Wo ist Europa?

Irgendwo - unter dem Schutzschirm Amerikas - meinen westeuropäische Intellektuelle, die über Geopolitik diskutierten

Einem griechischen Mythos zufolge soll Zeus auf einem seiner Liebesstreifzüge durch die antike Welt auch auf die schöne "Europa", Tochter des Königs Agenor, aufmerksam geworden sein. Weil er aber, wie immer bei derartigen Anfällen von Liebeswut, den Zorn seiner Gattin Hera fürchtete, griff er zu einer List, um das Herz der Königstochter zu erobern und sich deren Dienste und Schönheit zu sichern. Der Gottvater mutierte in einen schneeweißen Stier und näherte sich Europa, die gerade mit ihren Freundinnen auf einer Wiese Blumen pflückte und Kränze flocht. Als das Tier sich ihr zu Füßen legte und sie zum Aufsitzen einlud, erklomm die arglos Lächelnde seinen Rücken. Eilig strebte der Stier daraufhin dem Strande zu, und ehe Europa recht begriff, was mit ihr geschah, schwamm Zeus mit ihr durch die Fluten.

Alles Rufen, Wimmern und Wehklagen nützte nichts. Wie ein Schiff trug der Stier seine Beute in ein fernes Land, wo er sich alsbald in eine göttergleiche Männergestalt verwandelte und das Mädchen bat, seine Gemahlin zu werden. Der Überlieferung nach fügte sich die Arme sang- und klanglos in ihr Schicksal. Sie willigte in die Heirat ein und schenkte Zeus auch drei Söhne: Minos, Rhadamantys und Sarpedon. Der Erdteil aber, wohin der Göttervater die schöne Frau entführt hatte, trug von nun an ihren Namen.

Auch die Vorgeschichte der Entführung ist erzählenswert. Die Nacht zuvor soll Europa nämlich vom Imaginären in Form eines Traumes heimgesucht worden sein. Ihr träumte, dass zwei Kontinente in Frauengestalt um ihren Besitz stritten. Während die eine, ihr vertraute Frau, Asien hieß und die geliebte Tochter Europa nicht hergeben wollte, umfasste das ihr fremde Weib einfach Europas Körper und zog sie mit den Worten fort, sie dem Zeus entgegentragen zu wollen. Trotz heftigster Herzklopfen, mit denen Europa am Morgen aufwachte, maß sie, wie berichtet wird, dem Geträumten, der ihr zugleich Warnung wie Menetekel hätte sein können, keine tiefere Bedeutung bei. Jugendlicher Leichtsinn, Unbeschwertheit und mädchenhafte Unschuld waren es wohl, die hier über den Fingerzeig, den das Schicksal ihr in der Nacht gegeben hatte, obsiegten.

Das Hochgebirge hat immer einen wohltätigen Einfluss auf mich gehabt.

Friedrich Nietzsche

An diese seltsame Geschichte fühlte ich mich erinnert, als ich am Pfingstmontag einer Tagung beiwohnte, deren Teilnehmer sich über das kulturelle Selbstverständnis (jüdisch-griechisch-christlich-bürgerlich-multikulturell) und die politische Form Europas (Reich oder Nation) vergewissern, sich über seine inneren und äußeren Grenzen austauschen und Aufklärung über seine künftige Rolle und Stellung in einer multipolaren und global vernetzten Welt erhalten wollten. Dafür suchte man offensichtlich auch den Schulterschluss mit dem Heiligen Geist, dessen Heilkraft, Hilfe und Erleuchtung man auf Schloss Elmau zu empfangen hoffte, jenem Kleinod im Werdenfelser Land, das, auf einem Hochplateau gelegen, sich inzwischen zum Hort und Fluchtpunkt für Wiedergänger Thomas Manns, passionierte ZEIT-Leser und Verächter trashiger Pop- und Massenkultur gemausert hat.

