Wurden bei den chinesischen CRISPR-Kindern auch die Gehirne optimiert?

Nach der Befruchtung wird das CRISPR/Cas-System in Zelle injiziert. Bild: Screenshot aus einem Video von He

Der in Ungnade gefallene Wissenschaftler He Jiankui wollte mit der Ausschaltung eines Gens Kinder auf die Welt bringen, die immun gegen HIV sind, aber vielleicht ging es darum gar nicht primär

Als der chinesische Wissenschaftler He Jiankui von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen im November 2018 bekannt gab, dass die zwei ersten Kinder geboren wurden, deren Gene durch Gene Editing verändert wurden, war die Reaktion weltweit so aufgeregt und entsetzt wie seinerzeit, als erstmals das Schaf Dolly als erstes Säugetier vorgestellt wurde, das geklont worden war. He und sein Team hatten erstmals an Menschen die Genschere CRISPR/Cas-9 benutzt, um bei künstlich befruchteten menschlichen Embryonen von mehreren Paaren, das Gen CCR5 auszuschalten. Zwei der Kinder seien nun gesund geboren worden, verkündete er (China: Erste Kinder angeblich geboren, die mit Gene Editing behandelt wurden).

Die ersten bekannt gewordenen Versuche mit Gene Editing von menschlichen Embryonen wurden in den USA 2017 vorgenommen. Sie haben Embryos durch Ausschaltung eines mutierten Gens den Einbau einer korrekten Kopie des Gens MYBPC3 von der Erbkrankheit einer hypertrophen Kardiomyopathie befreit. Allerdings wurden die Embryonen nicht in eine Gebärmutter eingepflanzt (Durchbruch bei der gentechnischen Veränderung des Menschen). Demonstriert wurde dadurch das Versprechen, Menschen zumindest von Erbkrankheiten, die nur auf einem Gen basieren, mit CRISPR/Cas-9 eliminieren zu können.

He hatte auf derselben Schiene argumentiert, er wolle durch Gene Editing die Menschheit von der Immunkrankheit HIV befreien. Die ist gentechnisch einfach zu behandeln, weil der HI-Virus 1 nur ein Rezeptorgen, also CCR5, benötigt, das in Zellen des Immunsystems produziert wird, um Zellen zu infizieren. Wird das Gen bei Menschen ausgeschaltet, wären diese immun. Ob das bei den mit CRIPR genveränderten Zwillingen gelungen ist, muss ebenso abgewartet werden wie mögliche negative Folgen. In der Forschung wurde beobachtet, dass das Verfahren möglicherweise nicht so präzise ist, wie mitunter behauptet wird, und auch zufällig auf anderen Genabschnitten Mutationen bewirken kann. Wurde das Gen in der Keimbahn ausgeschaltet, wird die Genveränderung auch weiter vererbt.

Die chinesischen Behörden haben die Geburt der Zwillinge Ende Januar bestätigt, eine weitere Frau befinde sich noch in der Schwangerschaft. Erklärt wurde, He habe sich über Verbote hinweggesetzt und ausschließlich persönlichen Profit und Ruhm verfolgt. Er habe sein Projekt 2016 gestartet, die Kontrollen umgangen und sich eigenmächtig Gelder und Personal besorgt, um den Eingriff vorzunehmen. So habe er auch eine Genehmigung des Ethikkomitees des Krankenhauses gefälscht und unter Vorgabe falscher Angaben Paare gesucht, um an dem Experiment mitzuwirken. He habe ethische Prinzipien, die wissenschaftliche Aufrichtigkeit und gesetzliche Vorgaben verletzt. Er und sein Team würden nach geltendem Recht bestraft werden. He ist seit Ende des letzten Jahres untergetaucht und entweder im Hausarrest oder im Gefängnis.

Hat He wirklich eigenmächtig gehandelt?

Ob man den chinesischen Behörden Glauben schenken soll, steht auf einem anderen Blatt. Im Januar 2018 wurde bereits bekannt, dass in China schon seit 2015 Gentherapien an Krebspatienten mit der Genschere in Militärkrankenhäusern durchgeführt wurden (China auf der Überholspur bei klinischen Versuchen mit neuer Gentherapie?). Das spricht für eine Offenheit, trotz aller wissenschaftlichen und ethischen Bedenken mit der neuen Methode zu experimentieren, obgleich deren Sicherheit noch nicht feststeht.

Der von seinem Erfolg begeisterte He Jiankui. Bild: Screenshot

Dazu passt, dass kurz vor der Bekanntgabe des Gene-Editing-Erfolgs durch He Anfang November eine Umfrage veröffentlicht wurde, nach der mehr als 60 Prozent der Chinesen die Erforschung, Entwicklung und Anwendung von Gene Editing befürwortet. Die Meisten seien dafür, Gene Editing zu erlauben, und zwar für ein großes Spektrum: neben erblichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Korrektur von krebsverursachenden Mutationen auch zur Verlängerung der Lebensspanne und zur Bekämpfung des Demenzrisikos. Auch der Schutz vor einer HIV-Infektion wird hier benannt. Zufall?

