Wurde Betancourts Befreiung inszeniert?

Berichte über Lösegeld und verhinderte Vermittler: Kolumbien muss sich gegen Manipulationsvorwürfe wehren

Was hat sich am Rande des kolumbianischen Urwalds am Mittwoch vergangener Woche wirklich ereignet? Nur wenige Tage nach der filmreifen Befreiung der Franko-Kolumbianerin Ingrid Betancourt und gut einem Dutzend weiterer Gefangener der Guerillaorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) berichten internationale Medien über mutmaßliche Lösegeldzahlungen. Auch sollen ausländische Vermittler die Freilassung der 46-jährigen Politikerin bereits in die Wege geleitet haben, als ein Kommando aus Geheimdienstlern und Militärs zugriff. Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe und seine Minister wehren sich gegen die Vorwürfe, die Befreiung politisch inszeniert zu haben.

Die Schweizer Rundfunkstation Radio Suisse Romande (RSR) hatte am Freitag berichtet, dass vor der Militäraktion 20 Millionen US-Dollar Lösegeld geflossen seien. Diese Gelder hätten die Freilassung Betancourts, drei US-amerikanischer Söldner sowie elf weiterer Gefangener erst ermöglicht, heißt es in dem Bericht, der international auf große Resonanz stieß.

Die Spekulationen wurden durch eine weitere Meldung noch angeheizt: Am 1. Juli hatte die spanische Tageszeitung El País über die Mission zweier internationaler Vermittler berichtet. Der ehemalige französische Konsul in Bogotá, Noél Sáenz, und der Schweizer Diplomat Jean-Pierre Gontard hielten sich in der Region auf, um mit den FARC über die Freilassung Betancourts und weiterer Gefangener zu verhandeln. Sáenz und Gontard handelten im Auftrag der "Amigos de Colombia", einer Staatengruppe aus der Schweiz, Spanien und Frankreich. Gemeinsam setzen sich diese Länder für ein Ende des Konfliktes in Kolumbien ein.

Bogotá veröffentlicht Video

Das Verteidigungsministerium in Bogotá, Manuel Santos, wies die Darstellung des Schweizer Senders RSR umgehend zurück. 20 Millionen US-Dollar "wären ja billig gewesen", konterte er. Immerhin seien den FARC in der Vergangenheit schon 100 Millionen US-Dollar angeboten worden. Zugleich veröffentlichte die kolumbianische Regierung ein Video, das die eigene Version der Geschehnisse untermauern soll. Doch ein Restzweifel bleibt. Der Schweizer Sender hatte schließlich nicht von einer offiziellen Lösegeldzahlung gesprochen, sondern von Bestechungsgeldern, die einzelnen FARC-Mitgliedern gezahlt worden seien, um die Aktion zuzulassen. Träfe dies zu, wäre die Version einer "perfekten" Geheimdienstaktion entkräftet. Die Staatsführung in Bogotá hatte zuvor angegeben, die FARC-Führung über Monate hinweg unterwandert zu haben.

Für Brisanz sorgen auch die Berichte über die Mission der "Amigos de Colombia". In einigen lateinamerikanischen Medien wird bereits spekuliert, dass der FARC-Chef Alfonso Cano Betancourt an die Unterhändler aus Frankreich und der Schweiz übergeben wollte, die Mission dann aber gekapert wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine zwischen den FARC und ausländischen Regierungen ausgehandelte politische Initiative von der kolumbianischen Regierung zum eigenen Nutzen unterbrochen wird. Bereits Ende November vergangenen Jahres waren nach geheimdienstlicher Überwachung drei FARC-Emissäre mit Videos von Betancourt festgenommen worden. Die Aufnahmen waren für den venezolanische Präsidenten Hugo Chávez und die kolumbianische Senatorin Piedad Córdoba bestimmt, die auf einen Gefangenenaustausch hinarbeiteten. Mit der Festnahme der Guerilleros wurde die diplomatische Mission durchkreuzt und die kolumbianische Staatsführung präsentierte die Aufsehen erregenden Videos als Beute.

Während ausländische Regierungen durch Verhandlungen mäßigend auf den Konflikt in Kolumbien einzuwirken versuchen, macht Präsident Uribe aus seinem Ziel keinen Hehl: Die FARC sollen militärisch zerschlagen werden. Die militärische Befreiung Betancourts wird - unabhängig von den Hintergründen - diese Position stärken.

Unterstützung aus den USA und Israel

Es mag diesem politischen Interessen geschuldet sein, dass Kolumbiens Regierung im Konflikt mit den FARC sowie dem kleineren Volksbefreiungsheer (ELN) in den vergangenen Jahren zunehmend aus den USA und Israel unterstützt wurde. In der französischen Tageszeitung Libération zeigte sich der Militärexperte Eric Micheletti vor wenigen Tagen jedenfalls davon überzeugt, dass US-amerikanische und israelische Geheimdienste an der Befreiung beteiligt waren:

Ich meine damit nicht die DEA (Drug Enforcement Administration, d. Red.), sondern die CIA. Es ist sicher, dass die Kolumbianer von nordamerikanischen Satelliten und Nachrichtendiensten unterstützt wurden: Telefonüberwachung, Beistand der Israelis. (…) Die kolumbianischen Behörden haben alles benutzt, was die Vereinigten Staaten ihnen geben konnten, ebenso arbeiten sie mit den israelischen Diensten in Kolumbien. Die Israelis verkaufen ihr Wissen und eine Menge Militärmaterial.

