Wissenschaft und die Geschlechterunterschiede

Der Streit um das Memo des Ex-Google-Mitarbeiters James Damore

Birgit Gärtner forderte hier vor kurzem neue Männer: "Sozial verträglich" müssten sie sein. Anlass dafür war das kontrovers diskutierte Papier über Gender-Diversität des ehemaligen Google-Mitarbeiters und IT-Experten James Damore (siehe Googeln Sie mal "von vorgestern", Mr. Damore).

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Dieses wird seit Wochen in der internationalen wie deutschen Presse diskutiert. Sind die Thesen des jungen Mannes sexistisch oder rassistisch? War der Rauswurf angemessen? Oder ist die öffentliche Reaktion überzogen und ein Hinweis darauf, dass eine von Damores Grundthesen stimmt, dass nämlich mundtot gemacht werde, wer linke Geschlechterpolitik kritisiere? Im Folgenden will ich kurz auf einige der Thesen eingehen und diese mit der Kritik Gärtners vergleichen.

Der Autorin sind vor allem Hinweise auf biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern ein Dorn im Auge, mit denen die ungleiche Geschlechterverteilung in IT-Berufen und Führungspositionen erklärt wird. Es handelt sich also um einen Schluss vom Körper auf die Gesellschaft: Weil Frauenkörper angeblich so seien und Männerkörper anders, manifestierte sich der Zustand unserer sozialen Umwelt, mit all ihren Unterschieden. Der Status quo wird so als natürliche Ordnung dargestellt.

Es ist verständlich und berechtigt, dass Frau Gärtner solche Schlüsse kritisiert. Schließlich wurde Frauen im Laufe der Geschichte immer wieder vor Augen gehalten, sie könnten dieses oder jenes nicht, etwa studieren, weil ihnen dazu von Geburt an die nötige Intelligenz fehle. Besonders perfide war an diesem Denken, dass sich tatsächliche Unterschiede in der Intelligenz beispielsweise dadurch ergaben, dass Frauen in einer von Männern dominierten Welt Bildung vorenthalten wurde. Sie sollten besser auf Hausfrauen- oder Nähschulen gehen, um etwas "Nützliches" zu lernen - nützlich im Sinne der vorherrschenden Kultur.

Die Biologisierung von Geschlechterunterschieden ist also nachvollziehbarerweise ein rotes Tuch des Feminismus. Bloß, inwieweit mach sich der frühere Google-Mitarbeiter dieses Erklärungsansatzes schuldig?

Er stellt seinem Papier (hier die vollständige Fassung, veröffentlicht durch den Journalisten Mike Cernovich), zunächst einmal die Anmerkung voran, dass er für Diversität und Inklusion sei.

Tatsächlich vertritt er dann die These, dass Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Berufswelt zumindest teilweise mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu tun haben könnten. Als mögliche Mechanismen nennt er vor allem den vorgeburtlichen Testosteronspiegel, die Erblichkeit von Persönlichkeitseigenschaften und die evolutionäre Vergangenheit des Menschen. Deshalb würden sich Männer tendenziell eher für Dinge, Frauen tendenziell eher für Menschen interessieren.

Ist diese Hypothese bereits sexistisch? Oder vielleicht das Ergebnis wissenschaftlicher Studien? In letzterem Falle würde man schlicht den Überbringer der Botschaft mit der Botschaft verwechseln.

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Wenige Tage nachdem das Papier an die Öffentlichkeit gelangte, äußerten sich vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu. Beispielsweise kommentierte Geoffrey Miller, Assoziierter Professor für Evolutionspsychologie an der University of New Mexico:

Wie dem auch sei, ich denke, dass fast alle der empirischen Aussagen des Google-Memos wissenschaftlich korrekt sind. Darüber hinaus sind sie ziemlich vorsichtig und neutral wiedergegeben.

Geoffrey Miller

Die Wissenschaftsjournalistin und promovierte Neurowissenschaftlerin Debra W. Soh gab ihren Eindruck, wie folgt, wieder:

Als Frau, die in der akademischen Welt und in der IT-Branche gearbeitet hat, fand ich das Memo nicht in geringster Weise anstößig oder sexistisch. Ich fand das Dokument gut durchdacht, mit einem Aufruf für mehr Toleranz für verschiedene Meinungen und dazu, Menschen als Individuen zu behandeln und nicht auf Grundlage ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Debra W. Soh

Wie verhält sich dies zum Aufschrei in den Medien und insbesondere Gärtners Kritik? Die Autorin hat schlicht eine Kernaussage falsch verstanden und übersetzt: Während Frau Gärtner behauptet, Damore glaube "fest an die Unterschiedlichkeit von Geschlechtern und Rassen", steht im Dokument: "Ich glaube fest an die Vielfalt der Geschlechter und Ethnien, und wir sollten nach mehr davon streben" (meine Übersetzung).

Im Papier steht eben nicht "differences", was man, wie die Autorin, rassistisch und sexistisch deuten könnte, sondern "diversity", Vielfalt. Förmlich die gesamte Gleichstellungspolitik spricht immer von Diversität, und zwar positiv. Dass Birgit Gärtner diese zentrale Stelle derart übersetzt hat, zeigt ein grundlegendes Missverständnis an.

Kommen wir noch einmal kurz zur wissenschaftlichen Grundlage: Das Thema ist zu umfangreich, um es hier vollständig zu diskutieren, und zudem mit der ewigen Debatte darüber verbunden, wie stark unsere Persönlichkeitseigenschaften angeboren oder angelernt sind. Ich bin ja bekannt als jemand, der simple biologisch/neurowissenschaftliche Erklärungen menschlichen Verhaltens kritisiert; erst kürzlich unterzog ich die molekularbiologische Psychiatrie und Erblichkeitsschätzungen einer Fundamentalkritik (ADHS und die Suche nach dem Heiligen Gral).

Damores Verweis auf den vorgeburtlichen Testosteronspiegel finde ich zu simpel; der Mann ist eben IT-Experte, kein Verhaltensbiologe oder Psychologe. Und ich stimme Gärtners Kritik an der Behauptung zu, kastrierte Männer, die als Frauen aufwachsen würden, nähmen später wieder eine männliche Identität an. Da Damore hier keine Quelle nennt, lässt sich dies nicht überprüfen.

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