Als Ergebnis der Umfrage wird der Schluss gezogen, dass die Forschung mit Gene Editing in China "nicht nur ein vielversprechendes Potential" habe, sondern auch "den Bedürfnissen der Menschen" entspreche. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass He mit seinen Versuchen als eine Art inoffizieller Testballon gedacht war, um zu sehen, wie Gene Editing an menschlichen Embryonen in China, dem Rest der Welt und in der Wissenschaftlergemeinschaft ankommt. Möglicherweise wurde die Karriere- und Ruhmsucht von He benutzt, um die Versuche im Halbschatten geduldet voranzubringen, aber ihn dann fallen zu lassen, als eine Woge der Verurteilung und Ablehnung über die Welt schwappte.

Das Gen CCR5 soll auch Lernen und Gedächtnis verbessern

Interessant ist, dass Wissenschaftler - natürlich - in Kalifornien, wo Transhumanisten und KI-Gläubige die technische Utopie, die man auch schon mal die "kalifornische Ideologie" nannte, voranbringen, schon 2016 eine Studie über das Gen CCR5 veröffentlicht hatten. Dabei ging es nicht um HIV, sondern um den Zusammenhang des Gens mit der Kognition. Die Wissenschaftler des Teams um Alcino Silva von der UCLA haben an Mäusen festgestellt, dass eine Überexpression von CCR5 das Gedächtnis, damit das Lernen und die kortikale Plastizität im Hippocampus und Kortex beeinträchtigt. Wird das Gen ausgeschaltet, werde die erfahrungsabhängige Plastizität "erheblich beschleunigt". Letztlich werden die Mäuse dadurch klüger. Man hätte also womöglich einen genetischen Schalter, um die Kognition auch bei Menschen zu verbessern - und gleichzeitig HIV-Immunität zu bewirken.

Die Frage wäre jetzt natürlich, ob Lulu und Nana aufgrund des Gene Editing klüger als andere Kinder werden, die das Gen CCR5 besitzen. Und womöglich hatte He die Kinder nicht nur gegenüber HIV immun machen wollen, sondern eben diesen kognitiven Effekt mitbedacht, ohne dies zu sagen. Denn eine gentechnische Veränderung zur Optimierung der menschlichen Kognition wäre auf jeden Fall auf große und entschiedene Ablehnung gestoßen. Gegenüber Technology Review sagte Silva, dass das Gene Editing wahrscheinlich auch die Gehirne von Lulu und Nana betreffen wird. Weil man aber noch nicht wissen könne, welche Folgen dies auf die Kognition der Mädchen habe, hätte der Versuch von He nicht durchgeführt werden sollen. Er sagte auch, dass er manchmal wegen seiner Forschung mit Leuten aus dem Silicon Valley zu tun habe, die ein "ungesundes Interesse an Designerbabies mit besseren Gehirnen" hätten. Als er von dem von He propagierten "Erfolg" hörte, habe er sofort daran gedacht.

Therapeutisch versucht man, mit Medikamenten CCR5 zu blockieren, um an HIV erkrankten Menschen, die manchmal kognitive Defizite aufweisen zu helfen. Auch zur Behandlung der Folgen eines Hirnschlags werde dies mitunter gemacht. Aber Versuche, Defizite zu behandeln, seien völlig anders zu bewerten als Versuche, Gehirne zu optimieren, sagt Silva. Man wisse aber noch zu wenig über die Folgen, hier chemisch oder gar genetisch bei gesunden Menschen einzugreifen. Aber ganz abwehren will er dann die Möglichkeit, gentechnisch die Kognition verbessern zu können, doch nicht. Die Versuche, durch Gene Editing "kluge Mäuse" (smart mice) herzustellen, würden eben nicht nur zeigen, dass man Intelligenz ändern kann, sondern auch, dass die Veränderungen von CCR5, also eines einzigen Gens, große Wirkungen hat: "Ist es vorstellbar, dass wir in der Zukunft den durchschnittlichen IQ der Bevölkerung verbessern können? Ich wäre kein Wissenschaftler, wenn ich Nein sagen würde. Die Arbeit an Mäusen zeigt, dass die Antwort Ja sein kann."

Dann würde He Jiankui vielleicht doch kein gefallener und verfemter Wissenschaftler bleiben, sondern in der Zukunft zu einem Pionier werden, der gezeigt hat, wie sich die Menschen gentechnisch klüger machen ließen. Fragt sich nur, ob eine höhere Intelligenz oder ein besseres Lernvermögen die Menschen auch besser werden ließe. Ob He nun wirklich die Kognition optimieren wollte oder nicht, ist noch unbekannt, aber nun leben zwei Kinder als Ergebnis des Experiments, die für die Forschung hoch interessant sind und mit ihrem Leben demonstrieren, welche Folgen Gene Editing bei Menschen haben kann. (Florian Rötzer)

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