Wirtschaftsmacht Mafia

"Justiz gegen die Mafia". Graffiti im italienischen Siracusa. Foto: Davide Mauro / CC BY-SA 4.0

Trotz einiger herber Rückschläge erwirtschaftet die italienische Mafia vor allem mit Drogenhandel satte Gewinne, die sie u. a. in der deutschen Immobilienbranche legalisiert

Am Mittwoch, den 5. Dezember 2018, gelang es bei der "Operation Pollino", einer länderübergreifenden Razzia, der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta einen herben Schlag zu versetzen. In vier Ländern, Italien, Belgien, den Niederlanden und Deutschland, klickten die Handschellen, bis zur Pressekonferenz um 12 Uhr wurden insgesamt 84 Verdächtige festgenommen, 14 davon in Deutschland.

440 deutsche Fahnder durchsuchten allein 65 Objekte, 63 in Nordrhein-Westfalen und zwei in München. Im Rahmen der länderübergreifenden konzertierten Aktion wurden zusammengenommen Vermögenswerte im Wert von etwa 5 Millionen Euro beschlagnahmt. Davon 2 Millionen Euro Bargeld, außerdem 4000 kg Kokain und 140 kg Ecstasy-Pillen.

Solche Razzien sorgen einige Tage für Schlagzeilen, geraten dann aber wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Mafia existiert für die meisten Deutschen nur als romantische Vorstellung aus beliebten Krimis, im realen Leben wird sie eher nicht zur Kenntnis genommen. Zum einen, weil die Gefahr völlig unterschätzt wird. So schreibt die deutsch-italienische Publizistin Petra Reski in einem ihrer Bücher über die italienische Mafia:

Ich erklärte, dass ein Europa ohne Grenzen nicht nur für Urlauber, sondern vor allem auch für die Mafia gelten würde. Und die Leser sahen mich an, als würde ich sie vor einer in der Ferne aufziehenden Giftwolke warnen. Eine Giftwolke, vor deren Auswirkungen sie jedoch nichts zu befürchten hätten, wenn sie das Haus nicht verlassen würden.

Petra Reski

Zum anderen, weil die Bürgerinnen und Bürger nicht direkt betroffen seien, sagte eine italienische Expertin in der ZDF-Doku "Die Paten von der Ruhr - Mafia-Paradies Deutschland".

Eine fatale Fehleinschätzung, denn Drogen bringen nur Geld, wenn sie auch verkauft werden. Drogensucht ist nach wie vor ein großes Problem in Deutschland, die Suchtmittel werden immer aggressiver, verunreinigt oder gestreckt. Mietenexplosion, Lohndumping, Pfusch am Bau und Korruption geht uns alle an, von den gesundheitlichen Folgen verunreinigter, gepanschter oder gestreckter Lebensmittel können wir alle betroffen sein. Außerdem sollte es uns nicht egal sein, wenn ganze Regionen in Italien mit unserem Giftmüll regelrecht verseucht werden.

Wie im Film

Es könnte tatsächlich eine "Tatort"-Folge mit Kommissar "Schimanski" sein: Zu Beginn des Films sind verkleidete Menschen zu sehen, Lachen, Stimmengewirr, ausgelassene Jugendliche, die rumalbern und sich mit Eiern bewerfen. Karneval in Kalabrien, eine Region im Süden Italiens. Eine Limousine fährt ins Bild. Ehrfürchtig treten die Menschen beiseite - nur einige der Jugendlichen nicht. Sie bewerfen die Luxuskarosse mit Eiern.

Die folgenden Minuten sind gespickt mit Szenen, in denen Menschen streiten, sich gegenseitig lautstark beschimpfen und heftig gestikulierend bedrohen. Die nächste Szene spielt auf einem Friedhof: Eine Frau wird zu Grabe getragen. Szenenwechsel. Duisburg. Dunkelheit. Stimmen sind zu hören. Aus einer Pizzeria scheint ein schwaches Licht auf den Gehsteig. Auf dem Bürgersteig davor ist silhouettenhaft eine Gruppe Männer zu erkennen. Unvermittelt sind Schüsse zu hören.

Die Silhouetten sacken in sich zusammen, dunkle Gestalten kommen heran, setzen jedem einzelnen eine Pistole an die Schläfe und drücken ab. Jeder der Männer wird regelrecht hingerichtet. Dann fahren die Mörder in einem Kleinwagen mit quietschenden Reifen davon. Erneuter Szenenwechsel: Schimmi hat seinen ersten Auftritt.

Es folgen 85 Minuten mit seinem rasanten und gewohnt brachialen Ermittlungsstil: Die Fäuste fliegen schon mal, es kommt zu der einen oder anderen Kabbelei mit Kollege Thanner, ein, zwei Mal schiebt er seine Dienstmarke über den Schreibtisch seines Chefs, der ihn entnervt vom Dienst suspendieren will und Klaus Lage singt im Hintergrund "Faust auf Faust".

So ganz nebenher fördert der rüpelige TV-Kommissar ein bis dato gut gehütetes Geheimnis zu Tage: Die kriminellen und gewalttätigen Umtriebe der italienischen Mafia, genau genommen der kalabrischen 'Ndrangheta, in Deutschland. Knapp 90 Minuten nach dem Eierwurf präsentiert der Vorgesetzte Schimanskis auf einer Pressekonferenz triumphierend 2 Millionen Euro Bargeld, 4.000 kg Kokain und 140 kg Ecstasy-Pillen.

Außerdem verweist er auf 90 Festnahmen in mehreren europäischen Ländern. Nicht ohne seinen herausragenden persönlichen Anteil an diesem Ermittlungsergebnis gebührend zu betonen. Ferner präsentiert er eine Liste mit Namen, die den Beweis dafür liefert, dass die Hauptakteure in diesem Drogenhandel auch mit den Morden in Duisburg in Verbindung stehen.

Die letzte Filmsequenz springt wieder nach Italien: Im Schritttempo fährt eine schwarze Limousine durch einen Ort, die Menschen machen ehrfürchtig Platz und grüßen ehrerbietig. Der Wagen fährt auf eine Gruppe rangelnder Jugendlicher zu … Dann erklingt die vertraute Filmmusik von Klaus Doldinger.

