Wirklich keine Angst vor Corona-Toten!

Mein Beitrag "Keine Angst vor Corona-Toten!" hat zu polarisierten Reaktionen geführt, so dass ich eine versöhnliche Analyse anbieten möchte

Ich zitiere zunächst aus einer E-Mail an die Redaktion: "Hier werden in einer frechen Weise Annahmen getroffen, zum Beispiel dass Risikopatienten im gleichen Maße wie der Rest der Bevölkerung an Covid-19 infizieren, da sie den gleichen Kontakt wie alle andere haben, die einfach nur falsch sind."

Ich schreibe in meinem Artikel "Keine Angst Keine Angst vor Corona-Toten!", dass bei 1,5 Mio. Tests pro Woche die dort erhobene Positiv-Rate von 7,26% eine "halbwegs repräsentativen Abbildung der Bevölkerung" sei. Es ist selbstverständlich, dass hier keine repräsentative Stichprobe genommen wird, und es geht auch nur um die Denkrichtung: Selbst wenn man annimmt, dass die Positiv-Rate von Sterbenden nur halb so groß ist wie im Durchschnitt aller Getesteten, dann verbleibt eine Positiv-Rate von 3,63%. Bei wöchentlich 20.000 sterbenden Menschen wären dann mehr als 700 der gestorbenen Menschen Covid-19-positiv. Diese Toten würden (wenn man sie testen würde) als Corona-Tote gelten, und zwar unabhängig davon, woran sie wirklich gestorben sind.

Die vom RKI publizierten Corona-Totenzahlen erzählen also weniger über die Gefährlichkeit einer Sars-Cov-2-Infektion als darüber, ob wir einen großen oder einen geringen Teil der Sterbenden auf Sars-Cov-2 testen. Ich verweise dann im Weiteren darauf, dass die Formulierung "im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben" dazu geeignet ist, ein nicht adäquates Bild der Gefahrenlage zu zeichnen. Auch in der Frage der Intensivbetten plädiere ich für mildere und dynamischere Deutungen.

Diese Argumentation wurde teilweise in die Ecke der Corona-Verleugnung gestellt. Ich möchte die Kommentator/innen zunächst darauf hinweisen, dass solche Zuschreibungen langfristig zu einer nachhaltigen Schädigung von Wissenschaft führen. Ich kenne viele Wissenschaftler/innen, die sich nicht trauen, ihre Einwände gegen die Corona-Maßnahmen öffentlich zu äußern oder auch nur Alternativen anzudeuten, weil man sofort in eine Ecke mit Faschisten gestellt wird - was für Wissenschaftler/innen problematisch ist. Wissenschaftler/innen verkündigen im Regelfall auch keine Wahrheiten, sondern sie stellen Deutungen und Denkkonstrukte zur Diskussion - das gilt übrigens auch für die Mathematik, auch wenn dort die Diskussionskreise traditionell eher klein sind.

Mir geht es darum, Argumente zu entfalten, die in allen Corona-Narrativen zum Weiterdenken anregen. Ich möchte dies anhand der zwei meines Erachtens (!) verbreitetsten Corona-Narrative erläutern:

Das Corona-Haupt-Narrativ geht so: Es gibt viele Viren, die Grippe erzeugen. Medizinstudenten lernen ungefähr 50 davon kennen, die in drei Klassen eingeteilt werden. Eine Virenklasse sind Corona-Viren, die als relativ aggressiv gelten. Die Viren verändern sich andauernd durch Mutation, und einer der so entstandenen Viren wird Sars-CoV-2 genannt, die zugehörige Erkrankung nennt man Covid-19. Dieser Virus war Ende 2019 neu. Dieser Neuigkeitscharakter ist deshalb wichtig, weil ein neuer Virus, den man plötzlich überall in der Welt findet, sich offensichtlich sehr schnell ausbreitet. Genau diese schnelle Ausbreitung erzeugt die Wahrnehmung einer großen Bedrohung.

