Z.B. George Floyd

Atlanta am 1. Juni 2020. Bild: U.S. Army National Guard

Vom Rassismus einer freiheitlichen, egalitären Staatsgewalt

Man kann es offenbar nicht oft genug enthüllen. Es hilft auch nichts, dass der Mann beinahe eine ganze Amtszeit hinter sich hat. Unter gestandenen Journalisten gilt es immer noch als abschließender Befund, dass Donald Trump vor allem das ist: ein Mann ohne Anstand. Dreieinhalb Jahre "America first!", die Durchsetzung beeindruckender Visionen und Revisionen der amerikanischen Weltpolitik, des "Homeland" und des mächtigsten Amts der Welt - alles, was er dabei und daneben treibt, wird in ein defektes moralisches Sensorium aufgelöst.

Zumindest den Anschein einer politischen Kritik verpasst die seriöse Presse ihrer vernichtenden Stilkritik freilich auch: Sie verlängert sie in das Urteil, Trump gehe das moralische Rüstzeug ab, die Nation zu einen, wo sie das so dringend nötig hätte. Mit martialischer Rhetorik und rassistischen Anspielungen heize er die Spaltung an, die sich auf den Straßen Amerikas abspielt, statt sie zu überbrücken. Klar, wovon sollen Antirassismus-Proteste und die Empörung ihrer Gegner auch sonst zeugen, wenn nicht vom dringenden Bedürfnis beider Seiten, das Streiten zu lassen und die Einheit zu genießen?

Aufschlussreich ist die Anklage schon. Zwar nicht über die ausgemachte Spaltung im Volk selbst, an der ja nur interessiert, dass es sie - schon wieder - gibt. Aber genau darum gibt sie sehr viel Aufschluss über das Vermögen demokratischer Journalisten, abstrakt zu denken. Sie schaffen es Jahr für Jahr, in jedem Streit von nationaler Bedeutung unter den freiesten, selbstverantwortlichsten Bürgern der Erde immer denselben Wunsch nach einer Führung zu entdecken, hinter der sie geschlossen stehen können.

Sonderlich schwierig ist die Abstraktionsleistung also doch wieder nicht, man muss nur die Abstraktion nachvollziehen, die demokratische Politiker ohnehin dauernd vorgeben, in einem Wahljahr schon gleich. Und schon stehen auch die aktuellen Proteste, bei denen das eine oder andere alte Reiterstandbild zu Bruch gegangen ist, für nichts als die Sehnsucht nach einer neuen reiterstandbildwürdigen Führungspersönlichkeit; nach einer, die den Bürgern ein so glänzendes Bild von ihrem Gemeinwesen zeichnet und selbst verkörpert, dass jedes Gezänk davor verblasst. Das haben Faschisten und Monarchisten also nicht für sich gepachtet: die Be- und Verurteilung von Machthabern am ungemütlichen Ideal der gelungenen Einheit zwischen Führern und Geführten.

Verkehrt ist die Anklage außerdem. Es ist schlicht nicht wahr, dass Trumps Reaktion auf die jüngste, bislang größte Auflage amerikanischer Antirassismus-Proteste von einem moralischen Defizit zeugen würde, gar von einem, das ihn für sein Amt disqualifiziert. Gewiss, für Freunde einer echt harmonischen Volksgemeinschaft ist es nicht schön, wenn Trump wohlmeinenden Demonstranten das Feindbild antiamerikanischer Horden überstülpt, die nur Chaos anrichten wollen. Befürworter einer aufgeklärten und inklusiven Vaterlandsliebe mögen auch zusammenzucken, wenn Trump am Nationalfeiertag die fälligen Lobreden auf die Helden der amerikanischen Geschichte in den Dienst der Auspinselung der Bösartigkeit besagter Horden stellt. Noch schlimmer ist es, wenn er dabei mit dem Einsatz des "schönsten Militärs auf Erden" droht, beim Fotoshooting mit Bibel eine Kostprobe davon gibt und dann mit grünen Männchen in Portland, Chicago ff. nachlegt. Doch wie kommt man darauf, dass hier eine moralische Unterversorgung vorliegen würde?

Seine Entschlossenheit, Amerikas wunderbare Ordnung und seine superfantastischen Polizeikräfte - abzüglich einiger denkbar unbedeutender fauler Äpfelchen - in genau der Form zu bewahren, gegen die protestiert wird, beseitigt alle Zweifel: Sein moralischer Kompass ist perfekt geeicht. So perfekt, dass er aus dem Stegreif, ganz instinktiv, und zwar ohne ein einziges Mal "Nigger!" zu sagen, vorführt, wie der Rassismus der amerikanischen Staatsgewalt und eines gar nicht kleinen Teils des amerikanischen Volkes geht.

Denn die etablierte rassistische Sittlichkeit, die in polizeiliche und private Brutalität ausartet, hat ihren Ausgangspunkt und ihren Antrieb weder in einer biologischen Rassentheorie noch im moralischen Unvermögen, den Wert schwarzen Lebens zu erkennen, sondern in genau der politischen Moral, die Trump auf so ehrlich ergriffene Art zelebriert: in der Liebe zur amerikanischen Ordnung, zu der freien und gleichen Konkurrenzgesellschaft, die sie ordnet, und zum Volk, das diese Ordnung als seinen "way of life" lebt und liebt.