Wissen contra Armut

Zur Evolution des Weltwohlstandes

Eine sich momentan öffnende Zukunftschance mit einem kleinen Zeitfenster wird vorgestellt. Diese Chance ist nur durch einen winzigen Schritt von der Verwirklichung getrennt. Der Schritt besteht in einem gewissen Geldbetrag, der in einen Zukunftsfonds für das Überleben des Planeten investiert werden muß. Da kein Land der Welt bisher zu dieser ihm den ersten Platz in der Zukunft sichernden Investition bereit war, legen wir mit diesem Manifest die Zukunft in die Hände des nettesten Sponsors der Welt.

Du mußt selbst die Änderung sein, die Du in der Welt anzutreffen wünschst.

Gandhi

Wissen ist ein merkwürdiges Ding. Es sieht nacht nichts aus, aber es nicht zu haben, kann in einem Augenblick über Leben und Tod entscheiden. Natürlich kann Wissen auch gefährlich sein, wie die Atombombe beweist. Darf man Wissen kostenlos verteilen? Es wird dafür plädiert, daß dieses auf den ersten Blick mutige Handeln die entscheidende Weichenstellung für eine lebbare Zukunft darstellt.

Armut verhindert, daß Menschen am Wohlstand teilhaben können. Armut ist auch deshalb schlimm, weil sie Menschen von den Chancen der Welt ausschließt und somit ein riesiges Potential für die Gewinnung neuen Wissens nicht genutzt wird. Es ist bekannt, daß etwa 60 % der Weltbevölkerung, d.h. etwa 3,3 Mrd. Menschen, in Armut leben. Weit über eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 840 Millionen Menschen leiden unter chronischem Hunger und fast ein Drittel der Menschen hat eine Lebenserwartung von unter 40 Jahren. Nahezu eine Milliarde Menschen sind Analphabeten. Dies nur zur Erinnerung.

Armut ist ein relativer Begriff. Wenn die Reichen Lamborghini fahren, kommt sich ein Radfahrer in China arm vor. Das ist ungerecht, aber so ist die Welt. Relative Armut ist immer in Abhängigkeiten von den Anspruchshaltungen zu sehen. Solange wir genügend zu essen bekommen, ein festes Dach über dem Kopf haben, unsere medizinische Versorgung gesichert ist und wir Zugang zum Internet haben, sind wir eigentlich schon reich in dem Sinne, daß es uns besser geht als den meisten Erdbewohnern. Trotzdem werden sich viele hierzulande als arm bezeichnen, die weit über der Armutsgrenze der ärmsten Länder liegen. Der auf Mangel an Wissen beruhende Bestandteil der Armut ist jedoch in allen Ländern gleich.

Die Schere des zunehmenden Auseinanderklaffens zwischen Reich und Arm wird oft als destabilisierender Faktor für die Zukunft des Planeten angesehen (die Reichen werden immer reicher, die Armen werden relativ immer ärmer). Dieses Argument ist irreführend. Wenn die Armen dabei reicher werden, müssen sie nicht unbedingt darauf eifersüchtig sein, daß die Reichen noch schneller reicher werden. Das erscheint paradox. Das Rätsel löst sich, wenn man den Begriff der Schwelle einführt. Es gibt eine Schwelle zur absoluten Armut. Diese Schwelle darf nicht unterschritten werden, gleichgültig wie reich oder superreich die Reichen und wie arm - relativ gesehen - die Armen sind oder bleiben. Warum?

Absolute Armut darf nicht sein. Sie besteht in permanentem Hunger, ständiger Überlebensunsicherheit, fortdauernder Krankheit und im Ausschluß von befreiendem Wissen. Es ist gerade das Angeschlossensein an Wissen, daß den entscheidenden Anstoß zur Überwindung des Teufelskreises der Armut ermöglicht. Wissen gibt den Menschen Hoffnung auf eine lebbare Zukunft, doch nicht nur das: es gibt ihnen Sicherheit. Wer weiß, hat einen Überblick über ihm offenstehende Optionen. Das ist das Grausamste: aller Optionen beraubt zu sein. Man nennt dies Perspektivlosigkeit.