Mit einem Schlag war die Mafia ein Thema in Deutschland

Im wirklichen Leben hieß der ermittelnde Kommissar Heinz Sprenger und statt 90 Minuten vergingen von dem Eierwurf im kalabrischen Karneval 1991 bis zur länderübergreifenden "Operation Pollino" gegen die 'Ndrangheta am 5. Dezember 2018 fast 27 Jahre.

Sprenger ist inzwischen lange pensioniert. Aber seine Ermittlungen nach den Duisburger Morden, bildeten die Grundlage für alle Fahndungserfolge hinsichtlich der 'Ndrangheta in Deutschland. Dazwischen liegen mehrere Morde, der Aufbau internationaler Strukturen des Drogenhandels, weltweite Vernetzung, Geldwäsche, Geldanlagen in Pizzerien, Eisdielen und Bordelle, damit verbunden massive Einflussnahme auf das Immobiliengewerbe.

Am Anfang stehen ein paar Eier; am (vorläufigen) Ende die 90 Festnahmen und die 2 Millionen Drogengeld, Beschlagnahmung von Sachvermögen, außerdem ca. 4.000 kg Kokain sowie 140 kg Ecstasy-Pillen - und Duisburg ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Zumindest in der (öffentlichen) Wahrnehmung der Mafia in Deutschland.

Alles beginnt mit einem Dummejungenstreich im kalabrischen Karneval: Ein paar Jungen bewarfen eine Limousine mit Eiern. Leider saß darin ein hoher Clanchef der 'Ndrangheta, der das offenbar persönlich nahm. Die Folge war eine Fehde unter verschiedenen Familien der 'Ndrangheta, deren vorläufiger Höhepunkt der Mord an Maria Strangio, Ehefrau eines Clanchefs, Weihnachten 2006 war.

Als Folge wiederum davon wurden am 15. August 2007 sechs junge Männer vor der Pizzeria "Da Bruno" in Duisburg zuerst niedergeschossen und dann einzeln mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Der Jüngste von ihnen war 16 Jahre alt.

Die Frankfurter Rundschau (FR) schreibt, die Männer seien auf einer Feier anlässlich der Aufnahme eines neuen Familienmitglieds gewesen, die im Hinterzimmer des "Da Bruno" stattgefunden hätte. Ein übliches Procedere, diese Rituale in den familien-, bzw. firmeneigenen Lokalen auszuführen.

Durch diese Morde wurden die Behörden überhaupt darauf aufmerksam, dass die italienische Mafia auch in Deutschland aktiv war, bzw. ist. Bis dahin waren sie davon ausgegangen, dass Deutschland nur als Rückzugsort diente, z. B. um Mafiosi Unterschlupf zu gewähren, nach denen in Italien gefahndet wurde.

Zwar wurde die italienische Mafia auch mit Schutzgelderpressung, auch in Deutschland, in Zusammenhang gebracht, im Großen und Ganzen galt sie hierzulande jedoch als Stoff, aus dem die guten Krimis sind, wie z. B. "Der Pate". Spektakuläre Raubüberfälle und besonders brutale Gewaltverbrechen wurden als Einzelfall gewertet; niemand ahnte, dass dahinter organisierte kriminelle Strukturen stehen, schon gar nicht wurden die Verwandtschaftsverhältnisse der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta durchschaut.

Zu dem Zeitpunkt war die italienische Mafia, insbesondere die 'Ndrangheta, allerdings schon hyperaktiv. Mit Drogen-, Waffen- und Menschenhandel sowie illegaler Müllentsorgung, auch Giftmüll, verdient sie unvorstellbare Summen. Laut der erwähnten ZDF-Dokumentation dominiert sie mittlerweile den weltweiten Drogenhandel und Deutschland ist die logistische Basis dafür.

In den 1960er Jahren kamen die als billige Arbeitskräfte angeworbenen "Gastarbeiter", viele von ihnen aus Italien. Insbesondere die Industrie des Ruhrgebiets hatte Bedarf an Arbeitskräften, so dass sich an Rhein und Ruhr rasch italienische Communities bildeten. Diese brachten Pizzerien und Eisdielen nach NRW - und die Mafia. Die begann, Schutzgeld zu erpressen, sich so ein ökonomisches Fundament zu schaffen.

Die Lokale dienten gleichermaßen als Unterschlupf für Mafiosis, die in Italien wegen Gewaltverbrechen oder Raubüberfällen gesucht wurden, später als Drogenumschlagsplatz sowie als Basis und Treffpunkt für die Aktivitäten in der Diaspora.

Von dem erpressten, erbeuteten und durch Drogenhandel "erwirtschafteten" Geld wurden Zug um Zug Gebäude gemietet, bzw. gekauft, die 'Ndrangheta investierte nach der Wende u.a. in Immobilien im Osten, z. B. in Leipzig und in Erfurt, es wurden bundesweit Pizzerien, Eisdielen und auch Bordelle eingerichtet.

Auch dabei ist der Ausgangspunkt das "Da Bruno" in Duisburg: Anfang der 1990er Jahre arbeiteten dort der FR zufolge zwei Männer, einer ursprünglich aus der Toskana, der andere aus Kalabrien, die mit viel Geld - vermutlich aus San Luca - Restaurants, Cafés und Eisdielen in Berlin und Ostdeutschland eröffneten. Die Namen der beiden Männer dürfen nicht genannt werden, dafür hat ein gewiefter Anwalt gesorgt - bundesdeutsche Gerichte haben ihm Recht gegeben.

Die FR schreibt:

Unter ihrer Führung ist Erfurt zu einem der wichtigsten Knotenpunkte im europäischen 'Ndrangheta-Netzwerk aufgestiegen. Als der Clan Romeo vor einigen Jahren ein Restaurant im Zentrum von Rom kaufte, konnte die Erfurter Gruppe 1,3 Milliarden Euro dafür ausgeben. Die italienischen Ermittler versuchten jahrelang, die Quelle des Geldes zu finden. Vergeblich.

Die DIA (das Anti-Mafia-Dezernat im Rom, Anm. d. Verf.) vermutet, dass die Erfurter Gruppe bereits den Anschluss zu einigen wichtigen Entscheidungsträgern in der Politik und Wirtschaftswelt gefunden hat. Die Mafiosi wissen, dass man mit Zustimmung bessere Geschäfte macht als mit der Angst.