Eric Micheletti, Zeitschrift Raids (Frankreich)

Tatsächlich gilt die Kooperation Kolumbiens mit den USA, aber auch mit Israel als gesichert. Die Zusammenarbeit zwischen Bogotá und Tel Aviv reicht bis in die 80er Jahre zurück. Damals wurde das berüchtigte Kolumbien-Bataillon, das später zahlreicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezichtigt wurde, von israelischen Experten im Sinai ausgebildet. Auch die Anführer der paramilitärischen Todesschwadrone, Carlos Castaño und Salvatore Mancuso wurden in Israel ausgebildet. General Israel Ziv, ein ehemaliger Kommandeur des Gaza-Regiments der israelischen Armee, beriet die kolumbianische Regierung über Jahre hinweg in Sicherheitsfragen. Der israelische Ex-Militär Yair Klein hatte die Paramilitärs über seine Firme Spearhead Ltd. ausgebildet. In Abwesenheit wurde er deswegen später in Kolumbien zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit dürfte auch zu der Befreiung Betancourts beigetragen haben. Die militärpolitische Achse Washington-Bogotá-Tel Aviv handelte damit gegen die Versuche lateinamerikanische Anrainer und europäischer Staaten, den Konflikt auf diplomatischem Weg zu lösen.

Uribes Position gestärkt

Und weshalb das alles? Der Umgang mit der FARC-Guerilla ist eng an regional- und geopolitische Interessen gebunden. Eine diplomatische Beilegung des Jahrzehnte währenden Konfliktes würde zwangsweise in eine Integration der irregulären Gruppen in die politische Landschaft Kolumbiens münden. Dies geschähe zu einem Zeitpunkt, zu dem ehemalige Guerillabewegungen von El Salvador bis nach Uruguay an Zuspruch gewinnen oder bereits in den Regierungen sitzen. Die Stellung Kolumbiens als letzter Verbündeter der USA in der Region wäre bei einer politischen Integration der Guerillabewegungen deswegen mittelfristig ernsthaft gefährdet.

Dass sich die etablierten politischen Parteien dieser Konkurrenzgefahr bewusst sind, zeigt auch der Blick in die jüngere Geschichte des südamerikanischen Landes: Als die FARC in den 80er Jahren mit der Gründung einer Partei namens Patriotische Union den Schritt auf die politische Bene wagten, wurden über 5000 Mitglieder dieser Gruppierung ermordet. Unter den Toten befanden sich auch zwei Präsidentschaftskandidaten und acht Kongressabgeordnete.

Eine politische Lösung ist auch nach der Militäraktion in weite Ferne gerückt. Das betrifft sowohl die Gefangenenfrage - die FARC haben noch bis zu 700 Militärs in ihrer Hand -, als auch die mittel- und langfristige Perspektive des Konfliktes. Zwar hat die Regierung Uribe nun Verhandlungen angeboten, allerdings zu ihren Konditionen. Gespräche über die Gründe des bewaffneten und sozialen Konfliktes in dem südamerikanischen Land sind nicht vorgesehen. Die Notwendigkeit einer solchen Debatte wird aber gerade auch von ausländischen Kräften immer wieder bekräftigt. So heißt es in einer gemeinsamen Erklärung sieben deutscher Hilfsorganisationen:

Damit ein politischer Verhandlungsprozess zu einem ernsthaften und nachhaltigen Friedensprozess werden kann, muss er die Zivilbevölkerung mit einbeziehen, die Rechte aller Opfer des Konflikts gewährleisten und die zugrunde liegenden Ursachen des Konflikts behandeln, wie die ernorme Schere zwischen Arm und Reich, die mangelnden Möglichkeiten an politischer Teilhabe und den extrem ungleichen Zugang zu Ressourcen. Hier ist der kolumbianische Staat in der Verantwortung.

Erklärung deutscher Hilfsorganisationen

Der Beistand aus den USA wirkt einem solchen Prozess entgegen. Die Position Uribes soll von Washington aus gestärkt werden, um ihn gegen Venezuelas Staatschef Chávez aufzubauen. Kolumbianische Medien weisen nun mit einiger Sorge darauf hin, dass trotz der Gefangenenbefreiung die innenpolitischen Skandale aufgeklärt werden müssen. Der Oberste Gerichtshof Kolumbiens hatte sich zuletzt vehement gegen den Versuch Uribes gewandt, 2010 noch einmal als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Auch sprachen die obersten Richter der amtierenden Regierung die Legitimation ab, weil mindestens ein Fünftel ihrer Abgeordneten im Kongress nachweislich von paramilitärischen Todesschwadronen unterstützt wurde (Kolumbiens unheimliche Allianz).

All diese Skandale sind mit einem Mal von der politischen Agenda gefegt worden. Trotz einer der schwersten Staatskrisen in der politischen Geschichte Kolumbiens stehen die Chancen für Uribe derzeit nicht schlecht, die Verfassung ändern zu lassen, um unbegrenzt regieren zu können. (Harald Neuber)

Anzeige