Aufregend daran war allerdings weniger das großbürgerliche Ambiente, wiewohl man nur jedem einen Aufenthalt auf dem Schloss empfehlen kann, sollte er sich für Retrovisionen und/oder die stil- und prunkvolle Inszenierung verflossener Zeiten und Kulturen interessieren, als das brisante Thema, das man sich für das pfingstliche Treffen ausgesucht hatte. Über Geopolitik wollte man verhandeln, über jene Politik also, die den Raum zum Angelpunkt von politischen, sozialen und kulturellen Analysen macht, historische Phänomene aus geographischen und demographischen Gegebenheiten (Wachstum, Ressourcen, Lagen, Dichten, Landschaften ...) erklären will und den Einfluss dieser Faktoren auf die Politik eines Staates, Unternehmens oder Organisation prüft; sowie darüber, ob aus diesem durch die Nazis diskreditierten und seitdem in Deutschland verpönten und tabuisierten Thema Informationsgewinn für die künftige Rolle Europas, global player der Weltpolitik sein zu wollen und im weltweiten Wettbewerb der Nationen, Bündnisse und Organisationen um Standorte, Werte und Ideen mitzumischen, zu gewinnen sei.

Eines ist sicher unstrittig: Durch die Ereignisse in Osteuropa, das Wiederaufflammen chauvinistischem Nationalbewusstseins, dem Einbruch ethnisch-kulturell-religiöser Gedächtnisse ins westliche Bewusstsein und den hitzigen Debatten um die bevorstehende Osterweiterung von NATO und EU haben Geopolitiken und Geostrategien, Räume und Mythen eine unerwartete und ungeahnte neue Aktualität erfahren. Vielleicht nicht immer in der geschwätzigen Öffentlichkeit, die lieber über hehre Ziele, Gutmenschen und barbarische Akte parliert, mit Sicherheit aber in den Hinterzimmern geheimer Zirkel, die Politberater, Geheimräte und Geostrategen bilden.

Anlass für das Treffen war wohl ein vor Jahren im Akademie-Verlag publiziertes Buch von Christoph V. Albrecht zum Konnex von "Geschichtsphilosophie und Geopolitik". Darin deutet der Autor Geschichtsphilosophie nicht nur als Reflex auf geopolitische Tatsachen und Ansichten (Epidemien, Kolonialkriege, Agrarwirtschaft, technische Neuerungen, religiöse Reformation), er vermutet in den Gebieten, Regionen und Vorgängen auf dem Balkan, am Bosporus und in der Levante auch den Schlüssel für das neue Interface Europas, insofern Europa dort jetzt jenem Fremdem und Anderem begegnet, das vor der erzwungenen Spaltung des Römisches Reiches in ein Ost- und Westrom ursprünglich einmal ihr Eigenes war.

Unter Albrechts Moderation referierte und talkte eine ebenso illustre wie prominente Schar europäischer Wissenschaftler, Publizisten und politischer Berater munter über Zuwanderung und kulturellen Identität, über politische Ordnungs- und Raumvorstellungen und die Reichweite und Geltungskraft westlicher Werte (Individualismus, Pluralismus, Gerechtigkeit ...), aber auch darüber, wo Europas Zentrum künftig zu finden sein wird: in Paris, London, Berlin, Warschau oder in Washington. Neben dem Italiener Angelo Bollafi (Rom), dem Franzosen Remi Brague (Paris) und dem Wahlengländer Ian Buruma (London) waren das auch die Deutschen Dan Diner (Tel Aviv), Richard Herzinger (Berlin) und Joscha Schmierer, ehemaliger Anführer des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands (KBW) und jetziger Berater Joschka Fischers im Auswärtigen Amt. Osteuropäer, orthodoxe Glaubensbrüder oder gar Islamisten waren nicht zugegen. Westeuropa blieb sozusagen unter sich. Ein Heimspiel also.

Das Kleinliche ist alles weggeronnen,
nur Meer und Erde haben hier Gewicht.

Johann Wolfgang von Goethe

Schnell kristallisierten sich zwei Lager heraus, Fraktionen, die man aus vielen Reden, Kommentaren und Aufsätzen zur europäischen Integration und politischen Verfasstheit kennt und die regelmäßig, je nach nationalem Bewusstsein und kultureller Tradition, zwischen den Polen Freiheit oder Gleichheit, Marktliberalismus und Etatismus, angelsächsischem oder kontinentalem Denken hin und her oszillieren.

