Work-Clouds in der komitativen Sphäre

Wie Net-Medien die traditionellen Zeit-Raum-Strukturen verändern - Zukunft der Arbeit Teil 1

Wenn neue Medien auftauchen, verändern sie unsere kulturelle Umwelt. Sie verändern das Terrain, auf dem wir uns geistig bewegen, und den Zugang zu Orten beziehungsweise zu Informationen, was mitunter das gleiche ist. Das Internet und die digitalen Medien stehen für die bislang letzte große grundsätzliche Veränderung des kulturellen Terrains und es gibt nicht wenige Stimmen, die darin ein revolutionäres Potenzial sehen - politisch zum Beispiel in den arabischen Ländern.

Eine der größten revolutionären Veränderungen aber wird unsere Arbeitswelt betreffen. Vernetzung und Digitalisierung ermöglichen den völligen Umbau oder gar weitgehende Auflösung oder Verflüssigung von Strukturen. Ort, Zeit und Organisationsform von Arbeit unterliegen einer Transformation hin zu granularisierten, entgrenzten Einheiten. Damit beschäftigen sich die drei folgenden Teile dieser Serie zur Zukunft der Arbeit. Hier im ersten Teil geht es um die kommunikativen Grundlagen dieser Transformationen.

Dazu ein Blick in die Geschichte der Medien: Bereits dem Aufkommen des Fernsehens in den 1950er Jahren wurde ein ähnlich revolutionäres Potenzial wie heute dem Internet und der Digitalisierung zugeschrieben. Der amerikanische Medienforscher Joshua Meyrowitz etwa beschrieb in "Überall und nirgends dabei. Die Fernsehgesellschaft"1, wie das damals "neue" Medium Fernsehen die sozialen Beziehungen beeinflusste. Er thematisierte den Prozess, wie eine Veränderung der Medienlandschaft soziale Umwelten verändert, indem sie den Zugang zu Wissen in einer Gesellschaft verändert.

Das Fernsehen, so die Argumentation von Meyrowitz, habe dazu geführt, dass viele soziale Bereiche, die vorher getrennt waren, sich nun überlappen (z.B. die Welt der Kinder und der Erwachsenen). Die Menschen waren in verschiedene Informationswelten eingebunden und dadurch voneinander getrennt, da der Zugang zu den verschiedenen Informationswelten mit sozialen Barrieren versehen war (z.B. ist eine gewisse Schulbildung nötig, um ein Buch lesen und verstehen zu können).

Diese Trennung wurde noch verstärkt durch die Isolation verschiedener Menschen an verschiedenen Orten. Das wiederum erzeugte unterschiedliche soziale Identitäten aufgrund der ganz spezifischen und begrenzten Erfahrungen, die an dem jeweiligen Ort gemacht werden konnten. Indem sie nun viele verschiedene Klassen von Menschen am selben "Ort" "versammelten", haben die elektronischen Medien viele vorher unterschiedliche soziale Rollen ineinander verschwimmen lassen.

Veränderung der "Situations-Geographie"

Die Folgen sind auch politischer Natur. Zum einen sind die Identitäten der Menschen nicht mehr an erster Stelle von einem bestimmten Ort und einer bestimmten Gruppe geprägt: Wenn sich viele früher getrennte Situationen mithilfe der elektronischen Medien vermischen, haben sie vermutlich eine homogenisierende Auswirkung auf Gruppen-Identitäten. Die Bindung an und Prägung durch eine traditionelle Gruppe wird so abgeschwächt und diese Bindung wird überlagert durch andere soziale Beziehungen zwischen den Menschen - eine Entwicklung, die in der Soziologie unter den Begriffen der "Individualisierung" und der "Pluralisierung" von Lebensstilen gefasst wird.

Entscheidend ist: Die elektronischen Medien beeinflussen uns also nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch dadurch, dass sie die "Situations-Geographie" unseres Lebens entscheidend verändern. Elektronische Medien wirken sich so auf das soziale Verhalten nicht kraft ihrer Inhalte, sondern durch die den Medien immanente Eigenschaft der Schwächung der Beziehung zwischen physischem und sozialem Ort aus.

