Wissenschaftliche Austreibung der Homosexualität?

Schwule Schafe und die Folgen einer Erklärung der sexuellen Orientierung vor dem Netztribunal

Seit es das Web gibt, gab es auch die Hoffung, dass auf dem früher so genannten "Information-Highway" die Aufklärung schneller überallhin kommt. Man konnte es Anfang der neunziger Jahre in beinahe jedem Gespräch über die Vorzüge des Internet hören: Wissenschaftliche Erkenntnisse würden nun nicht mehr nur exklusiven Fachkreisen vorbehalten bleiben, sondern endlich einem größeren interessierten Publikum zugänglich werden, ein großes Betätigungsfeld für Wissenschaftsjournalisten, die hier vermitteln können, und zugleich ein willkommener und notwendiger Anreiz für die Wissenschaftler aus ihrem Elfenbeinturm zu steigen und ihre Ergebnise endlich auch auf allgemein verständlichere Art zu präsentieren. Wie die Netzkarriere einer wissenschaftlichen Studie über sexuelle Orientierungen von Schafen aktuell illustriert, liegen auf dem Weg zum Ideal der Wissensgesellschaft jedoch verminte Zwischenwelten, mit denen man in den unschuldigen Anfangszeiten des Web nicht gerechnet hatte.

Charles Roselli, ein Forscher an der Oregon Health und Science University, versucht seit einigen Jahren herauszufinden, warum 6 bis 10 Prozent der Widder lieber mit anderen Widdern sexuellen Kontakt haben statt mit weiblichen Schafen. Sein Forschungsziel sei es, "fundamentale Mechanismen der sexuellen Orientierung von Schafen zu verstehen." Vielleicht würden andere Forscher davon profitieren, denen es um die Bestimmung von Widdern ginge, die sich besser zur Züchtung oder Vermehrung eignen als andere, so Roselli, der sich bei seiner Forschung auf unterschiedliche "Hormonprofile" und "Stress Responses" von Widdern stützt.

Seit einigen Monaten sehen sich Roselli und die Oregon Health und Science University einem Entrüstungssturm gegenüber, mit dem sie nicht gerechnet hatten: Rosellis Forschungen über schwule Schafe wurden im Web von Animal-Rights-Aktivisten, Anwälten der Schwulenbewegung und "Normalbürgern aus aller Welt" heftig attackiert. Zum einen, weil er Schafe tötete, um sie zu sezieren und zum anderen wegen Aussagen, deren potentieller Zündstoff die Phantasien mancher Leser zum Explodieren brachte. Roselli spricht von einem "bizarren Missverständnis" und fehlerhafter Wiedergabe seiner Forschungsarbeit. Höhepunkt der "Missverständnisse": ein Artikel, der Ende Dezember letzten Jahres in der Sonntagsausgabe der englische Zeitung Times erschien. Dort heißt es über Rosellis Arbeit:

Wissenschaftler führen Experimente durch, um die Sexualität von "schwulen" Schafen in einem Programm zu ändern, von dem Kritiker fürchten, dass es den Weg dafür bereiten könne, die Homosexualität bei Menschen "wegzuzüchten" (breed out).
Die Technik, die von den amerikanischen Forschern angewendet wird, justiert das hormonelle Gleichgewicht in den Hirnen der homosexuellen Widder neu, so dass sie mehr dazu neigen, weibliche Schafen zu begatten.

Eine Google-Abfrage mit dem beredten Titel des Artikels: "Science told: hands off gay sheep" liefert über 19.000 Suchergebnisse, ein Entrüstungstsunami - kein Wunder bei den Reizworten "wissenschaftliches Programm", "breed out homosexuality", "hormonelles Gleichgewicht", die zusätzlich mit der Behauptung aufgeschärft wurden, wonach Expertenmeinung zufolge die Prozedur, um Menschen "straight" zu machen, in der Theorie ganz einfach mit einer Art Hormonpflaster ähnlich dem Nikotinpflaster durchzuführen sei.