Sieht man sich die jüngsten Reden deutscher und französischer Kanzler, Präsidenten und Regierungschefs dazu an, so findet man diesen Gegensatz in allen Statements, die jüngst dazu abgegeben wurden. Würde man dagegen diese Differenzen in geopolitische Termini und Kontexte übersetzen, so käme man schnell überein, darin das Anhalten, die Fortdauer und das Weiterwirken jenes weltgeschichtlichen Widerstreites auszumachen, den Geopolitiker zwischen Land- und Seemächten, beharrenden und fließenden Kräften, von Sein und Werden ausgemacht haben, um den Widerspruch, nachdem und seitdem die Mächte der Luft und die physikalischen Kräfte des Elektromagnetismus den Raum neu vermessen und verdichten, in eine planetarische Macht (Gotthart Günther, Carl Schmitt) münden und dialektisch aufheben zu lassen.

Doch auf solche großraum- und geschichtsphilosophische Spekulationen und Redensarten, welche die Geopolitik bietet und erlaubt, wollte sich, obwohl es eigentlich Gegenstand der Veranstaltung war, niemand so recht einlassen. Von den Raumvorstellungen, Raummodellen und Raumkonzepten, die um die Jahrhundertwende so unterschiedliche Denker wie Mahan und Mackinder, Haushofer und Ratzel, Schmitt und Braudel vorgelegt und entwickelt hatten, und die bis in unsere Tage das machtpolitische und strategische Kalkül und Handeln prominenter Berater und Think Tanks in Amerika und anderswo bestimmen (Politik des Großraums), war kaum oder gar nicht die Rede. An dieser Tabuzone, die im Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang gepflegt und aufgebaut wurde und das Bewusstsein hierzulande geprägt hat, um den langen und unaufhaltsamen Weg Deutschlands nach Westen nicht zu gefährden, wollte niemand rühren. Interessanterweise auch die versammelten Raumdenker (Bolaffi, Diner, Albrecht) nicht.

Bis auf den heutigen Tag wird Geopolitik hierzulande mit "antiwestlich", mit deutschen Sonderwegen und teutonischem Sonderbewusstsein konnotiert. Immer noch wird sie ausschließlich als Legitimierung des deutschen Kolonialismus, Imperialismus und Faschismus missgedeutet; und immer noch wird sie als "diskursstrategischer Missgriff", als "nationalchauvinistisch" und als Ausdruck "orientierungslos gewordener Linker" angesehen, die, nachdem die Weltrevolution ausgeblieben und die Geschichte als Thema abgedankt hat, im Raum ein neues Genre entdeckt, obwohl in Frankreich, Italien und Amerika längst das Interesse an geopolitischen und geostrategischen Deutungen der Weltlage exponentiell gewachsen und spätestens seit Ende der siebziger Jahren wieder in Mode gekommen ist. Davon künden nicht nur neue Zeitschriften in diesen Ländern wie "Limes", "Herodote" und "MicroMega"; davon künden auch alle Kriege der letzten Jahrzehnte, ob in Vietnam, Kambodscha und Afghanistan oder im Irak, am Horn Afrikas oder auf dem Balkan, denen allen auch ein geopolitisches Interesse (Eindämmungspolitik, Schaukelpolitik, Expansionspolitik) zugrunde gelegen ist. Sei es, dass sich die Sowjetunion durch eine Eingemeindung Afghanistans in sein Einflussgebiet Zugang zu einem der Weltmeere verschaffen wollte; sei es, dass Amerika durch sein militärisches Engagement seine Position im Südchinesischen Meer und auf dem Herzland "Eurasien" weiter festigen und ausbauen wollte, um das "Reich des Bösen" auf diese Weise weiter eindämmen oder einkreisen zu können.

Nur einmal schien in Deutschland, zumindest kurzzeitig, jenes Diskursverbot zu brechen, jener stillschweigende Konsens aufgekündigt, als der konservative Historiker Michael Stürmer im "Historikerstreit" es unternahm, die politisch Verantwortlichen in diesem Lande auf die verquere "Mittellage" des Landes aufmerksam zu machen, wodurch Deutschland im Konzert der Staaten nicht nur eine Sonderstellung einnehme, sondern die es auch bei künftigen Verhandlungen und Abmachungen mit politischen Partnern zu bedenken und zu behaupten gelte. Habermas und Wehler, die Protagonisten des Bruchs mit politischen Kontinuitäten und deutschen Sonderwegen und intellektuelle Wegbereiter der Westbindung und Anbindung an angelsächsische Denkformen, witterten hier sofort den Versuch einer "Normalisierung" und den Beginn eines neuen deutschen Revisionismus. Mit stigmatisierenden und denunzierenden Begriffen wie "Mittellagenpalaver" und "geopolitischem Tamtam" gelang es, das Thema, formuliert, schnell wieder vom Tisch zu wischen.

