"Wissenschaftlich fundierte Endzeitrhetorik"

Will mit 3.000 Jahren Kulturgeschichte Schluss machen: Philipp Blom. Bild: Vera de Kok, CC BY-SA 4.0

Wie gestalten wir die Welt nach Corona? Um darauf antworten zu können, müssen wir zunächst unser Naturverständnis ändern, sagt der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom

Der Trend, dass Politik hauptsächlich Krisenmanagement ist, lässt sich spätestens seit der Finanzkrise feststellen. Aber erst mit der Pandemie erreichte dieser Modus seinen Höhepunkt. Das mag zwar zielführend sein, um akute Herausforderungen wie die Überlastung des Gesundheitssystems zu meistern; damit sich die Krisen in Zukunft nicht noch weiter häufen, ist jedoch ein langfristiger Kurswechsel gefragt.

Wohin es dann gehen soll, ist die Frage, mit der sich Philipp Blom beschäftigt. Wenn man Blom auf ein Berufsbild festlegen wollte, täte man sich schwer. Blom lebt heute als Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer in Wien. Zudem arbeitet Blom gerade an einem Roman für Kinder. Die Themen? "Eigentlich sehr ähnlich wie in diesem Interview", sagt Blom. Keine typischen Kinderthemen also. Es sind jedoch Themen, die die Kinder von heute sehr bald betreffen werden. Klimawandel, Ressourcenverbrauch, die Zukunft der Demokratie und die alte Frage: Was macht ein Menschenleben zu einem guten Menschenleben?

Herr Blom, wenn man Zeitungen liest und Talkshows anhört, ergibt sich der Eindruck, jeder und jede will aus der Zeit der Pandemie etwas gelernt haben. Können wir – als Gesellschaft – aus den Ereignissen des letzten Jahres wirklich etwas lernen?

Philipp Blom: Können – ja. Ob wir es tun werden, ist eine andere Frage. Man könnte lernen, nicht mehr gegen das Ökosystem dieses Planeten zu leben, sondern darin. Man könnte sehen, dass die Pandemie große soziale Klüfte offengelegt hat und dass die Gesellschaft besser funktionieren würde, wenn man diese Lücken schließt.

Wir haben auch erfahren, dass wir unserer eigenen Sterblichkeit und existenziellen Unsicherheit wieder ein Stück nähergekommen sind. Vor allem haben wir aber etwas erlebt, was bisher undenkbar war. Jeder Mensch, der den globalen Hyperkapitalismus mit seinen zerstörerischen Nebenwirkungen kritisiert hat, hat immer zu hören bekommen, dass wir diese Maschine nicht anhalten können. Dann haben wir sie aber angehalten. Aus politischen und humanitären und nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Die Tatsache, dass dies möglich war, wird auch unsere zukünftigen Debatten prägen.

Dabei ist alles – die staatlichen Hilfen, die Recovery Funds – auf ein Wiederhochfahren der Wirtschaft ausgelegt. Der Stillstand ist nur vorübergehend, während der Klimawandel doch eine langfristige Entschleunigung von Produktion und Konsum verlangt.

Philipp Blom: Man darf auch nicht vergessen, wie wichtig eine funktionierende Wirtschaft ist. So kritisch ich gegenüber dem globalen Kapitalismus bin, so wichtig ist es einzusehen, dass die Prinzipien, nach denen liberale Gesellschaften formiert sind, nur auf dem Rücken eines erheblichen Wohlstands entstehen konnten. Auch die westeuropäischen Demokratien sind so liberal geworden, weil dank fossiler Brennstoffe ein breiter Wohlstand geschaffen werden konnte.

Es wäre naiv zu glauben, dass wir eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft mit weniger Wohlstand errichten können, ohne dass dies politische und soziale Konsequenzen nach sich zieht.

Öko-Diktatur darf und kann keine Antwort sein

Müssen wir uns also entscheiden – zwischen einer Demokratie, die nach und nach die eigene Lebensgrundlage zerstört, und einem ökologisch nachhaltigen Autoritarismus?

Philipp Blom: Das Problem an der zweiten Variante ist, dass sie den guten König voraussetzen würde. Das wäre naiv: Der weise Öko-Diktator stellt sich oft als nicht so weise heraus, wie er selbst zu sein glaubt. Und noch schwieriger ist das Problem seiner Nachfolge.

Ein britischer Parlamentarier, der aus sozialistischer Überzeugung seinen Adelstitel aufgegeben hat, hat mir einmal gesagt: Entscheidend ist für die Demokratie nicht, wie wir einen Machthaber wählen, sondern wie wir ihn wieder loswerden, ohne Blut zu vergießen.

Eine Idee, die ursprünglich vom Philosophen Karl Popper stammt.

Philipp Blom: Und eine sehr wichtige Idee. Die Öko-Diktatur darf und kann keine Antwort sein. Wir erleben zwar, wie schwierig es ist, einen demokratischen Konsens zu schaffen, um globale und drängende Herausforderungen angehen zu können. Zur demokratischen Grundstruktur darf es aber keine Alternative geben.

Es kommt darauf an, die Strukturen und Prozesse, die wir jetzt haben, so zu verändern, dass sie partizipativer, kleinteiliger und unmittelbarer werden. Aktuell haben sie eher die Tendenz, zu einem Demokratie-Theater zu werden, wo eine Elite in erster Linie wirtschaftliche Interessen, die dem Gemeinwohl entgegenstehen, vertritt und so dem Wahlvolk ein Aufregungspotential bietet, das populistische Parteien ausnutzen.

Wenn Sie die aktuellen Herausforderungen – Klimawandel, Artenschwund, Pandemien, Demokratiedefizit – als Historiker betrachten: Gab es schon einmal vergleichbare Krisen in der Geschichte oder hat die Zeit, in der wir leben, etwas Einzigartiges?

Philipp Blom: Ich denke, dass es tatsächlich eine in der Geschichte sehr einzigartige Situation ist. Das heißt nicht, dass es nicht schon oft eine ähnliche Rhetorik gegeben hat. Endzeitmomente gab es immer wieder. Jetzt wird diese Endzeitrhetorik aber zum ersten Mal durch fundierte Wissenschaft und Forschung untermauert.

Zum ersten Mal haben wir es mit einer existenziellen Herausforderung für die ganze Spezies Mensch zu tun. Es ist nicht so, dass die Römer oder auch sämtliche Naturvölker behutsamer mit ihrer Umwelt umgegangen sind; aber sie hatten schlicht nicht die Mittel, Zerstörungen anzurichten, deren Auswirkungen global spürbar sind. Diese Möglichkeit ergab sich erst durch die Verwendung fossiler Brennstoffe.