schulen in Berufsfachschulen (52,2 Prozent), Fachschulen (19,9 Prozent) und Teilzeit-Berufsschulen (17,4 Prozent) unterrichtet werden.

An Privatschulen sind Mädchen häufiger anzutreffen als Jungen, und der Ausländeranteil liegt im Durchschnitt deutlich unter dem der anderen Schulen. Außerdem lässt sich vor allem im Osten Deutschlands ein starker und anhaltender Trend Richtung Privatschulen feststellen, der wohl nur teilweise auf den Umstand zurückgeführt werden kann, dass diese Institutionen zu DDR-Zeiten praktisch keine Rolle spielten. Zwischen 2000 und 2005 verzeichneten die Statistiker ein Plus von 41 Prozent, während die Zahl der öffentlichen Schulen im gleichen Zeitraum auf Grund der geburtenschwachen Jahrgänge um 22,2 Prozent zurückging.

Grundsätzlich nehmen die regionalen Unterschiede aber keine Rücksicht auf frühere Ländergrenzen. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die eine Privatschule besuchen, ist in Schleswig Holstein (3,3 Prozent), Hessen (4,8 Prozent) und Brandenburg (5,1 Prozent) besonders niedrig, in Bayern (9,8 Prozent) und Sachsen (11,4 Prozent) dagegen überdurchschnittlich hoch.

Leistungszentren gegen „soziale Restschulen“

Trotz dieser Differenzen ist die Gesamttendenz eindeutig. Die bloßen Zahlen verraten allerdings wenig über die Motivation der Schüler und Eltern, die sich ausdrücklich gegen den Besuch einer öffentlichen Schule entscheiden. Christian Lucas, Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Privatschulen (VDP), sieht im Leistungsspektrum und der Betreuungssituation den Grund für den anhaltenden Zulauf.

Spezielle pädagogische Profile, ein gutes Schulklima oder eine individuelle Betreuung der Schüler sind Markenzeichen von Schulen in freier Trägerschaft. Immer mehr Eltern legen auf diese Punkte großen Wert.

Christian Lucas

Lucas´ Verband wirbt überdies mit differenzierten weltanschaulichen, an den Bedürfnissen der Schüler orientierten Profilen, Eigenständigkeit, Effizienz und Flexibilität, einem Unterrichtsangebot, das „häufig weit über die staatlichen Vorgaben hinausgeht“, außerschulischen Projekten und sozialem Engagement. Außerdem habe sich in den Privatschulen ein besonderes Leistungsbewusstsein herausgebildet.

Schulen in freier Trägerschaft sind Wirtschaftsbetriebe, die auf die Zufriedenheit ihrer Kunden – Schüler und Eltern – angewiesen sind. Privatschulen stellen ihr Lehrpersonal selbst ein und können sich so diejenigen LehrerInnen aussuchen, die zu ihrem Schulkonzept am besten passen. Unterrichtsausfall ist an den meisten freien Schulen ein Fremdwort.

Im berufsbildenden Bereich bieten viele Privatschulen Ausbildungsgänge an, für die es an staatlichen Schulen oder in einer betrieblichen Ausbildung oft (noch) gar keine Entsprechung gibt. Diese Schulen reagieren damit schnell und innovativ auf aktuelle berufliche Anforderungen in der Wirtschaft. Die berufliche Aus- und Weiterbildung an VDP-Schulen erfolgt dabei auf einem anerkannt hohen qualitativen Niveau.

Bundesverband deutscher Privatschulen

Diese Einschätzung teilt offenbar ein beträchtlicher Teil der Eltern und Schüler. Bildungsexperten bemängeln seit vielen Jahren, dass die öffentlichen Schulangebote oft nicht wohnortnah organisiert sind und neben den qualitativen Mängeln auch konzeptionelle Defizite aufweisen. Der Verband Bildung und Erziehung Sachsen e.V. befürchtet vor diesem Hintergrund, dass staatliche Schulen zu „sozialen Restschulen“ verkommen, und der Dresdner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer prophezeit für die nähere Zukunft eine noch stärkere Polarisierung der elterlichen Zielvorstellungen.

40 bis 50 Prozent der Eltern wollen eine fachlich gute, straff organisierte Schule, wie sie sie selbst hatten. Eine nicht ganz so große Gruppe will dagegen eine reformpädagogische Schule, bei der das Kind im Mittelpunkt steht, in der auch andere Themen eine Rolle spielen, das Soziale etwa.

Wolfgang Melzer

Die Entscheidung für den Besuch einer Privatschule scheitert da oft nur an den finanziellen Möglichkeiten. In Deutschland bekommen die Einrichtungen einen vergleichsweise geringeren staatlichen Finanzausgleich. Konfessionsschulen sind trotzdem in aller Regel kostenlos, andere aber oft auf das elterliche Schulgeld angewiesen, das bei 50, 100 oder 200 Euro, bisweilen – wie im Fall der Deutschen Landerziehungsheime – aber auch bei 1.900 Euro oder noch höheren Monatsbeiträgen liegen kann. Die Betreiber müssen dennoch vielfach erhebliche Risiken einkalkulieren, so dass trotz des steten Anstiegs vorerst nicht mit niederländischen oder belgischen Verhältnissen zu rechnen ist, wo der Anteil der Privatschulen bei rund 70 bzw. 50 Prozent liegt.