Die Welt ist nicht im Raum,
der Raum ist in der Welt.

Martin Heidegger

Nach dem Ende des Kalten Krieges, dem Kollaps der Sowjetunion und dem Erreichen der deutschen Einigung, mit der eine Neuordnung der Welt und des Weltatlas einhergeht, ist mit solcher Rhetorik kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Geopolitik und Westbindung als Gegensatz zu fassen, diese Abwehrstrategie funktioniert nicht mehr. Dafür sorgen längst die Geostrategen in den USA, die die Weltkarte in kulturelle und politische Hegemonialzonen, Einflussgebiete und Peripherien auf-, und die Nationalstaaten in Rivalen und Vasallen, Angelpunkte und Brückenköpfe, Kernländer und Schurkenstaaten unterteilen.

Geopolitik lässt sich schon deswegen nicht mehr als teutonisches Machwerk von Nazis und Blut- und Boden-Ideologie denunzieren. Die Tatsache, dass die Nazis sich geopolitisches Wissen zunutze gemacht haben, bedeutet ja noch nicht, dass diese Politik per se Unsinn, verdammenswert ist oder sein muss. Wer dem räumlichen Nebeneinander (hier/dort) eine ebenso bedeutende Stellung beimisst wie dem zeitlichen Nacheinander (vorher/nachher) muss deswegen noch längst kein Enkel oder Anhänger von Karl Haushofer und Rudolf Hess sein. Vielmehr verlangen die offenen Grenzen und Horizonte, die durch den Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung aufgetaucht sind, nach neuen Antworten, Analysen und Erklärungen. Mit "aufholenden" oder "nachholenden" Metaphern, wie Habermas die Volksaufstände im Osten bezeichnet hat, ist es da nicht getan.

Durch die Ereignisse von 89 hat sich die Geschichte vielmehr wieder verlangsamt. Das Primat der Zeit, das die Moderne von Beginn an durchzieht, wird wieder umgekehrt. Mehr noch: Seit diesen Vorkommnissen bemerkt mancher, um im Bilde zu bleiben, auch einen Rücklauf der Geschichte. "Die Reversion der Geschichte" hat dieses Phänomen Jean Baudrillard vor etlichen Jahren einmal genannt. Für die Denker offener Grenzen, freier Märkte und globalem Wettbewerbs ist diese Wiederkehr von Geschichte und Geschichten ein Gräuel, weil der Ideologie des Neoliberalismus, die Mobilität, Flexibilität und Kurzlebigkeit aller Wohn-, Beziehungs- und Lebensverhältnisse verlangt, plötzlich neue politische, territoriale und kulturelle Beschränkungen aufgepfropft oder entgegensetzt werden, die es bei der Standortwahl, der Markteroberung und dem Firmenaufkauf zu bedenken gilt.

Auf diese Wiese geraten alte, lange Zeit vergessene und für den westlichen Blick weithin unbekannte Landschaften, Regionen und Konflikte wieder ins westliche Bewusstsein, die durch Potsdam und Jalta verstellt waren. Und die westliche Welt, die sich schon in der Nachgeschichte und in der Postmoderne angekommen wähnte (Vielfalt der Möglichkeiten, Relativismus der Werte, Ende der Ideologien, Politik der Anerkennung, Wertschätzung des Fremden und Andersartigen ...), muss sich plötzlich wieder mit unangenehmen, längst überholt geglaubten Gedächtnisräumen herumschlagen, mit religiösem Fanatismus, völkischem Nationalismus, christlichem Fundamentalismus oder auch mit so alten geopolitischen Interessensgegensätzen, wie sie im kroatisch-bosnisch-kosovarischen Krieg der neunziger Jahre zwischen England, Frankreich und Deutschland wieder sichtbar wurden und erst durch das militärische Eingreifen einer "raumfremden Macht" beseitigt werden konnten.

Man muss nicht Historiker sein, um zu erkennen, dass Bosnien eine geopolitische Einheit mit Kroatien bildet.

