"Wolfgang Thierse hat der Gentrification-Debatte eher geschadet"

Der Soziologe Andrej Holm zu Wolfgang Thierse, der Landsmannschaftsehre des Schwaben und zur Banalisierung sozialer Konflikte

Der Stadtsoziologe Andrej Holm befasst sich seit Jahren mit dem Phänomen der Gentrifizierung, das er auch in einem Weblog behandelt. Harald Neuber sprach mit ihm über die jüngsten Äußerungen des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) und die Themen, die in der folgenden Debatte nicht zur Sprache kamen.

Herr Holm, die Aufregung über Wolfgang Thierses Äußerungen zu Zugezogenen aus Schwaben im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist groß. Es geht in der Debatte aber fast nur um die Person des Bundestagspräsidenten und Politiker anderer Lager, die sich mit möglichst witzigen Formulierungen zu profilieren versuchten. Wurde das Thema verfehlt?
Andrej Holm: Das Thema von Thierse sind ja die Veränderungen in Prenzlauer Berg. Dass er da kaum noch "Schrippen" beim Bäcker bekommt, ist sicher nur ein Aspekt der Verdrängung der Ostberliner Bevölkerung aus dem Gebiet. Da geht es eigentlich weniger um die Mundart beim Einkauf, als vielmehr um steigende Mieten und verfehlte Sanierungspolitik.
Wir reden also nicht nur über einen Regionalkonflikt zwischen Berlinern und Schwaben?
Andrej Holm: Thierse beklagt die kulturellen Veränderungen, die ihm sein Kiezgefühl genommen haben. Andere fühlen sich offensichtlich in ihrer landsmannschaftlichen Ehre getroffen. Nur über die Verdrängten der Aufwertung spricht nun niemand. Wenn wir uns Kommentare wie von Jan Fleischhauer bei Spiegel Online ansehen, dann sehen wir, dass die Debatte sogar für eine Art Generalabrechnung mit der Gentrification-Kritik genutzt wird.
"Hass auf die Schwaben", schrieb der Kolumnist. In einem anderen Text bei diesem Online-Medium hieß es: "Wenn Deutsche Deutsche hassen" ...
Andrej Holm: … das ist die typische Übertreibung, die mich an der Berichterstattung so ärgert. Thierse hat über seine Empfindungen beim Einkauf von Backwaren gesprochen. Daraus ein Zerrbild vom Kampf aller gegen alle abzuleiten, ist völlig unangemessen. Auch die anderen Beispiele der dort thematisierten "deutschen Gehässigkeit" beziehen sich fast ausschließlich auf diffuse Lebensstildifferenzen. In diesen Trend der Kulturalisierung passt dann eben auch Thierses Statement. Der notwendigen Gentrifizierungsdebatte hat er damit eher geschadet als genützt.
Wie wirkt auf Sie diese Diskussion als jemand, der sich seit Jahren intensiv mit der sogenannten Gentrifizierung, dem sozialen Umbau von Städten, befasst?
Andrej Holm: Die momentane Aufregung ordnet sich in eine etablierte Strategie von Ablenkungsrhetoriken ein. Öffentlich diskutiert wird nicht über die Verdrängungsprozesse, sondern eher über die angebliche Intoleranz der Verdrängten. Das Schwabenhass-Thema hat sich dabei in den letzten Jahren zu einem Dauerbrenner entwickelt. Etwa im Halbjahresrhythmus kocht die Debatte hoch. Mal sind es die ironischen Weihnachtsplakate von genervten Ostberlinern, mal das Graffito eines Jugendlichen und nun eben das Interview des Bundestagsvizepräsidenten.
Aber auch ganz unabhängig vom Schwaben-Bashing weisen die aktuellen Beiträge eine typische Struktur auf, die die Gentrification-Debatte in Deutschland seit einigen Jahren prägt. Im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzung stehen vor allem die kulturellen Veränderungen und die Lebensstile, die sich mit den Veränderungen durchsetzen. Diese Kulturalisierung steht für die permanente Ausblendung der politischen Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Investitionskalküle, die hinter dem Prozess der Aufwertung stehen. Statt über Umwandlungen in Eigentumswohnungen und steigende Mieten wird über Latte-Macchiato-Mütter und nun eben über Schwaben diskutiert.
Aber Sie und viele Kritiker dieses Trends diskutieren doch auch mit. Und die Mehrheit der Bevölkerung dürfte mit dem sozialen Umbau nicht einverstanden sein. Weshalb gelingt es also nicht, eine wirkliche Debatte anzustoßen?
Andrej Holm: Ich glaube, das hat viel mit der Struktur von Öffentlichkeit und den Gesetzmäßigkeiten der Medienarbeit zu tun. Ein leicht verdauliches und polarisierendes Thema wie etwa die Schwaben in Berlin ist viel einfacher zu verarbeiten und zu verkaufen als eine gründliche Analyse zu neuen Investitionskalkülen oder den komplexen rechtlichen Rahmenbedingungen des Städtebaurechts. Unterhalb der medialen Schlagzeilen gibt es ja durchaus fundierte Analysen zur Gentrification und sehr zielgenaue Forderungen für eine andere Wohnungspolitik. In den Zeitungen dominieren trotzdem die Berichte über Oberflächenphänomene des städtischen Wandels.