Und keiner weiß das besser als der Mann mit der dunklen Jacke. In seinen Restaurants sind oft Politiker, Unternehmer, Schauspieler und Sportler zu Gast. Für die Foto-Galerien auf den Webseiten der Restaurants lässt er sich gerne neben ahnungslosen Prominenten fotografieren. "Jedes Foto ist eine Kampfansage", hat Enrico Senatore, der römische Mafia-Ermittler, gesagt. "Die Botschaft lautet: Das ist unsere Welt, wir gehören hierher".

Die deutsche Öffentlichkeit hofiert den Mann mit der dunklen Jacke als Vertreter des Italian Style. Wegen seines Engagements in gemeinnützigen Projekten ist er in der Presse als Wohltäter und Mäzen gefeiert worden.

Frankfurter Rundschau

Die italienische Mafia

Die wohl bekannteste Mafia-Organisation ist die sizilianische Cosa Nostra. Daneben die neapolitanische Camorra. Die apulische Saccra Corona Unita und die ebenfalls sizilianische Stidda sind weitestgehend unbekannt. Die Existenz der kalabrischen 'Ndrangheta wurde der Öffentlichkeit durch die besagten Duisburger-Pizzeria-Morde bekannt.

Alle dieser Strukturen sind streng hierarchisch, streng patriarchal aufgebaut. Obwohl auch die Frauen eine bedeutende Rolle darin spielen, wie wir noch sehen werden. Aber sie haben keine Leitungsfunktionen inne, wenngleich sie laut Petra Reski unterdessen gleichberechtigt an der Vorbereitung und Durchführung der Aktionen und Geschäften beteiligt sind.

Die Publizistin hat diese Entwicklung in mehreren Büchern beschrieben. Sie gilt als eine der führenden Mafia-Expertinnen in Deutschland. Obwohl sie auf Tatsachen beruhen sind ihre Bücher spannender als jeder Krimi - oder auch genau deshalb.

Die Struktur ist familienähnlich angelegt, jede "Familie" hat ein Oberhaupt, dem jedes Mitglied zu absolutem gehorsam verpflichtet ist. Dabei handelt es sich nicht zwangsläufig um Blutsverwandte. Es gelten die Regeln des Clans, nicht die italienischen, bzw. deutschen Gesetze. Für alle Mitglieder gilt die Omertà, die Schweigepflicht, der Ehrenkodex der Organisation. Auf Verrat steht die Todesstrafe.

Einzig die 'Ndrangheta ist tatsächlich ein Familienverband im herkömmlichen Sinne. Jedenfalls bis auf wenige Ausnahmen. Experten schätzen, dass dies das Geheimnis ihres Erfolgs ist. Denn Familien, vor allem in traditionellen Gesellschaften, halten fester zusammen.

Trotzdem kommt es innerhalb dieser Familien zu Auseinandersetzungen, z. B. wenn einzelne Zweige um die Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet oder einen Geschäftsbereich rivalisieren. Auf Gewaltverbrechen folgt die Vendetta, die Blutrache. Wie in Duisburg.

Allerdings ist die 'Ndrangheta so schlau - bis auf die Morde in Duisburg - diese Rivalitäten nicht durch öffentlich ausgetragene Bandenkriege zu lösen. Um in aller Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, braucht sie ein ruhiges Umfeld, die Mafiosi tauchen nicht im Trenchcoat mit gezogener Knarre in der Manteltasche auf, sondern sie tragen Anzug und Krawatte und präsentieren sich als biedere Geschäftsmänner. Oder lassen sich von Anwälten vertreten.

Während sie nach außen ihre Geschäfte, z. B. in der Immobilienbranche, abwickeln, regeln sie intern den weltweiten Drogenhandel. Die 'Ndrangheta dominiert den europäischen Drogenhandel, von den Drogenkartellen in Kolumbien und Mexiko wird sie als ebenbürtiger Geschäftspartner angesehen. Laut ZDF dominiert sie den weltweiten Drogenhandel, die Lokale und Bordelle dienen als Umschlagplatz für Frauen, Drogen und Waffen.

Selbst die landläufig bekannte Schutzgelderpressung hat ein anderes Gesicht bekommen: Statt Kohle direkt einzukassieren, wird den Gastwirten ungefragt Wein geliefert, Olivenöl, Mehl für die Pizza, vergammeltes Gemüse, etc. Das ist dann die Art von Angebot, die kein Gastwirt ablehnen darf.

Der oben genannte Kommissar Heinz Sprenger deckte ein System auf: Alle Lokalitäten, mit denen er im Zusammenhang mit den Duisburger Morden zu tun hatte, hatten dieselbe Weinsorte im Angebot, alle hatten die gleiche Einrichtung, etc. Inzwischen werden so gepanschtes Olivenöl und schlechte, z. T. zum Verzehr nicht mehr geeignete oder stark veränderte Lebensmittel in den Pizzerien abgeladen. Allerdings gibt es unterdessen organisierten Widerstand seitens der Gastwirte gegen diese zeitgenössische Form der Schutzgelderpressung, sowohl in Italien als auch im Ausland, u.a. Deutschland.

Der "Operation Pollino", die sich gezielt gegen die 'Ndrangheta richtete, ging tags zuvor eine Razzia in Italien voraus. Dabei wurden 46 Mitglieder der Cosa Nostra festgenommen, darunter der mutmaßliche Chef der Organisation, Settimo Mineo.

Hierzulande wird gegen 47 Beschuldigte ermittelt, die der 'Ndrangheta zugerechnet werden. In NRW werden seitens der Behörden etwa 120 Personen dem Spektrum "Italienische Organisierte Kriminalität" (IOK), also allen mafiösen Strukturen zusammen, zugerechnet, in Bayern 136. Laut einer Schätzung des FBIs besteht die 'Ndrangheta weltweit aus 160 Clans mit etwa 6.000 Mitgliedern.

Das Hauptgeschäftsfeld der 'Ndrangheta ist der Drogenhandel

Dieser wurde in aller Ruhe außerhalb Italiens aufgebaut. Die 'Ndrangheta ist mittlerweile auf allen fünf Kontinenten vertreten und mischt im Drogenhandel in Lateinamerika mit. Als Drehscheibe dienen u.a. der Bremische und der Hamburger Hafen.

Heinz Sprenger stellte nach den Duisburger Morden ein Team aus 140 Personen zusammen, schöpfte bei allen zuständigen Behörden sämtliche verfügbaren Informationen ab und bat bei italienischen Behörden um Zusammenarbeit. So konnten Erfolge erzielt werden: Bereits eine Woche nach den Morden gab es erste Durchsuchungen, vier Monate danach erste Festnahmen.