Franjo Tudjman

Das Denken in geschichtlichen Räumen und historischen Zeiten könnte für das "Verstehen" solcher Konflikte und Problemlagen, das trotz Systemkonstruktivismus immer noch die Voraussetzung für "Verständigung", also Kommunikation und vertragliche Bindung ist, eine Menge beisteuern. Eine Politik, die in solchen Kategorien denkt, den Einfluss von Geographien und Landschaften auf Sitten, Gewohnheiten und Kulturen von Akteuren, Gruppen und Nationen beachtet, wäre unter Umständen in der Lage, bessere Lagebeurteilungen anzustellen, wie in den letzten Jahren geschehen. Fehleinschätzungen, wie sie beispielsweise der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit seinem im Fall Sloweniens verhängnisvollen Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker getroffen hatte, wären dann kaum noch möglich; militärische Abenteuer wie im Falle Bosniens und Kosovos, die das kostenintensive Einrichten von Protektoraten nach sich zogen, könnte man sich vielleicht ersparen; und zu politischen Erpressungsversuchen, wie der außenpolitische Sprecher der EU, Javier Solana, gegenwärtig neigt, müsste auch niemand greifen, um die Makedonier zum Einlenken im Konflikt mit den albanischen Partisanen zu bewegen. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass Geopolitik nichts mit Wissenschaft, Neutralität und objektiven Tatsachen gemein hat, sondern man es hier immer schon mit Ideologien, Geschichten und Werturteilen zu tun hat.

Nachholender Geschichtsunterricht kann da für die Politik unter Umständen durchaus ökonomisch einträglich und politisch hilf- und lehrreich sein. Um beispielsweise zu verstehen, wer Europa ist und wo es seine Wiege oder sein Zentrum hat, kommt man nicht umhin, sich mit der orientalischen Frage zu beschäftigen, die mit der makedonischen, wie sie sich derzeit im Krieg zwischen Makedonien und Kosovaren zeigt, aufs engste verknüpft ist. Europas Tragödie beginnt laut Dan Diner nämlich nicht erst mit dem Ersten Weltkrieg, sondern etliche Jahre früher, als eine makedonische Garnison unter der Führung von Kemal Atatürks auf Konstantinopel zumarschiert und dort die laizistische Türkei ausruft, worauf die Habsburger Bosnien-Herzegowina angreifen und damit das serbische Reich bedrohen.

Europa "als orientalische Frage in Gestalt" zu begegnen, kann aber auch an der Teilung Polens kurz vor Beginn der Französischen Revolution erkundet werden. Mit der Spaltung des polnischen Königreiches wurde zugleich auch die Anerkennung und Dominanz Russlands im östlichen Mittelmeerraum anerkannt, einen Anspruch, den es bis heute erhebt. Dass dieser Raum, den die Levante bildet, konstitutiv für Europa ist, zeigt sich beispielsweise auch daran, dass Amerika sich nach dem Krieg mehr für Griechenland, die Türkei und die Dardanellen interessierte als für Deutschland. Und das bis auf den heutigen Tag, wie die Forderung der USA nach Aufnahme der Türkei in die EU zeigt.

Davon, wie vom Spiel mit dem bekannten Schmittschen Theorem vom Feind wollte Joscha Schmierer wiederum nichts wissen. Statt sich auf Geschichtsunterricht einzulassen, unterschied er kühl zwischen dem politischen und dem kulturellen Europa, zwischen der Union und dem geographischem Europa. Die EU sei eine klar definierte Einheit von Mitgliedsstaaten, die mit geographischen Zugehörigkeiten, kulturellen Herkünften und der Erbschaft von Reichen, mit dem Osmanischen ebenso wenig wie mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, gebrochen habe. Europa sei ein Gebilde, das Teil der Globalisierung ist, eine Formation, die Durchgangs- und Andockstation für die freie Zirkulation und Distribution von Waren, Daten und Dienstleistungen ist. Damit sei Europa konfrontiert, damit müsse es sich auseinandersetzen, nicht mit mittelalterlichen Religionen, jüdisch-christlichen Geschichten und griechisch-hellenistischen Mythen.