Eintritt in die komitative Sphäre

Bezogen auf die Zukunft der Arbeitswelt und die derzeitige digitale Vernetzung bedeutet dies in fortschreitender Konsequenz die völlige Abkoppelung der Information vom physischen und geographischen Ort und die Verlagerung der Information hinein in eine komitative Sphäre, die ebenso wie die physikalischen Hüllen der Stratosphäre oder der Troposphäre - beides Schichten der Atmosphäre - die Erde umgibt. Diese komitative (lateinisch: begleitende) Sphäre ist ein kulturelles Phänomen, das mit der Herausbildung von technischen Medien seinen Anfang nahm (Der neue Leviathan). Dazu gehörte die Nutzung von Lang- und Kurzwellen für terrestrische Radiosendungen und Datenübertragung ebenso wie Verbreitung eines Telefonkabelnetzes oder die Übertragung von Fernsehprogrammen über Satellit. Das Telefon ist dabei ein frühes Beispiel dafür, wie sich Ort und Information voneinander lösen und Nachrichten auch über eine Entfernung von Hunderten an Kilometern zur Verfügung standen.

Das Revolutionäre der heutigen komitativen Sphäre gegenüber den Vorgängern liegt in der globalen Totalität und der prinzipiellen Unabhängigkeit sogar von materiellen Netzen: Über Satellit ist weltweit der Zugang zum Internet und damit auch zu traditionellen Kommunikationskanälen wie das gute alte Faxgerät möglich. Und dieser Netz-Zugang wie das Netz überhaupt - eben die heutige komitative Sphäre - sind die Grundlage für die möglichen Transformationen der Arbeitswelt.

Diese Welt besteht, wenn wir einen sehr grundsätzlichen Zugang wählen wollen, in der Kooperation von Menschen, die Dinge austauschen oder zusammenwirken. Adam Smith war einer der ersten, der die Vorzüge der Arbeitsteilung benannte: eine Erhöhung der Geschicklichkeit des Produzenten durch stetes Wiederholen und damit die Erhöhung der wirtschaftlichen Effizienz. Die so produzierten speziellen Güter aber mussten zusammengebracht werden, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen - Handelswege waren die ersten Netze, auf denen Güter und Informationen transportiert wurden.

Der physikalische und geographische Ort blieb so bis zur Entstehung der komitativen Sphäre das bestimmende Element, ebenso wie die Fabrik oder das Gebäude des Unternehmens. Und darin wieder die räumliche Unterteilung und physikalische Struktur der einzelnen Abteilungen auf verschiedenen Stockwerken, was zugleich die Hierarchie der Organisation wiederspiegelte. Räume als Wissens- und Informations-Container, die miteinander nach bestimmten örtlichen Regeln (Tarifbindung, Tageszeiten, Umgangsformen etc.) kommunizierten.

Arbeiten in der Cloud

Eine der Prinzipien, die eine künftige Welt der Arbeit wesentlich zu strukturieren imstande ist, wird genau die Auflösung dieser An- und Zuordnung von Räumen und dem Aufgehen von speziellen und abgegrenzten Informationsräumen in einen allgemeinen Raum der Information sein. Oder mit anderen Worten, die Verlagerung bisheriger physischer Strukturen hinein in die virtuelle Struktur der komitativen Sphäre. Wie das konkret aussehen kann, ist Gegenstand dieser Serie und sei anhand des Beispiels von IBM paradigmatisch hier vorweggenommen.

"Revolutionäres Arbeitsmodell" titelte der Spiegel im Februar 2012 einen Bericht über zu einem "radikal neuen Job-Konzept" bei dem IT-Konzern. Danach wird das Unternehmen künftig nur mehr von einer kleinen Kernbelegschaft geführt, die den Mittelpunkt einer Cloud (Wolke) von frei arbeitenden Spezialisten und Fachkräften bildet. Zusammengeführt werden diese an dem nichtgeographischen Ort einer Internetplattform und der physische Standort der Freiberufler, ob Sydney in Australien oder Kangerlussak in Grönland spielt keine Rolle mehr. Dominierend ist dabei die Teilnahme an zeitlich begrenzten Projekten anstelle der dauerhaften Firmenzugehörigkeit. Dieses Konzept bedeutet nichts anderes als die Aufhebung der materiellen Strukturen von Ort, Zeit und Organisationsform - und nebenbei der Neutralisierung der dazu gehörenden sozialen Sicherungssysteme (dazu siehe auch: Crowdsourcing und Cloudworking: Schöne neue Arbeitswelt).

Diese "Granularisierung" von bisher mehr oder weniger konstanten Strukturen der Arbeitswelt bedeutet einen völligen Neuentwurf von Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, von Arbeitszeit und Freizeit, von Arbeitskontinuität und Freisetzung. Soziologisch gesehen scheint dabei eine neue Zwei-Klassengesellschaft auf: Die festangestellten Stammmitarbeiter im Betrieb einerseits und darum gruppiert die Projektnomaden, die als Freiberufler von Projekt zu Projekt wandern und jeweils die Bedingungen mit dem Auftraggeber aushandeln.