Armut ist zwar relativ zu unseren Bedürfnissen, aber absolute Armut verstößt gegen die Menschenrechte. Niemand darf absolut arm sein, deshalb ist es das Ziel jeder modernen Zukunftsplanung, die unzumutbare Armut abzuschaffen. Kein Geld der Welt ist in der Lage, die Probleme der heutigen Entwicklungsländer zu lösen. Doch ein Element ist, wie wir sahen, hier auszunehmen: der Zugriff auf das gesammelte Wissen der Menschheit. Er kostet zwar auch ein bißchen an Investition, wenn man ihn weltweit zur Verfügung stellen will. Aber diese Kosten sind vergleichsweise minimal. Zugleich stellt er eine Garantie für das Überleben aller dar. Es gibt auf einmal ein Bankkonto des Überlebens für alle - ohne Bankkonto.

Vor 50 Jahren, am 30. Januar 1948, wurde Gandhi (Schüler von Tolstoi, dem Erfinder des gewaltfreien Widerstandes) im Alter von 79 Jahren ermordet. Wenn man Bilder dieses kleinen schmalen Mannes sieht, würde man nicht denken, daß er so wirkungsmächtig war. Die "große Seele" Gandhi wurde auch Ghandichi (Ghandichen;Gandhischatz) genannt. Um die Befreiung, von einer die Menschenrechte verweigernden Regierung durchzusetzen, reiste er von Dorf zu Dorf und predigte den Widerstand ohne Gewalt, der, wie er wußte, tausendmal wirksamer ist. Durch sein öffentliches Fasten konnte er die Regierung immer wieder nötigen, seinen Forderungen für andere zu entsprechen, da niemand für seinen Tod durch Verhungern verantwortlich sein wollte.

1930 startete er seine wohl bekannteste Aktion, den Salzmarsch. Er forderte die Regierung auf, die Salzsteuer aufzuheben, da die Armen sie kaum bezahlen konnten. Viele Menschen folgten Gandhis Aufruf, zum Meer zu gehen. Gandhi zeigte den Menschen dort, wie sie selbst Salz aus dem Meer gewinnen konnten, und rief zum Boykott nicht selbstgefertigter Waren auf. Als kurz darauf Gandhi verhaftet wurde, begann ein großer landesweiter Streik und eine Besetzung der Salzbergwerke. Darauf ließ der Gouverneur ihn frei und ermöglichte den Verkauf von indischem Salz. Wir erwähnen dies so ausführlich, weil das Salz von Gandhi zugleich das Salz des Wissens ist. Durch das Wissen, wie man Salz gewinnt, wurde die unerträglichste Sklaverei beseitigt. Wissen und Sklaverei schließen sich gegenseitig aus. Dies ist Ghandis Vermächtnis.

Die Jugend hat das Potential zur Erkundung des menschlichen Wissens. Die Förderung der Jugend hat deshalb für uns alle die größte Bedeutung. Die meisten Bewohner der Welt in 100 Jahren werden die Nachkommen der heute jungen Menschen sein. Sie sich zum Freund zu machen, ist die wichtigste Zukunftsaufgabe. Deshalb gilt es, allen Menschen, d.h. auch und vor allem den jungen Menschen, den kostenlosen Zugang zum Wissen der Welt zu sichern.

Wir wagen die Formulierung: Wissen ist der elementare Treibstoff für das Zünden einer Weltwohlstandsrakete. Armut besteht immer dann, wenn es nicht gelingt, Wissen effizient zu nutzen, sei es dadurch, daß keine Anschlußfähigkeit an bestehendes Wissen gewährleistet ist oder daß die Menschen von einem Wissen ausgeschlossen werden, das sie zum Überleben benutzen könnten.

Es ist lebensnotwendig, Grundlagenforschung nicht nur mit der Verbesserung der Industrieproduktion zu legitimieren, wie es heute in den entwickelten Ländern gängige Meinung ist, denn es kommt auf etwas anderes an: Wissen ist autokatalytisch. Das kostbarste an der weitergehenden Forschung ist, daß sie weitergehende Forschung ermöglicht. Nur dadurch wird es möglich, immer mehr Wissen allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Forschung ist kein Selbstzweck von Nationalstaaten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, sondern sie hat vor allem das Potential, den Planeten humaner zu machen, d.h., die absolute Armut zu überwinden. Wir brauchen nicht an den Zahnarzt um die Ecke und die Antibiotikapille im Badezimmerschrank zu erinnern.