Den kulturellen Ort und die politische Stellung Europas verortete der Politberater und ehemalige Maoist deshalb nicht geographisch, sondern proportional, dass heißt in seinem Verhältnis, das es zu Staaten wie Amerika, Russland und Kanada einnimmt. Weil die EU kein geopolitisches Konzept habe, hätte es sich längst von geographischen Fragen abgekoppelt. Europa umfasse allenfalls einen politischen Raum, der offen und durchlässig sei für den Beitritt weiterer Staaten.

So viel Abstraktheit, Kühnheit und Rationalismus überraschte denn doch. Warum gibt es dann beispielsweise überhaupt ein Schengener Abkommen, das die Außengrenzen sichert, wenn Europa nur ein ortloses Gebilde ist, das über Landschaften und Meeren schwebt und im Nirgendwo verankert ist? Warum ist die deutsche Regierung an vorderster Front marschiert, als es darum ging, dem Kriegstreiben auf dem Balkan ein Ende zu setzen und den jugoslawischen Feind zu schlagen? Und warum betreibt man vor allem hierzulande so vehement die EU-Osterweiterung, wenn man im Auswärtigen Amt über keine Raumvorstellungen, keine Geschichts- und Geographiekenntnisse verfügt? Dann könnten ja auch überseeische Kandidaten beitreten, wenn es nur darum ginge. Schließlich ist die Osterweiterung keine bloße Idee, mit ihr wird auch ein neuer Raum erschlossen, strukturiert und damit erzeugt, womit die EU näher an Russland heranrückt und von der manche Beobachter nicht ganz zu unrecht eine "Verostung" des Westens erwarten. Peter Glotz, der mit seiner Familie ebenfalls den pfingstlichen Frieden auf Schloss Elmau suchte, brachte es auf den Punkt, als er fragte, ob die EU sich mit der Ost-Erweiterung und der Mitgliedschaft von bald 25 Staaten nicht übernehmen und an dieser Raumausdehnung und Großraumpolitik möglicherweise zerbrechen könnte.

Auch in dem erbitterten Ringen alter und neuer Kräfte entstehen gerechte Maße und bilden sich sinnvolle Proportionen

Carl Schmitt

Doch was passiert, wenn man Räume und Geographien, Herkünfte und Geschichte, Landschaften und die von ihnen geprägten Mentalitäten als konstituierende Momente von Wahrnehmung, Denken und Politik abzieht, räumliches Nebeneinander in ein zeitliches Nacheinander auflöst und Erdgebundenheit durch Zeitgenossenschaft ersetzt?

Man bewegt sich entweder nur noch in der Zeit, diskriminiert zwischen Zuständen und operiert mit nachholenden, aufholenden und überholenden Metaphern. Oder man landet bei finalen und atopischen, abstrakten und geschichtslosen Begriffen, wie beispielsweise dem der "Weltgesellschaft", die sich nicht mehr räumlich, geographisch oder gar kulturell verortet, alle lokalen Eigenarten und regionalen Besonderheiten für "Relikte einer vergangenen Zeit" (Hellmut Willke, Atopie, Suhrkamp 2001) hält und nur noch zwischen Adressen, Daten und Semantiken diskriminiert; oder bei dem des "Verfassungspatriotismus", der den Himmel oder das Fundament für eine universale Wertegemeinschaft abgeben soll und Feinde, Freunde und Gegner zu Anderen, zu abstrakten Staatsbürgern und Kunden erklärt.

Übersehen wird dabei aber nicht nur, dass sich in der Raum- und Regionalforschung längst eine prosperierende Debatte über Territorialität, Orte und Räume entwickelt hat, die diese Kategorien als Identität stiftende Phänomene erfasst; übersehen wird dabei aber auch, dass zunehmend immer mehr Menschen, Stämme und Communities um ihre Heimat, ihr Stadtviertel oder ihren Landstrich kämpfen oder diese wegen der Bedrohung durch andere Volksgruppen oder Klassen fluchtartig verlassen. Das Schrumpfen von Zeit, die Angleichung der Kulturen, die Vernetzung der Kommunikation und die globale Verflechtung des Handels bedeutet ja nicht zugleich, dass Regionen und Standorten, Lokalitäten und klimatische Besonderheiten unbedeutend geworden und verschwunden wären. Vielmehr verhält es sich genau andersherum: Gerade weil eine sich zum Globalen aufspreizende westliche Kultur regionale und lokale Partikularitäten auslöschen will, wächst in Ländern und Landschaften wie in den wirtschaftlichen Zentren und Megalopolen der Weltgesellschaft der Bedarf an eigenständigen Symbol- und Ausdrucksweisen. Interessanterweise werden diese Eigenheiten und das Begehren nach Authentizität immer nur exotischen Gruppen oder Völkern wie den Tibetanern, den Aborigines oder Indios zugestanden, anderen hingegen nicht.