Der Artikel verbreitet sich rasant im Nachrichtenkreislauf des Web, prominente Blogger wie Andrew Sullivan, Organisationen wie PETA und Persönlichkeiten wie der frühere Tennisweltstar Martina Navratilova machten zusammen mit vielen anderen Front gegen Roselli und seine Forschungsarbeit, die jetzt im Ruf stand, einer diabolischen Richtung zuzuarbeiten: "sexuel eugenics". Zumal weitere Enthüllungen aus den Kreisen der Kritiker auf ein Zitat von Roselli aufmerksam machen, in dem er seiner Arbeit tatsächlich "breitere Implikationen" attestierte, "um die Entwicklung und Kontrolle der sexuellen Motivation und die Auswahl von männlichen Mitgliedern bei Säugetieren, einschließlich Menschen zu verstehen".

Neben seiner Forschungsarbeit hatte Roselli nun eine Menge Mehrarbeit zu leisten: die Rettung seiner Reputation und die Aufklärung der Missverständnisse. Am Interessantesten an seinen Erwiderungen sind nicht einmal die Widerlegungen zum Sunday-Times-Artikel, der völlig falsche Behauptungen zu seiner Arbeit aufstellte, auch nicht, dass Roselli wie alle ernstzunehmenden Forscher auf die kompexe menschliche Sexualität hinweist, die nicht auf eine "Interaktion zwischen Gehirnstrukturen und Hormonen" zu reduzieren sei, sondern das, was passiert, wenn Worte von einem Bedeutungsfeld in ein anderes geholt werden - aus der Sphäre des wissenschaftlichen Arbeitens und der akademischen Welt in die politisch aufgeladene und sensibiliserte Welt der News und Blogs mit ihren schnellen scharfen Reaktionen. Die wichtigen Schlüsselworte hießen im Fall Roselli "Implikationen für Menschen" und "Kontrolle".

Was in der Forschung unter "Kontrolle" verstanden würde, sei etwas anderes als die Bedeutung von Kontrolle, wie sie von den Kritikern aufgefasst wurde. Rosellis Mitstreiter Jim Newman, Wissenschaftspublizist an der Oregon Universität, erklärt dazu:

The word "control” was used in the scientific sense of understanding the body’s internal controls, not in the sense of trying to control sexual orientation.
It’s discouraging that PETA can pick one word, try to add weight to it or shift its meaning to suggest that you are doing something that you clearly are not.

Ähnlich mißverständlich sei mit den der Formel "Implikationen für Menschen" umgegangen worden. Solche Formulierungen, gibt Roselli zu verstehen, sind gebräuchlich, um die Forschungsarbeit besser zu rechtfertigen, damit man leichter an finanzielle Zuwendungen kommt:

Mentioning human implications is in the nature of the way we write our grants and talk to reporters. Scientists who do basic research find themselves in a bind. We have been forced to draw connections in a way that we can justify our research.

Eine kleine, inhaltlich nicht so ernstzunehmende Floskel im akademischen Weltverständnis also - „sagt man halt so von Wissenschaftler zu Gremiumsmitglied oder Journalist“ – draussen allerdings eine Bemerkung mit größeren menschlichen Implikationen: Denn genau an dieser Ausweitungsmöglichkeit der Forschung am Schaf entzündete sich ein Großteil der Entrüstung, darauf baute sie sich auf und genau hier haken auch Kritiker ein, die von der Forschungsarbeit Rosellis selbst gänzlich überzeugt sind. "Die Implikationen für Menschen" habe der Forscher schließlich selbst ins Spiel gebracht, weswegen er auch eine Verantwortung für die öffentliche Reaktion habe. Könnte also sein, dass auch diese Diskussion letztendlich zur Aufklärung beiträgt: Über die Art der ausschweifenden, unredlichen Begründungen und Darstellungen von wissenschaftlichen Projekten, die offensichtlich nötig sind, um an Gelder zu kommen.

Kommentare lesen (256 Beiträge)
Anzeige