Wo Bücher brennen ...

Freie Medien, Literatur und Kunst geraten in jeder Diktatur zuerst ins Fadenkreuz

Vor nichts haben Despoten mehr Angst, als dass sie am Ende ohne Kleider dastehen, weil die Realität nicht das ist, was sie propagieren. Manche Bücher, so sagte Recep Tayyip Erdogan einmal, seien "effektiver als Bomben". Mit Angst herrschen kann man nur, wenn es genug Menschen gibt, die sich Angst machen lassen. Mit Fakten verträgt sich diese Taktik in der Regel nicht. Zu beobachten ist das auch bei Donald Trump in den USA. Wer den Klimawandel und die dahinterstehenden anerkannten wissenschaftlichen Fakten leugnet (auch hier ist die AfD in der ersten Reihe mit dabei), der hat sich in eine postfaktische Parallelrealität verabschiedet.

In Deutschland herrscht - zum Glück - die Freiheit von Meinung, Kunst und Kultur. Es gibt keine Bücherverbote, von Vernichtungsaktionen ganz zu schweigen. Die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit ist zu präsent, und an diesem konkreten Beispiel sieht man, wie wichtig das ist.

Doch es gibt eine Partei im Bundestag, die dazu eine andere Position hat. Die AfD wettert in ihrem Programm gegen "die Ideologie des Multikulturalismus" und sieht die "deutsche Leitkultur" gefährdet, ohne näher definieren zu können, was sie genau darunter versteht. Die Partei will "nicht zulassen, dass Deutschland aus falsch verstandener Toleranz sein kulturelles Gesicht verliert". Dabei ist es eben dieses pluralistische und auch multikulturelle Gesicht, das Deutschland heute ausmacht. Die Partei tut so, als wäre in der Abschottung nach außen eine kulturelle Entwicklung möglich.

Dass das nicht stimmt, hat die Weltgeschichte oft genug bewiesen. Im Gegenteil. Abgeschottete Kulturen gehen nach kurzer Zeit ein. Sie können nicht wachsen, sich nicht entwickeln. Die Partei demonstriert zugleich aber auch, dass sie gar nicht verstanden hat, wie Kultur eigentlich entsteht.

In der gesamten, multikulturell geprägten deutschen Kulturlandschaft wird sich kaum jemanden finden, der bereit wäre, auf den interkulturellen Dialog und grenzüberschreitende Kooperationen zu verzichten. Sie steht mit ihrer Position - und das ist gut so! - auf völlig verlorenem Posten. Darüber hinaus macht sie in der bundesdeutschen Kulturförderung "ideologische Zielvorgaben" aus - natürlich ohne die Behauptung zu konkretisieren, denn das könnte sie gar nicht, weil solche Vorgaben schlicht nicht existieren.

Sie blendet dabei aus, dass sie selbst es ist, die ideologisiert, wenn sie ein positiveres Bild der deutschen Geschichte fördern will und dasselbe auch von Künstlern erwartet. Sie will damit nichts weniger als eine Umdeutung der deutschen Geschichte und insbesondere eines ganz bestimmten Zeitraums, das haben mehrere Parteimitglieder unmissverständlich klargemacht. Kurz: Die AfD will ein Wahrheitsministerium.

Die Grundlagen für Vieles davon hat Thilo Sarrazin in seinem längst durchweg widerlegten Buch "Deutschland schafft sich ab" im Jahr 2010 gelegt, in dem er sich nicht einmal zu schade war, Zitate von Goethe aus dem Zusammenhang zu reißen und damit ihren Inhalt zu verfälschen, was Hadayatullah Hübsch in der FAZ eingehend analysiert hat. So zitierte Sarrazin aus Goethes "West-östlichem Divan" den Vers: "Der Stil des Koran ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar", um damit zu belegen, welche niedrige Meinung Goethe vom Islam gehabt haben soll. Tatsächlich lautet der komplette Vers aber: "Der Stil des Koran ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben."

Nein, Goethe als Kronzeugen für die Islamophobie zu nehmen, das funktioniert nicht und verfängt nur bei jenen, die Goethe nicht gelesen haben - und die sich folglich erstmal ganz weit hinten anstellen müssen, wenn es darum geht zu verhandeln, was denn eigentlich unter deutscher Kultur zu verstehen ist.

Goethes Leitmotiv im "Divan" war der lyrische Wettstreit mit seinem persischen Dichtervorgänger Hafis, den er zutiefst verehrte - und dessen eigener "Divan" bis heute zu den wegweisenden, zeitlosen Werken im Kanon der Weltliteratur zählt. Goethe sagte auch: "Wer Bücher liest, schaut in die Welt, und nicht nur bis zum Zaune."

Der türkische Präsident Erdogan hingegen sagte einmal, er habe keine Zeit, um Bücher zu lesen, er lasse sie sich lieber von seinen Mitarbeitern zusammenfassen. Einen Vizerektor einer türkischen Universität zitiert Can Dündar mit folgenden Worten: "Den Fortbestand der Türkei sichert das ungebildete, unwissende Volk." Dass Erdogans Anhänger in den Tagen nach dem Putschversuch, als die Hexenjagd auf Andersdenkende bereits in vollem Gange war, Buchhandlungen stürmten und zerlegten, wundert da kaum noch.

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