Wissenschaft im Zeitalter des Antiprofessionalismus

Marktorientierung und Quantifizierungswahn untergraben die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und der Forscher

Historisch scheint die Blütezeit der Universitäten eben gerade in ihrer Unabhängigkeit von den Zwängen der Quantifizierung, in ihrer — zumindest idealisierten — Distanz zur Welt des Marktes zu gründen. Noch vor zwanzig Jahren genossen Forscher, in entsprechenden Umfragen, deutlich größeres Ansehen als etwa Politiker, Anwälte oder Autoverkäufer. Solche Ergebnisse können sich leicht umkehren, wenn man Professoren zwingt, ihre wissenschaftlichen Leistungen wie Autos anzupreisen und die Universitäten wie die Zentralen großer Rückversicherer organisiert (an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gibt es seit einigen Jahren ein "Center for Leadership and People Management", das sich nicht nur als ein veritables Wortungetüm entpuppt, sondern Wissenschaftlern "leadership skills" und Führungskompetenzen beizubringen versucht).

Werden Marktorientierung und der durch sie bedingte Quantifizierungswahn von den in der Wissenschaft Beschäftigten verinnerlicht (was inzwischen auch in den Geisteswissenschaften nicht selten der Fall ist), dann leidet nicht nur die Qualität der Forschung, sondern vor allem die Glaubwürdigkeit der Forscher sowie der Institution Wissenschaft insgesamt. Nicht die Höhe des zur Verfügung stehenden Lehrstuhl-Etats, die Anzahl der Publikationen, Doktoranden, Habilitanden und Vortragseinladungen entscheidet über das Renommee des einzelnen Forschers, sondern die Qualität der tatsächlich geleisteten Forschungsarbeit.

Um diese zu bestimmen, daran führt kein Weg vorbei, braucht es weitgehend unabhängige Peers, also Forscher, die über eine tatsächliche Expertise in den betreffenden Disziplinen verfügen und die nicht im Dauerwettbewerb um Ressourcen und Anerkennung mit ihren Kolleginnen und Kollegen stehen. Und es braucht eine Forschung, die sich traut, gegen den Strom zu schwimmen, die nicht nur innovativ, sondern auch solide, langsam, bedächtig, und grundlagenorientiert vorgeht und dabei vor allem die kritische Distanz zu ihren Geldgebern wahrt. Anders ausgedrückt, es braucht wieder wissenschaftliche Experten, die diesen Namen verdienen, die sich zu Themen äußern und zu Themen forschen, von denen sie tatsächlich etwas verstehen, und denen Respekt entgegengebracht wird, selbst wenn sich die Relevanz der dabei erzielten Ergebnisse oft nur langfristig und mit verzögerter Evidenz ermitteln lässt.

Er fürchte, so schreibt Nichols am Ende von "The Death of Expertise", nicht so sehr das Aussterben jeglichen Expertentums. Ärzte, Anwälte, Ingenieure usw. wird es wahrscheinlich immer geben; was ihm Sorgen macht, ist vielmehr die Tatsache, dass neuerdings kaum jemand mehr bereit zu sein scheint, einmal gefasste Meinungen und Vor-Urteile durch entsprechende Expertise zu revidieren. Das Goethe-Zitat "Man sieht nur, was man weiß" sollte alle, denen der dramatische Bedeutungs- und Realitätsverlust im digitalen Zeitalter ein Anliegen ist, nachdenklich machen. Und es sollte Wissenschaftler und mit Wissenschaft befasste Politiker daran erinnern, dass der Satz gleichfalls als starkes Plädoyer für eine Kultur der Expertise und Professionalität verstanden werden kann, auch und gerade an den neuerdings so geschmähten Universitäten.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für Nordamerikastudien an der Ludwig-Maximilians-Universität München

(Klaus Benesch)

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