Woher kamen die Todesschüsse?

Ein Maidankämpfer kauert am 20. Februar 2014 hinter einem Baum an der Institutska-Straße im Kugelhagel. Mit einem dünnen Metallschild versucht er sich zu schützen. Bild: Screenshot aus dem YouTube-Video von Jerome Sessini

Der Prozess um die Todesschützen vom Maidan läuft weiterhin und hat erstaunliche Erkenntnisse zu bieten

Keine tödliche Kugel passt zu Berkut-Kalaschnikows. Die Staatsanwaltschaft nutzt ein entscheidendes Überwachungsvideo nicht. Und über hundert Menschen erklärten bislang, Schützen in Maidangebäuden gesehen zu haben.

Man kann die Angst spüren. Die Angst, dass jeder Atemzug der letzte sein kann. Grässlich peitschend hallen die Schüsse über die Institutska-Straße. Verzweifelt kauern Maidankämpfer sich hinter Bäumen, Büschen und Mauern. Andere rufen nach Sanitätern. Rundherum liegen Erschossene. Die Videoaufnahmen des französischen Fotografen Jerome Sessini vermitteln das Grauen hautnah.

Sessini war mitten unter Maidankämpfern an vorderster Front auf der Institutska-Straße in Kiew zwischen Hotel Ukraina und der Metrostation Kreschatik, als jemand am 20. Februar 2014 das Feuer auf sie eröffnete. Warum sie trotz Toter und Verletzter immer wieder in neuen Wellen vorrückten, so wie Aufnahmen es zeigen, ist kaum zu erklären. Genau drei Jahre ist das mittlerweile her und noch immer ist unbekannt, wer die Schützen waren und wer sie beauftragt hatte.

Die Maidanführer machten sofort Präsident Viktor Janukowitsch dafür verantwortlich. Der westliche Medien-Mainstream schloss sich diesem Vorwurf größtenteils an. Janukowitsch hingegen verneinte, einen Schießbefehl gegeben zu haben. Auch die angeklagten Berkut-Polizisten Pawlo Abroskin und Serhiy Zinchenko bestritten, Menschen erschossen zu haben. Die Generalstaatsanwaltschaft (GPU) klagte eine Berkut-Truppe des Mordes an insgesamt 48 Maidananhängern an diesem Tage an.

Dass es an der Version der Maidansieger und der GPU jedoch erhebliche Zweifel gibt, berichtete Telepolis in den vergangenen Jahren mehrfach (Friendly Fire in Kiew?, Scharfschützenmorde: Die Spur führt zum Rechten Sektor).

In diesen Artikeln wurden die Nachforschungen des kanadisch-ukrainischen Politikwissenschaftlers Ivan Katchanovski zum "Maidan-Massaker" zitiert, der ausschließlich öffentlich zugängliches Material zu dem Massenmord ausgewertet hatte. Inzwischen arbeite auch die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft mit seiner Studie, bestätigte Katchanovski nun auf Telepolis-Anfrage.

Der mittlerweile im russischen Exil lebende Ex-Präsident Janukowitsch bat das Gericht kürzlich, Katchanovskis Material als Beweis zu nutzen, als er per Videoschalte in dem Prozess befragt wurde. Janukowitsch verneinte dabei erneut, Schießbefehle erteilt zu haben. Zudem sagte er aus, am 20. Februar 2014 Berichte über Scharfschützen erhalten zu haben. Diese hätten aus oberen Stockwerken von Gebäuden gefeuert, deren Eingänge von Maidan-Streitkräften bewacht wurden.

Katchanovski hatte in seiner Studie ermittelt, dass vorrückende Maidankämpfer und andere Maidananhänger von Schützen aus Gebäuden wie dem Hotel Ukraina, dem Oktoberpalast oder der Bank Arkada erschossen wurden. Genau wie die Untersuchung der Generalstaatsanwaltschaft habe auch seine Studie "keine zuverlässigen Beweise" dafür gefunden, dass Regierungsscharfschützen der Einheiten Omega, SBU-Alpha, Bulat oder Scharfschützen einer sogenannten "dritten Kraft" die Maidankämpfer ermordeten, unterstreicht der Forscher von der Universität Ottawa.