Zugute kam dem Kriminalisten, dass im Jahr 1984 eine Autoversicherung sich an die Duisburger Kriminalpolizei gewandt hatte, weil ihnen mehrere Schäden an Autos gemeldet worden waren, die ihnen komisch vorkamen. Es wurde vermutet, die Schäden seien vorsätzlich herbeigeführt worden, um die Versicherungssumme zu kassieren. Seltsamerweise ereigneten sich alle diese Vorfälle in dem kleinen 3.700-Seelenort San Luca in Kalabrien im Süden Italiens, obwohl die Fahrzeughalter in Duisburg gemeldet waren.

Zwar nicht sofort, aber mit der Zeit, nachdem der Ort immer mal wieder im Zusammenhang mit Kriminaldelikten aufgetaucht war, begann sich die Kripo Duisburg dafür zu interessieren. Scheiterte aber gnadenlos an den dort herrschenden Strukturen. Laut Petra Reski existieren allein in San Luca 39 Clans. Namengleichheiten sind keine Seltenheit, zumal die Clans endogam leben; sprich: Heiraten außerhalb der Familie ist nicht zulässig.

Durch die Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden konnte nach den Duisburger Morden das Geflecht aus Personen und Namen entwirrt und ein Profil für die Täter- und Opferseite erstellt sowie ein Zusammenhang zwischen beiden hergestellt werden. Den Fahndern war aufgefallen, dass viele der involvierten Personen dieselben Nachnamen trugen, teilweise dieselben Vornamen, z. T. am selben Tag geboren, und zwar verteilt auf die Opfer- und die Täterseite. Die italienischen Behörden kannten die familiären Verflechtungen und konnten entsprechende Zuordnungen vornehmen.

So war quasi über Nacht San Luca, die 'Ndrangheta und deren Aktivitäten in Deutschland zum Thema geworden, das weltweit ein Medienecho hervorrief. Einen "Betriebsunfall" nennt Heinz Sprenger das, denn eigentlich braucht die Mafia ein ruhiges Umfeld, um störungsfrei ihren Geschäften nachgehen zu können. Nun war sie auf dem Radar der Kriminalpolizei.

Trotzdem sind Fahndungserfolge kein Selbstläufer, vor der "Operation Pollino" ermittelten Behörden in Italien, den Niederlanden, Belgien und Deutschland zwei Jahre lang, nachdem im britischen Fährhafen Harwich ein präparierter Pferdetransporter festgesetzt wurde, mit dem Drogen transportiert wurden. Laut Tagesschau werden "den mutmaßlichen Mafiosi … bisher mindestens 23 solcher Transporte von jeweils 80 Kilogramm Kokain aus den Niederlanden nach England zur Last gelegt, wie die Kölner Polizei mitteilte".

Bei einem der Hauptverdächtigen, dem 45jährige Besitzer einer Pizzeria im nordrheinwestfälischen Brüggen (Kreis Viersen), schließt sich der Kreis zu den Duisburger Morden, wie RP-online berichtet: "Wie aus den Unterlagen der italienischen Polizei hervorgeht, soll es zudem Verbindungen zwischen den beiden Brüggener Betrieben und den Duisburger Mafia-Morden im Jahr 2007 mit sechs Toten geben. Auf einer Namensliste aus der Vergangenheit der beiden Betriebe in Brüggen tauchen sowohl Namen aus den Täter- als auch den Opferclans von 2007 auf."

RP-online beschreibt die Route und den Verlauf des Drogenhandels folgendermaßen.

Über die mittlerweile geschlossene Brüggener Pizzeria "La Piazza" und das gleichnamige Eiscafé soll die kalabrische Mafia ihren Kokaintransport nach Italien organisiert haben. Das legen Lagebilder der italienischen Polizei nahe. Aus den Papieren geht auch hervor, wie raffiniert die mutmaßlichen Täter bei dem Transport vorgegangen sein müssen: Aus Guyana und Surinam in Südamerika sollen die Drogen über niederländische Häfen nach Deutschland gekommen sein.

Ein Düsseldorfer Unternehmen bestellte tonnenweise Holzkohle - die mit flüssigem Kokain getränkt gewesen sein soll. Die Drogen sollen aus der Holzkohle herausgelöst und dann von Brüggen aus nach Italien weitertransportiert worden sein. Auch über ein Duisburger Eiscafé sollen Kokain-Transporte abgewickelt worden sein - laut Lagebericht soll es personelle Verflechtungen zwischen dem Duisburger Café und den beiden Betrieben in Brüggen geben.

rp-online

Wie die Süddeutsche recherchiert hat, ist "ihr wichtigster Geschäftszweig … der Drogenhandel, vor allem Kokain. Die 'Ndrangheta hat Filialen in allen maßgeblichen Herkunftsländern des Stoffs in Lateinamerika: Kolumbien, Bolivien, Peru. Sie bezieht die Ware vor Ort, bringt sie ins brasilianische Santos, wo sie verschifft wird, zunächst bis nach Westafrika, wo die Drogen zwischengelagert werden, bevor sie weitertransportiert werden in die großen europäischen Häfen in Rotterdam, Bremerhaven, Genua oder Gioia Tauro in Kalabrien - den Verteilzentren für den wichtigsten Absatzmarkt, den europäischen. Da die 'Ndrangheta Beziehungen zu den südamerikanischen Clans hat und sich immer wendig anpasst an die neuen Machtverhältnisse vor Ort, kauft sie das Kokain so billig ein wie keine andere Mafia der Welt. Die Marge beim Verkauf ist entsprechend groß".

Schwarzgeld treibt die Immobilienpreise hoch

Bereits Anfang des Jahres gab es eine Razzia, die "Operation Stige", gegen die 'Ndrangheta, bei der in mehreren Ländern 169 Verdächtige verhaftet wurden, 14 davon in Deutschland. Den Mafia-Organisationen werden Schutzgelderpressung, Frauenhandel, Schleuserei und Drogenhandel vorgeworfen. Sie mischen zudem mit im Bereich der Lebensmittelpanscherei, z. B. Olivenöl, und betreiben lukrativen Handel mit Giftmüll.

Das durch diese Aktivitäten eingenommene Schwarzgeld wird ganz legal in den Wirtschaftskreislauf eingeschleust. Deutschland bietet sich aus zwei Gründen an: Zum einen funktioniert hier die Wirtschaft - im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern; gerade der Immobiliensektor ist sehr aktiv. Zum anderen herrscht hier eine sehr viel laschere Gesetzgebung als z. B. in Italien.