Wer Kindern etwas schenkt, bekommt das schönste Geschenk zurück, nämlich das Lächeln eines Kindes. Wer könnte sich diesem Geschenkzwang entziehen? Da Wissen heutzutage über elektromagnetische Wellen durch das Universum getragen wird, ist eine Theorie des Wissens sozusagen an eine Theorie des Lichts gebunden.

Die Aufgabe, vor der wir stehen, ist keine geringere, als den Kindern dieser Welt Zugang zu diesem Licht zu eröffnen. Licht ist das Medium, welches womöglich nicht nur in der Lage ist, die Quantentheorie mit der Relativitätstheorie zu vereinen, sondern auch den Gegensatz zwischen arm und reich zu überwinden. Licht ist etwas, was den Menschen lächeln läßt und ihn freudig berührt, Schatten oder Dunkelheit hingegen machen dem Menschen Angst und lassen ihn erfrieren.

Das Buch "In Eisigen Höhen" des Bergsteigers John Krakauer belegt, wie schnell Licht und Dunkelheit in den Bergen sich abwechseln können. Ein Temperatursturz und aufkommende Stürme verringern nicht nur die Sicht und somit das Licht, sondern auch die Chance des Überlebens in unwirtlichen Regionen. In unserer industriellen Überflußgesellschaft vergessen wir allzu oft, welche Bedeutung Licht, sei es Tageslicht oder elektrisches Licht, für uns und noch mehr für die Entwicklungsländer hat. Licht ist das lächelnde Medium, das uns Wärme und Geborgenheit schenkt. Da es uns ermöglicht, Wissen zu transferieren und uns aus der Dunkelheit des Unwissens herauszuführen, könnte man das Licht zum Medium des Wissens erklären. Die aus der Aufklärung stammenden Begriffe Licht und Dunkelheit gewinnen durch die Herausforderung des Internets eine neue Bedeutung.

Sogenannte Netzwerke erlauben heute eine ganz neue Autonomie der Teilnehmer in lose organisierten Communities (Gemeinschaften - besser wäre im Deutschen Nettschaften) aller Art zu praktizieren. Die Wirkungsmächtigkeit geht in all diesen Fällen von den Teilnehmern selbst aus. Es entwickelt sich ein neues Wir-Gefühl nicht nur bei Krisen, sondern auch im Umgang miteinander. Wir entwickeln erstaunlicherweise wieder die Fähigkeit, nett zueinander zu sein und uns gegenseitig ernst zu nehmen, statt grausam zu schweigen und einsam zu sterben.

Im Sinne Martin Bubers werden wir erst durch das Du zum Ich. Wenn helfen nichts kostet, ist der Mensch zum Helfen verpflichtet. Die Bekämpfung der Armut ist eine heilige Brücke. Diese Brücke ist das Licht, in dem unser Ich sich wiedererkennt. Dieses Licht sucht den Anderen, weil es erst durch die Interaktion mit diesem erfahren kann, was es heißt, sich wohlzufühlen und gut zu sein. Gut zu sein, ist paradoxerweise nur möglich, wenn man die eigene Wichtigkeit in ihrer möglichen Bedeutung für andere, deren Menschenrechte unterdrückt werden, erkennt. Die Fähigkeit, Differenzen wahrzunehmen, läßt den Menschen Chancen zum Gutsein, wie gerade geschildert, aber auch die Versuchung des Bösen in seiner vollen Tragweite erkennen. Stellt man sich dem Bösen und hat man es klar vor Augen, so büßt dieses merkwürdigerweise seine Attraktivität in Echtzeit ein. Denn daß man als Gegenüber und potentieller Partner so wichtig wäre, wie die ins Auge gefaßte Versuchung enthüllt, hätte man sich nicht träumen lassen. Die Ästhetik ist stärker als die Ethik. Niemand will so unappetitlich sein in seinen eigenen Augen, wie das Bild des eigenen Mißbrauchs von Macht ihn erscheinen ließe. Was heißt das für die Demokratie?