Das Problem liegt darin, dass es in Deutschland mit einem hohen finanziellen Risiko verbunden ist, eine Privatschule zu eröffnen oder zu betreiben. Auch die zahlreichen bürokratischen Hürden verhindern einen stärkeren Zuwachs an freien Schulen. Der wahre Boom findet auf den Wartelisten statt.

Christian Lucas

Der gute Ruf und der graue Alltag

Lucas rechnet damit, dass die Schülerzahlen an den Privatschulen weiter steigen werden, doch ob das positive Image tatsächlich und in jeder Hinsicht gerechtfertigt ist, vermag derzeit niemand mit Sicherheit zu sagen. Zweifel sind freilich erlaubt, denn die Statistiker haben noch keine nachweisbaren Anhaltspunkte für eine höhere Erfolgsquote der freien Schulen ermittelt.

Nimmt man als Maß für den Erfolg einer schulischen Ausbildung den erreichten Abschluss, so könnte dieser für Gymnasien ausgedrückt werden durch den Anteil der Absolventen mit Hochschulreife bezogen auf die Gesamtzahl der Absolventen dieser Schulart. Diese Quote lag im Jahr 2005 für private Gymnasien in Deutschland mit 85,5 Prozent etwas höher als in öffentlichen (84,8 Prozent). In einigen Ländern, wie Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Thüringen wurde dieser Abschluss von einem höheren Anteil der Absolventen aus öffentlichen Gymnasien erreicht als aus privaten.

Statistisches Bundesamt

Auch beim Qualitäts-Indikator Klassengröße, der oft zugunsten der Privatschulen genannt wird, lassen sich vorerst keine nennenswerten Unterschiede zur staatlichen Konkurrenz ausmachen.

Bei Grundschulen und Förderschulen waren im Jahr 2005 in Deutschland die Klassen in Privatschulen mit durchschnittlich 21 bzw. 9 Schülern jeweils um 1 Schüler kleiner als in öffentlichen Schulen. In Realschulen dagegen war die durchschnittliche Klassenstärke in öffentlichen Schulen mit 27 Schülern kleiner als in privaten Schulen (28). Ein Grund hierfür könnte der in den Medien beschriebene starke Andrang auf Privatschulen sein, deren Kapazität sich nicht so schnell der gestiegenen Nachfrage anpassen lässt.

Statistisches Bundesamt

Bei der Unterrichtsdichte haben die Schulen in freier Trägerschaft allerdings eine deutlich bessere Bilanz. Durchschnittlich bekommen Privatschüler in Grund- und Realschulen eine, in Gymnasien gleich drei und in Förderschulen sogar fünf Unterrichtsstunden in der Woche mehr als gleichaltrige Kinder und Jugendliche in öffentlichen Schulen. Marianne Demmer, Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist trotzdem strikt gegen einen weiteren Ausbau des privaten Schulwesens in Deutschland. Durch eine solche Entwicklung würde nur die „extreme Spaltung des Schulsystems“ vorangetrieben, Eltern sollten ihre Kinder stattdessen auf öffentliche Schulen schicken und sich selbst vor Ort engagieren.

Viele innovative staatliche Schulen beweisen, dass man keine freien Träger braucht, um gute Schule für alle Kinder zu machen. Entscheidend sind das richtige Konzept, motivierte Lehrkräfte sowie gute Lern- und Lehrbedingungen.

Marianne Demmer

Schulen mit Vorstand und Aufsichtsrat

Die Gewinner des Mitte Dezember erstmals verliehenen Deutschen Schulpreises könnten Demmer Recht geben, doch sie sind bislang offensichtlich die Ausnahme von der betrüblichen Regel. Bis sich daran Entscheidendes ändert, wird der private Sektor weiter boomen und vermutlich nicht nur in Berlin eigenwillige Blüten treiben.

In der Hauptstadt hat eine Management AG im vergangenen Jahr die Idee sogenannter PHORMS Schulen entwickelt, die mit individualisierten Bildungskonzepten, bilingualem Unterricht, internationaler Ausrichtung und Slogans wie „Gesunder sozialer Mix statt Elfenbeinturm“ oder „Elite-Schule? Nein. Aber Elite-Lehrer“ werben.

Im Berliner Wedding wird nun seit August mit einem Tabu der deutschen Bildungspolitik gebrochen und erstmals versucht, Schulen wie gewinnträchtige Unternehmen zu führen. Damit sich die Vorstellungen von Vorstand und Aufsichtsrat am Ende rechnen, müssen Eltern je nach Einkommen ein Schulgeld zwischen 201 und 864 Euro zahlen, außerdem sollen bundesweit weitere Schul-Filialen aufgebaut werden.

In Hamburg wartet Sängerin Nena derweil auf die Genehmigung der Schulbehörde, um eine alternative Einrichtung zu eröffnen, da sie das staatliche Pendant als „Teilzeitgefängnis“ empfindet. Ihre Kinder könnten dann dem Nachwuchs von Showmaster Jörg Pilawa über den Weg laufen, der sich in Hamburg-Bergedorf für die Gründung einer Montessori-Schule stark gemacht hat.

Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen, doch nach einer Lösung für die Probleme des deutschen Schulsystems wird man in diesem Bereich wohl vergeblich suchen. Die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler muss bis auf weiteres mit dem öffentlichen Angebot vorlieb nehmen. Wenn die Reformbemühungen hier nicht ansetzen oder nicht greifen, werden Privatschulen die Defizite kaum ausgleichen können. (Thorsten Stegemann)

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