Wollte Israel am 25. Dezember den Abschuss einer Verkehrsmaschine provozieren?

S300-Flugabwehrsystem. Bild: mil.ru

Warum nach Moskau die kürzlich Damaskus übergebenen S300-Luftabwehrsysteme nicht zum Einsatz kamen

Während in Damaskus interreligiöse Weihnachtsfeiern stattfanden, startete Israel einen der schwersten Luftangriffe der letzten Jahre. Es war der erste Luftangriff Israels, nach dem Abschuss einer russischen IL20, der durch die syrischen Abwehrbatterien abgeschossen wurde, als sich die israelischen Angriffsjets in seinen Radarschatten versteckten. Nun geschah wieder etwas Ähnliches. Sechs israelische Bomber griffen, unter Verletzung der Lufthoheit des Libanon, Damaskus an, während sich zwei zivile Verkehrsmaschinen im Landeanflug auf Damaskus bzw. Beirut befanden. Hätte die syrische Luftabwehr, ohne den zivilen Flugverkehr zu berücksichtigen, gefeuert, wäre unter Umständen wieder ein unbeteiligtes Flugzeug getroffen worden und eine furchtbare Katastrophe zu betrauern gewesen. Ist das nur russische Propaganda?

Am 25. Dezember 2018 griffen israelische Jets Damaskus an, um "iranische Ziele" zu eliminieren. Darunter sollten Waffenlager, aber auch Orte sein, an denen Treffen von Hisbollah-Anführern mit iranischen Generälen stattgefunden haben sollen. Die Jerusalem Post berichtete, dass möglicherweise Anführer der Hisbollah auf dem Weg nach Damaskus waren, als die Luftangriffe stattfanden. Die Delegation wollte angeblich nach Teheran reisen, um an den Begräbnisfeierlichkeiten für Ajatollah Shahroudi teilzunehmen.

"Ein Mahan-Flug verließ Damaskus gegen 22 Uhr inmitten des stattfindenden Luftangriffs. Mahan wurde vom US-Finanzministerium wegen der Verbindungen zu den iranischen Revolutionsgarden zum Ziel." Zunächst ist verwunderlich, dass die zivile Flugsicherung einen Start während eines Luftangriffes freigeben sollte. Die Jerusalem Post fragt, warum die Hisbollah-Delegation, die mit Mahan auch direkt von Beirut nach Teheran hätte fliegen können, nach Damaskus reisen sollte, um dort an Bord zu gehen.

Der Angriff auf die libanesischen und möglicherweise iranischen Passagiere scheint misslungen zu sein. Laut Informationen aus Syrien wurden lediglich drei syrische Soldaten verletzt und ein Waffenlager zerstört, was Satellitenbilder zu bestätigen scheinen. Letzteres ist insofern für die Streitkräfte des Landes negativ, da Syrien sich im Moment in einer kritischen Phase im Kampf gegen die Dschihadistenhochburg Idlib als auch der Übernahme der Gebiete, die möglicherweise von den US-Truppen verlassen werden, befindet.

Die wichtigste Frage ist, ob das Verhalten Israels nicht nur dem Schutz der eigenen Kampfflugzeuge diente, wobei die Benutzung von Zivilisten als Schutzschild ein Kriegsverbrechen wäre, oder ob darüber hinaus bewusst versucht wurde, das Szenario des Abschusses der IL20 zu wiederholen, um die USA nach dem Abschuss des zivilen Verkehrsflugzeuges zum Verbleib in Syrien zu bewegen.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, dass sechs F-16-Kampfflugzeuge aus dem libanesischen Luftraum die Angriffe auf syrische Ziele ausgeführt hatten. Die israelischen Kampfflugzeuge hätten sich hinter Zivilflugzeugen versteckt, die in Damaskus und Beirut landeten. Igor Konashenkov, der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, sagte, das syrische Militär habe die Luftabwehr nicht voll eingesetzt, um zu vermeiden, zufällig die Passagierflugzeuge zu treffen. Das Flugzeug, das in Damaskus landen sollte, sei auf den russischen Stützpunkt in Latakia umgeleitet worden. Man habe aber 14 der 16 abgeschossenen Präzisionsraketen abgeschossen.

Israel machte zunächst keine Angaben zu dem Angriff, erklärte aber, über den Golanhöhen eine Luftabwehrrakete aus Syrien abgeschossen zu haben. (Luftabwehrraketen haben jedoch einen Selbstzerstörungsmechanismus, der verhindert, dass sie im Fall einer misslungen Luftabwehraktion Schäden am Boden verursachen.)

Teile der abgefeuerten Luftabwehrmunition Syriens stammen noch aus Sowjetzeiten, einige versagten den Dienst. So sollen zum Beispiel drei S-125 AA abgestürzt sein und der Treibstoff kleinere Brände ausgelöst haben.

Die neun von Russland gelieferten S300-Luftabwehrbatterien kamen nicht zum Einsatz. Zunächst lautete die Vermutung, sie wären noch nicht einsatzfähig, dann kam die Erklärung Russlands, dass sie absichtlich nicht eingesetzt worden wären, um den zivilen Luftverkehr nicht zu gefährden. Westliche Analysten bieten zwei andere Thesen an. Russland könne vermeiden wollen, dass Israel / USA bei einem so beschränkten Angriff weitere wichtige Informationen über die neuen Möglichkeiten und Verhaltensweisen der modernisierten S300 sammeln. Die zweite These lautet, dass Russland die S300 wie die S400 zur Abschreckung einsetzen will, dass Abschreckung aber nicht mehr erfolgreich ist, wenn sie zum Einsatz gebracht wurde, und daher immer nur das letzte Mittel der Wahl sein sollte. Vermutlich will Russland sicherstellen, dass das S300-System die richtigen Ziele trifft, wenn es zum Einsatz kommt, weil ansonsten nicht nur die Reputation der russischen Waffen in Syrien, im Mittleren Osten, auf dem Spiel steht, sondern auch Rüstungsverkäufe in Milliardenhöhe gefährdet sind.

Die neue Militärdoktrin Syriens?

In den letzten Wochen waren Meldungen verbreitet worden, dass Syrien eine neue Militärdoktrin gegenüber Luftangriffen entwickelt hätte. Demnach hätte Russland grünes Licht gegeben, dass Syrien im Fall eines Angriffs mit gleichen Mitteln und auf vergleichbare Ziele in Israel schießt, wie dies von Israel in Syrien gemacht wird. Insofern scheint Syrien sich noch einmal zurückgehalten zu haben. Tatsächlich ist das Vorgehen Netanjahus ein Spiel mit dem Feuer. Denn wie sich bei der letzten Abwehr von primitiven Raketen der Hamas gezeigt hatte, konnte die Luftabwehr Israels, der Iron-Dome, lediglich 80% der anfliegenden Raketen unschädlich machen. Man stelle sich den Schaden vor, wenn zahlreiche Präzisionsmittelstreckenraketen aus Syrien auf einen Militärstützpunkt in Israel abgeschossen werden und 20% davon das Ziel erreichen.

Andererseits wäre Syrien schlecht beraten, eine Front im Süden des Landes gegen Israel zu eröffnen. Schließlich gilt es noch Afrin aus türkischer Hand zurück zu erhalten, Idlib von Dschihadisten zu befreien und die von den USA besetzten Gebiete des Landes in Verhandlungen mit den Kurden wieder unter die Kontrolle des Staates zu stellen, und dort die Reste von ISIS zu eliminieren, was den USA ja offensichtlich in Jahren "nicht gelungen" war. (Jochen Mitschka)

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