Demokratie ist das Zusammenleben von Menschen, die sich ihrer Wichtigkeit für andere bewußt sind. Der Mensch ist, biologisch gesehen, ein pathologisches Wesen. Der Grund ist, daß der Einzelne für das Überleben eines anderen Verantwortung übernehmen kann und muß. Das Tier bestimmt durch seine Handlungen zwar auch das Überleben anderer Organismen, ist sich dieser Tatsache aber nicht bewußt und kann daher nicht als Person in die Verantwortung genommen werden. Als Person angesprochen zu werden, ist in einem gewissen Sinne eine Katastrophe, weil man sich nicht dagegen wehren kann, Verantwortung zu übernehmen.

Hallo Herr Müller! Was haben Sie hier gemacht? Das ist biologisch gesehen unfair. Der Mensch muß Gott spielen, auch wenn er gar nicht will. Dies bedeutet einen Letal-Faktor für die biologische Art. Urhirsche mit Riesengeweihen mußten aussterben, weil schon erkennbar war, daß ihr von den Weibchen bewundertes und deshalb immer größer werdendes Geweih (man nennt dies Orthoselektion) sich im zwischenartlichen Wettbewerb als unnötiger Nachteil erweisen würde. Ebenso ist das Übernehmen von Verantwortung, z.B. von Kindern gegenüber Erwachsenen oder gegenüber fremden, nicht näher verwandten Jugendlichen, biologisch gesehen ein das Überleben der Art gefährdender Zug.

Dennoch ist diese Geiselsituation des Menschen, wie Levinas sie nannte, nicht eine Katastrophe, sondern die Garantie für die Zukunft. Denn ein Mensch, der, obwohl er überfordert ist mit der Aufgabe Gott zu spielen, es dennoch tut, erzeugt ein Licht, das allen das Weiterleben ermöglicht.

Die Rückkoppelung neuer Attraktoren mit anderen (wir wechseln das Bild, meinen aber immer noch dasselbe) eröffnet auch neue Perspektiven für die Wissenschaft. Im Sinne Fichtes ist es heute wieder an der Zeit, eine "sonnenklare" Botschaft an das größere Publikum zu richten, die lautet: Die Möglichkeit, die Jugend der Welt aus der Hoffnungslosigkeit zu retten, muß wahrgenommen werden, sobald sie das erste Mal geschichtlich auftaucht. Das Zeitfenster ist äußerst schmal. Wenn es verpaßt wird, ist ein nicht wiedergutzumachender Schaden für die Überlebensfähigkeit ("Survivability") aller entstanden. Die vorhersehbare Enttäuschung und Erbitterung der bewußt fallengelassenen jungen Mehrheit, die die Zukunft ist, führt vorhersehbar in genau die Katastrophe, die zu vermeiden Gandhi angetreten war.

Die Wurzel der Hoffnungslosigkeit, die heute noch herrscht, liegt also, modern ausgedrückt, im fehlendem Wissensmanagement. So einfach ist das, sagte der Managementexperte. Heute besteht die Möglichkeit, z.B über Internet-Auktionen, Second-Hand-Börsen, Geschenke, Waren und Dienstleistungen in die Entwicklungsländer zu transferieren. Für sich gesehen erscheint diese Option lächerlich und ungeschickt, etwa so, wie wenn ein Fonds zum Überleben von Wildtierarten für hungernde Kinder in Afrika Geld zu versammeln versucht. Eine Fernsehwerbung, die den Dollar des Zuschauers aus der Tasche lockt, statt die Kosten für die Anzeige selbst ebenso klug anzulegen, erinnert fatal an die einen Hauptgewinn in der Lotterie versprechende Briefwerbung, die dennoch bescheiden mit einem Fünfmarkbeitrag zufrieden ist.

Statt dessen gibt es heute zum Glück ein rationales Tor in die Zukunft. Es heißt Projekt Lampsacus.

Haben wir bisher nicht nur schön geredet? Wir haben die Nettigkeit unseres Subjektes vorgeführt. Wünschenswertheit ist jedoch noch nicht Machbarkeit. Allerdings gilt diese Einschränkung heute nicht mehr im selben Umfang wie früher. Der Computer hat alles verändert - wie der in der Überschrift zitierte Satz von Vilem Flusser erkennen läßt.