Homogene Bevölkerungsstruktur ist für Bewohner gentrifizierter Viertel willkommen

Oder über Neologismen wie die "Lattemacchiatoisierung".
Andrej Holm: Die Latte-Macchiato-Kultur ist ein weit verbreitetes Klischee über die Gentrification und steht exemplarisch für hegemoniale Lebensstile, die sich in den Aufwertungsgebieten durchsetzen. Der Latte Macchiato ist dabei ein Symbol für eine konsumbezogene Distinktion und Inszenierung eines hedonistisch-expressiven Lebensstils. Es wird eben nicht einfach Kaffee mit warmer Milch getrunken, sondern ein inzwischen im Mainstream angekommenes Trendgetränk.
Verbunden mit dem Bild der Latte-Laptop-Bohème, die angeblich den ganzen Tag mit ihren Apple-Airbooks im Cafe sitzt und über ihre Projekte diskutiert, passt das Latte-Macchiato-Klischee auch zu den Vorstellungen veränderter Berufsverläufe der jungen Mittelschichten, die sich in den ehemaligen Arbeitervierteln etablieren. Insbesondere im Kontrast zu den Resten der proletarischen Kneipentradition in Berlin stehen die neuen Cafes exemplarisch für die Veränderungen der letzten 20 Jahre.
Tatsächlich ist der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ein Paradebeispiel für die Gentrifizierung. Welche Folgen hat dieser Trend hinterlassen?
Andrej Holm: Ganz simpel: Arme ziehen fort und wer hinzukommen will, braucht die entsprechenden ökonomischen Ressourcen. Statistisch hat sich der Prenzlauer Berg in 20 Jahren Stadterneuerung vom Stadtteil mit den geringsten Durchschnittseinkommen in ein Eldorado der Besserverdienenden verwandelt. Neben der umfassenden Sanierung der Wohngebäude wird der Wandel auch in einem nahezu kompletten Umbau der Gewerbestruktur sichtbar. In vielen wissenschaftlichen Untersuchungen werden die veränderten Geschäftsstrukturen und die gastronomischen Angebote deshalb gerne als Gentrification-Indikator genutzt.
Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil sich tatsächlich die Herausbildung von relativ homogenen Lebensstilenklaven in den Aufwertungsgebieten beobachten lässt. Umfragen in Prenzlauer Berg haben gezeigt, dass die homogene Bevölkerungsstruktur von den Neubewohnern als durchaus gewünschte Qualität der Nachbarschaft angesehen wird.
Sprechen wir denn über ein typisches Berliner Problem oder gibt es das auch in anderen Städten?
Andrej Holm: Nein, die Gentrification mit ihrer wohnungswirtschaftlichen Inwertsetzung, der sozialen Verdrängung und der Durchsetzung neuer Lebensstile ist ein universales Phänomen in den meisten Großstädten. In der internationalen Stadtforschung wird im Zusammenhang mit der Gentrifizierung von einem globalen Phänomen gesprochen. Das ist auch kein Wunder, denn wenn wir mal von einer angeblichen Schwaben-Invasion oder ihren Backwaren abstrahieren, dann ist die Gentrifizierung ein typischer Ausdruck der Profitorientierung des Immobilienmarktes, die in nahezu allen Kontexten der kapitalistischen Urbanisierung die zentrale Triebkraft der Stadtentwicklung geworden ist.