Hat man sich aber erst mal auf diese Ebene eingelassen, die Ort- oder Raumlosigkeit zum unumkehrbaren Thema und Zustand der Evolution erklärt, dann ist es ein leichtes, den Informationsgewinn von Geopolitik und/oder räumlichen Parametern zu bestreiten und an seiner Statt alteuropäische Werte wie die Würde der Person, die Gleichheit der Menschen oder die Freiheit der Wissenschaft treten zu lassen. Werden sie dann noch zu universalistischen Rhetoriken und Gesten aufgespreizt, kann es schon passieren, dass man im abstrakten Rationalismus landet. Dann kann es geschehen, dass aus Europa eine Idee wird, ein Raum- oder Luftschiff, das sich ortlos durch den Fluss der Zeit bewegt, ohne zu wissen, wo es herkommt und wohin es will (Remi Brague).

Es kann geschehen, dass man sich mit dem Erbe der Ideen von 1789 bewaffnet, in ihnen nicht mehr den ideologischen Überbau der Machtergreifung einer neuen Klasse erkennt, sondern nur noch jene western values, die die (Handels)Interessen des Westens in der Welt führen sollen (Ian Buruma). Und schließlich kann es geschehen, dass Europa permanent selbst in Frage gestellt wird und den Selbstzweifel, den Berliner Intellektuelle hegen und kultivieren, als Leitbild Europas empfehlen (Richard Herzinger).

So sympathisch es auch klingen mag, Europa als "offene Frage" oder als "anderes Kap" (Jacques Derrida) zu outen und damit die Positionslosigkeit zur Position zu erheben, politisch gedacht ist das sicherlich nicht. Geradezu unpolitisch wird es, wenn Intellektuelle aus bloßer Angst über die Wiederkehr des "malin génie" oder einfach aus Faulheit, ihre Hirnrinde mehr anzustrengen, Massenkultur, Konsum und Pop zum Segen für Europa zu erklären, weil "Dekadenz", so die sonderbare Formel des Anti-Schmittianers Herzinger dafür, dadurch weniger anfällig für Fanatismen aller Art würde. Als ob nicht "dekadente" Kulturen und Lebensformen, wenn man diesen Begriff schon und ausgerechnet in Elmau einführt, nachgerade Quelle und Ursprung für religiösen oder anders motivierten Fundamentalismus wären. Und als ob nur Fundamentalisten, Essentialisten und Substantialisten Kriege führten, Blutopfer verlangten und für Zwietracht unter den Staaten, Völkern und Nationen sorgten, Konsensualisten, Relativsten und Universalisten dagegen ausschließlich in mitmenschlicher Toleranz, gegenseitiger Achtung und Einhaltung ewigen Friedens sich üben würden.

Wie die jüngere Erfahrung lehrt, hat sich längst in Europa ein bellizistischer Humanismus der Menschenrechte etabliert, der mit speziell geschulten Polizeikräften und schnellen Eingreiftruppen, für sein universalistisches Projekt, der globalen Verbreitung von Liberalkapitalismus und Massenindividualismus, in den Krieg zieht. Wer so argumentiert sollte bedenken, dass es inzwischen auch so etwas wie einen deessentialistischen Essentialismus oder einen deontologischen Ontologismus gibt, der nicht minder ausschließend, feindlich und aggressiv operieren kann, wenn es darum gilt, das eigene Terrain und Paradigma gegen feindliche Übernahmen zu verteidigen.