Mit demselben Aufwand, mit dem man ein Bildungssystem für die privilegierte Jugend eines kleinen Unterländchens (genannt Schwabendland z.B.) einrichten kann, ist es möglich, der nicht-privilegierten Jugend der ganzen Welt, alles Wissen der Menschheit zur Verfügung zu stellen, einschließlich sämtlicher ausbildender, qualifizierender und zum kompetenten Wissenschaftler machender Studiengänge. Hinzu kommt eine kostenlose Überlebens-, Finanz-, Gesundheits- und Krankheitsberatung für alle User als Lebensrecht.

Staatliche Großkredite reichen nicht aus, um die ärmsten Länder aus der Krise zu führen. Der entscheidende Faktor ist, die Menschen in ein größeres Interface einzubeziehen. Wissen ist der übergeordneter Faktor für die Einbeziehung der Mehrheit der Menschen in ein funktionierendes Wirtschaftssystem: Wenn alle ihr auf Wissen beruhendes Handeln durch eine kostenlose Post unmittelbar auf dem Weltmarkt anbieten können. Der Ausdruck "zweite" (kostenlose) Post ist die treffendste Beschreibung für Lampsacus.

Dann gibt es zukünftig nicht mehr eine Erste, Zweite und Dritte Welt, sondern eine Welt, deren besondere Merkmale der freie Zugriff auf Wissen, seine Vermehrung und gesicherte Verwertbarkeit sind. Der kostenfreie Zugang zu Wissen wird von selbst zur bedeutendsten Sozialreform des 21. Jahrhunderts. Wenn die Menschen die Chance erhalten, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, werden sie zu kompetenten Partnern auch im wirtschaftlichen Sinne.

Das Projekt, das wir hier kurz skizzieren wollen, heißt Lampsacus. Lampsacus ist ein Projekt im Rahmen der von Flusser definierten globalen Menschwerdung, da es erst dann einen humanen Planeten geben wird, wenn Wissen solidarisch zwischen den Menschen geteilt wird. Jeder hat hierbei Chancengleichheit und jeder hat zugleich eine andere Zukunftsperspektive. Bevormundung und Gängelung durch andere fallen aus.. Die Teilnehmer sind autonom und können sich frei mit Gleichgesinnten vernetzen. Lampsacus ist eine weltweite Solidargemeinschaft, die sich zu einer virtuellen Zivilisation entwickeln wird. In dieser Zivilisation gilt das Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Hat ein Mensch ein Problem, kann er sich der Unterstützung einer Vielzahl von Teilnehmern sicher sein. Dieses Prinzip - ein elementares Prinzip aus der Menschwerdung - praktizieren die Delphine bereits mit großem Erfolg. Die Kommunikation zwischen diesen Säugetieren ist darauf ausgerichtet, sich gegenseitig im Falle von Luftnot zu unterstützen. In Lampsacus gibt es deshalb die blaue Karte, die jeder Mensch zeigen darf, der in Not gerät. Zeigt er sie, kann er sich der Hilfe anderer gewiß sein.

Lampsacus ist der kostenlose Zugang zum Wissen für alle als Staubsauger gegen die Armut. So wird die bereits existierende Freundlichkeit der Netzwelten auf die physische Realität des menschlichen Daseins übertragen. Den Kindern ist das Lächeln noch nicht vergangen, nur manchen Erwachsenen. Es gilt deshalb die Parole: Die Reduktion des Lächelns als der in der Gesellschaft übliche Indikator des Erwachsenseins muß wieder aufgehoben werden - zu Gunsten einer Kultur der gutartigen Interaktion, die vor Freundschaft, Wohlwollen und Güte nicht zurückschreckt. Man stelle sich vor, man sitzt an einem Terminal und ist trotz der Privilegiertheit des rein datenmäßigen Verbundenseins nicht so nett, wie es dem Niveau eines klinisch sauber von der schmutzigen Welt getrennten Demiurgen schon zu allen Zeiten in den Mythen entsprochen hat.

Internet ohne Nettigkeit (wie das Wort schon ausdrückt) ist undenkbar und unappetitlich. Da wir, die Jungen, schon als Kinder die Samtweichheit der Tasten schätzen lernten, sind wir die netteste aller Generationen, sozusagen die Netties einer neuen Kultur. Jedes Kind soll zukünftig sagen dürfen, daß es nach eigenem Ermessen auf das Wissen der Welt zugreifen kann. Also nicht gemäß der Zuteilung durch die bestehenden Wissens-Monopolisten: das meint das Wort Community (Nettschaft).

