Wirtschaftsberichterstattung: Sprachrohre des Kapitals?

Es ist selten die Perspektive einkommensschwacher Menschen, die sich in der Wirtschaftsberichterstattung wiederfindet. Symbolbild: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)

Medien folgten in Wirtschaftsberichten dem politischen Zeitgeist. Studie kritisiert ihre zu enge Bindungen an den Mainstream der Wirtschaftspolitik

Anspruch und Wirklichkeit gehen im Wirtschaftsjournalismus oft weit auseinander. Das hatte eine Studie der Otto Brenner Stiftung im letzten Jahr eindrücklich gezeigt. Manche Forschungsbefunde werden kaum aufgegriffen. Und bei der Auswahl der Fachleute, deren Expertise eingeholt wird, ist weitgehend einseitig. Einen Grund dafür sah die Stiftung damals in einer einseitigen wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung.

Nun hat die Stiftung eine neue Studie veröffentlicht, welche die Mängel in der Wirtschaftsberichterstattung noch einmal unterstreicht. Untersucht wurden die Berichte zum Haushaltsstreit zwischen der EU-Kommission und der italienischen Regierung im Jahre 2018. Hierfür wurden 684 Artikel von "FAZ, Handelsblatt, SZ, Die Welt, taz, Bild und Der Spiegel" von Mai bis Dezember 2018 untersucht. Verglichen wurden sie mit 623 Artikel zu den Corona-Hilfsmaßnahmen von Februar bis Juli 2020 aus ebenjenen Zeitungen.

Marktgläubigkeit durch Corona-Krise erschüttert

Die Studie "Framing in der Wirtschaftsberichterstattung" zeigt: Die Wirtschaftspresse folgte stark der politischen Konjunktur und berichtete im Wesentlichen einseitig. Sie ließ "eine eigenständige und dauerhafte Pluralität der Perspektiven vermissen", heißt es.

Wenn relevante Akteure bestimmte Paradigmen in den politischen Diskurs einbrachten, reflektierte die Presseberichterstattung diese Ansichten. Daraus ergab sich die Dominanz neoklassischer Erklärungsmuster in der Berichterstattung 2018 und die Dominanz keynesianischer Perspektiven 2020.

Mit anderen Worten: 2018 herrschte der Glaube vor, dass "der Markt es regeln" werde; unter Corona-Bedingungen erwies er sich aber als Irrtum oder zumindest als nicht krisenfest.

Im Jahre 2018 hatte die italienische Regierung den Entwurf ihres neuen Staatshaushaltes an die EU-Kommission gesandt, wie es die gemeinsamen Regeln im Euro-Raum vorsehen. Die Regierung hatte vor, die nur in Ansätzen existierende und mit Arbeitslosengeld II vergleichbare Mindestsicherung im Land, mit jährlichen neun Milliarden Euro auszustatten. Außerdem sollte für ein Frühverrentungsprogramm rund sieben Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden. Im Gegenzug sollten die Steuern auf Zigaretten und Glücksspiele erhöht werden.

Weil die veranschlagten Einnahmen aber nicht die Kosten deckten, drohte die EU-Kommission mit einem Verfahren gegen Italien, damit es weniger Schulden macht und weiter daran arbeitet, den Schuldenberg abzubauen.

Die Studie spart nicht mit Kritik an der Berichterstattung. Die deutschen Medien waren in der bequemen Lage, dass Italien und nicht die Bundesrepublik von der Krise betroffen war. "Dadurch konnte die deutsche Presse Italien als EU-Mitglied mit einer zu hohen Staatsverschuldung und einer populistischen Regierung – beziehungsweise den von Italien hervorgebrachten Argumenten – leichter die Rationalität absprechen und entsprechenden Ansichten und Handlungsempfehlungen weniger Raum geben." Das habe dazu geführt, dass ablehnende Sichtweisen überrepräsentiert waren – und auch hin und wieder die Sachebene verließen.

Dass es auch anders geht, zeigte die Corona-Krise ab 2020, von der auch Deutschland betroffen war. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie lösten eine schwere Rezession aus und keynesianische Ansichten wurden dominant – in der Politik und dann auch in der Presse. Aber in den Medien fanden auch neoklassische Argumente ihren Platz, die immerhin 36 Prozent der Berichte ausmachten.

Neben dieser quantitativen Repräsentation beider Ansichten sei aber wichtig, "dass sowohl die Argumente der Befürworter als auch der Gegner erleichterter staatlicher Neuverschuldungsmöglichkeiten jeweils in einen sinnvollen Deutungsrahmen gestellt wurden", erklärte Studienautor Kim Otto. 2018 habe dies noch gänzlich anders ausgesehen: 95 Prozent der Artikel gaben die neoklassische Sicht auf den Konflikt zwischen EU-Kommission und italienischer Regierung wieder und problematisierten die angestrebte Neuverschuldung Italiens.

"Die keynesianische Sichtweise, für die die europäischen Sparvorgaben das zentrale Problem darstellten, wurde kaum aufgegriffen", betonte Co-Autorin Victoria Teschendorf. "Darüber hinaus wurden die südeuropäischen Länder, eben insbesondere Italien, aufgrund ihrer Position als ökonomisch unvernünftig dargestellt", ergänzte sie.

Die Medien erfüllte zwar ihre "Chronistenpflicht", sagte Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung. Die enge Bindung der Medien an den Mainstream der aktuellen Wirtschaftspolitik sei aber problematisch. Eine "verständigungsorientierte Debatte" mit Blick für Alternativen kann letztlich nur gelingen, wenn in den Medien auch die Vielfalt der wirtschaftswissenschaftlichen Ansätze reflektiert werden. (Bernd Müller)