Woran das sowjetische Internet scheiterte

Wiktor Michailowitsch Gluschkow und das OGAS-Projekt

Von heute aus gesehen ist klar, dass auch das Fehlen einer internetähnlichen Struktur die sozialistische Planwirtschaft zum Scheitern verdammt hat. Da stellt sich natürlich die Frage, warum die Sowjetunion das Internet nicht erfunden oder zumindest nachgeahmt hat, denn die Technologie wäre grundsätzlich da gewesen. Antwort: Sie hat ja. Oder hätte, wenn das Wörtchen "wenn" nicht gewesen wär.

Kybernetik, das war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion eine verdächtige Wissenschaft. Stalin und die Seinen, deren Ansatz doch eher als Top-Down-Management im Verbrecherstil beschrieben werden kann, hatten keinen Sinn für schwingende, interdependente Regelkreise; man kann sich bildhaft vorstellen, dass sie "Widerrede" für eine korrekte Übersetzung des Begriffs "feedback" gehalten hätten.

Mit dem Tod Stalins änderte sich die Haltung des Sowjet-Sozialismus zur Kybernetik zwar nicht über Nacht, doch recht bald; was bis dahin nur von einigen Spezialisten hinter vorgehaltener Hand besprochen worden war, konnte jetzt frei diskutiert werden. Der Effekt dieser neuen Freiheit war so merklich, dass er noch heute nachhallt.

Wenn man sich zum Beispiel einen Artikel Wolfgang Hoffmanns aus der ZEIT von 1964 anschaut, der als Rezension eines Buchs von George Paloczi-Horvath daherkommt, dann ist die Hoffnung beinahe mit Händen zu greifen, dass die "stille Revolution" der Kybernetik bald den ganzen sozialistischen Klimbim wegreißen möge.

Freilich hatten die sowjetischen Kybernetiker nicht die Absicht, den Sozialismus zum Einsturz zu bringen, sondern ihn zu beleben und seine Potenziale überhaupt erst zu verwirklichen. In einem aktuellen Text von Benjamin Peters mit dem launigen Titel The Soviet Internyet wird der Informatiker Wiktor Michailowitsch Gluschkow als der herausragende, visionäre Kopf unter den sowjetischen Kybernetikern dieser Zeit beschrieben.

Wiktor Gluschkow. Bild: Ganzzsache der Post der Sowjetunion/gemeinfrei

Neben seinen vielen Ehrungen zu Lebzeiten ist der posthume Computer Pioneer Award bemerkenswert, der ihm vom New Yorker Institute of Electrical and Electronics Engineers 1996 verliehen wurde und zwar unter anderem für seine Verdienste in der Automatentheorie und bei der Entwicklung innovativer Computer-Architekturen (Pipeline-Architektur und Multiprozessor-Systeme).

Was den Geist der Freiheit angeht, den Wolfgang Hoffman schon 1964 so nachhaltig durch die Sowjetunion wehen sah, so beschreibt Benjamin Peters das Klima am Kybernetischen Institut in Kiew, seit 1962 unter Gluschkows Leitung, folgendermaßen:

Außerhalb der Arbeit organisierten sich die Kybernetiker in einem satirischen Club, dessen frivole Aktivitäten von Streichen geprägt waren, die bisweilen an Rebellion grenzten. Als Ventil zum Dampfablassen gedacht, sah sich dieser Club bald augenzwinkernd als eine virtuelle Nation, die von den Moskauer Spielregeln unabhängig war. Bei einer Neujahrsparty 1960 tauften sie ihre Gruppe "Cybertonia" und organisierten regelmäßige Events wie Tanzveranstaltungen, Symposien und Konferenzen in Kiew und Lviv; sie publizierten sogar Traktate wie zum Beispiel "Das Bedürfnis unsichtbar zu sein - zumindest für die Behörden."

Benjamin Peters

Die ernsthaften Ziele von Gluschkows Gruppe waren mindestens ebenso kühn wie ihre Scherze. Sie erdachten nicht weniger als OGAS, in deutscher Übersetzung etwa:

Das allgemeine automatische System zur Sammlung und Verarbeitung von Informationen im Zusammenhang mit der Buchführung, der Planung und der Steuerung für die nationale Wirtschaft.