In einer Zeit, in der es so leicht ist wie noch nie, wie Buddha zu lächeln, wird die unerträgliche Leichtigkeit des Daseins zu einem nicht mehr ignorierbaren Privileg. Sympathie und Solidarität zeigen sich in einem neuen Licht. Wir glauben, daß dies das Licht des Wissens ist, daß keinem mehr vorenthalten werden darf. Was bedeutet Solidarität? Solidarität bedeutet, sich gegenseitig des Wohlwollens zu versichern. Das beste Beispiel für Solidarität ist die Weitergabe des Wissens als die auf lange Sicht wirksamste Strategie gegen die Armut. Russland ist gerade dabei, sein von der ganzen Welt bewundertes Bildungssystem abzubauen, obwohl dies seine (und nicht nur seine) größte Chance für die Zukunft ist. Dieser Beitrag ist auch eine Ermutigung an die betroffenen Menschen in Russland, statt dessen die Flucht nach vorne anzutreten.

Der Vergabe von Krediten an die Entwicklungsländer wird mangelnde Effizienz vorgeworfen. Anstatt die Eigenkräfte zur Selbstorganisation zu fördern, führen die Kredite aufgrund der erforderlichen Zins- und Zinseszinszahlungen leicht zur Blockierung einer sich entwickelnden Eigendynamik. Dadurch werden die Länder der Dritten Welt in eine Zinsfalle getrieben. Der Ausweg aus diesem Dilemma kann nur lauten, statt auf die Abschreibungs- auf die Geschenkstrategie zu setzen.

Das wichtigste Geschenk für unsere gemeinsame Zukunft ist der Zugang zu Wissen. Wie bereits geschildert, führen Makrokredite zu einer staatlichen Verschwendungspolitik innerhalb der Entwicklungsländer, statt den wirklich Bedürftigen die benötigten Güter zur Verfügung zu stellen. Der Ansatz der Grameen Bank in Bangladesh, Mikro-Kredite an die Ärmsten zu vergeben, ist viel wirksamer, da er das Geld genau dort zur Verfügung stellt, wo es gebraucht wird. Diese Mikrostrategie, verbunden mit einer globalen Verfügbarkeit von Wissen, stellt die ideale Kombination dar. Sie erzeugt eine Eigendynamik, die eine Vielzahl von Ländern aus der Zinsfalle führen wird.

Seit der Idee von Muhammad Yunus, eine Bank für arme Leute zu gründen, müssen nicht mehr Milliarden Menschen von Finanzierungsquellen ausgeschlossen sein. Das Ziel des in den USA promovierten Wirtschaftsprofessors aus Bangladesh ist es, armen Menschen eine Chance zu geben, sich selbst aus ihrer mißlichen Lage zu befreien. Bevor Yunus seine Bank gründete, versuchte er verschiedenste Banker davon zu überzeugen, den Armen Kredite zu geben. "Nicht kreditwürdig!" lautete die gleichlautende Antwort aller Bankiers. Arme, Analphabeten, womöglich noch Frauen, waren im Banksystem einfach nicht vorgesehen.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte nur die Gründung einer Bank für arme Leute eröffnen. Mit 27 Dollar Startkapital gründete Yunus 1983 die Grameen Bank, die ausschließlich an Mittellose Kredite vergibt (im Durchschnitt etwa 200 DM pro Person). "Grameen Bank" heißt auf bengali soviel wie "Dorfbank". Der anfängliche Finanzbedarf war nur mit ausländischer Hilfe zu decken. Seit Erhalt der offiziellen Banklizenz wurden unter der Leitung von Yunus über 16 Millionen Kleinkredite ohne materielle Absicherung ausgegeben. Als neuartige Risikoabsicherung führte er ein Bürgschaftssystem ein, bei dem jeweils fünf Kreditnehmer sich zu einer Gruppe zusammenfinden. Wenn ein Mitglied nicht pünktlich zahlt, müssen die anderen dessen Zahlungen übernehmen (es ist wie bei den Delphinen).