Die Zahl der Zeugen, die im Gerichtsprozess, aber auch in Medieninterviews und sozialen Netzwerken aussagten, Scharfschützen in den vom Maidan kontrollierten Gebäuden gesehen zu haben, sei mittlerweile auf über 100 Personen gestiegen, erläuterte Katchanovski. Verwundete Überlebende sprachen von schwarz Gekleideten mit schwarzen Sturmhauben und Waffen, die an Fenstern und auf Dächern zu sehen gewesen seien.

27 von 28 an der Institutska getöteten Maidananhängern und die absolute Mehrheit der Verletzten sei aus signifikant vertikalen Winkeln erschossen worden, so Katchanovski weiter. Die Barrikade weiter hinten auf der Straße, von der Berkut-Polizisten feuerten, befand sich jedoch auf nahezu gleicher Höhe mit den Maidankämpfern.

Die Tötung eines dieser Regierungsgegner, Viktor Chmilenko, wurde vom bereits erwähnten Jerome Sessini auf Video festgehalten. Die Szene wurde in der Ukraine weithin als Beweis dafür gezeigt, dass Chmilenko von Regierungskräften erschossen wurde. Seine Position und die steilen vertikalen Winkel seiner Wunden im Hals und in der linken Schulter zeigen jedoch, dass er aus dem Hotel Ukraina erschossen wurde, betont Katchanovski - mit einer 30-06 Springfield-Kugel.

Die GPU gab zu, dass 77 der 157 verwundeten Demonstranten nachgewiesenermaßen nicht von Berkut angeschossen worden sein können. Zeugenaussagen, Filmaufnahmen, Fotos und gerichtliche Gutachten hätten dies ergeben. Die Staatsanwaltschaft verzichtete deshalb darauf, diese Opfer, und damit fast die Hälfte der am 20. Februar durch Schüsse verwundeten Maidananhänger, in ihre Anklage gegen Berkut aufzunehmen.

Auch viele der anderen 80 Angeschossenen, darunter ein Maidansanitäter, dessen Verwundung von CNN gefilmt wurde, erklärten öffentlich, dass sie oder ihre Gruppen von "Scharfschützen" aus Gebäuden unter Maidankontrolle beschossen wurden.

Auch die Berkut-Polizisten an der Barrikade wurden aus Maidanrichtung unter Feuer genommen. Ein erst vor wenigen Tagen veröffentlichtes Video, zeigt bei Minute 6:11 deutlich sichtbar den Einschlag eines Schusses in ein blaues Berkut-Absperrfahrzeug. Das Video wurde von bislang Unbekannten vom Hotel Ukraina aus gefilmt und von einem Opfer-Anwalt während des Gerichtsprozesses am 14. Februar 2017 veröffentlicht, erklärt Ivan Katchanovski.

Ivan Katchanovski im Interview mit dem Sender "112 Ukraina" am 18. Februar 2017 zur Aufklärung der Maidanmorde. Bild: Screenshot

Die massive Sperre der Sonderpolizei könnte für die Aufklärung des Verbrechens entscheidend sein: "Die Staatsanwaltschaft hat während des Prozesses zugegeben, dass sie während des gesamten Massakers Videoaufzeichnungen der Berkut-Barrikade hat", so der Politikwissenschaftler. Bisherige Videos zeigten die Barrikade immer nur aus größerer Entfernung.

Aber diese Videos, die aus einer viel näheren Entfernung von einer Nationalbank-Kamera gemacht wurden, werden, mit einer Ausnahme, im Prozess nicht als Beweismittel für die Erschießung von Demonstranten durch Berkut eingesetzt.

Ivan Katchanovski

Diese wichtigen Aufnahmen mit Zeitstempel könnten leicht mit den Zeiten der Schüsse auf Demonstranten und mit den Positionen der Berkut-Polizisten synchronisiert werden, erklärt Katchanovski weiter. Dass dies von der Staatsanwaltschaft nicht gemacht werde, sei ein indirekter Beweis dafür, dass das Maidan-Massaker eine "Operation unter falscher Flagge" war. Katchanovski kam in seinen Nachforschungen zum Ergebnis, dass es dieselben Schützen waren, die sowohl vorrückende Maidankämpfer als auch Polizisten beschossen.