Wer will, kann das mit ein wenig Talent und Aufmerksamkeit bei einigen modischen Diskursen, bei Gemeinden und Sekten, die in den Feuilletons die Meinungshoheit erobert haben, studieren. Die Tagung über Kollektiv-Körper, die jüngst an der Schaubühne in Berlin stattfand, bot lebhaften Anschauungsunterricht, was Selbstbezüglichkeit und selbstgefälliges Spiel mit der eigenen Zeichenhaftigkeit angeht. Wie man es auch dreht und wendet: Auch modische Diskursgenre und postmoderne Lesarten der Wirklichkeit kommen nicht umhin, durch eigene Setzung zugleich ihr Anderes zu definieren und zu konstruieren, und damit dem Gegner und Feind, der dem selbstgestrickten Weltbild widerspricht, entgegen zu arbeiten.

I waved to my neighbour
My neighbour waved to me
But my neighbour is my enemy.

Nick Cave

Und so endete die Veranstaltung genau, wie im antiken Mythos beschrieben und vorausgesagt. Anstatt Positionen zu formulieren, Stellung zu beziehen und politische und kulturelle Eigenständigkeit im transatlantischen Verhältnis zu demonstrieren, flüchtete sich am Schluss, als man sich der Realität und Konsequenzen der europäischen Vielstimmigkeit und unterschiedlichen nationalen Interessen gewiss wurde, alle wieder mal flugs in die Arme und unter den Schutzschirm Amerikas. (Europa - mon amour)

Ohne Pikanterie ist das nicht, wenn westeuropäische Intellektuelle individualistische Werte, die in Europa erfunden und wegen der hier herrschenden Enge (Armut, Religionskriege, Bevormundung ...) in die Neue Welt getragen wurden, jetzt, nach ihrer angeblichen Veredelung und Reinwaschung in Amerika, diese als die wahreren, echteren und letztbegründeten hofieren. Hat nicht der Attentäter Tim McVeigh genau unter Berufung auf das Recht der persönlichen Freiheit das Verwaltungsgebäude in Oklahoma in die Luft gejagt? Und sind nicht das Tragen von Schusswaffen, die Verelendung in großstädtischen Gettos, das Chaos im öffentlichen Bildungs- und Schulsystem, die elektronische Sicherung von Wohnanlagen und öffentlichen Plätzen, die Privatisierung von Gefängnisanlagen, das Ausüben mehrerer Jobs usw. eng mit dem Verfolgen des amerikanischen Traumes verbunden, der Freiheit des Einzelnen und dem pursuit of happiness? Individuelle Freiheit und Verelendung der Massen haben vermutlich mehr gemein, als mancher, vom Geist Stanfords beseelte wie geblendete Intellektuelle wahrhaben möchte. Ich erinnere mich an Zeiten, da war das schon mal anders.

So war es kein Wunder, dass eine positive Besetzung des Begriffs Europa misslang, viel von Dankbarkeit und Demut, Zurückhaltung und Exzentrizität die Rede war, die man den Kindern Europas beibringen müsse, und die eingangs vom Moderator provokativ gemeinte Frage nach Freund und Feind unbeantwortet und ungehört im Raum verhallte. Über all dem humanistischem Tamtam und der negativen Fixierung auf die jüngere Geschichte, die nach Willen deutsch-französischer Intellektueller zum Gründungsmythos Europas werden soll, haben Europa und seine Denker offenbar das Politische vergessen. Sie kennen keine Feinde mehr, weder innere noch äußere, und infolgedessen auch keine "Schurkenstaaten". Wie sollten sie auch, wenn Europa angeblich weder Ordnung durch Ortung anstrebt und die Nomos-Gebung der transatlantischen Weltmacht überlässt. Nicht nur in dieser Frage erweist sich Amerika als Avantgarde und Speerspitze einer "Hegemonie neuen Typs". Es weiß, Freund und Feind genau zu unterscheiden und sie räumlich zu verorten.

Ist in der Presse derzeit auch (wieder mal) von isolationistischen Tendenzen der Weltmacht, von transatlantischen Spannungen (globaler Welthandel, Gerichtshof, Klimaschutz ...) und der Gefahr einer wachsenden Entfremdung zwischen den westlichen Partnern die Rede - im ideologischem Überbau, in der offensiven Verteidigung westlicher Kultur, des Massenindividualismus und der Liberalisierung aller Beziehungen weltweit, schreiten Europa und seine Intellektuellen Seite an Seite mit der einzigen Weltmacht. Schließlich möchte man auch hierzulande NMD über sich wissen und Marken und Ideen, Mode und Geldkonten ungestört konsumieren... (Rudolf Maresch)

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