Investoren müssen nicht offenlegen, woher die Millionen stammen, mit denen sie ihre Immobilien finanzieren. Investoren, die über ein hohes Kapital verfügen, sind im Gegenteil höchst willkommen. Auch beim Fall des Verdachts der Geldwäsche dürfen keine Schritte wie z. B. Telefonüberwachung folgen. Auch ist Mitgliedschaft in einem Mafia-Clan in Deutschland kein Straftatbestand.

So kommt ganz unkompliziert zusammen, was aufgrund der kapitalistischen Wirtschaftsweise zusammengehört: Bedarf nach Wohnraum und solvente Investoren, die gern etwas größer denken, und denen es weniger um Wohnraum als um den Bau von lukrativen Geschäftshäusern geht. So werden Stadtteile, ja ganze Städte verändert - und ganz nebenbei die Mietpreise in die Höhe getrieben. Die Viertel werden angeblich aufgewertet. Hinzu kommt, dass die Mafia Preise bieten kann, bei denen andere nicht mithalten können.

Laut ZDF ist auch das Baugewerbe davon betroffen: Die Vergabe von Aufträgen, das Baumaterial, Stichwort Pfusch am Bau, selbst "die Löhne stehen im Schatten der Mafia". Mit anderen Worten: Die Clans schaffen es, die Bauaufträge zu ihrem Imperium gehörenden, oder ihnen untergebenden Firmen zuzuschanzen, die billiges Material verbauen und den Arbeitern einen Hungerlohn zahlen.

Der FR zufolge konzentriert sich die Aktivität der 'Ndrangheta "nach Angaben der DIA in Deutschland zurzeit auf den internationalen Handel, die Bauindustrie (vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen), den Immobilienmarkt, den Tourismus und die Hotellerie". Die Geldgeber verstecken sich häufig hinter Konsortien.

Hintergrund dessen ist, dass die Mafia, insbesondere die 'Ndrangheta, auf gutes Einvernehmen mit Politik, Wirtschaft und Medien setzt. So z. B. Mario L., Wirt der Pizzeria "Mariuzzo" in Stuttgart, in welcher der Welt zufolge "in den 90er-Jahren baden-württembergische Politiker" speisten, "darunter der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag und heutige EU-Kommissar, Günther Oettinger. (…) In den 90er-Jahren brüstete L. sich gern damit, dass er mit dem damaligen CDU-Fraktionschef und späteren Ministerpräsidenten Oettinger befreundet sei. Mario L. hatte der Landes-CDU damals Spenden in Höhe von mehreren Tausend Mark zukommen lassen, in seinem Lokal richtete er 'kalabrische Abende' für die Fraktion aus."

Mario L. gehört dem Clan Farao-Marincola an, der in mehreren Wirtschaftszweigen aktiv ist: Lebensmittel- und Weinhandel, in der Müllentsorgung und in Beerdigungsunternehmen. Dem Clan werden außerdem Korruption und Geldwäsche vorgeworfen. Bei der erwähnten Razzia Anfang Januar 2018 wurde auch Mario L. verhaftet; insgesamt gab es mehr als 160 Festnahmen, in Italien waren auch Politiker betroffen.

Da wäre es nicht verwunderlich, wenn auch hierzulande Bauaufträge bei "kalabrischen Abenden" ausgekungelt würden: Während wir uns im vorderen Teil des Lokals die mit von der Mafia diktiertem Mehl gebackene, von der Mafia geleiferten halb vergammelten Tomaten belegte, mit gepanschtem Olivenöl beträufelte und mit schimmeligem Käse, der mit ätzender Flüssigkeit geruchsneutralisiert wurde, bestreute Pizza schmecken lassen, tagen im Hinterzimmer die Honoratioren aus Politik und Wirtschaft und sprechen beim "kalabrischen Abend" reichlich dem von der Mafia gepanschten Fusel zu.

Als "Wirtschaftsmacht" bezeichnet die Mafia dem Bayerischen Rundfunk (BR) zufolge der Antimafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri in Catanzaro in Süditalien.

Schutzgelderpressung, Frauenhandel, Schleuserei, Drogen: Kriminalität schafft illegale Einnahmen und die werden in die legale Wirtschaft geschleust. Auch in Immobilien, wie die "Operation Stige" offenbart: es tauchen vier Beschuldigte in den Ermittlungen auf, die für "bestimmte Investitionen in Immobilien" ("specifici investimenti in proprietà immobiliari") zuständig sind. Und auch bei einer Telefonüberwachung während einer anderen Anti-Mafia-Operation stoßen die italienischen Ermittler auf eine Spur über Investitionen in deutsche Immobilien.

BR-Recherchen auf Basis zahlreicher offizieller Berichte aus Italien, vom EU-Parlament und der EU-Kommission, belegen alle: die italienische organisierte Kriminalität investiert ihr Geld in Deutschland, auch in Immobilien. Auf BR-Anfragen bei deutschen Ermittlungsbehörden und Ministerien, wo die Mafiagelder investiert sind, heißt es mal, man habe keine Erkenntnisse. Mal aber auch, es seien Investitionen in Immobilien bekannt. Wie kann die Mafia hier ungehindert investieren?

Der Bayerische Verfassungsschutz beobachtet die Italienische Organisierte Kriminalität, kurz IOK, seit Jahren. Der Präsident Burkhard Körner weist auf deren astronomisch hohen Jahres-Umsätze hin: 140 Milliarden Euro. Deutschland sei als Anlageort attraktiver als Italien, wegen stabilerer Verhältnisse und auch wegen höherer Renditen im Immobilienbereich.

136 Personen gibt es, die die Sicherheitsbehörden als gefährlich einstufen. Einige von ihnen mischen im Immobiliengeschäft mit: das sagt ein Informant, den wir in München bei unseren Recherchen für das BR-Magazin mehr/wert treffen. Er kennt einen Teil der Szene im süddeutschen Raum. Die Mafia kaufe Wohnungen und lege Geld in Immobilienfonds an.

Mafia-Käufe lassen Immobilienpreise explodieren, BR

Laut BR appelliert "Francesco Forgione, der ehemalige Vorsitzende der Anti-Mafia Kommission im italienischen Parlament, … dringend an Deutschland, die Kapitalströme zu untersuchen. Denn nach seinen Informationen haben italienische Clans in Deutschland in private - und Gewerbeimmobilien gigantisch hohe Beträge investiert."

