Wolkenkratzer für die neue russische Größe

Norman Foster übertrumpft in Moskau mit der Kristallinsel und dem Rossija-Wolkenkratzer die Gazprom-City in St. Petersburg

Dank seiner Öl- und Gasressourcen boomt die russische Wirtschaft. Das soll sich auch in der Architektur niederschlagen, wie es die Golfstaaten vorgemacht haben. In St. Petersburg baut der staatliche Energiekonzern Gazprom die "Gazprom City". Die soll beherrscht werden von einem 300 m hohen Wolkenkratzer des britischen Architekturbüros RMJM. Wie in den anderen Ölstaaten will nun Russland auch architektonisch ganz oben mitspielen und mit Monumenten Rekorde brechen.

Die Gazprom-Zentrale im geschwungenen Wolkenkratzer, der Flusslauf und das wechselnde Licht auf dem Wasser nachahmen soll. Bild: RMJM

In St. Peterburg wird noch ein weiteres Großprojekt realisiert. Im Rahmen von Morskoi Fassad wird ein neuer Hafen gebaut und das Meer für eine Fläche von 477 Hektar aufgeschüttet, um vor der jetzigen Küste einen neuen Stadtteil hochzuziehen, der zur Hälfte der gewerblichen Nutzung und zur anderen Hälfte für Wohnanlagen für mehr als 30.000 Menschen zur Verfügung stehen soll. Ähnlich wie der Turm von Gazprom City ist auch dieses urbane Projekt umstritten, vor allem bei den Anwohnern, die bald nicht mehr das Meer, sondern Hochhausgebäude vor sich sehen werden.

Norman Foster, der auch einen Entwurf für Gazprom City eingereicht hatte, ging in St. Peterburg leer aus. Doch letzte Woche hat der Stadtplanungsrat, dem Bürgermeister Luschkow vorsteht, die Pläne für das Kristallinsel-Projekt gebilligt. Im Süden Moskaus an der Moskwa soll hier ein großer Freizeit- und Geschäftskomplex mit einer Fläche von 2,4 Millionen Quadratmetern und Wohnungen für 30.000 Menschen entstehen. Und natürlich wiederum ein Wolkenkratzer, der mit 450 m den von Gazprom überragen wird und zumindest zu den höchsten Türmen auf den Welt zählen soll. Auch hier gibt es wieder Ärger um die Verschandelung der Skyline, schließlich liegen in der Nähe einige als Weltkulturerbe geschützte Kirchen.

Die Kristallinsel an der Moskwa. Bild: Norman and Partners

Wie die Times berichtet, soll der Komplex die weltgrößte Nutzfläche haben, vier Mal so viel wie das Pentagon. Es geht also wieder einmal um einen Rekord. Es sei das "weltweit größte Einzelgebäude" und das "weltweit ehrgeizigste Bauprojekt", sagt Forster, das zugleich Russlands Wiedergeburt als Weltmacht symbolisiere. Der geadelte britische Stararchitekt ist nicht unbedingt heikel, wenn er große Projekte realisieren darf, die die Macht unterstreichen. Beispielsweise baute er dem kasachischen Präsidenten Nasarbajew in dessen neuer Hauptstadt Astana eine monumentale Pyramide, der nun auch noch ein großes Freizeitzentrum unter einem durchsichtigen Zelt von 150 m Höhe folgen soll.

Wenn es Ländern gut geht, sehe man oft, dass solche eindrucksvollen Gebäude entstehen, meint Foster. Ob das Gebäude allerdings so eindrucksvoll ist, bleibt abzuwarten. Manche bezeichnen es bereits als Weihnachtsbaum oder als kitschig. Das Gebilde soll sich inmitten eines großen Parks erheben und sieht aus wie eine umgedrehte Blüte, deren Stiel weit in den Himmel ragt, an dessen Schaft sich eine große Aussichtsplattform befindet. Foster bemüht sich, das Großprojekt als klima- und umweltfreundlich zu präsentieren. Die Bewohner könnten alles zu Fuß erreichen, man müsse auch gar nicht aus dem Komplex hiausgehen, weil hier alles Denkbare geboten werde, auch eine internationale Schule. Die gemischte Nutzung sorge für eine "Energiebilanz", die darin besteht, dass Energie zu unterschiedlichen Zeiten verwendet werde.

Das Gebilde erhebt sich wie ein Zelt und besteht aus dreieckigen, durch eine Stahlstruktur gehaltene Flächen allmählich in die Höhe. Unter der äußeren Plane sollen Wintergärten angelegt werden, die klimatisch für die inneren Räume eine zweite Schicht bilden und im Sommer die Hitze, im Winter die Kälte abhalten sollen.

Der von Foster entworfene Wolkenkratzer Rossija soll 2011 fertiggestellt sein. Bild: Foster and Partners

Norman Foster wird aber auch in Moskau am weltweiten Wettrennen um den höchsten Wolkekratzer teilnehmen, das nach dem 11.9 kurzfristig zum Stillstand gekommen ist. Es ist, als würde man zwar einerseits Macht und Reichtum demonstrieren, aber auch Neid und Aggressivität herausfordern wollen. Wenn schon St. Petersburg mit 300 m in die Höhe gehen wird, die "Kristallinsel" 450 m emporragen soll, dann wird der geplante und von Foster entworfene Wolkenkratzer Rossija in Moskau mit 612 m das höchste Gebäude in Europa und weltweit in der Spitzenliga dabei sein.

Dubai wird man wohl kaum mehr so schnell einholen, der schon in Bau befindliche Burj Dubai ist bereits 585 m hoch. Wie hoch er wirklich werden soll, ist weiterhin Geheimnis. Gemutmaßt wird, dass er über 800 m in die Höhe ragen soll. Allerdings soll der Murjan-Turm in Bahrain über 1000 m hoch werden. In Kuwait ist beabsichtigt, mit einem Turm der "Ethic City" in eine Höhe von 1850 m vorzustoßen. Kurz vor dem Niedergang der Erdölzivilisation gibt es also noch ein architektonisches Feuerwerk der Gigantonomie. (Florian Rötzer)