Wozu Raumfahrt?

Planetarer Friede

Neben den kriegerischen Raumfahrtszenarien etablieren sich zugleich auch gegensätzliche Deutungen. Es sind positive Hoffnungen auf eine bessere, friedliche Zukunft. Die Raketentechnik mag primär für den irdischen Krieg entwickelt worden sein, die Möglichkeit von Weltraumflügen ein bloßer Nebeneffekt. Doch ebendiese Möglichkeit schürt die Erwartung, menschliche Rivalitäten und Feindschaften könnten allmählich an Bedeutung verlieren, indem Denken und Streben sich den offenen Räumen zuwenden, fort von alten Stammeskonflikten terrestrischer Gemarkungen.

Folgenreicher für die politische und ökologische Problemwahrnehmung ist zunächst allerdings der Blick in die Gegenrichtung: Die Aufnahmen der blauweißen Kugel, die vor schwarzem Hintergrund am Mondhorizont emporsteigt, beeindrucken und irritierten - gelegentlich ist auch von "Schock" die Rede - die Zeitgenossen, da ihnen wie niemals zuvor die Begrenztheit, Fragilität und Kostbarkeit ihres Lebensraumes vor Augen geführt wird.

Diese Bilder vom "Erdaufgang", die von mehreren Apollo-Missionen zur Erde gelangen, sind Zeugnis einer beispiellosen Distanzierungsleistung und machen diese Heimat erstmalig als fernes Objekt sichtbar, das einsam in der Unendlichkeit hängt. Als Folge dieser Selbstschau wird einige Jahre später der sogenannte "Overview Effekt" bekannt, ein Begriff, der sein Gepräge durch ein gleichnamiges Buch aus dem Jahr 1987 erhält.

Es kreist um die Frage, welche Konsequenzen sich für unser Verhältnis zur Erde und für unser Zusammenleben dort ergeben, wenn wir den Planeten in vollem Umfang aus dem Weltraum, sozusagen in der Supertotalen, wahrnehmen. Zusammengefasst lautet die Antwort, dass dieser visuelle Eindruck unser Denken und Handeln dauerhaft verändere hin zu einer stärker selbstreflektierten, ökologisch sensibleren und friedlicheren Spezies. Über den Entwicklungsgang eines planetaren Bewusstseins gelte es, eine globale Zivilisation zu erschaffen als Vorbedingung für die Kolonisierung neuer Welten.

Raumfahrt für die Erde

Die Ideen um den "Overview Effekt" sind ein Beispiel für ausgesprochen zuversichtliche Interpretationen der ersten Raumfahrtjahre, getragen von der Überzeugung, dass Astronautik und Weltfrieden irgendwie zusammenhängen. Das genannte Buch von Frank White bringt eine ethische Dimension zur Geltung in einem ansonsten technisch dominierten Kontext, der vor allem den Logiken prestigeträchtiger Wettläufe und militärischer Kampagnen gefolgt war.

Allerdings hat der Grundgedanke, dass die Raumfahrt unmittelbar dem Wohle dieser Welt und ihrer menschlichen Bewohner dienen könne, auch bescheidenere Projekte und Zukunftsentwürfe hervorgebracht. Es sind Vorhaben aus handfesten Nützlichkeitserwägungen mit relativ klar umrissenen Zwecksetzungen, angelegt, um Ziele in überschaubaren Zeiträumen zu erreichen und bestenfalls noch die Zeitgenossen von den Vorzügen gelungener Missionen profitieren zu lassen.

Darunter fällt unter anderem die orbitale Infrastruktur aus Kommunikations-, Erkundungs- und Navigationstechnik, deren Ausbau tatsächlich tiefgreifenden Einfluss auf das Erdenleben hat und die inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit von unabweisbarer Alltagsrelevanz geworden ist. Zudem rücken Weltraumflüge als touristische Attraktionen in den Nahbereich des Erwartbaren, wahrscheinlich auch Stützpunkte auf anderen Himmelskörpern, und die Nutzung extraterrestrischer Rohstoff- und Energieressourcen für den irdischen Bedarf ist ein weiteres vieldiskutiertes Ziel der Vorstöße ins All.

