Wo bleibt der gesunde Kunststoff?

Die EU senkt die Grenzwerte für Bisphenol A. - ein Ersatzstoff steht seit Kurzem aber auch in Kritik

Die für Plastikflaschen, Konservendosen, aber auch in Kassabons verwendete Chemikalie Bisphenol A (BPA) steht seit vielen Jahren im Visier von Umweltmedizinern und Risikoforschern. Selbst die EU-Behörde EFSA hat jüngst die Grenzwerte deutlich abgesenkt. Die Industrie sucht nach Ersatzstoffen. Ein gängiges Substitut, Bisphenol S (BPS), dürfte aber ebenfalls schädlich sein. Das vermuten etliche Toxikologen schon länger. Die Ergebnisse einer neuen Studie aus Kanada nähren diese Bedenken. Speziell bei Kinderprodukten sollten Verbraucher deshalb genau auf die Kennzeichnung achten.

Bild: FDA

Bisphenol A (BPA) war lange ein beliebter Stoff in der Kunststoffindustrie. Die Chemikalie wirkt allerdings hormonaktiv. Zudem kann BPA das Nervensystem schädigen. Speziell für Säuglinge und Kinder wurden vielfach Gefahren ausgemacht. Für die Herstellung von Babyflaschen wurde der Einsatz von BPA schließlich 2011 in der EU verboten. In anderen Kinderprodukten ist die Verwendung aber nach wie vor erlaubt.

Viele Hersteller machten sich dennoch auf die Suche nach geeigneten Ersatzstoffen. Manche setzten auf BPS, eine Chemikalie die ebenfalls zur Bisphenolgruppe zählt. Doch dieser Stoff steht neuerdings ernsthaft in Kritik. Eine von der Fachzeitschrift der Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten (PNAS) veröffentlichte Studie der Neurologin Deborah Kurrasch von der Universität Calgary, Kanada, kam zu dem Schluss, dass auch sogenannte "BPA-freie" Produkte nicht notwendigerweise sicherer sein müssen.

Beim Ersatzstoff BPS beobachtete das Forscherteam um Kurrasch sogar noch problematischere Effekte als bei Bisphenol A. Getestet wurden die Effekte von geringen Dosen auf Zebrafische. Bei diesem Tierversuch stellte sich heraus, dass sowohl BPA als auch BPS zu einem gesteigerten Wachstum von Nervenzellen in speziellen Gehirnregionen führten. Es zeigten sich auch hyperaktive Verhaltensweisen beim sich entwickelnden Nachwuchs. Bisphenol S führte in dieser Studie zu einem noch schnellerem Wachstum von Nervenzellen in sensiblen Gehirnregionen als die Gabe von Bisphenol A. Eine Übertragbarkeit der Studienergebnisse von Tier auf Mensch halten Wissenschaftler für zulässig. Eine von der österreichischen Wissenschaftsjournalistin Elke Ziegler befragte Expertin betonte zudem, dass die US-Untersuchung eine "positive Ausnahme" sei, da mit vergleichsweise niedrigen BPA- bzw. BPS-Dosen gearbeitet wurde.

Die Forscher von der Universität Calgary schließen aus den Ergebnissen ihrer Studie, dass Schwangere Plastikprodukte, welche einen der beiden Stoffe enthalten, meiden sollten. Insgesamt würden die Resultate eine gänzliche Verabschiedung von Bisphenolen aus Produkten für den breiten Konsum nahe legen, so die kanadischen Wissenschaftler.

Umweltmediziner und Verbraucherschützer raten dazu, auf eindeutige Kennzeichnungen wie "Bisphenol-frei" zu achten. Erst dann könne man sicher gehen, dass auch Bisphenol S (BPS) nicht verwendet wurde. Viele Konsumartikel werben allerdings mit der Aufschrift "BPA-frei". Experten vermuteten bereits seit geraumer Zeit, dass bei diesen Produkten häufig Bisphenol S als Ersatz zum Einsatz kommen würde. Unterschiedliche Tests (Produkte, Urinproben etc...) legen nahe, dass inzwischen auch BPS weit verbreitet ist. Bei einer Untersuchung (2012) von 315 Urinproben von Personen aus den USA und mehreren asiatischen Ländern, ließ sich beispielsweise bei 81 Prozent BPS im Urin nachweisen.

Bei Babyflaschen empfiehlt es sich, auf Glas umzusteigen. Allerdings scheinen sich hier die Hersteller ohnehin bereits auf andere, weniger problematische Stoffe umgestellt zu haben. Zumindest zeigen das diverse Untersuchungen von Verbraucherschutz-Verbänden in der EU. Auch bei Schnuller kommen offenbar andere Materialien zum Einsatz. Gegenüber Telepolis hält Jürgen Steinert von Öko-Test fest:

Das Problem der Verwendung von BPA und dessen Ersatzstoffen wie BPS ist uns bekannt. Daher lassen wir - beispielsweise Babyflaschen - unabhängig vom Material - auf bedenkliche Inhaltstoffe untersuchen. Inzwischen sind Babyflaschen aus Polycarbonat, die unter Verwendung von Bisphenolen hergestellt werden, praktisch vom Markt verschwunden. In unserem Test Babyflaschen im ÖKO-TEST-Magazin 1/2011 waren Produkte aus Polypropylen oder Polyamid in der chemischen Analyse unauffällig. Babyflaschen aus Polyethersulfon waren nicht im Test. Um auf der sicheren Seite zu sein, sind Babyflaschen aus Glas sicherlich Produkte der Wahl. - Schnuller bestehen in der Regel aus Silikon. In einem Test (ÖKO-TEST Ratgeber Kleinkinder 2014) schnitten von 13 Silikonschnullern zehn mit 'sehr gut' ab. Für drei Silikonsauger gab es Notenabzug, weil sie mit krebsverdächtigen PAK verunreinigt waren.

Dennoch werden Bisphenole noch tonnenweise hergestellt und sind in vielen Produkten des täglichen Gebrauchs enthalten.

Bei Bisphenol A wurden im Januar dieses Jahres die Grenzwerte von der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag auf vier Mikrogramm herabgesetztx>. Die Aktivistengruppe "Coordination gegen BAYER-Gefahren" (CBG) fordert das komplette Verbot der Chemikalie in verbrauchernahen Anwendungen.

Dass Grenzwerte niedriger anzusetzen wären, als Vertreter bestimmter Industriezweige vorgeschlagen hatten, geht auch aus einem Papier (2012) des Bundesinstituts für Risikobewertung (BFR) hervor. Das Dokument gibt zudem einen guten Einblick, wo BPA überall eingesetzt wird: Von Plastikflaschen über Kunstharze und Beschichtungen bis hin zu Folien zur Lebensmittelverpackung verwenden Hersteller Bisphenole. Ersatzstoffe gibt es beziehungsweise sucht man in der verarbeitenden Industrie. In Bereichen mit sehr niedrigen Margen, beispielsweise bei Konservendosen, gestaltet sich die Suche nach einem "leistbaren" Material aber offenbar besonders schwierig, wie ein empfehlenswerter Artikel (05/2014) auf spectrum.de darlegt. Darin wird auch der Toxikologe Kyungho Choi (Seoul National University) zitiert, der kritisiert, dass vielfach Ersatzstoffe zum Einsatz kommen, die vorab nicht ausreichend geprüft wurden.

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