Worum geht es in der Wissenschaft?

Bild: Rene Schwietzke/CC BY-2.0

Ein Plädoyer für eine solidarische Forschungswelt

Worum geht es eigentlich in der Wissenschaft? Und warum tun wir, was wir tun?

In den Niederlanden, wo ich seit Ende 2009 hauptsächlich lebe und arbeite, fing gerade das neue akademische Jahr an. Wie jedes Jahr wurde auch dieses wieder mit feierlichen Zeremonien eröffnet, wurden Reden gehalten, Ehrengäste geladen und so weiter. Zwei Beobachtungen fand ich so wichtig, dass ich sie gerne mit einem deutschsprachigen Publikum teilen würde.

Doch kurz noch: Warum die Niederlande? Das hat schon etwas mit dem Thema zu tun. Davon abgesehen, dass vom sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs Internationalität erwartet wird (gemeint ist damit in der Regel, in die zu USA gehen), hatte ich das deutsche Hochschulsystem nach der Promotion satt. Die meisten müssen sich mit Jahres- oder Zweijahresverträgen herumschlagen. Ein Dreijahresvertrag gilt schon als Luxus.

Die Bezahlung ist auch eher mau: Als Doktorand (also schon nach hervorragendem Abitur und Studienabschluss) arbeitete ich regelmäßig 60-80 Stunden pro Woche, freie Tage gab es für mich nicht, für rund 1000 Euro netto; und wenn mein Chef noch schnell ein paar Slides für einen Vortrag in Japan brauchte, dann war für mich klar, dass ich im Büro arbeitete, bis im Land der aufgehenden Sonne der Tag anbrach, also bis in die Nacht.

Geld war für mich nie die treibende Kraft, aber die erste Gehaltsabrechnung war dann doch ein kleiner Schock. Manche Arbeits- und Forschungsmittel habe ich selbst angeschafft, die Prämie der Lebensversicherung mit einem Nebenjob finanziert. An Urlaub war die ganze Zeit nicht zu denken. Ich habe von Extremfällen gehört, in denen Angestellte sogar einen Bürostuhl von zuhause mitbringen mussten.

Zu den schlechten Vertragsbedingungen kam die oft demütigende Behandlung durch die Verwaltung. Die fraß nicht nur kostbare Arbeitszeit, sondern manchmal auch ein Loch ins Portemonnaie, etwa bei Reisekostenabrechnungen. Das war alles andere als kollegial. Wo ich in Beschwerde ging, zum Leidwesen mancher Kolleginnen und Kollegen ("Bloß nicht auffallen!"), bekam ich Recht. Dieser ganze Aufwand war unnötig. Die Geschichten, die ich selbst erlebte und bis heute von vielen anderen hörte und höre, würden ganze Bände füllen; doch es wären triste Bücher, die verständlicherweise niemand lesen wollte.

Einem Wissenschaftler, der für seine Berliner Uni Forschungsgelder in Millionenhöhe einwarb, doch als "Gastdozent" weniger Geld bekam als seine eigenen Projektmitarbeiter, möchte ich diese Zeile widmen. Was für eine Schande für das Land! Warum demütigen Menschen einander so? Ich bin heilfroh, dass ich nicht nach Berlin ging, als mir das angeboten wurde.

Also die Niederlande: Es war eher Zufall. Heute weiß ich, dass die Arbeitsbedingungen hier besser sind, weil es zwei starke Gewerkschaften gibt, den Vakbond voor de Wetenschap (Gewerkschaft für die Wissenschaft, VAWO), in der ich Mitglied bin; sowie eine Sektion der größten Gewerkschaft der Niederlande, der Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV), in der rund eine Millionen Mitglieder sind. Die beiden arbeiten häufig zusammen und sorgen für starke Tarifverträge.

Diese gelten, wohlgemerkt, schon für Doktorandinnen und Doktoranden (rund 2.200 bis 2.800 Euro Brutto über vier Jahre). Allerdings werden diese Bemühungen in den letzten Jahren durch Promotionsstipendien torpediert. Mit einem rechtlich unklaren Status - man denke an Sozial- und Krankenversicherungen - werden vor allem Leute aus dem Ausland angelockt, gerne auch aus China. Für die ist so ein Stipendium besser als die Alternativen. Es muss aber klar sein, dass damit der Druck auf die Stammbelegschaft erhöht wird. So funktioniert das ja auch mit der Leiharbeit in der freien Wirtschaft.

Soweit etwas Hintergrundwissen. Ich wollte aber darüber schreiben, worum es in der Wissenschaft geht, warum wir tun, was wir tun. Für viele von uns ist die Suche nach Wissen eine große Freude; Wissen über Mensch, Gesellschaft, die Welt. Wir Akademikerinnen und Akademiker haben oft eine hohe intrinsische Motivation.

Das heißt, dass wir uns von innen heraus motivieren. Diese Fähigkeit brauchen wir auch, wenn wir uns von Projekt zu Projekt hangeln, manchmal über Ländergrenzen hinweg, um irgendwann vielleicht einmal einen festen Platz zu finden; oder weil wir sehr lange warten müssen, bis unsere Forschung publiziert wird.

Oftmals wird gesagt, Wissenschaft basiere auf Kooperation. Anders als in den Zeiten derjenigen Genies, deren Namen wir oft mit Wissenschaft verbinden, werden Netzwerke, ein anderes Wort für Kooperation, heute immer wichtiger. Man denke nur an den Large Hadron Collider (LHC) in Genf, mit dem das Higgs Boson entdeckt wurde, oder an das Human Brain Project (HBP), mit dem ein menschliches Gehirn im Supercomputer simuliert werden soll. Beide basieren in großem Maße auf der Zusammenarbeit hunderter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Länder.

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