Woher kamen die Todesschüsse?

Verwirrende Stille im Westen

"Die Stille der westlichen Regierungen in Bezug auf die Untersuchung des Maidan-Massakers, das zu den schlimmsten Fällen von Menschenrechtsverletzungen und Massenmord im heutigen Europa gehörte, ist verwirrend", sagt Katchanovski. Die westlichen Regierungen übten in diesem Fall keinen Druck auf die ukrainische Regierung aus, da sie wüssten oder zumindest vermuteten, dass es sich um eine "Operation unter falscher Flagge" handele.

Zudem seien sie mehr daran interessiert, die vom Maidan geführte ukrainische Regierung im Konflikt mit Russland zu unterstützen, als Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in der Ukraine durchzusetzen, so der Politikwissenschaftler.

Zudem berichteten westliche Medien so gut wie gar nicht über die Erkenntnisse des Gerichtsprozesses oder seiner Studie, kritisiert Katchanovski. So habe beispielsweise ein Ballistik-Bericht der Staatsanwaltschaft bereits im Januar 2015 ergeben, dass nicht ein einziges Projektil, das aus getöteten Demonstranten entfernt wurde, mit Kugel-Proben von Berkut-Kalaschnikows übereinstimmte.

Diese Analyse wurde mithilfe eines computergestützten Systems zur automatisierten Schusswaffenidentifizierung (IBIS) erstellt und im Gerichtsprozess veröffentlicht, erklärt er. Doch die ukrainische Regierung und Medien ignorierten den Report.

Manch deutsches Medium stellt das Massaker derweil als aufgeklärt und Berkutpolizisten als die Täter dar. Spiegel TV behauptete beispielsweise in einem Beitrag aus dem März 2016: "Hier am Regierungsviertel ließ Präsident Janukowitsch auf sein Volk schießen". Der Bericht präsentierte zersägte Kalaschnikows, die aus dem Arsenal Berkuts stammten und in einem Fluss bei Kiew gefunden wurden, als Beweise.

Mittlerweile habe die GPU erklärt, dass der Anführer einer Maidantruppe die Waffen dort selbst platziert habe, sagt Katchanovski. Für Berkut hätte es auch keinen Sinn ergeben, die Waffen zu verstecken. Musterproben von Kugeln, die damit abgefeuert wurden, seien bereits in der polizeilichen Datenbank gespeichert gewesen und hätten den Ermittlern zur Verfügung gestanden.

Zudem stellte der Spiegel-TV-Bericht die Tötung des Maidankämpfers Volodymyr Chaplynsky falsch dar, kritisiert Katchanovski. Das TV-Team besuchte Chaplynskys trauernde Familie. Sowohl Katchanovskis Studie als auch ein Vor-Ort-Experiment der GPU hätten ergeben, dass Chaplynsky nicht von Berkut, sondern von einem Gebäude in Maidanhand aus getötet wurde.

Der Schusskanal der tödlichen Wunde ist eindeutig: "Laut Obduktion befand sich die Eintrittswunde auf der linken Seite des Halses und die Austrittswunde war viel niedriger auf der Rückseite seines rechten Schulterblattes", erklärt Katchanovski. "Von oben nach unten, von links nach rechts, und von vorne nach hinten." Die Berkut-Barrikade befand sich zum Zeitpunkt des Schusses in Chaplynskys Rücken. Der Todesschuss kam von woanders. (Stefan Korinth)

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