Yuan-Aufwertung

Kommt jetzt "Bretton Woods III"?

Die Entscheidung der Chinesischen Notenbank, den Yuan aufzuwerten, könnte den Beginn eines tripolaren Weltwährungssystems markieren, in dem China den Wechselkurs zwischen Euro und Dollar managt.

Nachdem die mehr oder weniger feste Bindung des chinesischen Yuan an den US-Dollar mehr als ein Jahrzehnt für ein stabiles Weltwährungsregime gesorgt hatte, nahm der Widerstand der USA gegen den angeblich zu niedrigen Wechselkurs der chinesischen Währung (samt etlicher ihrerseits fest an den Yuan gebundenen südost-asiatischen Währungen) zuletzt deutlich zu (Droht der globale Handelskrieg?). Bis dahin lief das informelle Arrangement darauf hinaus, dass die US-Konsumenten einen Großteil der chinesischen Exportüberschüsse aufnahmen und China diese Importe mit umfangreichen Käufen von Dollarpapieren finanzierte, die dazu dienten, den Yuan-Kurs auf dem gewünscht niedrigen Niveau zu halten (Bretton Woods II).

Rechtzeitig vor dem nächsten Treffen der G20 am Wochenende in Toronto hat China nun dem US-Druck nachgegeben und angekündigt, den Wechselkurs zum Dollar künftig täglich um 0,5 Prozent schwanken zu lassen, was eine graduelle Aufwertung des Yuan gegenüber dem Dollar zulassen würde. Das entspricht in etwa dem Wechselkursregime, das die People's Bank of China (PBoC) schon von 2005 bis zum Ausbruch der Weltfinanzkrise im Herbst 2008 angewandt hatte. In diesem Zeitraum wurde der Yuan gegenüber dem Dollar zwar um rund 20 Prozent aufgewertet, das bedrohliche Außendefizit der USA von mehr als sechs Prozent des BIP ging dadurch allerdings nicht zurück, sondern verringerte sich erst mit dem krisenbedingten Zusammenbruch des Welthandels und dem massiven Anstieg der zuvor zweitweise negativen US-Sparquote auf rund fünf Prozent des BIP im Jahr 2009.

Mit dem Wiederstarken der US-Konjunktur und dem Rückgang der US-Sparquote auf zuletzt 3,6 Prozent begann sich das US-Außendefizit aber wieder in Richtung der alten Negativsalden zu bewegen, was nicht ganz den Plänen der US-Regierung entsprach, die die US-Wirtschaft über steigende Exporte sanieren will.

Die PBoC begründet den Kurswechsel auf ihrer Webpage nun damit, dass der internationale Handel und somit auch die Kapitaltransaktionen Chinas inzwischen auf eine "lange und diversifizierte" Liste an Handelspartnern erstrecke, wobei der Anteil der EU am chinesischen Handel zwischen Januar und Mai mit 16,3 Prozent die 12,9 Prozent der USA inzwischen übertraf, knapp gefolgt von den Asean-Staaten (10,1 Prozent), Japan (9,5 Prozent) und Hongkong (7,5 Prozent). Dementsprechend könne, wie es in dem Statement heißt, die Orientierung des Yuan-Wechselkurses an einer einzelnen Währung weder "die diversifizierte Währungsnachfrage durch Handel und Investitionen mit unterschiedlichen Handelspartnern befriedigen, noch den effektiven Wechselkurs widerspiegeln". Das könne laut PBoC nunmehr besser durch einen Währungskorb geschehen, an dem sich das "gemanagte floating-rate Regime der PBoC von nun an orientieren wird, wodurch sich der effektive Yuan-Wechselkurs besser an Angebot und Nachfrage an den Märkten adaptieren" könne.