Wenn kriminelle Organisationen auf dem Wohnungsmarkt mitbieten, könnten Bürger kaum mithalten, zitiert der BR weiter. Europol mache die organisierte Kriminalität für steigende Wohnungspreise mit verantwortlich.

Laut n-tv wird der deutsche Immobiliensektor "angesichts zahlreicher Schlupflöcher … zunehmend zum Ziel von milliardenschwerer Geldwäsche. Es werde vermehrt ausländisches Geld investiert, dessen Herkunft unklar sei, heißt es in Studie der Organisation Transparency International. 'Nach Schätzungen waren es allein 2017 über 30 Milliarden Euro'.

"Transparency schätzt, dass 15 bis 30 Prozent aller kriminellen Gelder inzwischen in Immobilien investiert werden - durch den Bau von Häusern über Sanierung bis hin zu Kauf, Verkauf und Miete. Oft geschieht das über Strohmänner, was die Aufdeckung schwierig macht", ist einem Zeit-Artikel zu entnehmen.

Transparency fordert, dass für Notare die Schweigepflicht bei einem Verdacht aufgehoben werden soll, da sie durch den Grundbucheintrag unmittelbar mit Kaufverträgen zu tun haben. Zudem müsse die geplante Digitalisierung und Zentralisierung der Grundbücher durch die Bundesländer beschleunigt werden, um mehr Transparenz zu schaffen. "Das zentrale Grundbuch muss öffentlich gemacht werden, um eine Prüfung von Eigentümern zu ermöglichen und so Geldwäscher abzuschrecken", fordert der Studienautor Markus Henn. Über Briefkastenfirmen werden oft die wahren Hintermänner und die Herkunft des Geldes verschleiert.

n-tv

Die Süddeutsche schreibt: "In einigen Teilen der Wirtschaft ist die Mafia eine richtige Macht. Im Baugewerbe beispielsweise. Gelernte Schafhirten steuern Scheinfirmen und prellen Staat und Sozialkassen um große Summen. Das fällt dann gewöhnlich, wenn es zum Prozess kommt, unter bandenmäßig betriebene Steuerhinterziehung. Kaum jemand würde dahinter die Mafia vermuten. Generell lässt sich feststellen, dass die Mafia - ähnlich wie in Italien - viele Anstrengungen unternommen hat, ins legale Wirtschaftsleben vorzudringen. Neben Baufirmen ist die italienische Mafia in einem Teil des Lebensmittelgroßhandels oder in der Gastronomie aktiv."

Der Tagesschau zufolge, gilt die "kalabrische 'Ndrangheta (…) inzwischen als die mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel nach Europa und ist auch in Deutschland aktiv. Nach Zahlen des Bundeskriminalamts vom April 2018 gehörten von 585 bekannten Mafiamitgliedern in Deutschland 344 der 'Ndrangheta an. (…) Ermittler in Italien warnen seit langem davor, dass die 'Ndrangheta ein außerordentlich wichtiges Standbein in Deutschland hat. Im Sommer erklärte die nationale Anti-Mafia-Behörde, dass die kalabrische Mafia hier ähnliche Strukturen aufgebaut habe wie in Italien. Der Hamburger Hafen sei für den Drogenhandel von 'besonderem Interesse' für die Clans".

Essen Sie gern italienisch?

Diese Frage würden die meisten wohl mit "Ja" beantworten. Die italienische Küche genießt weltweit einen hervorragenden Ruf. Allerdings - und das ist das Problem - sind zwar vielen italienische Spezialitäten wie Mozzarella, Parmaschinken, Salame Veronese, Balsamico oder Olivenöl "extra vergine" bekannt, doch sie wissen nicht so genau, wie diese im Original schmecken.

Genau hier tun sich der IOK Profitmöglichkeiten in astronomischer Höhe auf: Indem minderwertige oder z. T. auch für den Menschen ungenießbare Lebensmittel als hochwertig deklariert werden, hochwertige Lebensmittel mit minderwertigen oder z. T. auch ungenießbaren gepanscht oder teurere Lebensmittel mit günstigeren Produkten gestreckt werden.

In der 3sat-Dokumentation "Die Lebensmittelmafia" wird gezeigt, wie verdorbener Mozzarella mit einer ätzenden Flüssigkeit übergossen, anschließend in einem LKW über Hausmüll "geräuchert" und dann als Büffelmozzarella in den Handel gebracht wurde.

Italienisches Olivenöl gilt als das beste der Welt. Doch, so heißt es in der Doku, die Nachfrage danach sei erheblich höher als die Anbaufläche. Also wird nachgeholfen: Billigprodukte aus dem Ausland werden mit hochwertigem italienischem Olivenöl vermischt, oder in chemischen Prozessen wird z. B. Rapsöl in Olivenöl "umgewandelt". So kann das minderwertige Olivenöl teurer oder das preisgünstigere Rapsöl teuer als Olivenöl verkauft werden. Olivenöl ist das Produkt, das weltweit am häufigsten gepanscht wird.

Gefolgt von Fisch auf Platz 2. Das gilt für Produkte, in denen Fisch verarbeitet wurde, nicht für Rohware. Auch beim Wein soll gern nachgeholfen werden. Als Beispiel wurden in der Doku auch Haselnüsse genannt. In der Verarbeitung werden die teuren Haselnüsse z. T. durch günstigere Erdnüsse ersetzt. Das ist lukrativ, muss geschmacklich und qualitativ nicht zwangsläufig zum Nachteil sein, ist aber ein unter Umständen lebensbedrohliches Risiko für Menschen mit einer Erdnussallergie.

"Alles, was einen guten Namen und einen hohen Preis hat, wird gepanscht: Mozzarella, Schinken, Olivenöl, Balsamico, Spirituosen. Dabei schrecken die Täter vor nichts zurück: Vergiftungen und sogar der Tod von Konsumenten werden billigend in Kauf genommen", so Filmemacher Thomas G. Becker. Ein lukratives Geschäftsfeld, hinter dem häufig die Mafia stecke.