In den Städten entwickelt sich eine extreme Spaltung von Zentrum und städtischer Peripherie

Welche Folgen wird das mittel- und langfristig haben?
Andrej Holm: Gentrifizierung und Verdrängung haben sich nicht nur in Berlin zu einem städtischen Mainstream entwickelt. Noch in den achtziger Jahren wurde die Aufwertung als Abweichung vom Standard angesehen. Gentrification galt als Insel in einem Meer von Verfall. Aber versuchen Sie heute mal in Städten wie London, Paris oder auch München diese Inseln der Aufwertung zu finden. Bis auf ganz kleine Nischen sind weite Teile der Innenstädte saniert und teuer. Das hat langfristig natürlich Folgen auf die sozialräumliche Struktur unserer Städte.
Viele Städte - nicht nur Berlin - befinden sich von den Segregationsmustern sozusagen auf dem Weg nach Paris, das durch eine extreme Spaltung von Zentrum und städtischer Peripherie gekennzeichnet ist
Nun hatte Berlin in den vergangenen Jahren eine "rot-rote" Regierung, also aus SPD und Linkspartei. Weshalb hat es diese Koalition nicht geschafft, das Problem in den Griff zu bekommen?
Andrej Holm: Weil sie die Wohnungsfrage nicht ernst genommen haben und sich zumindest in ihrer ersten Legislatur aktiv am Ausverkauf der öffentlichen Wohnungsbestände beteiligt haben. Generell ist eine soziale Wohnungsversorgung ohne den Einsatz von Geld oder restriktive Auflagen nicht zu haben. Die Haushaltskonsolidierung Berlins hat als Hauptprojekt der rot-roten Regierung alle anderen Politikziele in die zweite Reihe gestellt. Das wohnungspolitische Versagen der vergangenen Jahre bezahlen zurzeit die Berliner Mieterinnen und Mieter, die um den Verbleib in ihren bisherigen Quartieren fürchten müssen.
Welche Konzepte gäbe es gegen Gentrifizierung?
Andrej Holm: Da die Verdrängung unmittelbare Folge von wohnungswirtschaftlichen Inwertsetzungsstrategien ist, erscheinen grundsätzlich alle Instrumente geeignet, die eine profitorientierte Wohnungswirtschaft einschränken. Das können Auflagen und Gebote sein, dass könnte die konsequente Neuordnung der Liegenschaftspolitik oder auch eine hohe Grunderwerbssteuer sein. Zugleich müssten Strategien entwickelt werden, die einen neuen und dauerhaft gemeinnützigen Wohnungssektor fördern. Beides ist zur Zeit politisch eher nicht gewollt: weder die Einschränkung klassischer Wohnungsbauinvestitionen noch die Förderung alternativer Wohnungsverwaltungskonzepte.
Denken Sie, dass sich die laufende Thierse-Diskussion darauf auswirken wird?
Andrej Holm: Ich weiß gar nicht, ob solche medialen Strohfeuer überhaupt eine längerfristige Wirkung haben. Dass sich ein Schlagwort wie die "Inländerfeindlichkeit" wirklich in der politischen Diskussion etablieren, kann ich mir nicht vorstellen. Dennoch wird bei vielen hängen bleiben, dass es die Zuwanderer aus anderen Regionen in Berlin nicht leicht haben und die nächste Runde der Schwaben-Hass-Debatte trifft dann auf eine diffuse Erinnerung, dass da doch schon mal was war. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass dieser Disput genutzt wird, um die Gentrification-Kritik durch die kulturalisierte Banalisierung des bestehenden sozialen Konfliktes zu diffamieren. (Harald Neuber)