Work-Clouds in der komitativen Sphäre

Eintritt in die komitative Sphäre

Bezogen auf die Zukunft der Arbeitswelt und die derzeitige digitale Vernetzung bedeutet dies in fortschreitender Konsequenz die völlige Abkoppelung der Information vom physischen und geographischen Ort und die Verlagerung der Information hinein in eine komitative Sphäre, die ebenso wie die physikalischen Hüllen der Stratosphäre oder der Troposphäre - beides Schichten der Atmosphäre - die Erde umgibt. Diese komitative (lateinisch: begleitende) Sphäre ist ein kulturelles Phänomen, das mit der Herausbildung von technischen Medien seinen Anfang nahm (Der neue Leviathan). Dazu gehörte die Nutzung von Lang- und Kurzwellen für terrestrische Radiosendungen und Datenübertragung ebenso wie Verbreitung eines Telefonkabelnetzes oder die Übertragung von Fernsehprogrammen über Satellit. Das Telefon ist dabei ein frühes Beispiel dafür, wie sich Ort und Information voneinander lösen und Nachrichten auch über eine Entfernung von Hunderten an Kilometern zur Verfügung standen.

Das Revolutionäre der heutigen komitativen Sphäre gegenüber den Vorgängern liegt in der globalen Totalität und der prinzipiellen Unabhängigkeit sogar von materiellen Netzen: Über Satellit ist weltweit der Zugang zum Internet und damit auch zu traditionellen Kommunikationskanälen wie das gute alte Faxgerät möglich. Und dieser Netz-Zugang wie das Netz überhaupt - eben die heutige komitative Sphäre - sind die Grundlage für die möglichen Transformationen der Arbeitswelt.

Diese Welt besteht, wenn wir einen sehr grundsätzlichen Zugang wählen wollen, in der Kooperation von Menschen, die Dinge austauschen oder zusammenwirken. Adam Smith war einer der ersten, der die Vorzüge der Arbeitsteilung benannte: eine Erhöhung der Geschicklichkeit des Produzenten durch stetes Wiederholen und damit die Erhöhung der wirtschaftlichen Effizienz. Die so produzierten speziellen Güter aber mussten zusammengebracht werden, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen - Handelswege waren die ersten Netze, auf denen Güter und Informationen transportiert wurden.

Der physikalische und geographische Ort blieb so bis zur Entstehung der komitativen Sphäre das bestimmende Element, ebenso wie die Fabrik oder das Gebäude des Unternehmens. Und darin wieder die räumliche Unterteilung und physikalische Struktur der einzelnen Abteilungen auf verschiedenen Stockwerken, was zugleich die Hierarchie der Organisation wiederspiegelte. Räume als Wissens- und Informations-Container, die miteinander nach bestimmten örtlichen Regeln (Tarifbindung, Tageszeiten, Umgangsformen etc.) kommunizierten.

Arbeiten in der Cloud

Eine der Prinzipien, die eine künftige Welt der Arbeit wesentlich zu strukturieren imstande ist, wird genau die Auflösung dieser An- und Zuordnung von Räumen und dem Aufgehen von speziellen und abgegrenzten Informationsräumen in einen allgemeinen Raum der Information sein. Oder mit anderen Worten, die Verlagerung bisheriger physischer Strukturen hinein in die virtuelle Struktur der komitativen Sphäre. Wie das konkret aussehen kann, ist Gegenstand dieser Serie und sei anhand des Beispiels von IBM paradigmatisch hier vorweggenommen.

"Revolutionäres Arbeitsmodell" titelte der Spiegel im Februar 2012 einen Bericht über zu einem "radikal neuen Job-Konzept" bei dem IT-Konzern. Danach wird das Unternehmen künftig nur mehr von einer kleinen Kernbelegschaft geführt, die den Mittelpunkt einer Cloud (Wolke) von frei arbeitenden Spezialisten und Fachkräften bildet. Zusammengeführt werden diese an dem nichtgeographischen Ort einer Internetplattform und der physische Standort der Freiberufler, ob Sydney in Australien oder Kangerlussak in Grönland spielt keine Rolle mehr. Dominierend ist dabei die Teilnahme an zeitlich begrenzten Projekten anstelle der dauerhaften Firmenzugehörigkeit. Dieses Konzept bedeutet nichts anderes als die Aufhebung der materiellen Strukturen von Ort, Zeit und Organisationsform - und nebenbei der Neutralisierung der dazu gehörenden sozialen Sicherungssysteme (dazu siehe auch: Crowdsourcing und Cloudworking: Schöne neue Arbeitswelt).