Das m.E. verbreitetste Corona-Gegen-Narrativ ist folgendes: Es handelt sich gar nicht um einen neuen Virus. Der Virus existiert schon eine Weile und hat sich unbemerkt auf der Welt ausgebreitet. Erst Ende 2019 wurde ein Test entwickelt, der den Virus abbildet. Dieser Test wurde dann in immer stärkerem Maße eingesetzt, und die rasante Entwicklung der Infektionszahlen im Februar und März zeigte in Wirklichkeit nur die rasante Steigerung der Anzahl der durchgeführten Tests. Es lag gar keine Explosion der Anzahl der Infizierten vor, sondern eine Explosion der Anzahl der Testdurchführungen.

Die schwierige Einschätzung der Gefährlichkeit von Sars-Cov-2

Die Frage, ob wirklich ein neuer Virus vorlag, erweist sich bei der Einschätzung der Gefährlichkeit von Sars-CoV-2 als zentral. Wenn der Virus bereits vorher "in der Welt herumgekommen" war, dann haben sich in Teilen der Bevölkerung auch bereits Immunisierungen ereignet. Das würde erklären, warum in der Realität keine exponentielle Ausbreitung des Virus sichtbar war, was aber auf Grundlage von virologischen Modellen häufig als Gefahr postuliert wurde und wird.

Zudem ergibt sich ein Teil der Corona-Angst aus der Annahme, dass es in der Bevölkerung keine Immunität gegen den Virus gibt. Die Annahme einer nicht vorhandenen Immunität wurde aber ohne irgendeine Untersuchung getroffen. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine früher herausgebildete Immunität gegen X auch gegen Y immunisiert. Insbesondere liegt nahe, dass eine frühere (Teil-)Immunisierung gegen andere Corona-Viren zu einer (Teil-)Immunität gegen Covid-19 führen kann. Zudem ist eine sinnvolle These zum Ost-West-Gefälle eine Teilimmunisierung durch bestimmte Impfprogramme.

Was wissen wir nun, um einschätzen zu können, welches Narrativ näher an der Wirklichkeit ist? Wir wissen, dass Ende November 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan Fälle einer scheinbar unbekannten Lungenkrankheit auftraten. In Proben aus Wuhan identifizierte der deutsche Virologe Christian Drosten einen bislang nicht bekannten Virus.

Bei der Methodik, die Drosten verwendet, werden Viren nicht direkt nachgewiesen. Man schaut nicht unters Mikroskop und sieht die Viren. Man zerschlägt die DNA aus den Proben. Dann identifiziert man bestimmte, bislang unbekannte Genschnipsel und stellt die These auf, dass es ein Virus zu diesen Genschnipseln gibt. Man kann das als Entdeckung eines Virus ansehen oder aber als Generierung der These von der Existenz eines Virus.

In der Virologie gibt es einen Paradigmen-Streit.1 Die Anhänger des Gegenparadigmas möchten, dass man nach diesem "Thesenschritt" einen echten "Entdeckungsschritt" geht, dass man also den Virus wirklich sucht und dann auch auf seine Eigenschaften hin untersucht, bevor man die Existenz des Virus publiziert. Bevor diese Untersuchungen überhaupt möglich waren, wurde unter Berufung auf die Toten in Wuhan bereits öffentlich postuliert, dass ein gefährlicher und neuer Virus vorläge.

Die These, dass ein neuer Virus vorliegt, stammte daher, dass Drosten seinen Test auf einen Korpus von Proben von 300 Patienten, von denen bekannt war, an welchen Viren sie erkrankt waren, anwendete.2 Aus dem Umstand, dass keine der Proben auf den Test anschlug, kann man streng genommen lediglich schlussfolgern, dass der "neue" Virus bei diesen 300 Patienten nicht vorlag und dass umgekehrt der Test auf keinen anderen der in den 300 Proben vorhandenen Viren anschlug. Innerhalb der Virologie scheint eine solche "Eichung" aber offenbar auszureichen, um die Existenz eines neuen Virus zu postulieren.