Die Auswirkungen für diese Gruppe lassen sich in bipolaren Szenerien beschreiben: Einerseits der Zuwachs an Lebens- und Zeitgestaltungsmöglichkeiten, in der sich zum Beispiel Phasen der Berufstätigkeit mit Phasen der Kindererziehung oder der spirituellen Selbstfindung abwechseln. Auch die Auswahl von interessanten Projekten, die Vermeidung von Monotonie, die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Partnerschaft (weil an einem Ort möglich beziehungsweise die Berufstätigkeit ortsunabhängig ist) gehört auf diese Bilanzseite. Demgegenüber steht die Unsicherheit der freiberuflichen Tätigkeit und das Ausgesetztsein einer globalisierten Konkurrenz und dementsprechenden Vergütungswettbewerben nach unten entgegen, kurzum die mögliche Prekarität derartiger Tätigkeiten.

Für welche Branchen wird eine derartige Zukunft der Arbeit machbar und realistisch sein? Nun, ein Wohnhaus muss immer noch aus Ziegeln oder Beton errichtet werden und bedarf physischer Aufwendung und manueller Anwendung. Die Arbeit des Architekten und des Statikers etwa aber lässt sich digitalisieren und in die komitative Späre verlegen. Bei einem Wasserrohrbruch ist es noch immer der Klempner, der angefragt wird und nicht ein virtueller Avatar. Kurzum: In jenen Branchen, in denen es um die Manipulation von Dingen geht, von der Produktion von Lebensmitteln bis hin zum Weltraumsatelliten, herrschen nach wie vor die Gesetze von Ort und Zeit. In all jenen Branchen aber, in denen es um die Manipulation von Zeichen und Symbolen geht, die digitalisiert werden können, ist die Loslösung von traditionellen Zeit-Raum-Strukturen der Arbeitswelt möglich. Das betrifft die Konstruktion von komplexen Werkzeugmaschinen ebenso wie die kreativen Berufe vom Designer über den Journalisten bis zum Übersetzer. Es betrifft E-Business wie Versicherungen, Werbeagenturen wie Tourismusmanager, Game-Entwickler wie Found-Raiser.

So prognostiziert Prof. Günter Voss vom Lehrstuhl für Arbeitssoziologie an der Technischen Universität Chemnitz zum Beispiel eine massive Verbreitung von Croudsourcing. Er und seine Mitarbeiter forschen seit eineinhalb Jahren in einem Projekt über die Möglichkeiten der Anwendung in Unternehmen. Sein Fazit: Crowdsourcing wird sich ausbreiten, auch wenn heute diese Entwicklung mit teilweise unrealistischer Euphorie begleitet wird. Angewandt wird sie, so der Soziologieprofessor, bislang vor allem in Branchen, deren Produkte eine Vielzahl von Endverbrauchern ansprechen. Dazu gehören Handelsunternehmen ebenso wie verschiedene Dienstleister oder der Automobilbereich. Letztendlich sei Croudsourcing in allen Branchen einsetzbar, auch im Gesundheitsbereich.

Entwicklungsländer holen auf, in den alten Industrieländern wächst die Angst vor dem Crowdsourcing

Die komitative Sphäre ist global und es stellt sich die Frage, wie sich durch die Auflösung der Beziehung zwischen Ort und Information zum Beispiel die (Arbeits)Beziehungen zwischen Erster und Dritter Welt sich in Zukunft gestalten. Profitieren Entwicklungs- und Schwellenländer von globaler Kommunikation und dann auch von der Auslagerung von Jobs in die virtuelle Sphäre?

Hier ist zunächst der Hinweis auf den noch immer existierenden "digital gap", den digitalen Graben zwischen dem Norden und dem Süden, notwendig. Im Juni 2012 gab es etwa 2,4 Milliarden Internetnutzer. Davon leben 44,8 Prozent in Asien, das damit Nordamerika (11,4%) und Europa (21,5%) überholt hat, die bis vor wenigen Jahren noch an der Spitze lagen. In Lateinamerika leben 10,4 Prozent der weltweiten Internetnutzer, in Afrika 7 Prozent, im Nahen Osten 3,7 Prozent und in Ozeanien/Australia 1 Prozent. Afrika hat zwar in den letzten Jahren deutlich aufgeholt, aber angesichts der Bevölkerungsgröße von mehr als einer Milliarde ist die Zahl der Internetnutzer 2012 mit etwa 170 Millionen noch sehr gering, im Jahr 2000 waren es erst 4,5 Millionen. 15,6 Prozent der Afrikaner haben nun einen Internetzugang. Damit bleibt Afrika mit Abstand am Ende, in Nordamerika sind es 80 Prozent, in Europa 63 Prozent. In Afrika mangelt es nicht nur an technologischer IT-Infrastruktur, sondern an so grundlegenden Ressourcen wie einer beständigen Versorgung mit elektrischem Strom. Hinzu kommen unstabile politische Verhältnisse und nicht selten Bürgerkriege und Unruhen.