Doch auch wenn diese nicht involviert sei, so würden laut der Dokumentation dieselben Kontakte genutzt, die Vertriebssysteme und auch die Routen. Diese verunreinigten, gepanschten, gestreckten und z. T. für den Menschen ungenießbaren Lebensmittel sollen auch von der Mafia in den deutschen Pizzerien in Umlauf gebracht werden. Sie zählen zu den Warenangeboten, die die Gastwirte nicht ablehnen dürfen. Denen bleibt nichts anderes übrig, als sie zu zahlen und häufig wird der Fusel den Gästen als Hauswein angeboten und das Billigöl steht als Extraservice auf dem Tisch.

Die Frauen der Mafia

In ihren Büchern beschreibt die im Ruhrgebiet geborene Venezianerin Petra Reski, wie sich die italienische Mafia im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert hat, und wie diese sich insbesondere im Ausland, vor allem in Deutschland, vom blutrünstigen Killertrupp zu einem Club angesehener Geschäftsleute gemausert hat. Sie beschreibt auch, wie sich die Stellung der Frauen veränderte.

Auf dem Cover des Buches "Von Kamen nach Corleone - Die Mafia in Deutschland" ist zu lesen: "Sie berichtet, wie gut sich die Mafia seit 40 Jahren in Deutschland eingerichtet hat und wie sehr dies von deutschen Politikern ignoriert wird. Sie zeigt die Verflechtungen der Mafia mit Politik und Wirtschaft und erzählt vom verzweifelten Kampf Italiens um seine Demokratie."

Im Vorwort des Buches "Mafia - Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern" schreibt sie:

"Ich versuchte den Lesern klarzumachen, was ich von den Staatsanwälten in Reggio Calabria, Palermo und Neapel wusste: dass sich die Mafia bereits seit Jahrzehnten bestens an die Gegebenheiten in Deutschland angepasst hat - weil ein Mafiosi in Deutschland weder in öffentlichen Lokalen noch zuhause abgehört werden kann, weil Mafiazugehörigkeit im deutschen Recht anders als in Italien nicht strafbar ist und weil Geldwäsche in Deutschland ungleich einfacher ist, da der Mafioso in Deutschland keineswegs nachweisen muss, dass das von ihm investierte Geld aus sauberen Quellen stammt.

Anders als in Italien, wo mit dem Pio-La-Torre-Gesetz erreicht wurde, dass einer Person, die auch nur im Verdacht steht, zur Mafia zu gehören, die Güter konfisziert werden können. Ich sprach darüber, dass der Paragraph der kriminellen Vereinigung keineswegs den der Mafiazugehörigkeit ersetze, weil einer kriminellen Vereinigung ja die Vorbereitung eines speziellen Delikts nachgewiesen werden muss. Wobei sich die Mafia in Deutschland nur in Ausnahmefällen in die Gefahr eines konkreten Tatverdachts begibt - das Massaker von Duisburg im August 2007 war ein Betriebsunfall, den sie gerne wieder vergessen machen möchte."

"Bei Falcones (Giovanni Falcone war Italiens erster berühmter Anti-Mafia-Staatsanwalt, Anm. d. Verf.) Beerdigung zelebriert der italienische Staat das immer gleiche Ritual der Ohnmacht: Politiker bekräftigen wortreich ihre Entschlossenheit im Kampf gegen die Mafia - nachdem sie sich heimlich über die Sakristei in die Kirche geschlichen haben, um der Wut der Menschenmenge draußen zu entgehen", konstatiert sie in dem Buch "Rita Atria - eine Frau gegen die Mafia".

Allerdings sähen die Mitglieder der Mafia sich eher von selbiger verfolgt, die Mafia, das sei für sie der Staat, der die Clans für ihre Verbrechen zur Rechenschaft ziehen will. Da zeigt sich, wie fest die Frauen mit dem System verwoben sind:

"'Die Mafia, das sind die anderen, die mir meine Tochter genommen haben', erklärt Giovanna Atria, Ritas Mutter, die ihren Mafiosi-Ehemann ihr Leben lang gedeckt hat und ihre Tochter über den Tod hinaus hasste, weil sie auf ihre Art Rache für den Tod des Bruders und des Vaters an der Mafia nahm."

Rita Atria wurde nach dem Mord an ihrem Bruder zur Kronzeugin. "Die Mafia sind die anderen" - nach Ansicht von Giovanna Atrias sind es Polizei und Staatsanwaltschaft, denen ihre Tochter sich anvertraute.

"In der Camorra und in der 'Ndrangheta dagegen tragen die Frauen sogar echte 'Ehrentitel'", schreibt Hamed Abdel-Samad in seinem Buch "Mohammed - Eine Abrechnung":

Sie sind 'Schwestern des Schweigens'. Wie bei der Cosa Nostra und der Camorra tragen auch in Kalabrien die Frauen die Mafia-Kultur von Generation zu Generation weiter. Es sind die Mütter, die die Blutrache verlangen, das Gedenken an die Toten aufrecht erhalten und ihre Söhne für das Leben in der 'Ndrangheta vorbereiten. … Sie sorgen dafür, dass die patriarchalen Strukturen bestehen bleiben, die ironischerweise sowohl physische als auch psychische Gewalt gegen Frauen begünstigen.

Hamed Abdel-Samad, "Mohammed - Eine Abrechnung"

"In der Hierarchie der 'Ndrangheta sind die Frauen heute faktisch gleichberechtigt - speziell in der Planung eines Rachefeldzugs: Blut ruft nach Blut, heißt es in Kalabrien", so Petra Reski. "Ich erinnere mich noch an die Geste, die Staatsanwalt Nicola Gratteri machte, als er über die Frauen der 'Ndrangheta sprach. Er zog eine imaginäre Uhr auf: Die Frauen seien es, welche die Rachefeldzüge der Clans vorbereiteten, sie programmierten ihre Männer wie einen Zeitzünder.

Die Ermittlungen um die Morde von Duisburg bestätigten ein weiteres Mal, dass die Frauen des Clans sich keineswegs auf die Rolle der ahnungslosen Ehefrau beschränken, so wie man es aus dem jahrzehntelang sorgsam gepflegten Bild von der Mafiafrau kennt - deren einzige Schuld die Liebe sei, die sie für ihren Mann und die Kinder empfinde. Die Frauen des Clans, so betonen die Fahnder, seien keineswegs passive Opfer des blutigen Clankriegs, sondern Protagonistinnen. Sie transportieren Waffen für ihre untergetauchten oder verhafteten Männer, sie planen Verbrechen, überbringen Botschaften und bedienen sich der Medien. Die Frauen sind die andere Hälfte der Mafia - der sie wiederum ihren Wohlstand, ihr Ansehen und ihre Macht verdanken. Die sie unter allen Umständen erhalten wollen.