Eine große Zahl technischer Innovationen, die wir der Raumfahrt sozusagen als Nebenprodukt verdanken, gehört ebenfalls in diese Rubrik, in der sich womöglich die naheliegendsten, populärsten und auch plausibelsten Antworten auf die Frage "Wozu Raumfahrt?" finden lassen.

Dabei ist freilich nicht zu unterschlagen, dass auch der Großteil dessen, was sich unter dem Titel "Raumfahrt für die Erde" begreifen lässt, maßgeblich durch jene wissenschaftlichen Leistungen ermöglicht wird, die von Nutzenkalkulationen und Anwendungsorientierungen nicht unmittelbar bedrängt sind. Die astronomische Grundlagenforschung, die für den elementaren Erkenntnisgewinn mitunter selbst auf die Zündung von Raketen angewiesen ist, stellt eine unverzichtbare Voraussetzung auch für die kleineren und ganz großen Unternehmungen der Zukunft dar.

Neuanfänge im All

In der sachlichen Raumfahrtliteratur der letzten Jahrzehnte mag das All überwiegend als Bewährungsraum für technische Entwürfe erscheinen. Zugleich aber ist es oft auch Projektionsfläche für progressive Sehnsüchte, für Sozialvisionen, deren befriedigende Vollendung auf irdischem Boden so hartnäckig ausbleibt. Wenn es darum geht, das Bestehende zu überwinden, Überlieferungen, Herkünfte und andere Gespenster loszuwerden, um bessere Welten für neue Gesellschaften zu kreieren, dann wird der Ausgriff ins All zum normativ-politischen Projekt mit bisweilen utopischer Note. Auf den letzten Seiten seines kenntnisreichen Buchs "Heimat Weltall" von 2005 resümiert Hans-Arthur Marsiske exemplarisch seine Auffassung vom Weltall als Spielraum für die freie Gestaltung menschlicher Gemeinwesen:

Schärfer als auf der Erde, wo historisch gewachsene Traditionen viele Veränderungen behindern, stellt sich im Weltall die Frage, wie wir leben wollen. Es geht nicht darum, welches Maß an sozialer Gerechtigkeit wir unter den gegenwärtig gegebenen Bedingungen allenfalls realisieren können, sondern was für Zustände wir uns wünschen. […] Der Vorstoß ins All darf nicht nur räumlich zu neuen Welten führen. Er muss den Aufbau einer neuen, besseren Zivilisation zu Ziel haben.

(Hans-Arthur Marsiske / Heimat Weltall, Suhrkamp Verlag 2005)

So nachvollziehbar Hoffnungen wie diese sein mögen. Man wird sich jedoch die Frage erlauben dürfen, worauf ein derart ausgeprägter Machbarkeitsoptimismus eigentlich baut und warum es mit menschlichen Protagonisten andernorts so viel besser laufen sollte - ohne moralische Unzulänglichkeiten, Machtkämpfe und offene Konflikte? Die Menschen, die als leere Wachstafeln aufbrechen, ohne auch nur einen Bruchteil kultureller und natürlicher Erblasten mit sich zu führen, wären selbst erst zu erschaffen. Und alle Wünsche könnten nicht nur an den harten Realitäten in lebensfeindlichen Weiten scheitern, sondern vor allem an jenen Individuen, die sie hegen und verwirklichen wollen müssten.

Am Ende seines Buchs "Space - Die Zukunft liegt im All" von 2019 kommt Sven Piper auf diese Problemkreise knapp zu sprechen. Mit Blick auf gravierende moralische Defizite und ungelöste politische Probleme auf der Erde schließt er mit einem überraschend nüchternen Statement. Denn sollte es den Menschen misslingen, sich nicht nur in technischer, sondern auch in ethischer und sozialer Hinsicht weiterzuentwickeln, "dann wäre es wohl wirklich besser, man würde das mit der zukünftigen Exploration des Universums lassen." Federführend scheint auch hier die Skepsis gegenüber der Annahme gewesen sein, dass das, was auf der Erde nicht verwirklicht ist, ausgerechnet dort oben realisiert werden könne, wo die Lebensnot ungleich größer ist.