Doch auch in Afrika ändert sich die Situation und der Kontinent ist dabei, es aufstrebenden IT-Regionen wie Indien nachzutun. Zum Beispiel in Kingali, der Hauptstadt des früher vom Bürgerkrieg verwüsteten Ruanda in Ostafrika. Dort wird derzeit das Projekt eines flächendeckenden kabellosen Breitbandanschlusses realisiert. Unter dem Namen "Kigali Metropolitan Network" werden unter Anleitung der Südkoreanischen Telekom 6000 Kilometer Glasfaserkabel verlegt, das asiatische Land gilt wegen seines Aufstiegs von der Agrar- zur Industrienation als Vorbild. 700 Institutionen, darunter Schulen, Hospitäler und Regierungsstellen sind über das Kabel an den Breitbandzugang angeschlossen, der wireless access in der Stadt soll auch in Bewegung, etwa beim Autofahren, zugänglich sein. Demnächst soll mit einer Verkabelung des ganzen Landes begonnen werden. Auch das Nachbarland Ruanda ist keine IT-freie Zone mehr. Rund 6.000 junge Menschen studieren an der Makarere-Universität in der Hauptstadt Kampala, der afrikanischen Kaderschmiede für den IT-Nachwuchs.

So werden in Zukunft auch in der sogenannten Dritten Welt sich vor allem städtische Zonen entwickeln, die hinsichtlich Infrastruktur ein Arbeiten in der virtuellen Sphäre - auch für Arbeitgeber in der Ersten Welt - ermöglichen. Allerdings reichen technische Voraussetzungen alleine nicht aus, es bedarf auch der entsprechenden Bildung, der kulturellen Kompetenz und regionaler Antworten auf regionale Probleme, wie Eduardo Villanueva, Professor für Kommunikationswissenschaft in Peru und Berater für den Einsatz von ITK-Technologien in der Entwicklungszusammenarbeit betont.

Deutliche Unterschiede zwischen den entwickelten Ländern und den Entwicklungsländern gibt es bei der Einschätzung von Arbeitnehmern hinsichtlich ihrer künftigen Chancen bei Anwendung von IT-Anwendungen wie Crowdsourcing. So sind 83 Prozent der Mexikaner und 76 Prozent der Brasilianer der Meinung, dass die künftigen beruflichen Änderungen durch das Internet für sie eine gute Sache sein werden. In Großbritannien glauben das hingegen nur 43 Prozent und in den USA nur 46 Prozent der Arbeitnehmer, so die Ergebnisse der Zukunfts-Studie "Evolving Workforce" der beiden IT-Unternehmen Dell und Intel. In den Entwicklungsländern werden die Möglichkeiten der Zukunft der Arbeit also eher als Chance gesehen, in den entwickelten Ländern hingegen auch als Bedrohung.

Die Studie gibt auch Auskunft über die Einschätzungen in verschiedenen Branchen der entwickelten Länder. Negative Auswirkungen durch IT-Anwendungen wie etwa Cloudsourcing befürchten demnach eher die Mitarbeiter in der Luftfahrtindustrie (42 Prozent) und bei Telekommunikationsunternehmen (40 Prozent), als etwa die Mitarbeiter der Streitkräfte (13 Prozent) und im privaten Gesundheitssektor (18 Prozent). Subjektiv mehr bedroht fühlen sich in den entwickelten Ländern auch die Mitarbeiter von Großunternehmen (35 Prozent) als die von kleinen und mittleren Betrieben (25 Prozent).

Auf nationaler Ebene zeigt sich, dass die Arbeitnehmer in Großbritannien mit 31 Prozent mehr um ihren Arbeitsplatz fürchten als in den USA mit 22 Prozent. In Deutschland glaubt jeder Vierte oder 26 Prozent, dass seine Stelle durch Outsourcing bedroht ist. Interessanterweise gilt das auch für ein Land wie China, dort fürchten aufgrund des steigenden Lohnniveaus 29 Prozent um ihren Job.

Teil 2 thematisiert die Auflösung der Bindung zwischen Ort und Information: Mobiler Laptop statt fester Schreibtisch - Die Arbeit der Zukunft wird geprägt durch die zunehmende Verlagerung des Büros in die virtuelle Sphäre.