Petra Reski

Als im Februar 1986 in Italien der sogenannten Maxi-Prozess gegen die Mafia begann, waren es Ehefrau, Mutter, Schwestern und andere weibliche Mitglieder des Clans eines inhaftierten Mafiosi, der mit der Polizei kollaborieren und gegen die Mitangeklagten aussagen wollte, die geschlossen im Gerichtssaal aufmarschierten und lautstark verkündeten: "Das ist nicht mein Mann", "Das ist nicht mein Sohn", Das ist nicht mein Bruder", … So übten sie machtvoll Druck auf den Mann aus, damit dieser bei der Stange blieb und nicht zum "Pentito", zum Verräter wurde und die "Omertà", das eherne Gesetz des Schweigens brach. Denn dann hätten die Frauen alles verloren: Wohlstand und Ansehen - und ihr eigenes Leben wäre bedroht gewesen.

Auch der SPIEGEL erinnert an den "Fall Rita Atria": "Die 18jährige, die aus einem bekannten Clan in der Nähe der sizilianischen Hafenstadt Trapani stammte, hatte sich dem Staatsanwalt Borsellino anvertraut. Als der umgebracht wurde, stürzte sich Rita aus dem Fenster ihres römischen Verstecks zu Tode. Sie habe ihren einzigen Schutz verloren, schrieb sie in ihrem Abschiedsbrief. Keiner aus ihrer Familie nahm an ihrer Beerdigung teil. Als der kleine Grabstein mit dem emaillierten Foto des Mädchens errichtet worden war, eilte Ritas Mutter mit einem schweren Hammer auf den Friedhof und zertrümmerte die Gedenkstätte."

Rita Atria ist allerdings das Beispiel dafür, dass Frauen nicht nur die Mafia stützen, sondern dass es Frauen waren, die der sizilianischen Cosa Nostra, wenngleich sie sie nicht zu Fall brachten, so doch erheblichen und nachhaltigen Schaden zufügten. Die "Pentiti" (Verräterinnen) Piera Aiello-Atria, Rita Atrias Schwägerin, Roslaba Triola, Ehefrau des Mörders von Nicola Atria, Bruder von Rita und Ehemann von Piera sowie die Staatsanwältinnen Morena Plazi und Alessandra Camassa, Letzere eine junge Mutter, die mit ihrer Familie unter ständigem Polizeischutz lebte - und sich trotzdem nicht sicher sein konnte, dass ihnen nichts geschieht.

Omertà auch für die Presse

Doch auch wenn die Mafia immer wieder große Rückschläge hinnehmen musste, bis heute ist es nicht einmal ansatzweise gelungen, ihre Sümpfe trockenzulegen. Daran ändert auch die Razzia vom vergangenen Mittwoch und das stattliche Ergebnis derselben nichts.

Zwar wurde nach den Duisburger Morden eine deutsch-italienische Taskforce gegründet, trotzdem nehmen die Aktivitäten zu. Heute gibt es laut ZDF etwa vier Mal so viel aktive Mafiosi wie 2008 in Deutschland. Lücken werden sofort wieder gefüllt, selbst wenn es Hunderte Festnahmen gab.

Der Mafia ist es gelungen, sich die Justiz zunutze zu machen und Berichterstattung zu unterbinden, bei der das Kind beim Namen genannt wird und auch Personalien der beteiligten Personen geoutet werden.

So wie bei den beiden Männern, die ihr Gastro-Imperium aus dem Duisburger "Da Bruno" starteten. Auch in Petra Reskis Büchern sind Passagen geschwärzt, weil dort Namen genannt werden, die in Italien in jeder Zeitung zu lesen waren. So verunmöglichen die bundesdeutsche Politik und die Justiz auf vielfältige Weise, dass die fraglichen Personen und deren Aktivitäten bekannt werden und endlich effektiv gegen die Mafia vorgegangen wird.

Die Omertà, die Schweigepflicht, wird auch auf die Medien übertragen. Verstoßen sie dagegen, folgt die Vendetta, die Blutrache: Der slowakische Journalist Ján Kuciak bezahlte für seine Recherchen über die italienische Mafia vermutlich sogar mit seinem Leben. Nicht nur er, sondern auch seine Freundin Martina Kušnírová.

Die beiden wurden zwischen dem 22. und dem 25. Februar 2018 in ihrer gemeinsamen Wohnung erschossen. Vor seinem Tod habe er mehr als ein Jahr zu den Aktivitäten der 'Ndrangheta in der Slowakei recherchiert, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), "einschließlich ihrer Verbindungen zu Spitzenpolitikern, sagte Marek Vagovič von 'Aktuality.sk' der Nachrichtenagentur Bloomberg. Das Portal beabsichtige, den Artikel zu veröffentlichen. Nach Angaben der slowakischen regierungskritischen Tageszeitung 'Sme' ging es in den Recherchen Kuciaks um Verbindungen der 'Ndrangheta zu einer Mitarbeiterin von Ministerpräsident Robert Fico. Das slowakische Nachrichtenportal 'postoj.sk' berichtete, ein Netz von Firmen der italienischen Mafia sei vor allem im Osten der Slowakei aktiv, wo es mehrere Millionen Euro aus europäischen Landwirtschaftsfonds an sich gezogen habe".

Der 'Ndrangheta ist es offenbar wichtig, ihre Geschäfte ungestört über die Bühne bringen zu können. Dringt zu viel darüber an die Öffentlichkeit, dann bemühen sie die Justiz, um wieder für Ruhe zu sorgen, oder sie werden ungemütlich, wie vermutlich im Falle des slowakischen Journalisten Ján Kuciak. Umso wichtiger, öffentlich darüber zu sprechen - und vor allem bei Ausschreibungen von Bauvorhaben sowie bei Immobilienverkäufen, -verpachtungen und -vermietungen genau hinzusehen.

Literatur:
Reski, Petra, Von Kamen nach Corleone - Die Mafia in Deutschland, KNAUR Verlag
Reski, Petra, Mafia - Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern, KNAUR Verlag
Reski, Petra, Rita Atria - eine Frau gegen die Mafia, Verlag Hoffmann und Campe
Abdel-Samad, Hamed, Mohamed - Eine Abrechnung, DROEMER Verlag

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