Yabba Dabba Doo

Endlich können auch arme Südafrikaner billig telefonieren

Telefonieren ist in Südafrika der reinste Luxus. Gehört man nicht gerade zur Oberschicht, geht für einen kurzen Anruf ein halber Tageslohn drauf. Im Vergleich zum Rest der Welt zahlen die Ärmsten Afrikas die höchsten Preise für Telefonate. Deshalb nehmen viele lieber lange Fußmärsche in Kauf, um wichtige Nachrichten zu überbringen. Weltweit Spitze sind auch die Preise fürs Internet, und langsam sind die Verbindungen obendrein. Nun sollen drei zusätzliche Unterseekabel entlang der ostafrikanischen Küste dafür sorgen, dass die Internetverbindungen spätestens zur Fußball-WM im Jahr 2010 schneller und billiger werden.

Was die horrenden Telefonkosten angeht, so sorgt Rael Lissoos dafür, dass sich das ändert. In Townships wie Orange Farm südlich von Johannesburg hat seine neu gegründete Firma Dabba Telecoms ein WLAN-Netzwerk installiert, das den Bewohnern erschwingliche Ferngespräche und kostenlose Ortsgespräche ermöglicht. Das Ganze wird als Open Source Projekt betrieben, damit es auch andernorts nachgebaut werden kann.

Klingt einfach. Ist es aber nicht, wenn man nicht mal Elektrizität hat, wie eine der Schulen, die Lissoos ans Netz bringen wollte. Es gab zwar Computer, aber leider keinen Strom. Doch die Macher von Dabba fanden auch dafür eine Lösung. Sie bauten eine Biogasanlage, die von den Schülern höchstselbst betrieben wird. Gehen sie schön fleißig auf die Toilette, laufen auch die Computer.

Dabba ist nicht die erste Firma, die Lissoos gegründet hat. Bevor er das Telefonieren erschwinglich und zahlreiche Menschen glücklich machte (der Firmenname „Dabba“ will unmittelbar an Fred Feuersteins Freudenschrei Yabba Dabba Doo erinnern), war er vor allem im Bildungssektor aktiv. Zunächst war er Dozent für Wirtschaft, später brachte er mit VIKO (Video In Knowledge Out) Schulen, Computer und Lernmaterialien zusammen. Inzwischen ist VIKO in ganz Afrika verbreitet. Noch erfolgreicher wurde der Learning Channel, den es auch als UK-Version gibt und der zu einer Partnerschaft mit der britischen Guardian Media Group geführt hat.

Rael Lissoos

Neulich hatte Lissoos wieder einen kleinen Lehrauftrag, diesmal in Großbritannien. Einerseits war es für Rael Lissoos entspannend, dass er gleich mit der Installation von Software beginnen konnte und nicht erst eine Biogasanlage bauen musste, andererseits kamen ihm die Probleme vor Ort vergleichsweise lachhaft vor. Einen unerwarteten Nebeneffekt hatte dieser neuerliche Kontakt zu Großbritannien jedoch: mit seinem quasi europäischen Migrationshintergrund sind der Südafrikaner Rael Lissoos und seine Firma Dabba plötzlich attraktive Partner für die südafrikanische Regierung geworden.

Die bislang größte professionelle Anerkennung für Rael Lissoos jedoch war die Auszeichnung zum „Social Entrepreneur of the Year 2008“ diese Woche in Potsdam. Der Preis wird von der Deutschen Bank, MAN Ferrostaal und Hasso Plattner Ventures vergeben und belohnt Unternehmer, die soziales beziehungsweise gesellschafts- und umweltpolitisches Engagement und Unternehmertum erfolgreich miteinander verbinden. Ein Preisgeld gibt es zwar nicht, aber Lissoos konnte sich und sein aktuelles Projekt einem erlesenen Publikum vorstellen. Einem Publikum, das nicht nur jede Menge Kapital repräsentiert, sondern auch gezielt in Firmen wie Dabba investiert.

Bei Hasso Plattner Ventures handelt es sich übrigens, wie der Name schon vermuten lässt, um eine Gründung von Hasso Plattner. Nicht nur Kenner der IT-Branche erinnern sich: Plattner war Mitbegründer von SAP, bis 2003 Vorstandsvorsitzender, nun Vorsitzender des Aufsichtsrats und laut Forbes Magazine mit über sechs Milliarden Euro Vermögen einer der reichsten Deutschen. Zu seinen Leidenschaften zählen neben Hochsee-Segeln und Golf, die Förderung der Wissenschaften und der Kampf gegen Aids.

Gesellschaftliches Engagement von Unternehmern ist an sich nichts Neues. Pierre-Joseph Boch zum Beispiel, Mitbegründer der Keramikfirma Villeroy und Boch, schuf um 1812 für seine Arbeiter die Antonius-Brüderschaft, damit sie auch bei Krankheit, Unfall, Invalidität sowie im Alter abgesichert sind. Dieses Sozialwerk diente als direktes (und unerreichtes) Vorbild für die deutsche Sozialversicherung, die 70 Jahre später unter Bismarck eingeführt wurde. Neu ist höchstens der Sexappeal, den „social entrepreneurs“ in Managementkreisen verbreiten. Profithungrige Heuschrecken sind out, gefragt sind Männer mit Mission und Vision. Männer wie Shai Agassi, Bertrand Piccard und Mel Young.

Shai Agassi, einstiger Hoffnungsträger von SAP, will mit seiner Firma "Project Better Place" die Welt mit Elektroautos verbessern. Bertrand Piccard, der als erster Ballonfahrer die Erde umkreiste, will mit einem gigantischen Solar-Segelflugzeug "Solar Impulse" die Welt in 30 Tagen umrunden und beweisen, dass Solarenergie nicht nur zur Warmwasserbereitung taugt. Mel Young dagegen setzt mit dem Homeless World Cup, einem internationalen Fußballturnier für Obdachlosen-Mannschaften, menschliche Energien frei.

Sie alle waren wie Rael Lissoos Gastredner beim diesjährigen Hasso Plattner Ventures Forum zum Thema „Social Entrepreneurship“, um ihre Projekte zu präsentieren. (Zwar gibt es auch weibliche „social entrepreneurs“, aber die standen nicht im Zentrum der Agenda.) Projekte, die die zentralen Herausforderungen der Menschheit zumindest ansatzweise in den Griff bekommen wollen: Energie, Mobilität, Telekommunikation, Bildung, Bekämpfung von Hunger, Armut, Krankheiten und Krieg. Zahlreiche Konzerne haben längst erkannt, dass auch sie in der Pflicht stehen und dass es sich lohnt, sich an der Verbesserung der Welt zu beteiligen. Fast noch wichtiger jedoch sind die vielen kleinen Projekte, die von charismatischen Einzelkämpfern ins Leben gerufen werden. Menschen wie Rael Lissoos, die ein Problem nicht nur erkennen, sondern auch aus der Welt schaffen wollen. Auch wenn sie dafür erstmal Exkremente in Elektrizität verwandeln müssen. (Katja Schmid)

Anzeige