Der Erfolg gab Yunus recht. Mit einer Rückzahlungsquote von 98 % erwiesen sich die Ärmsten als kreditwürdiger als alle anderen Bevölkerungsgruppen. Die Grammen Bank gibt bevorzugt Kredite an Frauen, wobei Yunus dies so begründet: "Frauen sorgen dafür, daß das Geld zum Wohle der ganzen Familie eingesetzt und zurückgezahlt wird". Die Hälfte der Frauen schaffte es, nach rund acht Jahren die Armutsschwelle zu überwinden, weitere 27 % gelangten in diesem Zeitraum bis zur Armutsschwelle. Die Frauen sind aber nicht nur die Schuldner der Bank, sondern auch die Eigentümer. Wenn die Ersparnisse des Gruppenfonds einen bestimmten Betrag erreicht haben, kauft die Gruppe für jede der fünf Frauen eine Aktie. 95 % der Bank gehören den Sparern, die restlichen 5 % hält die Regierung.

Heute ist die Grameen Bank in mehr als der Hälfte aller Dörfer von Bangladesh vertreten. In Bangladesh verhalf die Bank bisher mehr als zwei Millionen Menschen durch Mobilisierung der eigenen Kräfte dazu, daß sie die Armutsgrenze hinter sich lassen konnten. Die Grameen Bank hat auch ein eigenes Krankenkassensystem aufgebaut. Das besondere hierbei ist die Tatsache, daß die Bank diese Leistung mittlerweile ohne fremde Mittel erbringen kann. Der Grund: 1995 hat sich die Bank durch Ausgabe von Obligationen 150 Millionen Dollar auf dem Geldmarkt beschafft und ist seitdem unabhängig.

Damit die Erfahrungen in Bangladesh weltweit genutzt werden können, gründete Yunus 1989 den Grameen Trust. Mittlerweile starteten bereits mehr als 50 Länder den Versuch mit Mikrokreditprogrammen. Im Februar 1997 fand in Washington D.C. ein Mikrokredit-Gipfel statt, der sich zum Ziel setzte, bis zum Jahr 2005 die Zahl der Kleinstkreditnehmer auf weltweit 100 Millionen Menschen auszudehnen. Der Gedanke, diesen Gipfel zu veranstalten, wurde von John Hatch an Yunus herangetragen, der ihn sofort akzeptierte.

Das neueste Projekt von Yunus ist, die Armen in ganzen Land mit Handys auszurüsten und in den Dörfern Internet-Kioske einzurichten. Er ist Mitbetreiber des Mobilfunknetzes "GrameenPhone". Auch das Internet-Unternehmen "Grameen Cybernet" hat bereits die Arbeit aufgenommen. Die Möglichkeit zur Kommunikation und zur Telearbeit über das Internet eröffnen den Menschen in Bangladesh die Möglichkeit, in den Dörfern zu bleiben und gleichzeitig für Unternehmen in den Städten zu arbeiten. Das gesamte Datenmanagement wird hierbei dezentral von den Dörfern aus koordiniert. Weitere Pläne von Yunus betreffen die Stromerzeugung, da jeder Computer und jedes Handy Energie benötigt. Das Projekt "Dorfenergie" errichtet dezentrale Photovoltaikanlagen.

Diese "Projekte für Subjekte" beweisen, daß es durchaus möglich ist, durch soziale Innovationen das Gesicht der Armut zu verändern. Kernelement der Yunusschen Strategie ist es, die Menschen als Teilnehmer in Netzwerke einzubinden: in Kommunikationsnetze, Wissensnetze und Energienetze. Auch zum Projekt Lampsacus gehört die kostenlose Vergabe von mit Funkverbindung und Solarzellen ausgerüsteten Internet-Stationen. Lampsacus hat unabhängig von Yunus gleichartige Vorschläge auf globaler Basis gemacht und erweist sich heute als ein natürliches Kind des Yunusschen Gedankenimperiums.

Wir haben ein bißchen mit dem Feuer gespielt und ein Licht entfacht, das wir bescheiden als Fußnote zu Lampsacus und Yunus anbieten. Lampsacus ist nach dem Erfinder der großen Schulferien Anaxagoras benannt, der dort als "derjenige, der am meisten über die Grenzen des Wissens nachgedacht hat", begraben wurde.