Drosten formulierte das so: "Der Test reagiert auf kein anderes im Menschen verbreitetes Corona- oder Erkältungsvirus als Sars-CoV-2." Im Grunde liegen hier zwei klassische positivistische Missverständnisse vor: 1. Eine Messung an 300 Proben ermöglicht Aussagen über die gesamte Menschheit. 2. Wenn wir etwas noch nicht entdeckt haben, dann hat es auch nicht existiert: Weil die Medizin den Sars-CoV-2-Virus bis zum Dezember 2019 nicht kannte, bezeichnete sie ihn als neuen Virus. In Wirklichkeit weiß sie nicht, ob er neu war. Aus der Annahme des Neuheitscharakters wurde aber abgeleitet, dass das schnell steigende Muster der Neuinfektionen die Ausbreitung eines neuen Virus beschreibt. Die Gegenthese, dass wir in Wirklichkeit nur das Muster immer stärkeren Testens sehen, erscheint aber mindestens ebenso adäquat.

Es wäre noch zu erwähnen, dass zum Zeitpunkt des Frühjahr-Lockdown der Sars-CoV-2-Test noch nicht auf seine Zuverlässigkeit untersucht war. Man wusste weder, wie viele Falsch-positiv-Anzeigen noch wie viele Falsch-negativ-Anzeigen der Test produziert. Auch jetzt sind immer noch keine konsensfähigen Daten dazu publiziert. Von einer seriösen Erhebung der Infizierten-Zahlen würde ich deshalb nur begrenzt sprechen.

Es ist deutlich sichtbar, dass beide Narrative mit vielerlei Unsicherheiten und Annahmen behaftet sind. Jeder Mensch bastelt sich seine Corona-Sicht aus vielerlei Kombinationen von solchen Annahmen und Deutungen der vorhandenen Eigenwahrnehmungen und Daten zusammen.

Wenn unsere Gesellschaft nicht zerfallen soll, dann sollte Politik dieser Unterschiedlichkeit Rechnung tragen. Man würde dann eben zum Beispiel nicht alle Menschen zum Maskentragen zwingen, sondern man würde FFP-2-Masken an jene Menschen ausgeben, die ein Schutzbedürfnis haben. Man würde nicht 10 Milliarden Euro ausgeben, damit Lokale schließen, sondern man würde Liefergutscheine an jene Personen ausgeben, die sich nicht mehr in Lokale trauen usw.

Das Produktive an meinem Argument zu den Corona-Toten ist nun, dass es beiden Seiten hilft: Wer die Corona-Maßnahmen als übertrieben ansieht, der bekommt ein Argument zum Verstehen des eigenen Bauchgefühls. Wer Corona für sehr gefährlich hält, der kann seine Position ausdifferenzieren: Nicht jeder "Corona-Tote" ist jemand, bei dem eine Sars-Cov-2-Infektion zum Ausbruch der Krankheit Covid-19 geführt hat. Nicht jeder, der mit Covid-19 Gestorbenen ist auch an Covid-19 gestorben.

Diese Ausdifferenzierung ist keine Verharmlosung. Alle Grippe-Viren sind gefährlich. Alle Grippe-Viren können zu schweren Krankheits-Verläufen führen und auch zum Tod. Das ist auch bei Sars-CoV-2 der Fall. Die Frage ist nur, warum wir bei diesem speziellen Virus bereit sind, einen in der Geschichte der Bundesrepublik einmaligen volkswirtschaftlichen, menschlichen, kulturellen und politischen Schaden anzurichten, um die Epidemie einzudämmen - und ob diese politische Praxis sich verstetigen soll. Egal wie man dazu steht - ein Verständnis des Zustandekommens von Daten gehört zu einer emanzipierten Positionsbildung unbedingt dazu.

Fazit: Lesen Sie Mathematikbücher und rechnen Sie selbst! Misstrauen Sie Mathematikbüchern! Es geht nicht um das Rechnen mit den Zahlen, sondern immer um das Zustandekommen der Zahlen, und das ist unsicher. Genießen Sie die Unsicherheit als intellektuelle Herausforderung und beschimpfen Sie andere Leute nicht! Sie werden niemanden auf der Welt finden, der genau so denkt und fühlt wie Sie selbst. Das ist schrecklich, und das ist wunderbar. (Wolfram Meyerhöfer)