Der einzig bislang bekannte Todesschütze ist Maidankämpfer Ivan Bubentschik, der in Interviews 2015 und 2016 gestand, dass er am Morgen des 20. Februar mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr zwei Berkut-Kommandeure vom Musikkonservatorium aus erschossen und viele weitere Polizisten verwundet hatte. (Maidan: "Ich schoss ihnen ins Genick") Wegen einer Generalamnestie für Maidankämpfer wird er jedoch nicht strafrechtlich dafür verfolgt. Bubentschik kommandiert heute das Bataillon Zakhid-2, das aus Mitgliedern des Rechten Sektors gebildet wurde.

"Die GPU verfügt über hochqualifizierte Ermittler und Ressourcen, um die Organisatoren des Maidan-Massakers und die 'Scharfschützen' zu identifizieren, die Demonstranten und Polizisten töteten", betont Katchanovski gegenüber Telepolis. Aber es sei unwahrscheinlich, dass die Staatsanwaltschaft eine wirkliche Untersuchung unter einer Maidan-Regierung durchführt, diese würde solche Untersuchungen immer blockieren.

Fünf Maidankämpfer auf dem Dach des Oktoberpalastes blicken während des Massakers auf die Todeszone, gefilmt von einem polnischen TV-Team, am 20. Februar 2014 um 10:23 Uhr. Bild: Screenshot, YouTube

"Die Stille der westlichen Regierungen in Bezug auf die Untersuchung des Maidan-Massakers, das zu den schlimmsten Fällen von Menschenrechtsverletzungen und Massenmord im heutigen Europa gehörte, ist verwirrend", sagt Katchanovski. Die westlichen Regierungen übten in diesem Fall keinen Druck auf die ukrainische Regierung aus, da sie wüssten oder zumindest vermuteten, dass es sich um eine "Operation unter falscher Flagge" handele.

Zudem seien sie mehr daran interessiert, die vom Maidan geführte ukrainische Regierung im Konflikt mit Russland zu unterstützen, als Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in der Ukraine durchzusetzen, so der Politikwissenschaftler.

Zudem berichteten westliche Medien so gut wie gar nicht über die Erkenntnisse des Gerichtsprozesses oder seiner Studie, kritisiert Katchanovski. So habe beispielsweise ein Ballistik-Bericht der Staatsanwaltschaft bereits im Januar 2015 ergeben, dass nicht ein einziges Projektil, das aus getöteten Demonstranten entfernt wurde, mit Kugel-Proben von Berkut-Kalaschnikows übereinstimmte.

Diese Analyse wurde mithilfe eines computergestützten Systems zur automatisierten Schusswaffenidentifizierung (IBIS) erstellt und im Gerichtsprozess veröffentlicht, erklärt er. Doch die ukrainische Regierung und Medien ignorierten den Report.

Manch deutsches Medium stellt das Massaker derweil als aufgeklärt und Berkutpolizisten als die Täter dar. Spiegel TV behauptete beispielsweise in einem Beitrag aus dem März 2016: "Hier am Regierungsviertel ließ Präsident Janukowitsch auf sein Volk schießen". Der Bericht präsentierte zersägte Kalaschnikows, die aus dem Arsenal Berkuts stammten und in einem Fluss bei Kiew gefunden wurden, als Beweise.

Mittlerweile habe die GPU erklärt, dass der Anführer einer Maidantruppe die Waffen dort selbst platziert habe, sagt Katchanovski. Für Berkut hätte es auch keinen Sinn ergeben, die Waffen zu verstecken. Musterproben von Kugeln, die damit abgefeuert wurden, seien bereits in der polizeilichen Datenbank gespeichert gewesen und hätten den Ermittlern zur Verfügung gestanden.

Zudem stellte der Spiegel-TV-Bericht die Tötung des Maidankämpfers Volodymyr Chaplynsky falsch dar, kritisiert Katchanovski. Das TV-Team besuchte Chaplynskys trauernde Familie. Sowohl Katchanovskis Studie als auch ein Vor-Ort-Experiment der GPU hätten ergeben, dass Chaplynsky nicht von Berkut, sondern von einem Gebäude in Maidanhand aus getötet wurde.

Der Schusskanal der tödlichen Wunde ist eindeutig: "Laut Obduktion befand sich die Eintrittswunde auf der linken Seite des Halses und die Austrittswunde war viel niedriger auf der Rückseite seines rechten Schulterblattes", erklärt Katchanovski. "Von oben nach unten, von links nach rechts, und von vorne nach hinten." Die Berkut-Barrikade befand sich zum Zeitpunkt des Schusses in Chaplynskys Rücken. Der Todesschuss kam von woanders.

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