Über die Grenzen des Wissens muß heute erneut nachgedacht werden. Als erster und einfachster Schritt stellt sich merkwürdigerweise die Zurverfügungstellung des gesamten Wissens für alle als Aufgabe in der neuen Wissenschaft der Limitology dar. Wenn viele Menschen zu Wissenden gemacht werden, werden die Grenzen des Wissens für alle erweitert, da der eine oder andere Beschenkte sich nicht daran hindern kann, einen neuen Gedanken zu haben. Selbst die Lichtgeschwindigkeit bleibt kein Hindernis für die Menschen, wie die Teleportation von Quantenzuständen nach Bell und Bennett beweist.

Aber bis wir wirklich zaubern können, bedarf es noch vieler, die z.B. die Frage stellen: "Warum beträgt die Lichtgeschwindigkeit genau 299.792,458... km pro Sekunde?" Antworten auf diese und weitere Überlebensfragen sind, wie wir sahen, im Zeitalter der Medien möglich, in dem das Interface als die eigentliche Wohnung der Menschen entdeckt wird. Wir wohnen im Interface des Jetzt und wir wohnen im Interface des nackten Gesichts des anderen Menschen. Es spricht und es sagt "Töte mich nicht, lasse mich nicht allein in meinem Sterben", wie Levinas es in so ergreifender Weise formuliert hat.

Die neue Medientheorie ist eine Theorie der Liebe. Das klingt nach Ideologie, ist aber in Wirklichkeit eine Annäherung an das Geheimnis der Menschwerdung, das heute über die Tasten des Computer-Interfaces auf einmal klinisch sauber nachvollzogen werden kann. Kleine Nebenbemerkung: Die damit verbundene Möglichkeit der Überwachung lehnen wir ab.

Die Menschenrechte waren zu keiner früheren Zeit so sehr ein Thema in aller Munde, wie heute, 50 Jahre nach ihrer Deklarierung. Wir wissen, daß einer der Gründe dafür scheinheilig ist. Ebenso wie die Blauhaltung des Planeten ist die Propagierung eines Menschenrechts auf Reichtum oder das angebliche Menschenrecht auf Risiko eine westliche Denaturation. Das erstere zielt auf die planetare Säuberung von unliebsamen Jugendlichen, die nicht folgen und zu viele sind. Das zweite und dritte ist ein Beweis für eine neue globale Leichtfertigkeit, die als Katalysator für den nächsten Holocaust dienen könnte. Das Wissensnetz ist harte Arbeit, die härteste, die je geleistet wurde, und benötigt den größten arbeitgebenden Betrieb, der je auf Erden errichtet wurde. Von Idealismus keine Spur: Das die Ärmel Hochkrempeln und das Anpacken, war schon immer diejenige Tätigkeit von Mama und Papa, die am meisten bewundert wird. Und bewundert werden wollen wir ja alle.

Absolute Armut gebiert Unfrieden und verhindert den Aufbau einer solidarischen Weltgemeinschaft. Deshalb muß für die Nutzung des Potentials der Menschheit das Wissen vollständig demokratisiert werden. Das Internet ist das avantgardistische Medium, welches das Projekt der Sicherung des Menschseins ermöglicht. Die Heimatstadt aller Menschen im Internet ist keine christliche Utopie und keine sozialistische Kampfparole, sondern ein Licht. "Homo homini deus" sagte Feuerbach und meinte damit, daß der Mensch kein Wolf ist (wie Thomas Hobbes behauptet hatte: Homo homini lupus). Deus heißt Gott. Und jetzt würde der Internet-Leser fragen: Na und?, Was ist der Nutzen? Das Ärgernis des Menschseins besteht darin, daß man viel mehr Chancen und Verantwortung hat, als man im momentanten Tran zu erkennen glaubt. Z.B.: Daß man in den nächsten 5 Minuten die Welt retten könnte, wenn einem nur das richtige Wort in die Tasten fließen würde. Das ist zwar nicht ernst gemeint, aber daß man immer viel wichtiger ist, als man sich selbst eingesteht, ist vielleicht die wichtigste Message in der Geschichte der Menschheit. Nichts spricht dagegen, den Mitmenschen als Mitmenschen anzuerkennen. Diese Chance nicht zu verpassen, ist die Herausforderung, vor die uns Lampsacus stellt.

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