Was das für die Weltwirtschaft bedeutet, ist indes offen. So reagierte die Wall Street am Montag anfangs zuerst zwar mit kräftigen Kursgewinnen, die von Marktteilnehmern mit dem Wegfallen der Angst vor einem Handelskrieg zwischen den USA und China begründet wurde. Im Handelsverlauf verflog jedoch diese erste Euphorie und die US-Börsen drehten ins Minus, wobei es am Dienstag auch in Asien und Europa bereits wieder zu Verlusten kam. Immerhin war der Wechselkurs des Yuan am Montag, dem ersten Handelstag nach Inkrafttreten des neuen Regimes, um 0,4 Prozent auf einen neuen Rekordstand zum Dollar angestiegen, hatte am Dienstag aber bereits fast ebensoviel wieder abgegeben. Ein Sprecher der US-Regierung hatte sich zuvor zwar "ermutigt" gezeigt, gleichzeitig aber angekündigt, dass die Regierung "den Prozess weiter beobachten" wolle.

Inzwischen scheinen sich die Kommentatoren weitgehend einig zu sein, dass vorerst jedenfalls kaum mit einer raschen Aufwertung des Yuan gegenüber dem Dollar im von den USA erwünschten Ausmaß von 20 bis 40 Prozent zu rechnen sei. Das werde allenfalls graduell und über mehrere Jahre erfolgen und das Leistungsbilanzdefizit der USA kaum ins Lot bringen – das ist jedenfalls die Erfahrung aus der letzten Aufwertungsphase von 2005 bis 2008 und ist klar dadurch begründet, dass der Anteil der Exportindustrie am US-BIP mittlerweile unter zehn Prozent gefallen ist.

Während die Aktion der PBoC den USA aber immerhin in Hinsicht auf die vom Kongress bereits unverblümt angedrohten Handelssanktionen den Wind aus den Segeln nehmen dürfte, stellt sich die Frage, was China damit darüber hinaus noch erreichen will. Immerhin zeichnet sich China seit Jahren durch eine außerordentlich pragmatische und zudem höchst erfolgreiche Währungspolitik aus. Zuletzt hatte sich die zuvor für China so segensreiche fixe Dollarbindung jedoch zusehends als kontraproduktiv erwiesen.

Zwar garantierte die Dollarbindung weiterhin hohe Überschüsse im US-Handel, mit dem Erstarken des Dollar gegenüber dem Euro ist aber absehbar, dass die chinesischen Exporteure gegenüber ihren inzwischen wichtigsten Abnehmern im Euroraum unter Druck geraten werden. Ebenso scheinen die US-Konsumenten inzwischen nicht mehr so ohne weiteres bereit zu sein, sich weiter zu verschulden, um chinesische Produkte zu kaufen.

Dazu kommt das Problem der gewaltigen Dollarreserven, die den Bewegungsspielraum der PBoC massiv einschränken. Mit jeder weiteren Dollar-Intervention erhöht China also das Verlustpotential im Zuge einer "unordentlichen" Abwertung des Dollar, wie sie von Experten aufgrund des enormen Außendefizits der USA schon seit Jahren befürchtet wird.

Mit der zuletzt mehr als 20prozentigen Abwertung des Euro gegenüber Dollar/Yuan bietet sich China – sollte diese Abwertung nur vorübergehend sein – nun freilich die Chance, Teile seiner Dollarreserven in Euro umzuschichten und dadurch nicht nur mittelfristig den Euro zu stabilisieren, sondern auch das Verlustpotential ihrer Dollarbestände zu reduzieren. Würde China also dazu übergehen, nun nicht nur den Dollar, sondern auch den Außenwert des Euro aktiv zu managen, könnte China also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sich optimal in der Mitte positionieren.

Das würde freilich das Ende von "Bretton Woods II" bedeuten und eine neue Ära der Weltfinanz einläuten, in der letztendlich China über das Austauschverhältnis von Euro und Dollar entscheidet. Ob dem tatsächlich so ist, das dürften schon bald die Statistiken der PBoC zeigen. Denn in einem derartigen "Bretton Woods III" würde die PBoC einem schwachen Euro mit Dollarverkäufen entgegenwirken und einen zu starken Euro verkaufen. Angesichts der nach wie vor exorbitanten Außenhandelsüberschüsse dürfte China jedenfalls über die die Mittel verfügen, eine derartige Politik umzusetzen.

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