Der pompöse Titel des Projekts wirkt gegenüber manchen Ideen, die es mitbrachte, oder die doch in seinem Windschatten mitschwammen, eher noch untertrieben. Gluschkow träumte nicht nur von einem ganz Eurasien überspannenden Computernetzwerk mit anfänglich 20.000 Netzknoten allein in der Sowjetunion (wohlgemerkt: in den frühen Sechzigern).

Die Architektur des ganzen Netzwerks, das existierende und neu zu schaffende Telefonleitungen nutzen sollte, war auf möglichst effiziente Kommunikation zwischen einzelnen Teilnehmern ausgelegt.

Natürlichsprachliche Programmierung, das papierlose Büro und bargeldloser Zahlungsverkehr waren selbstverständlich Teil der übergreifenden Vision. Rechnet man hinzu, dass Gluschkow selbst an der Miniaturisierung von leistungsfähigen Computern arbeitete, und mit den Modellen der MIR-Reihe auch Ergebnisse in dieser Hinsicht lieferte, ist die Wertung von OGAS als Keimzelle eines sowjetischen Internets absolut gerechtfertigt.

Wer hielt die klugen Köpfe auf? Zunächst einmal Dummköpfe mit Macht. Obwohl es im Politbüro anfangs durchaus Unterstützung für OGAS gab, behielten letztendlich die Phantasielosen die Überhand. In Benjamin Peters’ Erzählung war es vor allem ein Mann, der auf einer entscheidenden Sitzung des Politbüros am 1. Oktober 1970 die hochfliegenden Pläne Gluschkows hintertrieb: Wassili Garbusow, Finanzminister der Sowjetunion von 1960 bis 1985

Aber genauso wenig wie das OGAS-Projekt das Werk von Gluschkow allein gewesen wäre, war Garbusow allein imstande, es zu verhindern. Es brauchte schon die Niedertracht einer ganzen Staatsbürokratie im Kampf mit sich selbst, um eine so gute Idee zu sabotieren. Das Projekt wurde nicht etwa umstandslos beerdigt, wie die Vorläuferidee von Anatoli Kitow.

OGAS wurden zentrale Ressourcen nie zugestanden, es wurde im ermüdenden Kompetenzgerangel zwischen den Ministerien und Apparatschiks redefiniert und kleingeredet, bis am Ende nichts übrig blieb, was dem Entwurf noch ähnlich gesehen hätte. Peters fasst die gegenläufigen Entwicklungen dieser Zeit in West und Ost wie folgt zusammen:

Das erste globale Computernetzwerk verdankt seine Existenz der Tatsache, dass Kapitalisten wie kooperative Sozialisten handelten, während sich Sozialisten wie konkurrierende Kapitalisten verhielten.

Das ist zwar ein nettes Bonmot, scheint aber doch nicht ganz treffend zu sein. Viel eher hatten sich im sowjetischen Staatsapparat quasifeudale Strukturen breitgemacht, bei denen die einzelnen Minister und Parteigranden ihre Kompetenzbereiche wie kleine Könige verteidigten.

Interessanterweise erinnert das sehr an das Gerangel im amerikanischen Militär zu Beginn des US-Weltraumprogramms und ähnliche Prozesse bewirkten das Scheitern der sowjetischen bemannten Mondlandung.

Gluschkow selbst war sich übrigens der Zumutung durchaus bewusst, die sein Projekt für den Apparat darstellte. Er gab gegenüber dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin offen zu, dass sein Projekt schwieriger zu realisieren sein würde als die sowjetischen Weltraum- und Nuklearprogramme zusammengenommen. Gleichzeitig zweifelte er nicht im Geringsten daran, dass sich das Projekt schon sehr bald amortisieren würde.

Der deprimierende Prozess der Zersetzung seiner Ideen muss für Gluschkow belastend gewesen sein, obwohl er zeitlebens fortfuhr, für sie zu kämpfen. Während der von Peters als entscheidend beschriebenen Politbürositzung merkte er laut eigener Erinnerung an:

Ich kann nur sagen: Wenn wir es jetzt nicht machen, dann werden uns die Schwierigkeiten dazu zwingen, die in der zweiten Hälfte der Siebziger auf die sowjetische Wirtschaft zukommen.

Gluschkow

Das war noch zu optimistisch gesehen. In der zweiten Hälfte der Siebziger wurde klar, dass die Sowjetunion in allzu vielen Kernbereichen uneinholbar zurückgefallen war - und der Westen behielt im Kalten Krieg den längeren Atem. (Marcus Hammerschmitt)

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