Wissenschaftliche Lügen made in Germany

Die Spitze eines Eisbergs?

In den Jahresrückblicken von "Science" und "Nature" stehen die Namen Jan Hendrik Schön und Victor Ninov für Betrug. Die Vorgänge nehmen überraschend viel Raum ein, weil erstmals, so scheint es, Physiker auf Abwegen ertappt wurden.

Vielleicht fürchten die seriösen Naturwissenschaftler, dass sie ins Kielwasser der "weichen" Disziplinen geraten. An der Spitze von Lug und Trug stehen sicherlich die Mediziner. Das ist keine üble Nachrede, sondern hat Tradition: die FDA, die US Food and Drug Administration, wurde ursprünglich als Kontrollbehörde installiert, nachdem "geschönte" Protokolle für die Arzneimittelzulassung überhand nahmen. Mediziner und andere können dennoch allzu häufig das Gesicht wahren, indem sie sich mit dem fadenscheinigen Argument der biologischen Besonderheit herausreden. Bei Physikern greift die Erklärung wenig, weil jeder erwartet, dass die Experimente exakt reproduzierbar sind.

Jan Hendrik Schön (vgl. Schön die Wissenschaft zum Narren gehalten), dessen Karriere an der Universität Konstanz begann, war Autor oder Koautor von 80 Publikationen, von denen wenigstens 16 für falsch oder betrügerisch gehalten werden. Der Arbeitgeber, Lucent Technologies' Bell Laboratories in Murray Hill, New Jersey, hat nach den ersten Gerüchten selbst den Hobel angesetzt.

Victor Ninov begann in der Gesellschaft für Schwerionenforschung mbH in Darmstadt, südlich von Frankfurt. Er wurde viel versprechendes Mitglied am Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien und nahm für sich die Entdeckung der Elemente 116 und 118 in Anspruch. Auch bei ihm wurden alle Daten nachgeprüft und festgestellt: das Element 118 ist erlogen.

Industrieforschung fehlt kritische Forschungsbegleitung

Angesichts der beiden Bilderbuchkarrieren drängt sich die Frage auf: Wie kann ein Physiker nur so dumm sein? Kriminologen werden antworten: "Sucht nach den Motiven und nach den Begleitumständen."

Beim Motiv beginnt es ganz harmlos. Die zündende Idee, aus der Lob und Reputation wachsen, stacheln den Ehrgeiz an. Ein bisschen nachhelfen schadet nicht, weil es zur jährlichen Routine gehört. Ist nicht jeder Antrag auf Forschungsgelder eine visionäre Sicht, nämlich das Gemenge aus Realität und Wunschdenken? Wer Erfolg hat, wird nicht ablassen, sondern verfeinern und gerät unmerklich in ein Netzwerk zwischen Tag und Traum. Einen Schritt weiter führt das Ziel, als Projektleiter in einem renommierten Industrieunternehmen Fuß zu fassen. Zur Reputation kommen jetzt noch Geld und Macht hinzu. Das Patent, für den "kleinen" Physiker nahezu unbezahlbar, wird von der Industrie rasch auf den Weg gebracht.

Lucent hat auch hier reagiert und sechs Patente, die von Jan Hendrik Schön eingebracht wurden, zurückgezogen. Große Unternehmen, ob privatwirtschaftlich oder staatlich, besitzen selten konkurrierende Arbeitsgruppen. Die fehlende Kritik hält den Rücken frei, während sich kapitalschwache Außenstehende schwer tun, die Position des Arrivierten mit Gegenargumenten zu erschüttern. Hilfreich kommt hinzu, dass die Firmenpolitik von Betriebswirtschaftlern, Bankkaufleuten und Juristen bestimmt wird. Der schlaue Blender wird die Bedeutung des eigenen Patents herunterspielen, sollte das Firmeninteresse nicht von selbst aus der Gefahrenzone getrieben sein.

Wann wird der Täter entlarvt oder überführt? Wenn sein Spiel zur Sucht geworden ist. Der sprichwörtliche Spieler verkennt sein Konstrukt, weist widersprüchliche Ergebnisse vehement zurück und glaubt sogar bis zum bitteren Ende, dass sein Traum spätestens mit dem nächsten Versuch zur Wirklichkeit wird. Dann gibt es noch die vertrackten Zufälle. Andere Untersucher nähern sich dem Problem von einer neuen Seite und erkennen, warum die bisherige Theorie falsch sein muss. Oder ein Wissenschaftler, der den Gedankengang weitergesponnen hat und mit seinen Resultaten scheitert, versucht, das ursprüngliche Experiment nachzuvollziehen und schreit: "Hilfe, es geht nicht!"

Nur die Spitze des Eisbergs?

Sind die beiden Physiker die einzigen schwarzen Schafe der Zunft oder die sprichwörtliche Spitze eines Eisbergs? Die American Physical Society reagierte prompt: Sie schreibt verschärfte ethische Grundsätze vor und verlagert die Verantwortung auf die Koautoren.

Mediziner lächeln darüber. War es nicht das "Onkologen-Pärchen" Herrmann und Brach, die 94 Publikationen unterbrachten, bevor sie sich zerstritten? Der Betrug wäre nicht aufgeflogen, hätte Frau Marion Brach nicht aus persönlichen Gründen ihren Chef, Herrn Friedhelm Herrmann, demaskiert, und wäre sie nicht bereit gewesen, mit dem Bekenntnis selbst unterzugehen.

Zieht man Vergleiche zu den Medizinern, dann stehen den Physikern schwere Zeiten bevor. 2002 ist das Jahr der Ernüchterung für den Pathologen Waksal aus New York und sein Unternehmen ImClone Systems Inc.. Insidertrading wird ihm vorgeworfen, weil er seinen Familienangehörigen und guten Freunden rechtzeitig den Tipp gab, dass die FDA das geplante Wunderpräparat wegen unzureichender, sprich geschönter Befunde nicht zulassen wird.

Ferner bekennt Jeffrey Drazen, der neue Herausgeber vom New England Journal of Medicine aus Boston, dass die Zeitschrift ihre Conflict of interest-Politik beenden muss: "Für die Bewertung von Arzneimitteln gibt es nicht mehr genügend Wissenschaftler, die von der pharmazeutischen Industrie unabhängig sind." Und schließlich wird aufgedeckt, wie die Hormontherapie für Frauen in der Menopause im Jahr 1966 vom Pharmahersteller Wyeth-Ayerst feldzugartig geplant und mit gekauften Ärzten in den Markt gedrückt und seitdem trotz vielfältiger Kritik zum Schaden vieler Frauen weiter verbreitet wurde (vgl. Conspiracy in der Medizin).

Womit bewiesen wäre, dass die internationale Forschung internationale Lügen gebiert. Die Bürger aus der ehemals freien Reichsstadt Frankfurt am Main haben zu solchen Situationen den weisen Spruch: "Hipp de Bach un tripp de Bach is es glaach" (diesseits und jenseits des Mains geht es gleich zu). (Jenny Eltermann)