Diese "Granularisierung" von bisher mehr oder weniger konstanten Strukturen der Arbeitswelt bedeutet einen völligen Neuentwurf von Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, von Arbeitszeit und Freizeit, von Arbeitskontinuität und Freisetzung. Soziologisch gesehen scheint dabei eine neue Zwei-Klassengesellschaft auf: Die festangestellten Stammmitarbeiter im Betrieb einerseits und darum gruppiert die Projektnomaden, die als Freiberufler von Projekt zu Projekt wandern und jeweils die Bedingungen mit dem Auftraggeber aushandeln.

Die Auswirkungen für diese Gruppe lassen sich in bipolaren Szenerien beschreiben: Einerseits der Zuwachs an Lebens- und Zeitgestaltungsmöglichkeiten, in der sich zum Beispiel Phasen der Berufstätigkeit mit Phasen der Kindererziehung oder der spirituellen Selbstfindung abwechseln. Auch die Auswahl von interessanten Projekten, die Vermeidung von Monotonie, die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Partnerschaft (weil an einem Ort möglich beziehungsweise die Berufstätigkeit ortsunabhängig ist) gehört auf diese Bilanzseite. Demgegenüber steht die Unsicherheit der freiberuflichen Tätigkeit und das Ausgesetztsein einer globalisierten Konkurrenz und dementsprechenden Vergütungswettbewerben nach unten entgegen, kurzum die mögliche Prekarität derartiger Tätigkeiten.

Für welche Branchen wird eine derartige Zukunft der Arbeit machbar und realistisch sein? Nun, ein Wohnhaus muss immer noch aus Ziegeln oder Beton errichtet werden und bedarf physischer Aufwendung und manueller Anwendung. Die Arbeit des Architekten und des Statikers etwa aber lässt sich digitalisieren und in die komitative Späre verlegen. Bei einem Wasserrohrbruch ist es noch immer der Klempner, der angefragt wird und nicht ein virtueller Avatar. Kurzum: In jenen Branchen, in denen es um die Manipulation von Dingen geht, von der Produktion von Lebensmitteln bis hin zum Weltraumsatelliten, herrschen nach wie vor die Gesetze von Ort und Zeit. In all jenen Branchen aber, in denen es um die Manipulation von Zeichen und Symbolen geht, die digitalisiert werden können, ist die Loslösung von traditionellen Zeit-Raum-Strukturen der Arbeitswelt möglich. Das betrifft die Konstruktion von komplexen Werkzeugmaschinen ebenso wie die kreativen Berufe vom Designer über den Journalisten bis zum Übersetzer. Es betrifft E-Business wie Versicherungen, Werbeagenturen wie Tourismusmanager, Game-Entwickler wie Found-Raiser.

So prognostiziert Prof. Günter Voss vom Lehrstuhl für Arbeitssoziologie an der Technischen Universität Chemnitz zum Beispiel eine massive Verbreitung von Croudsourcing. Er und seine Mitarbeiter forschen seit eineinhalb Jahren in einem Projekt über die Möglichkeiten der Anwendung in Unternehmen. Sein Fazit: Crowdsourcing wird sich ausbreiten, auch wenn heute diese Entwicklung mit teilweise unrealistischer Euphorie begleitet wird. Angewandt wird sie, so der Soziologieprofessor, bislang vor allem in Branchen, deren Produkte eine Vielzahl von Endverbrauchern ansprechen. Dazu gehören Handelsunternehmen ebenso wie verschiedene Dienstleister oder der Automobilbereich. Letztendlich sei Croudsourcing in allen Branchen einsetzbar, auch im Gesundheitsbereich.