Wovon träumt das Internet?

Bild: © Koch Films GmbH

Werner Herzogs neuer Dokumentarfilm begegnet der digitalen Revolution

Leonard Kleinrock, einer der Pioniere des Internets, führt Werner Herzog durch die Hallen der University of California. Sein Ziel ist ein kleiner, unscheinbarer Raum. Zu den ersten Tönen von Wagners Rheingold öffnet er die Tür. Eine riesige Maschine steht wie ein Kühlschrank in der Ecke des Raums. Es ist ein "Mini-Computer" aus dem Jahr 1969. Das erste Bauteil der Technologie, die die Schöpfung des Internets möglich machte.

Zu den Bläsern aus Wagners Oper fährt die Kamera über die Hülle des riesigen Rechners, schaut in sein, mit gewaltigen Kartuschen gefülltes, Inneres. Mit Hilfe dieser Platinen wurde die erste Nachricht über ein Netzwerk von einem Computer an einen anderen Computer geschickt. Es ist die Geburtsstunde des Internet, der Ausgangspunkt für die Explosion der Informationstechnologie, durch die der Film in zehn Kapiteln führt.

Der Schöpfungsmythos, den Herzog mit der Hilfe von Kleinrock und Wagner inszeniert, enthüllt dabei nicht nur die Bedeutung des Internets für die Menschheit, sondern auch den Gestus, mit dem der bayerische Filmemacher das Internet betrachtet. Für Herzog steht die Technik in Bezug zur Schöpfung. Schon die Frage des deutschen Filmtitels "Wovon träumt das Internet?", verweist auf das, was Herzog herauszuarbeiten versucht: den Faktor Mensch in der digitalen Revolution.

Exakte Vorhersagen der Zukunft oder Informationszusammenhänge der Technologie, die er filmt, interessieren ihn dabei herzlich wenig. Ob Elon Musk Chef von Tesla- und SpaceX, Hacker-Legende Kevin Mitnick oder der ehemalige Stanford-Professor und Google-Vizepräsident Sebastian Thrun: Herzog klopft die Aussagen seiner prominenten Interviewpartner nach ihrer Bedeutung für das Menschsein ab. Wer ist verantwortlich für den Unfall eines selbstfahrenden Autos? Wie erfahren die Marssiedler, wer die World Series gewonnen hat? Haben Mönche mit Smartphones aufgehört zu meditieren?

Diese Fragen verlangen nicht unbedingt eine Antwort von ihrem Adressaten. Sie funktionieren eher wie ein Zwischenruf, der die abstrakte Welt der Daten wieder auf eine prosaische Ebene zurückbringt. Damit bewahrt sich der Film etwas Lässiges und Unverbindliches. Angesichts der Komplexität des Sujets führt das aber auch zum flüchtigen Durchwinken der einzelnen Aspekte.

So werden in Episoden, die kaum zehn Minuten lang sind, Themen wie das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und die Marsbesiedlung abgehandelt. Wenn Herzog allerdings bei einem Thema verharrt, findet er dafür stets die richtigen Bilder. Etwa wenn er einen Roboter namens Chimp beobachtet, der in den Hallen des Carnegie Mellon Robotics Institute seine Gliedmaßen testet.

Der rote, mit Aufklebern übersäte Körper der Maschine hängt in der Luft, nur gehalten von einem schlichten Stoffseil. Seine Bewegungen wirken koordiniert, aber hilflos in dem leeren Raum, den sie zu fassen versuchen. Chimp könnte eines Tages als Rettungsroboter funktionieren, doch noch baumelt er hilflos von der Decke, während Herzog seinen Schöpfer befragt.

Bild: © Koch Films GmbH

Auch an Elon Musks Ausführungen zur Marsbesiedelung, schließt Herzog ein schönes Bild an. Ein paar Mönche sind vor der Skyline Chicagos zu sehen. Das Voice-Over suggeriert, dass die Einwohner der Stadt in einer Kolonie im Kosmos ausgesiedelt sind. Nur die Mönche sind noch hier und starren auf ihre Smartphones. Pathos, Fiktion und Fakten fließen ohne gegenseitige Abgrenzung in den Dienst der Erzählung.

Dekontextualisierte Aufnahmen wie diese sind seit langem ein fester Bestandteil von Herzogs Œuvre. In "Lektionen in Finsternis" wurden die Brandbekämpfer der Ölfeuer des ersten Irakkriegs zu Wahnsinnigen erklärt, die das Feuer der Ölquellen in einem ewigen Zyklus löschen und wieder entfachen. In "The Wild Blue Yonder" benutzte Herzog NASA-Archivbilder, um sie in Bilder einer Landung Außerirdischer umzudichten.

Bild: © Koch Films GmbH

So weit geht Herzog in "Wovon träumt das Internet?" freilich nicht. Seine Methode der Verfremdung erinnert hier mehr an das Werk des Technikkritikers und Medienphilosophen Günther Anders, der seine Thesen als "Übertreibungen in Richtung Wahrheit" formulierte. Anders erkannte die "Antiquiertheit des Menschen" gegenüber der Perfektion seiner Kreation: den Maschinen.

Herzog denkt diese Antiquiertheit als ästhetischen Ansatz weiter, ohne dabei das eigene Staunen über die Technik je abzulegen. Er ersetzt die filmischen Artefakte des Digitalen, die eine so naheliegende Visualisierung darstellen, durch eine analoge Repräsentation.

Peter Zeitlingers Kamera schwebt oft in langen Establishing Shots vor dem jeweiligen Subjekt. Dort bleibt sie, konzentriert auf den Interviewpartner, dessen Ausführungen nicht durch Animationen präzisiert werden. Es fliegen keine Datenströme über die Leinwand. Meist sind sie auf einem Bildschirm zu sehen, der sich im Büro des Gesprächspartners befindet.

Herzog bleibt dem Analogen treu und fordert so den technologischen Wandel mit einer Ästhetik heraus, die die Antiquiertheit des Menschen auch im Angesicht der Perfektion der Maschinen zelebriert. Dem Internet gewährt Herzog mit Wagners Oper seinen Schöpfungsmythos, doch mit einem Folksong am Lagerfeuer bleibt das Schlusslied der Menschheit vorbehalten.

Anzeige